Echt jetzt? Eine umfangreiche Empfehlung.

  • Veröffentlicht: 01.09.2020 · Zuletzt aktualisiert: 02.09.2020

Empfehlung des Monats · September 2020
von Ralph Grüneberger

Es ist eine Freude, dass Einzelausgaben in der Reihe „Poesiealbum“ aus dem Märkischen Verlag dem Werk einzelner Mitglieder der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik gelten, so Therese Chromik, Róža Domašcyna, Carl-Christian Elze, Christoph Kuhn, Christoph Meckel, Andreas Reimann und Christiane Schulz (Zeitraum 2010 bis 2020). Zudem fühlt man sich bestätigt, wenn die eine oder andere 2017 persönlich ausgesprochene Empfehlung in Wilhelmshorst aufgegriffen wurde, auch wenn dies stillschweigend geschah. Doch die Freude ist nicht ungetrübt. Dazu am Ende mehr. Zunächst wollen wir uns an je einem Gedicht erfreuen, das diese sieben Autorinnen und Autoren aus den Reihen der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. veröffentlicht haben. Aus urheberechtlichen Gründen ergänzen wir die sechs Gedichte aus dem jeweiligen „Poesiealbum“ mit dem Abdruck eines Gedichtes von Christoph Meckel aus unserem Auftaktheft vom Frühjahr 2007.

Christoph Meckel (1935-2020)
Smetana
23. April 1884

Jabkenice im heiteren Böhmen.
Stocktaub, das ist er schon lange.
Die Melodien zerfallen
im Tosen des leeren Gehirns,
der Silberton ist erloschen in seiner Stimme,
aber das Auge liebt noch Laub und Wasser.

Erzähle den Herren in Prag,
wie meine Seele bewegt ist.
Es war nicht in meiner Macht, es ist das Geld,
es fehlen die Gulden.
Der die Grundharmonika der Nation schuf,
aber die Herren in Prag.

Dunkel, Nässe, der Tag brach an.
Vor der Holztreppe stand der Wagen.
Dem Herrn Forstmeister rannen
Tränen über die Wangen,
als er die Decken brachte. Er saß im Wagen,
ganz geistesabwesend.
Alles weinte.

Ärztliches Gewahrsam, Staatliche Anstalt.
Die Coda ist kurz,
er kommt nicht wieder.

Quelle: Poesiealbum neu, Nr. 1/2007, Leipzig 2007
Das Gedicht ist nicht im Poesiealbum 288 enthalten.

***

Poesiealbum 307
Christiane Schulz (*1955)
Der Geist der Mirabellen

Es ist das Graubrot
das hart wird und sauer
immer härter und immer saurer
nimmt es der Mirabellenkonfitüre
das zarte Bitter das Graubrot
das wir immer schon aßen
Geliebter mit dem Geschmack
von Mirabellenkonfitüre
ehe es hart wurde das Brot
und sauer viel saurer
als das Fruchtbitter von den Mirabellen
nach dem das Küssen schmeckte
ehe es hart wurde
und sauer das Graubrot

© Christiane Schulz

                              ***

Poesiealbum 336
Andreas Reimann (*1946)
ARCHE DER DINGE

Zu paaren traben nach den kakerlaken
die autos in die arche, cola-dosen
nebst plastik-tüten und silastik-hosen.
Aus kinderzimmern kriechen gummi-kraken
behände auf das deck, recorder beaten,
um einlaß bittend. Spuckende computer
verdrängen noah hackerisch vom ruder.
Das bier büchst aus, die einweg-flaschen mieten
als deponie sich das gefähr-schiff an.

Und treibt aus einer planke auch ein reis:
Ist es gerecht, o herr, dass du uns schonst? –
Die gülle steigt. Hebt so nur ab der kahn?

O herr, verzeih mir, dass ich ahnend weis:
Die sintflut kostet viel. Und ist umsonst.

© Andreas Reimann

***

Poesiealbum 337
Therese Chromik (*1943)
Unwiderrufliches
nach Mutters Tod

Wollen Sie das Dokument
endgültig löschen?
fragt mich der Computer
als ich die Dateien auf deinem Computer
zu löschen beginne
deine Gedanken Gefühle Worte
die du gespeichert hast
ich finde sie wieder
wollen Sie das Dokument
wieder herstellen?
ja, sage ich,
immer wieder.

© Therese Chromik

                                ***

Poesiealbum 348
Christoph Kuhn (*1951)
Neuer Herbsttag
nach Rainer Maria Rilke

Herr, welche Zeit. Der Sommer ist sehr heiß.
Längst schon steht Herbst auf den Kalenderblättern.
Mit diesen Wettern stimmt‘s nicht, wie man weiß.

Nicht nur sind alle letzten Früchte voll;
so manche Pflanze zeigt noch einmal Blüten,
und andere, von weither aus dem Süden,
erbringen hierzulande bald ihr Soll.

Wer jetzt kein Haus hat mit Solaranlagen,
wer jetzt noch nicht den Strom gewechselt hat,
wird wachen, fernsehn, lange skypen, statt
nach dem Warum und dem Wohin zu fragen;
die Antwort steht auf einem andern Blatt.

© Christoph Kuhn
(Erstveröffentlicht in Poesiealbum neu 1/2017)

***

Poesiealbum 353
Carl-Christian Elze (*1974)

vor 13.8 milliarden jahren, im ersten milliardstel eines
milliardstels eines milliardstels einer milliardstel sekunde
blähte sich unser universum um das zehn-billionen-
billionen-fache auf: von subatomaren dimensionen
zu der größe eines fußballs, so sagt man im april
des jahres 2014. in diesen urknallball war unsere liebe
schon eingraviert, aber vorher noch sonnen
planeten und monde, das ganze schwerkraftding
musste sich einschaukeln, liebes, das dauert ein bisschen.
auch unsere kugel, aus sternenstaub zusammengepappt
war nicht gleich fest; doch irgendwann zellen
unter wasser: einzelne, tänzelnde, noch unsterbliche
gebilde, ewige teilungen, plasmaeinschnürungen:
aus eins wird zwei ohne rest. erst später zusammenkünfte
vielzellereien, die erfindung der leiche: volvox
die kugelalge, muss als erste dran glauben
ihr körper gesprengt bei der geburt ihrer töchter.
überall leichen! – aber pflanzen behalten immer die
nerven, liebes, nicht wahr .. ganz anders als wir.
überhaupt PFLANZEN! ohne sie keine liebe.
wie göttliche diener verschenken sie zucker und luft.
tiere erscheinen: fische und saurier, mollusken
und vögel, kiemen und lungen, die erste milch
die aus den zitzen tropft, die ersten säuger:
unauffällige kleingewachsene, huschende objekte …
und auch wir mussten erst in form gebracht werden
liebes: affen und menschen, milliarden von
menschen, lucy und ötzi, immer wieder zerlegt
nach wenigen jahren von bakterien und pilzen
(in einer handvoll erde oder in deinem wunderschön
geschwungenen mund leben mehr bakterien
als jemals menschen auf dieser welt herumspaziert
sind, so sagt man im april des jahres 2014)
schließlich wir: mit großen gehirnen, kaum fell
trinken milch und wachsen heran, fast ohne instinkte:
wir lernen und lernen, überleben und finden
uns schließlich, erkennen uns schließlich
mitten in der nacht, auf einer straße in
münchen, unter zerschossenen laternen
und fühlen uns plötzlich – unerklärlicherweise
albernerweise – unzerstörbar und lachen
und unser lachen rast um die sonne, du weißt schon
wie wahnsinniger, glücklicher staub …

© diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde.
Gedichte. Verlagshaus Berlin 2016 (2., überarbeitete Auflage 2019).

                               ***

Poesiealbum 354
Róža Domašcyna (*1951)
Triangel regional III. Für O. P.

ja du ha du
gehst einkoofwatsch holwatsch schejdwatsch
schakata schaka scheckiger schäker
armbanduhjurij adapeter afrodyter alles
allez!
loses losyski los im moos
bloß und an dann animaliski
poetiski ritki a titki zuletzt besetzt vonner
altliebe walt siebe und nudelbretter halt
hiebe hriby griby die husch kusch
in deinem bett brett net
klimmt klimbora klimperklein 
daliegt und daliebt da du ducy dale mich
Milena Minna Mirjam naschest nasch
ich dich tebje gebe
fajna frejna frohen freier frei 
ei ein zögling hering harjenk der hängt
an der decke der strecke der flecke ich recke
meine seine reine lust mußt
das nicht nennen bekennen
moje boje pupille pille und das was ich faß allas!
verlassen
sattle mir hippe und hille stoj auf zur quadrille
zwirn zu die mantille
näh dich ein rein mein stier jetzt
tschier das joj –
wie die spodki und schpotki das einkoofwane
und namolwane das verneinwane und vereiswane
fortfliegt und daliegt biegt und rügt das
ganze und stanze und tanze poj!
Juan Joan Johann Jan
in den armen der Carmen erbarmen
hamende alarmen
am ende hamjen
amen

© Róža Domašcyna


Nun leider zum Unerfreulichen, denn die Wahrheit stellt sich nicht von selber ein:

Die im Herbst 2007 vom Leiter des Kleinverlages, Dr. Klaus-Peter Anders, in Wilhelmshorst begonnene Fortsetzung der 40 Jahre zuvor im Verlag Neues Leben entstandenen Lyrikreihe „Poesiealbum“ ist immer wieder ins Zwielicht geraten. Auf den Ur-Herausgeber Bernd Jentzsch folgte schon nach extrem kurzer Zeit Richard Pietraß, der nach Jentzsch überdies die Reihe in den Endsiebzigern im Verlag Neues Leben betreut hatte, um dann ebenfalls die Zusammenarbeit mit dem Märkischen Verlag aufzukündigen. Als mir gegenüber zwei Autorinnen und ein Herausgeber hinsichtlich des schlechten Stils des Kleinverlegers Anders den Wunsch geäußert haben, ich solle doch als Initiator des „Poesiealbum neu“ auch die Reihe der Einzelhefte übernehmen, war das natürlich schmeichelhaft, wenn auch kaum überraschend, hatte ich doch selbst meine Erfahrung mit Herrn Dr. Anders gemacht, der noch 2015 das „Poesiealbum neu“ als „Vereinszeitschrift“ diskreditierte. Ein solches Ansinnen, wie es die Betroffenen äußerten, bedeutet natürlich eine Würdigung der 2005 von mir initiierten Gründung der Zeitschrift „Poesiealbum neu“, allerdings widerspräche die Umsetzung dem Satzungslatein eines gemeinnützigen Vereins, der für das prononcierte Herausheben Einzelner keinerlei Eigenmittel verwenden darf.

Bernd Jentzsch und Ralph Grüneberger – mit den beiden ersten Ausgabe des „Poesiealbum neu“ im Herbst 2007
Foto: Jörn Schinkel

Im Herbst 2007, als Bernd Jentzsch, den wir bereits vor der Redaktion der ersten Ausgabe im Jahre 2006 in Kenntnis der Gründung unserer Zeitschrift „Poesiealbum neu“ setzten, stolz die im Märkischen Verlag erschienene Nummer 277 mit Gedichten Peter Huchels in einer Veranstaltung (und mit Vergütung) der Lyrikgesellschaft präsentierte, standen wir vor einem Dilemma. Der Verlag Neues Leben Berlin, nach 1990 Teil der Eulenspiegel Verlagsgruppe, der uns 2006 die Erlaubnis erteilt hatte, das tradierte Erscheinungsbild für unsere Zeitschrift verwenden zu dürfen, ließ uns wissen, dass diese Erlaubnis nicht zweimal vergeben werden könne, und empfahl uns, eine Einigung mit dem Märkischen Verlag Wilhelmshorst herbeizuführen. Keine Frage, dass wir das versucht haben. Natürlich hätten wir als Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik darauf bestehen können, dass wir allein das Äußere des „Poesiealbum“ fortführen und eine dementsprechende Unterlassungsklage herbeiführen können. Aber das hätte nicht nur unserem Ansehen, sondern auch der Gattung selbst geschadet. Gute Lyrik kann es nicht genug geben. Somit formulierte ich im Einvernehmen mit Herrn Dr. Anders eine Presse-Information, um beide Reihen, die sich im Grunde nicht im Wege standen und zudem ihre Wurzeln im System der Edition haben, gemeinsam zu bewerben. Da das Netz nichts vergisst, lässt sich auch heute noch auf die von mir verfasste Pressemeldung verweisen: https://lyrikzeitung.com/2007/11/04/39-poesiealbum-und-poesiealbum-neu-2/

Dass wir dann wenig später von Dr. Klaus-Peter Anders vehement enttäuscht wurden, indem er einerseits in allen Interviews, die Kenner der traditionellen Lyrikreihe mit ihm führten, uns als tatsächliche Wiedererwecker der Reihe schlichtweg unterschlug, und andererseits einzig Interesse an den Adressen unserer Abonnenten zeigte, war der Beginn einer Missachtung, die u.a. darin mündete, dass die 2007 manifestierte Aufgabenteilung –  wir die Ausgaben mit Anthologie-, der Märkische Verlag die mit dem Solo-Charakter – ohne Abstimmung unterlaufen wurde und im Mantel des „Poesiealbum“ eine Anthologie „Gedichte aus Neuseeland“ erschien, der kurz darauf eine mit „Gedichte[n] aus Finnland“ folgte. Gab es bis etwa 2009 noch die von einer Enthusiastin privat betriebene Poesiealbum-Domain, die die gesamte Entwicklung aufzeigte, d.h. sowohl die Ausgaben des „Poesiealbum neu“ (2007 ff) als auch des „Poesiealbum“ (seit 1967 und ab Nr. 277 bis dato), übernahm Kleinverleger Anders diese Domain und stutzte sie auf sein Blickfeld zurecht. Doch dessen nicht genug. In seiner stoischen Art wurde und wird er nicht müde, die Tatsachen zu verdrehen. Vor gar nicht langer Zeit nutzte er den persönlichen Kontakt zu einem seiner „Poesiealbum“-Autoren und gab diesem auf den Weg, er möge uns doch bitteschön nahezulegen, auf den Titel und das Äußere unserer Zeitschrift zu verzichten. Zum anderen ist Herr Dr.  Anders dreist genug, um die in seinem Verlag von wechselnden Herausgebern editierte Reihe als „die ECHTE“ zu besiegeln. So, als hätte es die Anthologien, die als Sonderhefte in jährlicher Folge vor knapp 50 Jahren (!) im Zusammenhang mit den Poetenseminaren der Freien Deutschen Jugend das erste Mal erschienen sind, nie gegeben. Das „Poesiealbum neu“ ist an diesen Anthologien geschult, das ist nicht zu übersehen, auch wenn die Redaktion bereits mit der 3. Ausgabe (2008) den Kreis der einbezogenen Autorinnen und Autoren auch auf Nichtmitglieder der GZL erweitert hat und einzelne Rubriken (das Interview 7 Fragen zur Lyrik, Der Gast, Klassik, Fundstück) dazugekommen sind.

Poeseialbum neu: Konsum & Kommerz. Foto: Karin Lichtenberger-Eberling

Desweiteren entstanden Ausgaben mit Notaten, Sonderausgaben mit Gedichten von Schülerinnen und Schülern nach einem Gedichtwettbewerb, vereinten wir Autorinnen und Autoren aus Leipzigs Partnerstädten, zu denen Literaturnobelpreisträger gehören, oder trafen eine Auswahl an Texten politischer Gefangener. Ist das alles „unecht“?

Eigentlich sollte man sich daran erheitern können, wenn die Irreführung des Herrn Dr. Anders nicht so erfolgreich wäre und selbst einer der hier Präsentierten, der voller Vorfreude das Erscheinen seines „Poesiealbum“ per Rundmail bewarb, unbekümmert die Darstellung des Märkischen Verlages verbreitete: „Die Lyrikreihe, begründet von Bernd Jentzsch, erschien in der DDR monatlich zwischen 1967 und 1990 im Verlag Neues Leben Berlin und war eine preiswerte Möglichkeit, Poesie deutscher und internationaler Lyriker kennenzulernen. Dann folgten 17 Jahre Pause. Im Herbst 2007 belebte dann der Märkische Verlag, ansässig in Wilhelmshorst, zusammen mit dem Begründer der Reihe Jentzsch das Poesiealbum wieder.“ Tja, wie ist das mit der Erinnerungs-Pause, wann wird sie zur Gedächtnislücke? In einer von Dritten geförderten Reihe innerhalb des „Poesiealbum“ geht der Märkische Verlag „gegen das Vergessen“ an. Wir auch.

Ralph Grüneberger, Initiator und Herausgeber des „Poesiealbum neu“, von ihm erschien 1984 das „Poesiealbum 198“ im Verlag Neues Leben Berlin

Im Zeitraum 1. September bis 31. Dezember 2020 zeigt die GZL in ihrem LYRIK-SCHAUFENSTER im Haus des Buches (1. Etage) diese Ausgaben und einige mehr: „Das Poesiealbum und das Poesiealbum neu – beide in Echtzeit“

Die Empfehlung des Monats ist ein kostenfreier Service der GZL. Die eigenverantwortlichen Beiträge der Autorinnen und Autoren können, aber müssen nicht die Meinung des Vorstandes wiedergeben.





Ralph Schüller: Danke. Schade – Gestaltungen als „Fortführung der Poesie im Bildnerischen“

  • Veröffentlicht: 01.08.2020 · Zuletzt aktualisiert: 01.08.2020

Empfehlung des Monats · August 2020
von Franziska Röchter

Das ist auch gewagt, mitten in einer in Dauer und Ausmaß nicht absehbaren pandemischen Krise ein kompaktes Doppelalbum herauszubringen, in Zeiten, wo der Launch cineastischer Pre-Bestseller vorsorglich um mehr als ein halbes Jahr verschoben wird, damit es „sich lohnt“.  In Zeiten, wo es flächendeckend  schlecht steht um (Klein-)Künstler, deren Kunst auch Einnahmequelle sein muss. Das macht den auch in der Realität sehr sympathisch-unprätentiösen Künstler Ralph Schüller, studierter Maler und Grafiker der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (man merkt es seinen selbstgestalteten Musik- und Bucherzeugnissen an),  noch etwas sympathischer, wenn die Kunst ohne Kalkül dann heraus muss, wenn sie reif ist. Es ist – „Danke. Schade“ – die 5. musikalische Produktion dieses vielseitig Schaffenden, die erste Doppel-CD im Digi-Pack, und sie besticht – wie auch ihre Vorgänger – schon rein optisch durch ein hohes Maß an Eigenwilligkeit; ohne es verbal festzuzurren: Das Cover ist einfach klasse und spiegelt im Bildnerischen das Aufeinandertreffen unterschiedlichster Stilmixe und Einflüsse wider. Dass die enorme instrumentelle Bandbreite (Akustik-Gitarre, E-Gitarre, Dobro, Mundharmonika, Akkordeon, Metallophon, Schlagzeug, Percussion, Bass, Trompete, Akkordeon, Wörlitzer Piano, Orgel, Violine, Ukulele, Posaune, Banjo …) beim Release-Konzert am 02.07 in der Leipziger „dieNato“ unter Corona-Bedingungen (nur 25 Zuschauer waren zugelassen, nur jeweils 5 Musiker durften zeitgleich auf die Bühne) live etwas gedämpft und zurückgenommen werden musste, macht es umso notwendiger für jeden Musikliebhaber, sich nicht auf den schnellen YouTube-Mitschnitt zu verlassen, sondern für die klangliche Fülle mit kammerorchesterähnlichem Ausmaß  – und hier ist nicht von aufgepimpten, krass getunten Klangkörpern und nachbearbeiten Sounds und Volumes die Rede, ich glaube, das fände Ralph Schüller viel zu unehrlich – diese Doppel-CD als Gesamtkunstwerk zu erstehen und mit guten Kopfhörern entspannt zurückgelehnt zu genießen und das künstlerisch gestaltete Booklet anzuschauen.

Auf Schüllers Musikerhomepage ist zu lesen, woher seine vielfältigen Einflüsse kommen, da ist u.a.  die Rede „von südamerikanischer Gitarre, Heavy Metal, Udo Jürgens und Schmidtchen Schleicher … Folk und Hip Hop, Dylan, Waits, die Pogues, einfach alles …“. Und stünde es dort nicht, der geneigte Zuhörer käme an dieser oder jener Stelle wahrscheinlich selbst drauf, würde an andere Allround- (oder Welt)musiker erinnert, die mit ihrer musikalischen Vielseitigkeit das lauschende Ohr geprägt haben …

Dass eine Produktion mit dem Titel „Danke“ beginnt, sagt einiges aus über den Künstler, bei dem das Positive an vorderer Stelle zu stehen scheint. Zuviel Meckerer und Miesepeter gibt es schon im Lande, zu viele, die kritisieren, kritisieren, kritisieren, und hier sagt endlich mal jemand, dass es auch Grund genug gibt, dankbar zu sein. Anstatt zu bejammern, dass die Geliebte gehen muss, bittet der Künstler in einer Hookline darum, sich die positiven Momente im Schlaf bewahren zu können: „Danke, danke, danke, bitte weck mich nicht, bevor du gehst“.
Auch der 2. Titel, „Es ist gut“, stellt zunächst das Positive in den Vordergrund:

Es ist gut, dass du dich sorgst  
und den Mund öffnest
und dich regst und dich regst
und dich regst

Es ist gut, dass du Wut hast
und dich im Ton vergreifst
und dich bewegst und dich bewegst
und dich bewegst

Dass all diese Wut und Verbalausbrüche mangels Kreatitivät im Nichts verpuffen, wenn nichts Neues entgegengesetzt wird („Aber wo ist deine Idee?“) und wenn keine Aktivität folgt („Wo warst du, als es schien / etwas Bess’res zu schaffen / Anstatt zu meckern den lieben langen Tag“), dass letztendlich durch Sprache Gewalt entstehen kann in einem „verdammten Niemandsland“, zeigt Ralph Schüller mittels krawallfreier Benutzung sehr unschöner Wörter (im CD Booklet schwarz gefärbt, auf der CD ausgesprochen) und verdeutlicht den teilweise gesellschaftspolitischen Impetus seiner Lieder, die musikalisch so schön daherkommen. Schüllers fundiert handgemachte Lieder erschöpfen sich eben nicht nur in romantischer, selbstreferentieller Beziehungstümelei so mancher gemainstreamter und von der Musikindustrie „gemachter“ Liedermacher, sondern bieten einfach mehr Tiefe, mehr Inhalt, mehr Poesie, mehr Anregung zum Nachdenken. Manche Stücke – wie z. B „Wunschballon“ oder „Trödeln“ – sind einfach nur schön, manchmal schön melancholisch, und laden zum Träumen ein, lassen die Welt vergessen. Stücke wie „Fruchtbar und furchtbar“, blueslastig, schunkelfest, mundharmonikadurchtränkt, laden augenblicklich zum Tanzen ein (Walzer!), bis man einen Drehwurm hat (letztes Wort der Lyrics: „schön“!). Songs wie „Bleib mir auf den Fersen“ lassen durchaus etwas von Hannes Wader anklingen.

„Wohin das führt“ (CD 2) besticht durch Reggae-Klänge und lässt mich an Hubert von Goiserns „Katholisch“ denken, ein Song, der mit rotzfrechem österreichischem Sprachduktus und lautstarker Vehemenz Goiserns Weltlichkeit zu rechtfertigen sucht und viel Witz beinhaltet – eine etwas andere Art von Witz ist auch bei Schüller in seinem etwas ruhigeren Song zu finden … Und in „Gleich“, nur 3 Lieder weiter, nehmen uns Piano-Klänge wieder mit auf eine melancholische Zeitreise, die uns ahnen lässt, dass Musiker manchmal einfach die poetischeren Dichter sind, wenn nicht vielleicht manchmal sogar die besseren.

Die Nacht ist warm und über uns die Sterne
Das wäre Grund genug, den Hut zu ziehn
Wo ich nie war, da sitze ich jetzt gerne
ganz stumm und neu
von Kopf bis zu den Knien

Schade, denkt man da, wenngleich das allerletzte Lied „Schade“ ein bisschen zeitgeistkritisch etwas von „Früher war alles besser“ anklingen lässt, schade, dass die Scheibe schon zu Ende ist … Aber man wird sie noch öfter hören … Und sich vielleicht die Vorgänger besorgen … Denn vielleicht gibt es ja irgendwann diese handwerklichen, musikalischen Allroundtalente nicht mehr, Musiker, die sich selbst ihre eigenen deutschen Texte schreiben, die sich selbst begleiten oder ein ganzes Kammerorchester um sich drapieren können, ohne darin unterzugehen, die an eine Zeit erinnern, als Digitalität noch nicht alles beherrschte und es noch auf handwerkliches Können ohne Konservendose ankam … (jetzt bin ich auch beim „früher war …“ gelandet …). Vielleicht aber gibt Ralph Schüller auch Anlass zur Hoffnung, dass diese immer rarer werdende Spezies am Musikerhimmel wieder neu im Kommen ist … Es wäre zu wünschen.


„Danke. Schade.“ (Doppel-CD)
Doppel-CD „SCHÜLLER – Danke. Schade.“ [2020]
DERMENSCHISTGUTMUSIK 2020
VÖ: 02.07.2020
Digipak, 44-seitiges booklet
Spielzeit: 95 min
20,00 € (inkl. 16 % MwSt.)
Zu beziehen hier:
https://www.ralph-schueller.de/produkt/dankeschade
oder hier (Shop):
https://www.ralph-schueller.de/shop




Klára Hůrkovás Licht in der Manteltasche: ein Lichtblick

Licht in der Manteltasche. Gedichte

  • Veröffentlicht: 01.07.2020 · Zuletzt aktualisiert: 30.06.2020

Empfehlung des Monats · Juli 2020
von Jule Weinrot

Der neue Gedichtband von Klára Hůrková – soeben erschienen im chiliverlag – ist das erste Hardcover der Prosa- und Lyrikautorin. Während die tschechisch-deutsche Autorin sonst gerne ihren Gedichten tschechische Übersetzungen gegenüberstellt, verweilt sie diesmal ausschließlich im Deutschen.
Klára Hůrková, die neben der Übersetzung von Gegenwartslyrik gern Bilder malt und Englisch und Kunst unterrichtet, wurde 1962 in Prag geboren:
„Meine Generation ist in einem totalitären Regime aufgewachsen, und aus diesem Grund ist der Wunsch nach Freiheit und Demokratie in uns sehr stark. Wir wollen glauben, dass wir eine Wahl haben … Und viele von uns glauben auch, dass das Wort, die Literatur, eine wirksame Kraft ist, diese Werte zu verteidigen.“  –  so die Autorin in einem Interview auf dem Blog der editionfaust mit Eric Giebel, dessen eigener Gedichtband Quecksilber in Manteltaschen (Pop Verlag 2015) möglicherweise für die Autorin eine Inspiration für ihre eigene Titelgebung war.

„In 4 Kapiteln nimmt uns die Dichterin mit auf eine Reise zu verschiedenen Stationen ihres Lebens. Ankünfte, Metropolen, persönliche Begegnungen, Zwiegespräche mit Kunst und Natur, Introspektionen, Erinnerungen, Jahreszeiten, Träume – Hůrkovás Gedichte sind ein Kaleidoskop menschlicher Erfahrungen am Saum verschiedener Welten, in denen die Bedeutung des Wortes überdauert.“ – so die Verlagsbeschreibung. Hůrkovás Band entstand im ersten Quartal dieses Jahres – mitten in einer Zeit, die davon geprägt war (und immer noch ist), weltweit, europaweit, deutschlandweit aufgrund einer Virusbedrohung die Freiheiten der Bürger massiv einzuschränken. So trägt das erste Kapitel – nach dem Prolog stiftenden Gedicht „Heimkehr“ – stimmigerweise den Titel Als wir noch reisten und beginnt mit dem Jahr 1989, mit der Ankunft in Brüssel und der Abgabe von Fingerabdrücken „für das wertvollste Stück Papier“.  Es folgen das erste Treffen von „Halbschwestern“, Reisen nach New York, Schweden, Besuche in München und  Frankfurt am Main.

Im 2. Kapitel, Zwischen den Häuserzeilen, geht es um das Sesshaftwerden, um Erinnerungen, um die Stadt, Fenster, Zimmer, um das „Land / wo jeder leben will“. In Kapitel 3, Launen der Inseln, begibt sich die Dichterin wieder auf Reisen, diesmal ans Meer. „Jetzt rollt das Meer zurück / flüstert Einschlafmärchen / Seehunden und Walen ins Ohr“; Leuchttürme und Wellen, Damm und Strand, Insel und Hafen, Dünen und Nacht sowie Funde wie Das tote Tier am Strand oder Krähenfeder prägen die Bilder der Gedichte.

Krähenfeder

Ich fand eine Krähenfeder auf der Wiese
Drei weiße Pferde weideten hinterm Zaun
Dein Rücken strahlte nackt in der Sonne
wir gingen am glühenden Weizenfeld entlang

Ich hob die Feder auf

Zu Hause wollte ich damit
ein Gedicht schreiben über die Sonne
die Pferde, deinen Rücken und das Gold im Feld

Aber die Feder wehrte sich
kein Bild entstand

nur farblose Zeichen

Kapitel 4, Jahreszeiten mit Fragezeichen, wirft Fragen auf, nein, stellt Fragen in den Raum, Fragen nach der Endlichkeit, dem unaufhaltsamen Altern („Ich würde gehen / in Richtung Winter“ aus Herbst-Intermezzo; „Und ich frage, wann wir endlich / nach Hause zurückkehren“ aus Winterblau).

Unwucht (Auszug)



Im Inneren der Sterne
explodieren Wasserstoffbomben

während ich hier sitze
mit verspanntem Rücken
darüber nachdenke, wie viele Gedichte
ich meinem Alltag entreißen kann
und immer noch
die Welt verstehen möchte

Das Gedicht Mondsuchung beginnt folgendermaßen: „Wenn alle schreiben, nur du nicht …“ Klára Hůrková sagte kürzlich in einem Interview anlässlich ihrer Buchneuerscheinung der Dichterin Safiye Can: „Es macht mich glücklich, andere Menschen glücklich zu sehen, aber manchmal, wenn auch nicht oft, bin ich neidisch und eifersüchtig. Ob die Eitelkeit und Torheit irgendwann im Alter aufhören werden? Das wüsste ich gerne.“  Diese Frage beantwortet sich die Dichterin in ihrem Gedicht Zwischen Herz und Hirn quasi selbst: „Zwischen Herz und Hirn / müssen die Arterien durchlässig sein / da muss das Blut pulsieren / pünktlich wie eine U-Bahn“. Eine solche Ausgewogenheit in der „Blutversorgung“ ist oftmals ein Privileg geglückten Alterns, bei dem die Impulse des Herzens in der Kopfstube und die Vernunft des Geistes im Herz auch ankommen und Gehör finden. Den Mut aufzubringen, diesen Impulsen zu folgen, beschreibt Klára Hůrková in ihrem Gedicht Traum II, das als Wunschbild der Autorin mehr Mut im eigenen Leben herbeitsehnt und das Lyrische Ich als Löwendompteurin im Zirkus auftreten lässt:

Etwas war entfesselt
Mein eigener Mut
Kaum auszuhalten
(Auszug)

Fazit: Dieser besonders schön gestaltete Hardcoverband ist auf jeden Fall eine nähere Betrachtung wert, wenn man sowohl Autorin als auch Verlag näher kennenlernen möchte.


Klára Hůrková, Licht in der Manteltasche
Gedichte, 76 Seiten
ISBN 978-3-943292-86-2
chiliverlag 06.2020, 16,90 EUR
















TENTAKEL Literaturmagazin aus OWL „Spuren und Wege“ – eine „Versammlung“ fantastischer „Schreibspuren“

Tentakel Literatur Magazin Spuren und Wege, 2_2020

Empfehlung des Monats · Juni 2020
von Jule Weinrot

Als die Macher der mittlerweile über die Landesgrenzen hinaus bekannten OWL Literaturzeitschrift Tentakel die thematische Richtung festlegten, ahnten sie möglicherweise noch nicht, wie passend ihr Thema zur Mitte des Jahres im Hinblick auf das Weltgeschehen sein würde. Der ungebrochene Wille, ein Kaleidoskop nennenswerter regionaler Literatur zu sein, diese sichtbar zu machen, immer mehr auch beachtenswertes bildnerisches Gestalten aus Ostwestfalen einzubeziehen sowie auf Neuerungen und Strömungen im literarischen Geschehen der Region hinzuweisen, hat die Herausgeber*innen von ihrer bewährten Gewohnheit einer Live-Redaktionssitzung abgebracht und erstmals eine Ausgabe entstehen lassen, die ausschließlich auf virtuellem Wege zustande gekommen ist.
Dass diese Vorgehensweise dem Ergebnis keinen Abbruch tut und ein zukunftsträchtiges Procedere  ist, beweist die 2. Ausgabe des 3 x jährlich erscheinenden Literaturmagazins mit dem vielseitigen Titel „Spuren und Wege“.

Während über viele Jahre der Bielefelder Lyriker Hellmuth Opitz Teil des Redaktionsteams war, nimmt nun schon länger – neben dem Urvater (seit 1978) der Jugend schreibt-Bewegung Matthias Bronisch, dem libertären postanarchistischen Theoretiker und Lyriker Dr. Ralf Burnicki, dem langjährigen Pädagogen und Lyriker Peter Bornhöft – die Krimipreisträgerin Mechtild Borrmann (Wer das Schweigen bricht, Deutscher Krimi Preis 2012) diese Rolle ein; erweitert wurde das Team des 2007 gegründeten Literaturmagazins um die freie Journalistin und Autorin Antje Doßmann.

Redaktionsteam Tentakel: Peter Bornhöft, Mechtild Borrmann, Matthias Bronisch, Ralf Burnicki, es fehlt: Antje Doßmann
Radierung: Matthias Bronisch

Denn sicher ist: Die Region um Bielefeld und Ostwestfalen sprudelt nur so vor literarischen Talenten. So ist auch die aktuelle Ausgabe der Tentakel – apart ummantelt von 2 Radierungen des auch als bildender Künstler tätigen Schriftstellers Matthias Bronisch – dessen Fossilien ein bildnerisches Synonym für das Wort Spuren sind, seine aufsteigende Treppe auf der Rückseite des Magazins ein visuelles Äquivalent für Wege – wieder ein Stelldichein unterschiedlichster künstlerischer Multitalente, von denen einige im Hinblick auf die Pandemie 2020  bereits literarische Spuren hinterlassen.

Während Rolf Birkholz den Seuchenfrühling, nach Celan und Proust bedichtet, lässt Robin Varcoe Biggs in seinem 2020 (mit Bezug auf Wilfred Owen) das Zukunftsträchtige, das Hoffnung schürende ( „… a fast-forward / Into the future / Where we always hope …“) des „invisible enemy“ durchscheinen; Franziska Röchter schreibt von einem „Fassadenclown“, der die „pseudoallmächtige corona der schöpfung“ regiert, und der wie ein auszufüllendes Formular (ein Antrag auf Kulturförderung in Corona-Zeiten?) wirkende Text Wer bestimmt von Barbara Daiber sorgt allein mit Versatzstücken wie „wer bestimmt_____welche sätze___ wir nur leise denken oder gar nicht denken_____welcher wahrheit wir glauben______wer wichtiger ist____“ für einen mehr als aktuellen Bezug im Hinblick auf systemrelevante und informationspolitische Fragestellungen. Barbara Daiber, ebenfalls Stimme des jungen Künstlerkollektivs „lichtstreu“, ein Lyrikprojekt von Autor*innen aus Melle, Herford und Bielefeld, liefert ebenfalls die bildnerische Grundlage Organschrift für eine vierstimmige Kollektivarbeit zum Thema „Spuren und Wege“, an der neben Ralf Burnicki auch die Lyriker*in Elke Engelhardt und Lothar Flachmann beteiligt sind. Ralf Burnicki, promovierter politischer Philosoph, schreibt u.a. in seinem lyrischen Text Lesen lernen:

Kann ich nur sehen, was ich weiß
oder weiß ich nur, was ich sehe?

[…
…]
Was ist ein Weg, wenn er nicht
begangen wird?

[…
…]
Doch sprichst du vom Nichts,
blättert es neue Seiten auf
zwischen uns.
[…
…]

Neue Seiten blättert auch der Schriftsteller und Rezitator Michael Helm mit seinem verstörenden Prosastück „Die Prozedur“ auf, das bis zum Schluss durch einen stetig ansteigenden Spannungsbogen die Neugier des Lesers wachsen lässt. Nur so viel sei verraten: In Zeiten, in denen wir kontinuierlich angehalten werden, auch unseren „letzten Weg“ im Vorfeld gründlich durchzuorganisieren und bis ins Detail zu planen, ist eine Regulierungsbehörde, ein Amt mit Entscheidungsgewalt über den Zeitpunkt des Endes, nichts Unvorstellbares mehr und passt trefflich ins aktuelle Diskussionsgeschehen rund um das Virushandling. Zum Glück lässt Matthias Helm genug Spielraum für die Fantasie des Einzelnen, wie genau diese Behörde mit ihrer mysteriösen Nummernvergabe (Ziehung eines Loses?) arbeitet. Soll unser „letzter Weg“ Glückssache sein oder haben wir durch eine lückenlose, politisch korrekte Selbstverwaltung hier noch ein Wörtchen mitzureden?

Wie Lebenswege anders hätten verlaufen können, wenn … ja, wenn man sich eben „vor 23 Jahren“ anders entschieden hätte, und welche Spuren die einmal getroffene Wahl beim Individuum hinterlassen kann, beschreibt sehr berührend Katrin Brewitt in ihrem Text HALE-BOPP, der in tagebuchähnlichen Sequenzen auch zu einer Rückschau auf das eigene Leben einlädt und gleichsam eine Brücke schlägt zu Eckart Balz‘ Stillgelegte Gleise (nach dem gleichnamigen Titel seines Buches), die äußerst verdichtet anhand „junger Birken“, die aus „toten Gleisen“ sprießen, den berühmten Neuanfang verdeutlichen, der jedem Ende innewohnt.
Viola Richter-Jürgens‘ surreales Fadenspiel, aus den Zwillingsepisoden beleuchtet mit Elementen aus der Welt des Makaberen das zweischneidige Schwert des vergötterten Einzelkinddaseins in einer durch Krankheit und kindlicher Phantasie verzerrten grotesken Wahrnehmung. Ob die Autorin eine gänzlich andere literarische Intention hatte, tut der dystopischen Lesewirkung keinen Abbruch, ihre an Alice im Wunderland erinnernde langbewimperte Kussmundspinne ist jedenfalls eine der originellsten bildnerischen Spinnendarstellungen seit Langem.


Andrea Köhn, ohne Titel (I. 8/14)
Mischtechnik / Leinwand
100 x 140 cm, 2014


Kurzum: Den Herausgebern ist wieder ein äußerst abwechslungsreiches und interessantes Magazin mit wunderbaren Bildern, u.a. von der Bielefelder Künstlerin Andrea Köhn, mit lyrischen Übersetzungen aus dem Italienischen (u.a. Alfonso Gatto, September in Venedig) von Erica Natale, mit insgesamt 35 Künstlerinnen und Künstlern gelungen, das es zu entdecken gilt; und auch wenn man aufgrund der besonderen Umstände meinen könnte, dieses Jahr habe doch „eben erst“ angefangen, so zeigt Antje Doßmann (u.a. auch Chefredakteurin des jungen Online-Magazins RƎSONANZEN, Kultur in Ostwestfalen-Lippe) in ihrer „Berliner Spätsommerelegie“ Eitler Sonnenschein aufs Trefflichste poetisch, dass man unweigerlich schon an das Ende des Jahres denken muss, es aus verschiedenen Gründen vielleicht sogar herbeisehnt:

Antje Doßmann
Eitler Sonnenschein
(Auszug)


es herrscht Ende
September
in Berlin
Armut
Einwanderung
einundzwanzigstes Jahrhundert.


die Sonne steht tief
der Sommer hat schon
seinen Hut genommen
verweilt aber noch
in der Krone
auf ein Schultheiß oder zwei
und ich denke:
dieses hier ist wirklich
einer der letzten
schönen Tage                      

Um es abschließend mit den Worten Peter Bornhöfts aus seinem Text Versammlung zu sagen: „Ich sammle mich gern in meinen Sammlungen“, aber habe nicht das Gefühl, da „sogleich im schönsten Durcheinander“ zu sein, denn das von Peter Bornhöft beschriebene „fantastische Tohuwabohu“ bezieht sich u.a. auf „ein Wirrwarr unzeitgemäßer Gedanken“, auf „Kofferworte“, die „schon unterwegs“ sind, auf viktorianische Sammeltassen und antiken Trödel; was aber durchaus auch auf die neue Tentakel zutrifft, ist das Atemberaubende, der Enthusiasmus, das Sagenhafte, die Begeisterung über die Literatur und Kunst, die einen „nicht aus den Fängen“ lässt.


Tentakel Literatur Magazin
Spuren und Wege, 2_2020
ISSN  2191-690X
erhältlich im Abo 16 EUR (3 Magazine im Jahr, Porto und Versand  inklusive), Einzelexemplar 3,50 EUR
redaktion_tentakel@yahoo.de
https://www.matthias-bronisch.de/tentakel-literaturmagazin/







Versnetze_13: Axel Kutsch hat wieder ausgiebig gefischt

  • Veröffentlicht: 01.05.2020 · Zuletzt aktualisiert: 02.05.2020

Empfehlung des Monats · Mai 2020
von Jule Weinrot


Unermüdlich zieht Axel Kutsch,  ehemaliger Redakteur des Kölner Stadt-Anzeigers, Poesieangler und -sammler aus Leidenschaft, Jahr ums Jahr Fische an Land – bekannte, neu entdeckte, bisweilen im großen Lyrikmeer gründelnde, immer aber interessante und von der ungemeinen Vielfalt und Originalität lyrischer Ausdrucksform zeugende. Sein unvoreingenommener Blick in das Kaleidoskop zeitgenössischer Verse macht dieses nach Postleitzahl und Geburtsjahr geordnete Vers-Kompendium so interessant für neugierige Tiefseetaucher auf der Suche nach Leuchtbojen.  

In diesem 13. Band der jährlich erscheinenden Reihe liest man eingangs in einem Interview mit dem Herausgeber, dass dieser „Wert darauf“ legt, „ein weites Feld unterschiedlicher Schreibweisen unserer heutigen Lyrik, die oft individuell ist, auszubreiten.“  Axel Kutsch verweist auf zwei „Lager“ in der Lyrik, das der konventionellen Dichter und das der „abgefahren“ experimentellen, unorthodoxen, progressiven, die jeweils manchmal ihre vermeintlich vorrangige Daseinsberechtigung zu verteidigen suchen. Der Herausgeber verteidigt seine Auswahl von Texten aus beiden Lagern und ist sich der Sperrigkeit und prosaischen Nähe mancher Texte sehr bewusst.

Auch  hat er sehr gute Gründe, seine Vernetze nicht allzu forciert auszulesen. „Insider“ würden von über tausend Verfassern nennenswerter Lyrik im deutschen Sprachraum ausgehen. In der aktuellen Ausgabe der Versnetze sind 250 Autor*innen enthalten – etliche Mitglieder der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik haben übrigens auch Eingang gefunden. Insofern müsse ein abgerundetes Bild zeitgenössischer deutschsprachiger Lyrik durch die Lektüre anderer Gedicht-Anthologien ergänzt werden [Anm. d. Verf.:  In diesem Zusammenhang sei natürlich auch auf das thematisch sehr weit gefächterte Poesiealbum neu, edition kunst & dichtung, der Lyrikgesellschaft verwiesen].

Worüber schreiben zeitgenössische Dichter, gibt es regionale Unterschiede? Eine in aller Kürze schwer zu beantwortende Frage. Man wird keinem Text gerecht, wenn man einen anderen nennt. Jedem Lyrikliebhaber sei angeraten, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen und Deutschland samt kleinem „Grenzverkehr“ poetisch zu durchqueren und zu erkunden. Wundern wird man sich hier und  da, z.B. über neu angeschlagene Töne, wie man sie bislang von manch einem Dichter so nicht kannte, über luftige Verse und knäuelhaft ineinander Verwobenes, über Anschauliches und Abstraktes, Realsprache und Vergeistigtes, über Texte, die aus sich selbst heraus existieren und solche, die eine Anhäufung von Anspielungen sind.



Gerade jetzt, aktuell, wo viele Menschen doch mehr Zeit zu haben scheinen, bietet diese Anthologie, deren Beiträge vor der Auswahl laut Herausgeber mehrmals gelesen wurden und die vom Verlag Ralf Liebe in geradezu liebevoller handwerklicher Tradition gesetzt und auf alterungsbeständigem Werkdruckpapier von Fedregoni aus Italien gedruckt wurde und somit aus allen bekannten Kompendien ziemlich heraussticht,  eine sehr gute Möglichkeit, in das Abenteuer Lyrik einzusteigen. Und mit viel Glück erhält man vielleicht bei einer Verlagsbestellung noch echte „Landpresse“ – Nachrichten aus dem Verlag Ralf Liebe dazu, die allein haben ja schon Sammelwert.



Versnetze_13
Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart
Herausgegeben von Axel Kutsch
Verlag Ralf Liebe
978-3-948682-02-6
359 Seiten, EUR 25,00

Wegmarken eines Großmeisters. Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1950 – 2020

  • Veröffentlicht: 01.04.2020 · Zuletzt aktualisiert: 29.03.2020

Empfehlung des Monats · April 2020
von Wolfgang Braune-Steininger

Hans Magnus Enzensberger (*1929) ist nach dem Tod von Günter Kunert der letzte verbliebene Großmeister deutschsprachiger Nachkriegslyrik. Seitdem er 1957 mit dem Gedichtband Verteidigung der Wölfe debütierte, bekam er auch schon  von Literaturwissenschaft und Kritik gleichermaßen einen Spitzenplatz unter  den zeitgenössischen Poeten zugewiesen, der seither auch nie in Frage gestellt wurde.   

Mit dem aktionspolitischen Impetus von Bertolt Brecht und der poetischen Variabilität von Gottfried Benn schuf  er Gedichte, deren Wortefundus aus den teilweise verschiedensten Sprachbereichen stammen. Besonders originell sind seine Entlehnungen aus dem Medien- und Kommunikationsbereich. So ist ein Gedicht mit  An alle Fernsprechteilnehmer überschrieben, ein anderes  wiederum mit Kein Anschluß unter dieser Nummer.  

Was Enzensberger seit seinem ersten Auftreten mit Bestimmtheit in die Lyrikgeschichte einziehen ließ, war seine souverän-virtuose textinterne Verwendung und Auseinandersetzung mit der Literaturgeschichte verschiedener Länder und Epochen. Auf kaum einen Literaten wie ihn trifft die Kennzeichnung Poeta doctus – gelehrter Dichter – zu. So ist etwa das aus dem Mittelhochdeutschen kommende zweite Tagelied von Wolfram von Eschenbach die intertextuelle Bezugsgröße zum Eröffnungsgedicht des Bandes: Utopia.

Außerdem hatte Enzensberger schon früh die Position eines öffentlichen Intellektuellen inne, der sich über seine literarische Produktion hinaus noch  zu tagespolitischen Fragen äußert. So erregten seine kritischen Essays über den Spiegel (1957), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (1962)  und die transnationale Migration – Die große Wanderung (1992) – großes Aufsehen.       

Essayistische Züge tragen auch viele von Enzensbergers Gedichten, in denen nahezu jedes lyrische Genre vertreten ist. Besondere Verdienste erwarb er sich um das Personengedicht. Der 1975  erschienene Lyrikband Mausoleum. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts enthält ausschließlich personenzentrierte Gedichte. Für den vorliegenden Band wählte Enzensberger u.a. die lyrischen Personenstudien über Machiavelli, Bakunin und  Che Guevara aus, wobei über letzteren gesagt wird, dass er „Ein zarter Versager, Fraß für Geheimdienste“ (S. 88) gewesen sei. Ein lyrisches Porträt beschließt auch Enzensbergers  Gedichtauswahl aus siebzig Jahren, nämlich das mit Der Triumph war seine Sache nicht  überschriebene biografische Bildnis von Joseph Haydn.

Besonders aussageintensiv ist  die porträtlyrische Skizze von Eichendorff, die auch ein nachhaltiges Statement zur ‚Haltbarkeit‘ romantischer Poesie in Zeiten des kulturellen und politischen Wandels ist (S. 182):




Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1950 – 2020
Suhrkamp Verlag Berlin 2019 (suhrkamp taschenbuch 5015) 
ISBN: 978-3-518-47013-8       
238 Seiten, 14 Euro

Duale Sicht auf die Welt – Therese Chromik: „Blau ist mein Hut“

  • Veröffentlicht: 01.03.2020 · Zuletzt aktualisiert: 27.02.2020

Empfehlung des Monats · März 2020
von Marianne Beese

Charakteristisches, das den neuen Lyrikband von Therese Chromik auszeichnet, zeigt sich bereits in dem titelgebenden Gedicht „Blau ist mein Hut“, das auch den Reigen der Texte eröffnet. Es heißt dort:

Ja
ich schlafe bei offenem Fenster/
mit Sommerhut
und mit Sandalen
blau ist mein Hut
und rosa die Sandalen
und gelb die Sternschnuppen
die sich an meine Verse heften
wenn ich über die Milchstraße gehe

Eine auf den ersten Blick alltäglich anmutende Situation weist über sich hinaus; allein durch die farbigen Akzente einer Gegensätzlichkeit – und sie weitet sich in Dichtung und Traum, ins Kosmisch-Überweltliche, aus. Diese Besonderheiten zeigen sich auch in anderen Texten des Bandes – als dessen Grundzug eine dualistische Sicht auf die Welt erkennbar wird, ein Wahrnehmen dieser in ihrer Widersprüchlichkeit, die eben deshalb zur lyrischen Gestaltung drängt, zu einem möglichen Ausgleich. Solche Gegensatzpaare, die Spannungspole in den Gedichten bilden, sind Verstand und Gefühl, Wesen und Erscheinung, Dauer und Vergänglichkeit, Schönheit und Zerstörung, Verwurzelung und Aufbruchssehnsucht, Realitätserfahrung und poetische Fiktion und anderes mehr.

Die dichterische Sprache, die sich dem Auffinden und Gestalten des Widersprüchlichen, bildlich oder in gedanklicher Verallgemeinerung, widmet, mutet eher lakonisch und verknappt an, doch vereint sie, dem dualen Weltbild gemäß, Konkretes und Abstraktes und folgt vielfach dem Prinzip der Modulation, der wiederholenden Abwandlung.

Inhaltlich-thematisch ist die Ausrichtung auf den ‚Norden‘ gegeben, wobei ein starkes Heimatgefühl ebenso wie große Naturnähe des lyrischen Subjekts zur Sprache gelangen. Meer, Strand, Deich und Schafe werden als Zubehör der Heimat benannt. Diese scheint eine immer gleiche, verlässliche Kulisse für Geborgenheit abzugeben, doch zeigt sie sich, vor allem in Gestalt des Meeres, veränderbar. Jenes wird zum Gleichnis des menschlichen Lebens wie auch zum janusköpfigen Abbild von Schönheit und Gefährdung oder, wie in dem Gedicht „Echolot“, zum Symbol der Poesie.

Grenzen die Texte meist an eine ‚andere Welt‘, welche die Realität übersteigt oder in diese hineinwirkt, so geschieht das auch in Form von Mythen, die Überzeitliches mit Heutigem verbinden. Das Gedicht „Der Stern I“ verweist auf die christliche Heilsgeschichte, lässt den Stern von Bethlehem und damit die Geburt Jesu assoziieren, die sich immer aufs Neue, und auch im heimatlichen Deichland, abspielt.

Als Vertreterin der heimischen Natur erscheint par excellence eine Pflanze: die Mohnblume. Sie ist real – und wird zugleich zum Symbol des Zwiespältig-Schillernden; ist „Pflanze der Unterwelt“ wie „Pflanze der Seligen“ gleichermaßen. Sie birgt Heilendes, doch ebenso Vergiftendes und wird damit zum Synonym vor allem für die Liebe. Sie verschlüsselt in sich aber auch die Wandlung von Trauer und Schmerz hin zur Poesie.

Sie weist hinüber zu weiteren Themen im Umfeld von ‚Kunst‘ und ‚Künstlern‘, denen sich eine Reihe von Gedichten widmet. Den Zusammenhang zwischen dem Dichter, dessen ‚brennende‘ Schöpferkraft eine wahre Geschichte entstehen lässt, und seiner ergriffenen Zuhörerschaft stellt der Text „Hans Christian Andersen“ her. Er übermittelt aber auch die Botschaft, dass die damalige, innige Beziehung zwischen Künstler und Rezipienten im Raum der Gegenwart nicht mehr neu belebt werden kann.

Dennoch bleibt auch dort die Frage nach dem Verhältnis zwischen Künstler und einem möglichen Gegenüber, das seine Kunstwerke aufnimmt, gültig. ebenso wie die nach der Wirkung von Kunst an sich.

Ein sehr starkes Angerührtsein, in diesem Falle durch bildende Kunst, hat das lyrische Ich an sich selbst erfahren. Es zeigt sich bei einem Aufenthalt in „Giverny bei Monet“ überwältigt von den Bildern des Malers, die in ihrer Schönheit alles Negative in der Welt abzuweisen scheinen. Anderswo wird die Wirkungsfähigkeit von Kunst eher in Frage gestellt, wird neben dem ‚Wunderbaren‘, das sie repräsentiert, auch das de facto ‚Überflüssige‘, das ihr zu eignen scheint, benannt.

Weitere, im Umkreis der Dicht-Kunst angesiedelte Texte fragen wieder stärker dem Ursprung und Ablauf des schöpferischen Prozesses selbst nach. Das geschieht mehrfach durch einen Rückgriff auf die griechische Mythologie. Die neben dem Sänger Orpheus vorgestellten antiken Götter erscheinen in ihrer überlieferten Gestalt – und sind doch ‚heutig‘ umgedeutet. So steht vor allem Hermes für das Prinzip der Dichtung, welches Zusammenfügen des Widersprüchlichen, ‚Auslegen‘ des Vorgefundenen und ‚Finden des Unsichtbaren‘ ist. Anderswo wird er zur Inkarnation poetischer Leichtigkeit, denn: „nur mit der Fußspitze berührt er den Erdball“.

Die Frage, welcher Zusammenhang zwischen Schöpfertum und vergehender Zeit besteht, werfen mehrere Gedichte auf, und es erfolgt u. a. die Aussage, dass Lebenszeit eine solche des „Wund“- und Orientierungslos-Seins, aber auch „Erzählzeit“ sei. Im Gedicht lässt sich die Zeit ‚überlisten‘ und ins Zeitlose wandeln. Andernorts wird der unmittelbare Vorgang der Wortfindung beleuchtet; das Zögerlich-Vorläufige, Fragile, das ihn ausmacht, das die Unsicherheit oder Unergründlichkeit der eigenen Identität zutage fördern kann – doch auch Erhellendes, ja Erleuchtendes hervorbringt.

Texte, in denen das lyrische Ich über verschiedene Arten von Gedichten nachdenkt – und solche, die der Aussagefähigkeit der Sprache nachspüren oder die den Umgang mit dem Wort in der Spanne zwischen ‚Schweigen‘ und gedankenloser oder inflationärer Verwendung hinterfragen, bilden eine weitere thematische Gruppe.

Leidet die Dichterin unter Symptomen eines Sprachverfalls und verwendet sie selbst Worte behutsam und bewusst, so mitunter auch abweichend von ihrer sonst üblichen Bedeutung. Es wird beispielsweise der Begriff „illegal“ auf das Verhältnis des Menschen zur Erde übertragen, wobei letztere in dem ganzen Ausmaß ihrer Bedrohung charakterisiert wird. Die Zeitsituation als eine durch Krieg und Gewalt aufgeladene – das wird mehrfach angesprochen; etwa auch, wenn in die Schein-Idylle bunter Illustrierter entsprechende Nachrichten eindringen und die letzte Zeile des Gedichts „Warten beim Friseur“ lautet: „wann kommen wir dran“.

„Das Erinnern, die Kunst und das Träumen“, letzteres als friedliches Wachträumen, werden dem Angstauslösenden und Kriegerischen immer wieder alternativ entgegengesetzt. Ebenso ist einer weiteren, bislang nicht selbstverständlich erfolgten Annäherung zwischen ‚Ost‘ und ‚West‘, das Wort geredet.

Lassen sich in den meisten Gedichten Gegensatzpaare auffinden, die konstituiert und lyrisch durchgespielt werden, so zählen dazu außer den schon benannten weitere, darunter ‚Aufgeklärtheit‘ und ‚Glauben‘ bzw. ‚gedankliche Mündigkeit‘ und ‚kindliche Einfalt‘ sowie ‚Jungsein‘ und ‚Alter(n)‘, wobei sich letzteres in ein neues Jungsein wandelt, sofern dem veränderten Status Rechnung getragen wurde. Die Frage nach der Endlichkeit des Lebens stellt sich dennoch unabweisbar – und mit ihr die nach dem Wesentlichen bzw. Unwesentlichen innerhalb der Existenz eines Menschen.

Erschütternd sind die Gedichte, die von Sterben, Abschiednehmen, Trauerbewältigung und Totengedenken handeln. Dabei ruft sich die Dichterin vor allem den frühen Tod ihres Mannes ins Gedächtnis – doch auch das Sterben der Mutter. Die dichterische Sprache vollzieht Bewegungsabläufe nach, die in Stille und Dunkelheit münden.

Im Laufe des Trauerprozesses aber kehrt der oder die Verstorbene gleichsam zurück; ist anfangs noch zugegen in gespeicherten Worten und Sätzen, geäußerten Gedanken und Gefühlen, die abrufbar sind, dann auch in Bildern, Strukturen, Klängen der Umwelt – selbst im Tosen eines Sturms. Grundsätzlich überdauern die Verstorbenen in der Erinnerung – und eben im Gedicht. Eines thematisiert in variierender Wiederholung, dass „Mutters letztes Wort“ – „Tränen trocknen“ – selbst ein Gedicht gewesen sei.

Von einer Rückkehr der Trauernden ins Leben kündet eine Reihe von Texten, die von Kindern handeln; meist den eigenen bzw. den Enkelkindern – und einen Blick auf die Welt mit deren Augen zu werfen suchen, ihre gefühlsmäßige Unmittelbarkeit und Phantasie dankbar miterleben. Auch das Motiv „Liebe“ taucht in den späteren Gedichten des Bandes nochmals auf, wird verallgemeinernd, doch auch in Episoden, die Erfahrenes wiedergeben, dargestellt. Darin ist ausgesagt, dass ‚Liebe‘ wieder möglich wurde und wird, wenngleich in der charakteristischen Zwiespältigkeit („zweipolig“) oder vom Scheitern bedroht – was vereinzelt auf selbstironische, ja vertrackt-komische Weise ausgesagt ist. Auch für ‚Liebe‘ erscheint als der verlässlichste Ort ihres Bewahrens das Gedächtnis.

Resümierend bleibt festzuhalten: Mit ihrem Band „Blau ist mein Hut“ ist Therese Chromik eine intensive, ebenso durch Nachdenklichkeit geprägte wie von Emotionalität getragene, hochpoetische Erkundungsreise durch Zeit und Raum, Innenwelt des ‚Ichs‘, Überlieferung und Gegenwart gelungen, der man mit Genuss und Gewinn folgt – und die man auch anderen zur Lektüre empfehlen möchte.

Therese Chromik, Blau ist mein Hut: Gedichte
Band 1 von Takt&Metrik
Verlag Vorwerk 8, 2019
ISBN 978-3947238118
123 Seiten, 19,00 Euro

Das Poetische des Vergangenen – Ralph Grünebergers Herbstjahr

  • Veröffentlicht: 01.02.2020 · Zuletzt aktualisiert: 26.01.2020

Empfehlung des Monats · Februar 2020
von Marcus B. Richter


Der Roman Herbstjahr von Ralph Grüneberger schildert anhand einer Gruppe junger Leipziger zum einen den Beginn der friedlichen Revolution im Jahre 1989 in der damaligen DDR (einer der Protagonisten gerät in die ersten größeren Montagsdemos in Leipzig und beginnt, sich bei den Demonstrierenden zu engagieren, sein Freund nutzt die sich plötzlich aufgrund des bröckelnden eisernen Vorhangs ergebenden Fluchtmöglichkeiten und geht in den Westen), zum anderen – ein Jahr später – die Versuche der Protagonisten, mit den Folgen des totalen Umbruchs  ihrer  bisherigen Lebensverhältnisse zurechtzu- kommen.

Grüneberger gelingt es, in einfühlsamer Weise und mit viel Liebe zum Detail das Lebensgefühl und die Wirklichkeit von Menschen zu schildern, die sich buchstäblich von einem Tag auf den nächsten in einer anderen Welt wiederfinden und damit klarkommen müssen, was ihnen im Übrigen gut gelingt, da sich keiner von ihnen durch Rückschläge aus der Bahn werfen lässt. Die Protagonisten finden sich letztlich alle in Leipzig wieder,  und zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung – ein gutes Jahr nach Beginn der Handlung von Herbstjahr  –  scheinen alle nach diversen Schwierigkeiten und Rückschlägen auf einem guten Weg und in der neuen Welt angekommen zu sein. Leider endet die Geschichte dann – überraschend für die beiden Hauptfiguren des Romans – aber doch nicht so gut, wie es lange den Anschein hat. Hier haben wir wohl eine Metapher dafür, dass sich auch in der Realität des Landes nach der Wende nicht nur positive Entwicklungen vollzogen, sondern auch negative Kräfte freigesetzt wurden. Die Wirklichkeit erweist sich letztendlich als vielschichtiger, als sie zunächst nach den Umbrüchen und dem scheinbar  erfolgreichen Neubeginn erschien.

Für den Autor dieser Zeilen, der als „Wessie“ die damaligen Ereignisse zwar mit höchstem Interesse verfolgte und seinerzeit selbst von dem Wunsch nach einer Wiedervereinigung des Landes träumte, aber diese damals lediglich als außenstehender Beobachter verfolgen konnte, bietet das Buch faszinierende Einblicke in das Innenleben und die wirklichen Befindlichkeiten der Menschen, die damals den großen Umbruch mit ausschließlich friedlichen Mitteln zugleich erkämpft und „erlitten“ haben. Das Buch ist spannend geschrieben und sehr lesenswert.

Eine angehängte, ebenso detail- wie umfangreiche Chronologie der Jahre 1989 und 1990 bringt die damaligen Geschehnisse nochmal in Erinnerung und dürfte für jeden, der sich gern an die Ereignisse erinnert oder seine Erinnerungen daran auffrischen möchte, ebenfalls eine lohnende Lektüre sein.


Ralph Grüneberger, Herbstjahr. Roman
Gmeiner Verlag, September 2019
314 Seiten, 12 x 20 cm, Paperback
Buch 14,– € / E-Book 9,99 €*
ISBN 978-3-8392-2483-0

Gibt es denn etwas Wichtigeres? „Dichter an die Natur“ – DAS GEDICHT 27

Dichter an die Natur, DAS GEDICHT 27

Empfehlung des Monats · Januar 2020
von Franziska Röchter


Wir alle entstammen ihr. Größtenteils jedenfalls. Zumindest ursprünglich – nach diversen medizinischen Eingriffen, Wiederherstellungs- oder Optimierungsversuchen oder ästhetischen Modifizierungen vielleicht nicht mehr zu 100 Prozent. Und möglicherweise bis wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht nicht einmal mehr zur Hälfte. Aktuell aber ist es noch so, dass die „Natur“, die ursprüngliche Umgebung auf unserem Planeten, die schon vor uns und ohne menschliche Eingriffe einfach „da war“ und die notwendigen molekularischen Konstellationen zur Entwicklung pflanzlichen, tierischen und menschlichen Lebens bereit hielt und zur Verfügung stellte, dass also diese Natur unverzichtbar ist. Versuche, menschlichem Forschergeist entsprungen, die in der Natur vorfindbaren Parameter einfach nachzubauen und somit Natur zu kopieren, lassen Überlegungen entstehen, ob das dann überhaupt noch „Natur“ ist. Wo hört Natur auf, wo fängt Künstlichkeit an?

Zweifelsohne lässt sich festhalten: Wir brauchen sie, und zwar stärker als sie uns. Denn Natur existiert auch ohne die Spezies Mensch. Wir benötigen Luft zum Atmen, Wasser zum Überleben, zur Produktion von Nahrung, die Sonne wird ebenso benötigt wie nährstoffhaltiger Grund und Boden. Und das Schöne in der Natur inspiriert unseren Geist, unsere Seele. Man stelle sich ein dauerhaftes Leben ausschließlich zwischen Betonmauern vor, ohne Tageslicht, ohne Pflanzen und Bäume, mit künstlicher Ernährung in Form von Tabletten, die sämtliche benötigten Nährstoffe enthalten … Umso unverständlicher, dass gerade das „Animal rationale“ seine eigenen Lebensgrundlagen bei vollem Bewusstsein und wissentlich zerstört und ruiniert und vielen Dingen (z.B. materiellem Profit) höheren Stellenwert einzuräumen scheint als dem Erhalt der eigentlichen Lebensgrundlagen. Mir ist keine andere Art bekannt, die Gleiches tut. Wie würden Außerirdische dieses Verhalten beurteilen?

Da dem Themenkomplex „Natur“ die dringlichsten Fragen unserer Zeit zuzuordnen sind, wird eine aktuelle Anthologie über die Natur und unser extrem widersprüchliches Verhältnis zur selbigen inhaltlich zwangsläufig anders aufgestellt sein als beispielsweise noch vor rund 20 Jahren. Mit dem Besingen einer schönen Mondnacht, der freudigen Begrüßung des Frühlings, dem Festhalten eines außergewöhnliche schönen Sonnenuntergangs ist es einfach nicht mehr getan – zu brüchig, zu angeschlagen ist die Natur mittlerweile aufgrund drastischer menschlicher Missachtung ihrer Bedürfnisse. 

Die neue Ausgabe von DAS GEDICHT, herausgegeben von Christoph Leisten und Anton G. Leitner, verdeutlicht bereits anhand des plakativen schwarz-pinken Covers, welches ein comic-haftes, mit wenigen Strichen gezeichnetes Chamäleon zeigt, wie weit wir uns von der einstigen, ursprünglichen Natur entfernt haben. Und natürlich sollen auch Kinder und Jugendliche angesprochen werden, an die eine bedeutende Auswahl an Gedichten, sorgfältig von Uwe-Michael Gutzschhahn herausgefiltert, adressiert sind. Insgesamt ist diese Ausgabe so umfangreich wie nie zuvor: 177 Dichterinnen und Dichter haben für 5 Kapitel über die belebte und unbelebte Natur sowie zur Kinderlyrik beigetragen.

Jeder wird seine Vorlieben in dieser Anthologie finden. In ausgewogener Weise dominieren vielen schönen Beschreibungen naturhafter Phänomene zum Trotz gerade solche Texte, die mit besonders aktueller Relevanz eine Vielzahl an Störelementen innerhalb des Naturgefüges aufzeigen und verdeutlichen: der achtlos liegengelassene Abfall im Wald, der sich offenbar nicht selbst kompostiert, die Anhäufung von Atommüll im Meer, die Überlebenskämpfe der so wichtigen Bienen, das Ausbringen giftiger Düngemittel, der Artenschutz, die dramatische Dezimierung der Artenvielfalt durch Vernichtung von Lebensräumen, der existierende enorme Widerspruch, ja die Schizophrenie  im Hinblick auf Fleischproduktion und -gewinnung, die mangelnde Handlungsbereitschaft in der Politik unter dem Damoklesschwert der wankenden eigenen Vorteile, die mangelnde Empathie mit anderen Lebewesen … und … und … und …

Wolfgang Oppler bringt mit seinem Gedicht Erlebnisverdichtung am Berg auf den Punkt, wie durch „industrialisierten Massentourismus“  „Generatorbetriebene Sommerbeschneiungsanlagen / für gaudi-optimierte Erlebniswelten / bei 30 Grad im Schatten“ sorgen, „Fördergelder von EU, Staaten, Bundesländern“ inklusive. Wie gut, dass Frantz Wittkamp im Kinderlyrik-Teil den Kindern mit seinem Gedicht Am Waldrand ganz unmissverständlich vermittelt, dass es wirklich noch Gegenden gibt, in denen unbeschwerter Naturgenuss und echte Erlebniswelten bei freiem Eintritt und zum Nulltarif zu haben sind – denn wer weiß schon, wie lange noch?


DAS GEDICHT 27
Das Gedicht. Zeitschrift /Jahrbuch für Lyrik, Essay und Kritik / Dichter an die Natur
Herausgegeben von Christoph Leisten und Anton G. LeitnerTaschenbuch: 192 Seiten
Anton G. Leitner Verlag, Weßling, November 2019
Deutsch, ISBN-13: 978-3929433852, 15,00 €




Von null auf hundert: Till Rodheudts Debüt

Till Rodheudt, zwischen den beats, Reihe Poesie 21

  • Veröffentlicht: 01.08.2019 · Zuletzt aktualisiert: 26.07.2019

Empfehlung des Monats · August 2019
von Franziska Röchter

Nicht zufällig, so der Herausgeber Anton G. Leitner, habe der Band zwischen den beats von Till Rodheudt den Jubiläumsplatz 100 in der seit 2006 existierenden und lange etablierten Gedicht-Reihe Poesie 21 erhalten – deren Anliegen es ist, „bemerkenswerte zeitgenössische Gedichtbände und lyrische Debüts in deutscher Sprache“ zu präsentieren.  

Diese höchst sorgfältig unter dem gründlichen Auge des Verlegers und Herausgebers persönlich entstehenden Bände  bestechen durch einen hohen Wiedererkennungswert und ein seriöses und einheitliches Erscheinungsbild; trotz des sich über die Jahre längst vom ursprünglich schwarzen und roten Umschlag in Richtung Farbenvielfalt weiterentwickelten Covers und diverser kreativer Umschlagsgestaltungen reihen sämtliche bisher erschienenen aktuell 101 Titel ihre Autorinnen und Autoren in die Gedichtfamilie ein und stellen auch Debütanten – wie hier Till Rodheudt – in einen über das rein Dichterische hinausgehenden Zusammenhang in einer immer unüberschaubarer werdenden und manchmal auch undurchdringbaren lyrischen Welt. Kurzum: Die Reihe hat etwas Einendes, ist im sogenannten „Betrieb“ integrationsstiftend. Wer bei Poesie 21 verlegt wurde – und das wird gewiss nicht jeder – wird verortet, darf sich glücklich schätzen und schätzt sicher viele der Mitangehörigen in diesem Kreis lyrischer Verwandtschaft.

Was macht Till Rodheuts Gedichte besonders? Wovon schreibt der studierte Germanist und Philosoph, der 17 Jahre lang hauptberuflich nicht in der schöngeistigen, sondern ökonomischen Welt der „businessgebiete“ und „vertikaler marktgespräche“ agierte?


Einige der 5 Kapitelüberschriften (z.B. Wir flirten mit Gewehrmündungen, System oder Die Krieger sind abbestellt) lassen einen Daseinskampf des Individuums vermuten oder – Muscheln & Muscheln haben wir gesucht – deuten auf existentielle Sinnsuche in einem verschlüsselten Universum (… sprachverwirrt die anschauung / meiner nicht verstandenen / umlaufbahn  aus: die früchte ess ich). Rodheuts Texte oszillieren zwischen Innen und Außen, zwischen „funkelndem ipadglas“ und „blutbuchenschicksal“, zwischen geschlossenen Räumen und den Weiten des Universums,  zwischen „extrasolaren planeten“  und „gegenwartsschienen“, sie „verweilen im zungengrund“ und „stranden an der flussfront“,  wandern vom „zellschnee des lebens“ in „die zukunft“.

Die Gedichte wirken sehr kompakt, formell in modernen Blocksatz gefasst, manche treten nahezu quadratisch auf, als sollten die stringente Form und die umklammernden Enjambements das persönliche und lyrische Ausufern im endlosen Kosmos verhindern:



Diese „andere galaxie“ des Till Rodheudt lädt zum Durchqueren und Erforschen ein, zum Verlassen bekannter Räume, um herauszufinden, was sich „zwischen den beats“ befindet, nicht nur wegen des vom Herausgeber beschworenen „psychedelischen Flows“, sondern auch, weil die Entdeckung unbekannter Galaxien so schön den eigenen Standpunkt verändern kann.  


Till Rodheudt, zwischen den beats
Gedichte
80 Seiten, Broschur, EUR 12,80
[D]Deiningen 2019, Verlag Steinmeier
ISBN 978-3-943599-67-1
www.Poesie21.de




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Die Gesellschaft für
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ist seit 1995 Mitglied in der
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Arbeitsgemeinschaft
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