Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.

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Gesellschaft für zeitgenoessische Lyrik

Lyrikgesellschaft Aktuell

Ringelnatz‘ Ameisen haben es nicht bis nach Australien geschafft, aber der Hauptpreis schafft es

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.

Marie Craven aus Palm Beach in Australien ist die Gewinnerin des vierten von Ralph Grüneberger initiierten Gedichtfilmwettbewerbs, den die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik ausgelobt hat; er galt diesmal der Lyrik des als Hans Gustav Bötticher in Wurzen geborenen Schriftstellers Joachim Ringelnatz, der sich dieses Pseudonym vor genau 100 Jahren gab. Craven erhält den Preis für ihren Film „Die Ameisen“, den die Filmproduktionsfirma Saxonia Media gestiftet hat. Mit einer Einladung zur Leipziger Buchmesse 2020 werden Jo van Nelsen aus Frankfurt am Main und Sylvia Nitzsche aus Berlin für ihren Film „Kindergebetchen Nr. 3“ ausgezeichnet, die Hotel- und Reisekosten übernimmt die Leipziger Buchmesse. Der Sonderpreis für die beste Einsendung von unter 18-Jährigen geht an die Geschwister Laurie (11) und Liliy-Belle Mohaupt (14) aus North Berwick in Schottland für ihren Animationsfilm „Abzähl-Reime“. Das Preisgeld stellte das Kulturhistorischen Museums Wurzen bereit. Den Preis des Joachim-Ringelnatz-Vereins Wurzen, einen 2-tätigen Hotelaufenthalt in der Ringelnatz-Geburtstadt, erhielt Erik Lemke aus Berlin für seinen Kurzspielfilm „Das Rezept“. Ebenfalls auf einen 2-tägigen Aufenthalt kann sich für seinen Film „Zu dir“ der gleichfalls in Berlin lebende Fotograf Antonius freuen, er ist demnächst Gast des Ringelnatz-Hotels Rostock-Warnemünde. Den Sonderpreis der Waldmann KG, einen Edelfüllfederhalter in Sterlingsilber, erhält für „Die besondere Handschrift“ Claudia Edermayer aus Linz in Österreich für ihren Film „Übergewicht“.

Die hohe Beteiligung von Schülerinnen und Schülern an diesem Wettbewerb zeigt sich gerade anhand der vergebenen Geld- und Sachpreise. So erhalten die Teams zweier Grundschulen in Schwedt und Templin für ihre Filme „Die Briefmarke“ und „Heimatlose“, die unter der künstlerischen Leitung von Gabriele Zorn entstanden sind, zugleich einen Geldpreis der Ringelnatz-Gesellschaft Cuxhaven sowie Eintrittskarten für den Zoo Leipzig, die die Sparkasse Leipzig für die 46 Schülerinnen und Schüler und ihre Begleiter bereitstellt. Ebenfalls einen Gruppenpreis erhalten 28 ehemalige Schülerinnen und Schüler der 12. Klassen des Leibniz-Gymnasiums in Leipzig sowie acht Hamburger Jugendliche und ihre Begleiter. Sie alle werden den Belantis-Park besuchen. Die Vergabe dieses Zusatzpreises ermöglichte das SAEK-Förderwerk für Rundfunk und neue Medien. Insgesamt konnten dank der Unterstützung aller genannten Sponsoren Geld- und Sachpreise im Wert von über 2.800 € vergeben werden.

Am Welttag der Poesie 2020, am 21. bzw. 22. März, werden in 12 deutschen Städten in Ost und West die besten Ringelnatz-Gedichtfilme gezeigt. Geplant ist außerdem für das nächste Jahr die Herstellung einer DVD mit 20-25 der besten Einsendungen.

Leipzig, 1. Oktober 2019

Wassertropfen & Seifenblase. Filme zur Lyrik von Joachim Ringelnatz
Auswertung des Wettbewerbs im Einzelnen

Preis I / Geldpreis der Filmproduktionsgesellschaft Saxonia Media: 500 € erhält Marie Craven, Palm Beach, Australia, für den Film „Die Ameisen“

Marie Craven gelang eine kurze und pointierte Animation, die mit viel Witz und Charme auf das Gedicht antwortet. Der mit Hamburger Einschlag gesprochene Voice Over unterstreicht die Komik des Gedichts „Die Ameisen“ von Joachim Ringelnatz. Die Collagen aus Comic- und Magazinbilder sowie der Bilderfluss sind sehr gut auf den Text abgestimmt und spielen gekonnt mit ihm.

Preis II / Sachpreis der Leipziger Buchmesse: Gast der Leipziger Buchmesse 2020 (zwei Übernachtungen für 2 Personen, inkl. Reisekosten u. Eintrittskarten) geht an Jo van Nelsen (Frankfurt/M.) und Silvia Nitzsche (Berlin), für den Film „Kindergebetchen Nr. 3“

Das Diminutiv dieses Ringelnatz-Gedichts entmystifiziert Ringelnatz selbst durch seinen kontrastiven und provozierenden Text. Allein dieser zeigt philosophisch, wie verbrämend Sprache sein kann und dass sein "Kindergebetchen" rein gar nichts, mit der Realität zu tun hat. Ein hochaktueller Text, der künstlerisch von Jo van Nelsen und Sylvia Nitzsche visuell und narrativ umgesetzt wurde. Denn ihr gelingt es, diesem Gedicht neben der auditiven und der visuellen noch eine ganz eigene narrative Erzählebene beizugeben. Ein Kompliment an die Filmemacherin und dieser Gedichtfilm gehört in jeden Deutsch- und Ethikunterricht!

Preis III / Geldpreis der Ringelnatz-Gesellschaft Cuxhaven: 300 € (je 150 € an beide Gruppen) erhalten die Teams der Grundschule am Egelpfuhl, Templin, und der Bertolt Brecht Grundschule in Schwedt für die Filme „Heimatlose“ und „Die Briefmarke“; Künstlerische Leiterin Gabriela Zorn

Der Gedichtfilm "Heimatlose" der Klasse 4a der Grundschule „Am Egelpfuhl“ in Templin überzeugt durch Witz, Phantasie und filmisches Können. Ein Junge, der auf einer Toilette Radio hört, bildet die Rahmenhandlung, wobei das ringelnatzsche Gedicht originell und wie nebenbei in die Handlung einfließt. Neben den Spielfilmanteilen gibt es dokumentarische Passagen, in denen Kinder über ihr Verständnis von Heimat sprechen, und letztlich kommt sogar noch ein Trickfilmmeerschweinchen dazu. "Heimatlose" ist eine im besten Sinne unberechenbare, kleine Filmwundertüte.

In dem Gedichtfilm „Die Briefmarke“ wird in einem raffiniert gemachten Gespräch zwischen Briefmarken auf das eigentliche Gedicht „Die Briefmarke“ von Joachim Ringelnatz hingeführt. Mit gekonntem Witz, schönen Ideen und viel Liebe zum Detail gelingt es den Schülerinnen und Schülern sowie dem Team von Gabriela Zorn, die fantasievolle Bilderwelt des Dichters einzufangen. 

Preis IV / Sachpreis des Joachim-Ringelnatz-Vereins Wurzen: Hotelaufenthalt in der Ringelnatz-Stadt Wurzen (zwei Übernachtungen für 2 Personen); ausgezeichnet wird Erik Lemke, Berlin, für „Rezept“

Der Spielfilm „Rezept“ von Erik Lemke macht überaus deutlich, mit wie viel Phantasie sich Joachim Ringelnatz ein sehr ungewöhnliches Rezept ausgedacht hat. Schnitt, Schauspiel, Musik und Gedicht ergänzen sich hervorragend und kreieren eine sehr schöne kurze Geschichte mit einem spannenden Ausgang.

Preis V / Sachpreis des Hotels Ringelnatz Rostock-Warnemünde: Hotelaufenthalt (zwei Übernachtungen für 2 Personen) geht an Antonius, Berlin, für „Zu dir“

Dieser Film zu dem Ringelnatz-Gedicht "Zu Dir" ist eine gelungene visuelle Annäherung an das Leben und Wirken Ringelnatz'. Visuell gelungen ist nicht nur die Komposition der Ringelnatz-Bilder, sondern ebenfalls eine Interpretation des Wirkens durch eine Veränderung einer schwarz-weißen zu einer bunten Welt. Auch auditiv überzeugt der Film durch die jeweiligen Geräuschkulissen und ermöglicht dadurch eine Authentizität zwischen Ringelnatz als Gedicht-Autor und Maler. Ganz nebenbei entdecken wir mit diesem Gedichtfilm eine ganz neue Seite von Ringelnatz, die noch nicht so bekannt ist. Eine wunderbare filmische Entdeckung!

Sonderpreis I / Sachpreis der Waldmann KG: Edelfüllfederhalter in Sterlingsilber für „Die besondere Handschrift“ erhält Claudia Edermayer, Linz, Österreich, für „Übergewicht“

Sehr kompakt, sehr strukturiert, stringent und überraschend gestaltet Claudia Edermayer eine ganz eigene Kurzgeschichte des "Übergewichts", erzählt, wie ein Wal auf eine Waage "fällt". In wenigen Minuten eine solche mit einem narrativen Spannungsbogen bis zum Ende versehene Geschichte zu erzählen und gelungen zu visualisieren, ist ein Glücksfall für diesen Wettbewerb. Kompliment zu diesem Film!

Sonderpreis II / Geldpreis des Kulturhistorischen Museums Wurzen: 200 € für eine/n Filmemacher/in unter 18 Jahre (es gilt der Zeitpunkt der Einsendung) erhalten die Kinder Laurie Mohaupt (11) und Liliy-Belle Mohaupt (14), North Berwick, Scotland. Der Film der Geschwister entstand unter der Regie des Vaters Dr. Holger Mohaupt.

Der Film „Abzähl-Reime“ erzeugt Spannung und Witz, indem sich ein Nichtmuttersprachler durch die verrückten Ringelnatzschen Verse mühsam, stockend und zum Teil auch mit falschen Betonungen hindurchschlingelt. Es entsteht ein charmanter sprachlicher Verfremdungseffekt, der auch filmisch originell umgesetzt wurde.

Gruppenpreis I / Sachpreis der Stadt- und Kreissparkasse Leipzig: Eintrittskarten für den Leipziger Zoo geht an beide Teams aus Templin und Schwedt (Begründung siehe Preis III)

Gruppenpreis II: Eintrittskarten in den Belantispark geht an 8 Schülerteams der 12. Klasse Leibnizschule-Gymnasium Leipzig, Projektleitung Grit Kurth, für die acht Filmbeiträge des Leibniz-Gymnasiums in Leipzig. Hervorzuheben sind dabei die Filme „Nachtwanderung“, „Zeitversprengte Freunde“ und „Zwischen meinen Wänden“, die filmisch und schauspielerisch am meisten überzeugen konnten.

Gruppenpreis III:  Eintrittskarten in den Belantispark erhalten 8 Jugendliche aus Hamburg, die unter der künstlerischen Leitung von Bertolt Hering mit viel Spielfreude und Einfallsreichtum in einem Ferienkurs mehrere Gedichte von Joachim Ringelnatz unter dem Titel „Der Schatz von Ringelnatz“ entwickelt und gedreht haben.

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Jury: Dr. Uta Corsa, Carl-Christian Elze, Thomas Zandeciagomo Del Bel

Idee, Leitung und Organisation: Ralph Grüneberger

Mitarbeit: Klaus Nührig, Dr. Stefan Kabisch, Elke Zorn

Leipzig, im September 2019

Heimat/Heimatverlust – diese Ausgabe erscheint erst 2020

Änderung bei der Frühjahrsausgabe 2020 der Zeitschrift „Poesiealbum neu“

Bis Anfang Juni 2019 erreichten uns Zusendungen aus 10 Ländern. Um die hohe Zahl der Einsendungen angemessen zu bearbeiten, macht sich eine Verschiebung des Erscheinungstermins notwendig. Es ist vorgesehen, die Gedichte zum Thema "Heimat/Heimatverlust" zur Leipziger Buchmesse 2020 vorzustellen und die Präsentation mit dem Erscheinungstermin zu verbinden. Alle Autorinnen und Autoren, von denen ein Gedicht in der Zeitschrift Aufnahme findet, erhalten November/Dezember 2019 schriftlich Bescheid. Von telefonischen oder schriftlichen Rückfragen bitten wir nach wie vor abzusehen. Um diese im Einzelnen zu bearbeiten, sind wir personell nicht in der Lage.

Wir bitten dafür um Verständnis. Es ist die erste Terminverschiebung in 13 Jahren. Die Fülle an Zusendungen hat uns überwältigt. Dank an alle, die sich an unserer Ausschreibung beteiligt haben.

Der Einsendetermin für das Thema "Poesie und Narrheit" bleibt bestehen. Das Erscheinen dieser Ausgabe verschiebt sich allerdings um ca. 6 Monate auf den Herbst 2020.

Hinweis für Abonnenten: Im Herbst d.J. erscheinen als 2. Ausgabe 2019 Gedichte zu New York, von denen einige im Zusammenhang mit unserem New-York-Abend am 27. September im Café Eigler (das im Capa-Haus ansässig ist) vorgestellt werden.

VERLÄNGERT BIS 31.10.19 (POSTSTEMPEL)!„Poesie und Narrheit“ – gesucht werden Gedichte und Notate

„Poesie und Narrheit“ – gesucht werden Gedichte und Notate

„Poesiealbum neu“ 1/2020 zu Ehren von Friedrich Hölderlin

Dass ein wirkliches Gedicht nicht altert, zeigt uns Hölderlins „Hälfte des Lebens“, das zu seinen bekanntesten gehört und vor 215 Jahren das erste Mal veröffentlicht wurde. Um ihn zu ehren, dessen Geburtstag sich im nächsten Jahr zum 250. Mal jährt, widmen wir unsere „Poesiealbum neu“-Ausgabe im II. Halbjahr 2020 Friedrich Hölderlin.

Sein Wesen und Wirken wurde – wie wohl bei keinem zweiten deutschen Dichter – als „Poesie“ in Verbindung mit „Narrheit“ definiert. Beides sollte ihm im Universitätsklinikum Tübingen ausgetrieben werden. Dass das Begriffspaar „Poesie und Narrheit“ sehr wohl zusammenpasst, wollen wir fast drei Jahrhunderte später mit Analogien bekräftigen. Gewiss ist, dass Menschen, zumal Dichtern, in Zeiten der Unfreiheit der postulierte Freiheitswille als Irr-Glaube bescheinigt wurde. Nicht von ungefähr ist Hölderlins Freiheitsbegriff ein himmlischer wie auch seine Dichtung voller mythologischer Bezüge ist. Insofern freut es uns, dass die Premiere dieser Ausgabe im Spätsommer 2020 im Verbund mit dem Arbeitskreis Vergleichende Mythologien e.V., der im nächsten Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert, stattfinden wird.

Im Zeitraum 1. Juli bis 15. Oktober 2019 laden wir ein, sich mit bis zu drei Gedichten und/oder Notaten mit Bezügen speziell zu Friedrich Hölderlin oder allgemeiner zu den Themen Freiheit und Lebenshälfte zu beteiligen. Eine Einsendung kann also praktisch allen drei Vorgaben und beiden Genres gelten.

Auf dem Postweg können bis zu drei, möglichst bislang unveröffentlichte Texte in deutscher Sprache und in 3-facher (!) Ausführung auf je einer eigenen Seite eingereicht werden. Die Gedichte bzw. Notate sollten eine Gesamtlänge von 35 Zeilen (inklusive Titel, Verfassername, Leerzeilen) nicht überschreiten und dem Layout unserer Zeitschrift entsprechen (Zeilenlänge beachten!).

Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.

Haus des Buches
Gerichtsweg 28
04103 Leipzig

Hinzuzufügen sind eine Kurzvita plus aktueller E-Mail-Adresse, die Erklärung, dass der kostenfreie Abdruck erlaubt wird, und die Zustimmung, dass die persönlichen Daten, die allein für den Zweck der Kommunikation und Registration Verwendung finden und keinesfalls an Dritte weitergegeben werden, gespeichert und für eine Veröffentlichung (Ankündigung) auf unserer Webseite verwendet werden dürfen.

Verzichten Sie bitte auf Einsendungen per Einschreiben; wir haben nicht die Kapazität, diese vom Postamt abzuholen.

Kommt ein Gedicht oder Notat für die Veröffentlichung in Betracht, setzt sich das „Poesiealbum neu“-Team mit der Autorin/dem Autor in Verbindung. Rückfragen oder Stellungnahmen zu den Einsendungen können nicht beantwortet bzw. geleistet werden. Sobald der Drucksatz abgeschlossen ist, werden auf der Webseite der GZL die Namen der Autorinnen und Autoren veröffentlicht, deren Text in die Ausgabe zum Themenkomplex „Freiheit. Lebensherbst. Hölderlin“ Aufnahme fand. Mit ihrer/seiner Beteiligung an der Ausschreibung stimmt die Einsenderin/der Einsender diesem Verfahren ausdrücklich zu.

Jeder Autorin, jeder Autor des Heftes erhält ein Freiexemplar und nimmt mit ihrem/seinem unveröffentlichten Gedicht an der Auswahl für den „Poesiealbum neu“-Preis 2021 teil, der das beste Gedicht des Jahrgangs 2020 prämiert. Die Notate können in diesem Format leider nicht berücksichtigt werden. Aber wir finden eine andere Möglichkeit, um den/die Verfasser/in des besten Notates zur Leipziger Buchmesse 2021 auszuzeichnen.

Wer Gedichte bzw. Notate mit Bezug zu Leben und Werk Hölderlins einreicht, diesen bzw. diese bitten wir, den Bezug in Form einer ausführlichen Anmerkung zu begründen und ggf. mit einem Werkauszug und einem Quellenverweis zu belegen.

Leipzig, im Juni 2019 / Änderung des Erscheinungszeitraums: Spätsommer 2020

Ringelnatz‘ Ameisen haben es nicht bis nach Australien geschafft, aber der Hauptpreis schafft es

  • 01.10.2019

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.

Marie Craven aus Palm Beach in Australien ist die Gewinnerin des vierten von Ralph Grüneberger initiierten Gedichtfilmwettbewerbs, den die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik ausgelobt hat; er galt diesmal der Lyrik des als Hans Gustav Bötticher in Wurzen geborenen Schriftstellers Joachim Ringelnatz, der sich dieses Pseudonym vor genau 100 Jahren gab. Craven erhält den Preis für ihren Film „Die Ameisen“, den die Filmproduktionsfirma Saxonia Media gestiftet hat. Mit einer Einladung zur Leipziger Buchmesse 2020 werden Jo van Nelsen aus Frankfurt am Main und Sylvia Nitzsche aus Berlin für ihren Film „Kindergebetchen Nr. 3“ ausgezeichnet, die Hotel- und Reisekosten übernimmt die Leipziger Buchmesse. Der Sonderpreis für die beste Einsendung von unter 18-Jährigen geht an die Geschwister Laurie (11) und Liliy-Belle Mohaupt (14) aus North Berwick in Schottland für ihren Animationsfilm „Abzähl-Reime“. Das Preisgeld stellte das Kulturhistorischen Museums Wurzen bereit. Den Preis des Joachim-Ringelnatz-Vereins Wurzen, einen 2-tätigen Hotelaufenthalt in der Ringelnatz-Geburtstadt, erhielt Erik Lemke aus Berlin für seinen Kurzspielfilm „Das Rezept“. Ebenfalls auf einen 2-tägigen Aufenthalt kann sich für seinen Film „Zu dir“ der gleichfalls in Berlin lebende Fotograf Antonius freuen, er ist demnächst Gast des Ringelnatz-Hotels Rostock-Warnemünde. Den Sonderpreis der Waldmann KG, einen Edelfüllfederhalter in Sterlingsilber, erhält für „Die besondere Handschrift“ Claudia Edermayer aus Linz in Österreich für ihren Film „Übergewicht“.

Die hohe Beteiligung von Schülerinnen und Schülern an diesem Wettbewerb zeigt sich gerade anhand der vergebenen Geld- und Sachpreise. So erhalten die Teams zweier Grundschulen in Schwedt und Templin für ihre Filme „Die Briefmarke“ und „Heimatlose“, die unter der künstlerischen Leitung von Gabriele Zorn entstanden sind, zugleich einen Geldpreis der Ringelnatz-Gesellschaft Cuxhaven sowie Eintrittskarten für den Zoo Leipzig, die die Sparkasse Leipzig für die 46 Schülerinnen und Schüler und ihre Begleiter bereitstellt. Ebenfalls einen Gruppenpreis erhalten 28 ehemalige Schülerinnen und Schüler der 12. Klassen des Leibniz-Gymnasiums in Leipzig sowie acht Hamburger Jugendliche und ihre Begleiter. Sie alle werden den Belantis-Park besuchen. Die Vergabe dieses Zusatzpreises ermöglichte das SAEK-Förderwerk für Rundfunk und neue Medien. Insgesamt konnten dank der Unterstützung aller genannten Sponsoren Geld- und Sachpreise im Wert von über 2.800 € vergeben werden.

Am Welttag der Poesie 2020, am 21. bzw. 22. März, werden in 12 deutschen Städten in Ost und West die besten Ringelnatz-Gedichtfilme gezeigt. Geplant ist außerdem für das nächste Jahr die Herstellung einer DVD mit 20-25 der besten Einsendungen.

Leipzig, 1. Oktober 2019

Wassertropfen & Seifenblase. Filme zur Lyrik von Joachim Ringelnatz
Auswertung des Wettbewerbs im Einzelnen

Preis I / Geldpreis der Filmproduktionsgesellschaft Saxonia Media: 500 € erhält Marie Craven, Palm Beach, Australia, für den Film „Die Ameisen“

Marie Craven gelang eine kurze und pointierte Animation, die mit viel Witz und Charme auf das Gedicht antwortet. Der mit Hamburger Einschlag gesprochene Voice Over unterstreicht die Komik des Gedichts „Die Ameisen“ von Joachim Ringelnatz. Die Collagen aus Comic- und Magazinbilder sowie der Bilderfluss sind sehr gut auf den Text abgestimmt und spielen gekonnt mit ihm.

Preis II / Sachpreis der Leipziger Buchmesse: Gast der Leipziger Buchmesse 2020 (zwei Übernachtungen für 2 Personen, inkl. Reisekosten u. Eintrittskarten) geht an Jo van Nelsen (Frankfurt/M.) und Silvia Nitzsche (Berlin), für den Film „Kindergebetchen Nr. 3“

Das Diminutiv dieses Ringelnatz-Gedichts entmystifiziert Ringelnatz selbst durch seinen kontrastiven und provozierenden Text. Allein dieser zeigt philosophisch, wie verbrämend Sprache sein kann und dass sein „Kindergebetchen“ rein gar nichts, mit der Realität zu tun hat. Ein hochaktueller Text, der künstlerisch von Jo van Nelsen und Sylvia Nitzsche visuell und narrativ umgesetzt wurde. Denn ihr gelingt es, diesem Gedicht neben der auditiven und der visuellen noch eine ganz eigene narrative Erzählebene beizugeben. Ein Kompliment an die Filmemacherin und dieser Gedichtfilm gehört in jeden Deutsch- und Ethikunterricht!

Preis III / Geldpreis der Ringelnatz-Gesellschaft Cuxhaven: 300 € (je 150 € an beide Gruppen) erhalten die Teams der Grundschule am Egelpfuhl, Templin, und der Bertolt Brecht Grundschule in Schwedt für die Filme „Heimatlose“ und „Die Briefmarke“; Künstlerische Leiterin Gabriela Zorn

Der Gedichtfilm „Heimatlose“ der Klasse 4a der Grundschule „Am Egelpfuhl“ in Templin überzeugt durch Witz, Phantasie und filmisches Können. Ein Junge, der auf einer Toilette Radio hört, bildet die Rahmenhandlung, wobei das ringelnatzsche Gedicht originell und wie nebenbei in die Handlung einfließt. Neben den Spielfilmanteilen gibt es dokumentarische Passagen, in denen Kinder über ihr Verständnis von Heimat sprechen, und letztlich kommt sogar noch ein Trickfilmmeerschweinchen dazu. „Heimatlose“ ist eine im besten Sinne unberechenbare, kleine Filmwundertüte.

In dem Gedichtfilm „Die Briefmarke“ wird in einem raffiniert gemachten Gespräch zwischen Briefmarken auf das eigentliche Gedicht „Die Briefmarke“ von Joachim Ringelnatz hingeführt. Mit gekonntem Witz, schönen Ideen und viel Liebe zum Detail gelingt es den Schülerinnen und Schülern sowie dem Team von Gabriela Zorn, die fantasievolle Bilderwelt des Dichters einzufangen. 

Preis IV / Sachpreis des Joachim-Ringelnatz-Vereins Wurzen: Hotelaufenthalt in der Ringelnatz-Stadt Wurzen (zwei Übernachtungen für 2 Personen); ausgezeichnet wird Erik Lemke, Berlin, für „Rezept“

Der Spielfilm „Rezept“ von Erik Lemke macht überaus deutlich, mit wie viel Phantasie sich Joachim Ringelnatz ein sehr ungewöhnliches Rezept ausgedacht hat. Schnitt, Schauspiel, Musik und Gedicht ergänzen sich hervorragend und kreieren eine sehr schöne kurze Geschichte mit einem spannenden Ausgang.

Preis V / Sachpreis des Hotels Ringelnatz Rostock-Warnemünde: Hotelaufenthalt (zwei Übernachtungen für 2 Personen) geht an Antonius, Berlin, für „Zu dir“

Dieser Film zu dem Ringelnatz-Gedicht „Zu Dir“ ist eine gelungene visuelle Annäherung an das Leben und Wirken Ringelnatz‘. Visuell gelungen ist nicht nur die Komposition der Ringelnatz-Bilder, sondern ebenfalls eine Interpretation des Wirkens durch eine Veränderung einer schwarz-weißen zu einer bunten Welt. Auch auditiv überzeugt der Film durch die jeweiligen Geräuschkulissen und ermöglicht dadurch eine Authentizität zwischen Ringelnatz als Gedicht-Autor und Maler. Ganz nebenbei entdecken wir mit diesem Gedichtfilm eine ganz neue Seite von Ringelnatz, die noch nicht so bekannt ist. Eine wunderbare filmische Entdeckung!

Sonderpreis I / Sachpreis der Waldmann KG: Edelfüllfederhalter in Sterlingsilber für „Die besondere Handschrift“ erhält Claudia Edermayer, Linz, Österreich, für „Übergewicht“

Sehr kompakt, sehr strukturiert, stringent und überraschend gestaltet Claudia Edermayer eine ganz eigene Kurzgeschichte des „Übergewichts“, erzählt, wie ein Wal auf eine Waage „fällt“. In wenigen Minuten eine solche mit einem narrativen Spannungsbogen bis zum Ende versehene Geschichte zu erzählen und gelungen zu visualisieren, ist ein Glücksfall für diesen Wettbewerb. Kompliment zu diesem Film!

Sonderpreis II / Geldpreis des Kulturhistorischen Museums Wurzen: 200 € für eine/n Filmemacher/in unter 18 Jahre (es gilt der Zeitpunkt der Einsendung) erhalten die Kinder Laurie Mohaupt (11) und Liliy-Belle Mohaupt (14), North Berwick, Scotland. Der Film der Geschwister entstand unter der Regie des Vaters Dr. Holger Mohaupt.

Der Film „Abzähl-Reime“ erzeugt Spannung und Witz, indem sich ein Nichtmuttersprachler durch die verrückten Ringelnatzschen Verse mühsam, stockend und zum Teil auch mit falschen Betonungen hindurchschlingelt. Es entsteht ein charmanter sprachlicher Verfremdungseffekt, der auch filmisch originell umgesetzt wurde.

Gruppenpreis I / Sachpreis der Stadt- und Kreissparkasse Leipzig: Eintrittskarten für den Leipziger Zoo geht an beide Teams aus Templin und Schwedt (Begründung siehe Preis III)

Gruppenpreis II: Eintrittskarten in den Belantispark geht an 8 Schülerteams der 12. Klasse Leibnizschule-Gymnasium Leipzig, Projektleitung Grit Kurth, für die acht Filmbeiträge des Leibniz-Gymnasiums in Leipzig. Hervorzuheben sind dabei die Filme „Nachtwanderung“, „Zeitversprengte Freunde“ und „Zwischen meinen Wänden“, die filmisch und schauspielerisch am meisten überzeugen konnten.

Gruppenpreis III:  Eintrittskarten in den Belantispark erhalten 8 Jugendliche aus Hamburg, die unter der künstlerischen Leitung von Bertolt Hering mit viel Spielfreude und Einfallsreichtum in einem Ferienkurs mehrere Gedichte von Joachim Ringelnatz unter dem Titel „Der Schatz von Ringelnatz“ entwickelt und gedreht haben.

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Jury: Dr. Uta Corsa, Carl-Christian Elze, Thomas Zandeciagomo Del Bel

Idee, Leitung und Organisation: Ralph Grüneberger

Mitarbeit: Klaus Nührig, Dr. Stefan Kabisch, Elke Zorn

Leipzig, im September 2019

Heimat/Heimatverlust – diese Ausgabe erscheint erst 2020

  • 19.08.2019

Änderung bei der Frühjahrsausgabe 2020 der Zeitschrift „Poesiealbum neu“

Bis Anfang Juni 2019 erreichten uns Zusendungen aus 10 Ländern. Um die hohe Zahl der Einsendungen angemessen zu bearbeiten, macht sich eine Verschiebung des Erscheinungstermins notwendig. Es ist vorgesehen, die Gedichte zum Thema „Heimat/Heimatverlust“ zur Leipziger Buchmesse 2020 vorzustellen und die Präsentation mit dem Erscheinungstermin zu verbinden. Alle Autorinnen und Autoren, von denen ein Gedicht in der Zeitschrift Aufnahme findet, erhalten November/Dezember 2019 schriftlich Bescheid. Von telefonischen oder schriftlichen Rückfragen bitten wir nach wie vor abzusehen. Um diese im Einzelnen zu bearbeiten, sind wir personell nicht in der Lage.

Wir bitten dafür um Verständnis. Es ist die erste Terminverschiebung in 13 Jahren. Die Fülle an Zusendungen hat uns überwältigt. Dank an alle, die sich an unserer Ausschreibung beteiligt haben.

Der Einsendetermin für das Thema „Poesie und Narrheit“ bleibt bestehen. Das Erscheinen dieser Ausgabe verschiebt sich allerdings um ca. 6 Monate auf den Herbst 2020.

Hinweis für Abonnenten: Im Herbst d.J. erscheinen als 2. Ausgabe 2019 Gedichte zu New York, von denen einige im Zusammenhang mit unserem New-York-Abend am 27. September im Café Eigler (das im Capa-Haus ansässig ist) vorgestellt werden.

Gedicht des Monats August

  • 01.08.2019

Franziska Röchter (*1959)

Hauptbahnhof

Ankommen in Leipzig
kann man auch nachts
allein als Frau
zu später Stunde
sind die Gänge verlassen
kein Kiosk mehr offen
für ne Dose Bier
grölt ne Horde Hardcore
Fans nach dem Fußball
auf der sicheren Seite

Während um Mitternacht
vorne im Eingang
wo schon Paul Potts
den Flashmob besang
orangene Männer
ein Sichtverhältnis
in Grauzonen schaffen
möcht ich am liebsten
im Kunstfrühlingsblumenbeet
n(acht) oc-turnen

ist nicht erlaubt
heißt sicher
zuhaus
                                    

Quelle: Poesiealbum neu, „Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen“,

Poesiealbum neu – O Freude. Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen, Ausgabe 1/2015 Doppelheft 120 S. / Preis 6,00 EUR Doppelheft mit CD „HörBildStadt – Sounds of Leipzig“ / Preis 9,95 EUR (limitierte Auflage) jeweils zzgl. 2 Euro Versand

Leipzig 2014          

Wir gratulieren unserem Vorstandsmitglied Franziska Röchter herzlich zum runden Geburtstag. Wer sie kennt, denkt bestimmt, die haben sich um 10 Jahre vertan.                


Veranstaltungen

Keine Veranstaltungen

Gedicht des Monats

Gedicht des Monats Dezember

Helmut Richter (1933-2019)

Über sieben Brücken musst du gehen

Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick,
manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück.
Manchmal bin ich ohne Rast und Ruh,
manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu.

Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß,
manchmal weiß ich nicht mehr was ich weiß.
Manchmal bin ich schon am Morgen müd,
und dann such ich Trost in einem Lied.

Über sieben Brücken musst du gehn,
sieben dunkle Jahre überstehn,
siebenmal wirst du die Asche sein,
aber einmal auch der helle Schein.

Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn,
manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehn.
Manchmal ist man wie von Fernweh krank,
manchmal sitzt man still auf einer Bank.

Manchmal greift man nach der ganzen Welt,
manchmal meint man, dass der Glücksstern fällt.
Manchmal nimmt man, wo man lieber gibt,
manchmal hasst man das, was man doch liebt.

Über sieben Brücken musst du gehen …

1978

Wir nehmen Abschied von unserem Mitglied Helmut Richter, der kurz vor der Vollendung seines 86. Lebensjahres am 3. November 2019 nach langer Krankheit verstorben ist.

Zu seinem 75. Geburtstag erschien sein bemerkenswerter Gedichtband 2008: Was soll nur werden, wenn ich nicht mehr bin?, Hundert Gedichte, im Verlag Faber & Faber, Leipzig 2008, den (wieder) zur Hand zu nehmen sich gerade jetzt empfiehlt.


Empfehlung des Monats

Ein viel zu kleines Potpourri interessanter Titel, die es zu entdecken gilt

Empfehlungen des Monats · Dezember 2019

Zeit und Platz sind begrenzt, die Fülle der Bücher, die eine Empfehlung verdient hätten, eine besondere Begutachtung, mehr Leser, scheint nahezu unerschöpflich. Deshalb können wir auch dieses Jahr zu Weihnachten nur einen winzigen Ausschnitt bringen und möchten die Hoffnung nähren: Alles, was nicht ist, kann noch werden. Ein belesenes Fest zum Jahresende!

Von Rolf Birkholz

Gefiederte Flieger faszinieren viele. Für Henning Ziebritzki ist das gebänderte „Wunderwerk von Schrift“ auf der Brust eines aus dem Blätterwald gleitenden Habichts gar „un­fassbar wie ein Evangelium.“ Aber in seinem Gedichtband „Vogelwerk“ schwärmt er nicht oberflächlich. In, mit einer Ausnahme, je elf Versen, aber unterschiedlichen Tonlagen nimmt er Eigenarten von Vögeln in den poetischen Blick und spiegelt in der Betrachtung auch menschliche Verhält­nisse.  Einmal vermaß und bündelte ihm das rote Sensor-Auge eines Plastikerpels seinen Schmerz, „dass es wieder nicht gelungen war, ein anderer zu sein.“ Rolf Birkholz

Henning Ziebritzki, Vogelwerk
Gedichte
64 S.,  Wallstein, Göttingen 2019
ISBN 978-3-8353-3554-7,  € 18


Von Franziska Röchter

Andreas Reimann, „bedeutendster Lyriker der ‚sächsischen Schule‘“ (Literaturkritiker Carl Corino) und einer der wichtigsten deutschen Dichter der Gegenwart sowie Zeitzeuge der (Literatur)geschichte der DDR, hat soeben in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung einen neuen Gedichtband veröffentlicht, der sich auch optisch in die Reihe einiger seiner vorigen Veröffentlichungen in diesem Verlagshaus einfügt. Für Liebhaber von Sonetten jeglicher Ausprägung, für geschichtsbewusste Leser, die um Reimanns erfahrene Repressalien als aufbegehrender, obrigkeitsablehnender Dichter (sein erster für 1966 geplanter Gedichtband konnte aus politischen Gründen zunächst nicht erscheinen und erst 50 Jahre später wiederentdeckt als  „Kontradiktionen“ debütieren) ist dieses Buch, Band 5 der Andreas-Reimann-Werkausgabe, dem vor 25 Jahren „Das Sonettarium“ vorausging,  eine wahre Fundgrube, die es noch umfassender als in 3 bis 5 Sätzen zu ergründen gilt. Es kann aber nahezu blind anempfohlen werden. Wen würde es nicht interessieren, was ein Dichter zu sagen hat, der aus zwei so unterschiedlichen Welten kommt und solche gravierenden Einschnitte in seinem Leben schon als junger und sehr junger Mensch (Verlust beider Elternteile mit 5 bzw. 7 Jahren, Zwangsexmatrikulation am Leipziger Literaturinstitut, Inhaftierung etc.) erfahren hat?  Franziska Röchter

Andreas Reimann, Das Große Sonettarium
Gedichte (1975 – 2019)
Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Oktober 2019
Gebundene Ausgabe, 184 Seiten
ISBN 978-3937799-93-3, € 22,00  


Von Ralph Grüneberger

Zu den Büchern, die nachgerade für die Lektüre an den nun kürzeren Tagen, aber längeren Abenden geschrieben wurden, gehört für mich der 2018 im Gmeiner Verlag erschienene Roman von Cornelia Naumann „Der Abend kommt so schnell“. Sie gestaltet darin nicht nur ein überaus lesenswertes Porträt der Münchner Revolutionärin Sonja Lerch (1992-1918), sondern schafft auch ein Colorit jener Zeit vor 100 Jahren, als Deutschland, mit dem Zentrum in München, eine weniger friedliche Revolution als 70 Jahre später im Osten erlebte.
Die Autorin Cornelia Naumann, geboren und aufgewachsen in Marburg an der Lahn, studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und Romanistik in Köln. Seit 1999 lebt sie als freie Autorin von Romanen, Theaterstücken, Bühnenbearbeitungen und Übersetzungen in München.  Ralph Grüneberger

Cornelia Naumann, Der Abend kommt so schnell
Roman, 409 S. / 13 x 21 cm / Klappenbroschur Premium
Gmeiner Verlag, Februar 2018
ISBN 978-3-8392-2199-0, € 16,00


Von Ralph Grüneberger

Ein wenig nach Geschenkpapier schaut er aus, der Umschlag des Ratgebers Die-tägliche-Musik-gib-uns-heute. Aufschlagen sollte man das Buch somit vom 1. Januar bis zum 31. Dezember und sich von der Radio- und Fernsehmoderatorin Burton-Hill musikalisch in den Tag führen lassen. Die Autorin, die bei BBC Radio 3 die Klassiksendungen moderiert, bietet dem Leser/Hörer eine Vielzahl von Werken bis dato (sicherlich) unbekannter Komponistinnen und Komponisten an, die, wenn sie Gehör finden, neue Klassiker werden könnten. Im Gegensatz zum Konzertabend, bei dem man meist noch an der Garderobe ansteht, während es im Foyer eine Werkeinführung gibt, kann man sich hier in Ruhe einlesen. Der Ton des Textes kommt freilich eher salopp daher und erfordert kein Nachschlagewerk. Dass es zum Buch bei Apple Music ein Abonnement mit der entsprechenden Playlist gibt, verwundert natürlich keinen halbwegs kaufmännisch Denkenden. Na dann, frohes (Hör-)Fest! Apropos, man kann das Buch auch überlisten und muss nicht bis zum Jahresanfang warten. Für den 1. Dezember wird keine „unadventliche Musik“ empfohlen, sondern Morten Lauridsens Vertonungen weihnachtlicher Verse, wie passend „O Magnum Mysterium“. Ralph Grüneberger

Clemency Burton-Hill, Ein Jahr voller Wunder
Klassische Musik für jeden Tag
Aus dem Englischen von Barbara Neeb, Ulrike Schimming und Katharina Schmidt
464 Seiten, Diogenes Verlag, Zürich 2019
ISBN 978-3-257-60972-1 
€ (D) 25,00 gebundenes  Buch, 21,99 Kindle / sFr 28,00* / € (A) 21,99
 

Von Ralf Burnicki

Die Prosagedichte von Knut Schaflinger spielen mit linearen Erwartungen, etliche Sätze sind Abbruchstellen, kein Satz geht so weiter, wie man es erwartet, jederzeit gibt es Überraschungen, Wendungen, einen Hang zu surrealistischer Gedankenbildung. Und dennoch ergibt sich ein Ganzes. Knut Schaflinger ist für mich einer der großen Poeten der Gegenwart, seine Texte sind bildhaft und unberechenbar zugleich. Jeder seiner Bände, z.B. „Die Ungewissheit der Quadrate“ lässt mich erfrischend beunruhigt zurück, schildert Vorgänge, die keine sind, und gerade deshalb hat man es womöglich mit einer Vision zu tun: dem Traum von einem poetischen Leben: „In einer fremden Sprache schreibt sich das schöne Wort Occasion mir ins Gedächtnis. Kann sein es schmilzt wenn es bei späterer Gelegenheit erst ausgeatmet ist“ (aus dem Gedicht: „Schriftzug in der Langen Reihe. Eine Häuserzeile“). Unbedingt empfehlenswert. Ralf Burnicki

Knut Schaflinger, Die Ungewissheit der Quadrate
Gedichte, Hardcover, 73 Seiten
Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2017, € 20,00


Von Franziska Röchter

„POESIE 21 präsentiert bemerkenswerte zeitgenössische Gedichtbände und lyrische Debüts in deutscher Sprache.“ So ist auf den Waschzetteln zu dieser mittlerweile 101 Ausgaben umfassenden Lyrikreihe zu lesen. Ein solches Debüt ist auch Guido Lufts Band mit seinem sprachwitzigen Titel. Das Ausloten von Beziehungen, von Nähe und Ferne, das Etablieren wichtiger Grenzen und das Überschreiten derselben inklusive anschließender Narbenbildung, alltägliche und besondere Katastrophen wie vollgelaufenen Keller oder Fallen im Internet, das getriebene, rastlose Ich, das sein „Kreuz schultern“ muss, das „Leben, einen Schritt vor dem Abgrund“:  Guido Lufts Parforceritt durch Schattenseiten und Lichtmomente menschlicher und alltäglicher Existenz gibt einen guten Einblick in diese längst etablierte Poesie 21-Reihe, die übrigens nicht selten auch mit fröhlich-monochromen Umschlägen ins Auge fällt. Franziska Röchter

Guido Luft, zum Tee ein Kataströpfchen
Gedichte
Poesie 21 im Verlag Steinmeier, Juli 2019
70 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-943599-66-4, € 12,80 (D)


Von Franziska Röchter

Allzu viele Anthologien mit Kindergedichten neuzeitlicher Dichter, die teilweise,  wie z. B. Paul Maar oder Franz Wittkamp, einen Namen als Kinderlyriker haben, dürfte es nicht geben. Wenn überhaupt. 100 frische, verrückte, unverbrauchte Gedichte für Kinder (und, wie Pressestimmen zu entnehmen ist, durchaus auch für Erwachsene), gereimt oder ungereimt, ausgewählt und herausgegeben von Uwe-Michael Gutzschhahn, sollen Kinder für Poesie begeistern oder auch zum Selberdichten anregen. Ein gutes Kindergedicht ist immer auch ein gutes Erwachsenengedicht, hat einmal Erich Jooß († 2017) gesagt. Bei dieser Fülle moderner Lyrik dürfte für jeden etwas dabei sein. Es gilt herauszufinden, auf welche Texte kleinere (ab 5) oder etwas ältere Kinder – je nach Deklamationsfähigkeit des Vortragenden – oder Selbstlesende anspringen und welche Gedichte wem den größten Spaß bereiten. Da Kinderbücher sehr wesentlich auch von Illustrationen leben, ist dieser Spaß durch die bunten und vielseitigen Illustrationen von Sabine Kranz schon gesichert. Franziska Röchter

Sabine Kranz/Uwe-Michael Gutzschhahn, Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht
Hundert neue Kindergedichte
dtv Junior, Originalausgabe
176 Seiten, ab 5
9. März 2018
ISBN 978-3-423-76201-4
EUR 16,95 € [D],  EUR 17,50 € [A]


Von Michel Ackermann

Im Wallstein-Verlag erschien 2018 der achte Gedichtband der Amerikanerin Jo Mary Bang. Die beiläufige Wucht von Bangs Zeilen entspringt einer abgründig-innigen Tonalität, die von Tod und Trauer um den verstorbenen Sohn singt. Die diesbezüglich “gefährlich-typischen“ Floskeln oder Klischees bleiben (auf wundersame Weise …) aus. Vielmehr schreit das blühende Leben an sich, seine vielfarbige Dringlichkeit, in unsere allzu-menschliche Wahrnehmung hinein. Der Wundverband der Worte ist entfernt, denn die Worte und ihre unzugehörigen Umstände sind selbst die Wunden.
Michel Ackermann

Mary Jo Bang, Elegie
Gedichte
172 Seiten, Verlag: Wallstein; Auflage: 1 (5. März 2018)
ISBN 978-3835332423, € 20,00


Von Michel Ackermann

Vielleicht ist der 2006 verstorbene Jurist Christian Saalberg so etwas wie ein bekannter Unbekannter in der deutschen Lyriklandschaft. Die ausgewählten Gedichte (aufwendig und wertschätzend verlegt von Schöffling & Co) bieten eine Fundgrube voll prosaisch-tiefgründiger Poesie. Der Dichter Saalberg, deutscher “Transzendentalist“ und einzelgängerisch-verbundener Weltengänger, beschreitet lyrische Pfade zwischen Natur, Liebe und pantheistisch inspirierter Philosophie. Sie sind für Lyrik-Liebende ein unbedingt glaubwürdiges Abenteuer. Michel Ackermann

Christian Saalberg, In der dritten Minute der Morgenröte
392 Seiten, Schöffling; Auflage: 1 (27. August 2019)
ISBN978-3895610165, € 32,00


Von Wolfgang Braune-Steininger

Günter Kunert, der  2019 im Alter von 90 Jahren starb, gehört zu den großen alten Männern der deutschsprachigen Nachkriegslyrik. Auch in seinem letzten Gedichtband beeindruckt er durch souveräne Handhabung lyrischer Formen und Techniken. So gewinnt er dem Endreim immer wieder neue originelle Bedeutungsvarianten ab. Inhaltlich dominiert inmitten der Vielfalt an Themen die für Kunert typische Melancholie, die aufgrund ihrer stabilen und aussagekräftigen sprachlichen Umsetzung schon wieder ein – paradoxes – Moment der Sicherheit mit sich führt.                                                                   
Kunert erweist sich als Meister des Lyrischen, der in  seinen Gedichten auch Dichtergrößen anderer Epochen adressiert und porträtiert. Nicht zum ersten Mal in seinem Oeuvre steht Brecht im Mittelpunkt von Personengedichten. Bemerkenswert dagegen ist das Schlussgedicht J.W.V.G., das sich kritisch-ironisch mit Goethe auseinandersetzt.
Wolfgang Braune-Steininger

Günter Kunert, Zu Gast im Labyrinth
Neue Gedichte
Herausgegeben von Wolfram Benda, München, Carl Hanser Verlag 2019 ISBN 978-3-446-26463-2, €19,00











 

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