Charles Bukowski On Cats

Charles Bukowski, On Cats, Canongate

  • Veröffentlicht: 01.06.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.06.2019

Empfehlung des Monats · Juni 2019
von Philipp Röchter

Foto: privat

Der Name des in Deutschland geborenen amerikanischen Schriftstellers und Dichters Charles Bukowski (1920-1994) dürfte bei vielen Leuten ganz bestimmte Assoziationen hervorrufen: Schnell wird das Bild eines misanthropischen Alkoholikers und selbsternannten Gossenpoeten gezeichnet, der sein Leben und literarisches Schaffen dem Schreiben über gescheiterte Schicksale, die Schlechtigkeit des Menschen, die seelenzerfressende Tretmühle des Lohnsklavendaseins und überhaupt die Sinnlosigkeit und Absurdität der menschlichen Existenz im Hamsterrad eines gegen ihn und die Natur, also gegen das Leben an sich  gerichteten Systems widmete. Das alles begleitet vom über allem stehenden Dauersuff, dem häufig letzten Zufluchtsort der Protagonisten aus Bukowskis Erzählungen von gebrochenen, aber ungebeugten Lebensgeschichten voller Elend und Leidenschaft, Tod und Sehnsucht: eine Art latent dauerhafte Todessehnsucht gepaart mit einem unlöschbaren Durst nach Leben – und nach Hochprozentigem, um bei dem ganzen Wahnsinn das Gleichgewicht nicht ganz zu verlieren.

Charles Bukowski, with special thanks to Jamie Norman, Canongate, Edinburgh

Nicht wenige „Zeitgeistgeschädigte“ würden Bukowski gerade in heutigen Zeiten der als Menschenfreundlichkeit und „Zivilcourage“ getarnten zunehmenden Gesinnungsdiktatur und Unterdrückung der freien Meinung und des freien Wortes „Gedankenverbrechen“ wie Frauenfeindlichkeit, Sexismus, Rassismus etc. unterstellen. Diese zu reinen Totschlagkeulen und zum Abwürgen jeglicher non-konformistischen, nicht „politisch korrekten“ Meinungsäußerung verkommenen Worthülsen würden dem alten Herrn wahrscheinlich entspannt an der Quelle seines Fäkalhumors vorbeigehen (siehe seine zahlreichen „beer shit“-Referenzen). Es wurde auch über Bukowskis angebliches Liebäugeln mit dem Nationalsozialismus spekuliert (ähnlich wie bei Céline, einem seiner literarischen Idole und Vorbilder), was daher rührt, dass er als angehender und ziemlich bald scheiternder (weil scheitern wollender?) College-Student während der Kriegsjahre nicht in das antideutsche Horn der Mehrheit seiner Kommilitonen blies und sich durch als provozierend empfundene und mehrheitsuntaugliche Äußerungen gerne selbst ins (soziale) Abseits stellte (siehe z.B. hier: https://bukowskiforum.com/threads/was-he-really-a-nazi.17/ ).

Diese bewusste oder unbewusste Selbstsabotage ist überhaupt ein interessanter Aspekt vieler kreativ Begabter, selbiges Phänomen zieht sich auch wie ein roter Faden durch das Leben z.B. eines Townes Van Zandt. Ein meines Erachtens nach sehr sehenswerter Buchrezensent beschrieb die jungen und düsteren Jahre Bukowskis einmal als das Dasein eines Taugenichts erster Klasse (siehe hier: https://www.youtube.com/watch?v=OvHLrBzIFvo ). Wie dem auch sei, meiner Meinung nach wird bei genauerer Beschäftigung mit Bukowski klar, dass er wohl kein überzeugter Anhänger dieser oder jener Weltanschauung gewesen war – in seiner politischen Bezugnahme deckte er lediglich regelmäßig die Widersprüche und Inkonsistenzen sowie die Heucheleien und Lächerlichkeiten einzelner Akteure oder Bewegungen sowie strukturelle Fehler auf, letztlich immer auch ein Verweis auf die Absurditäten des kollektiven gesellschaftlichen Affentheaters und auf die Tragikomödie, die ein einzelnes Menschenleben häufig darstellt.

Einen nicht unerheblichen Anteil an dem öffentlichen Bild Bukowskis hat er sich sicherlich selbst zu verdanken, sei es durch Ausschmückungen des eigenen Werdegangs zum Antihelden bis hin zur Mystifizierung („The 10 Year Drunk“) oder durch öffentliche Lesungen und Auftritte, bei denen die enormen Mengen Alkohol, die er in sich hineinschüttete, ziemlich wirkungslos blieben (zu finden im Netz, siehe z.B. Youtube). Dass es auch eine andere Seite des Menschen Charles Bukowski gab, eine nachdenkliche bis stark depressive, eine zärtliche, empfindsame und sehnsüchtige, ist eigentlich hinreichend bekannt und belegt, wenn man sich die Mühe macht, über den Tellerrand der Fassade hinauszublicken. Trotzdem bleibt diese Seite viel zu oft unerwähnt. Dies wird in dem 2015 erschienenen Kurzgeschichten- und Lyriksammelband „Charles Bukowski On Cats“ einmal mehr deutlich. Dieses Werk zeigt auf 118 Seiten interessante Einblicke in Hanks Beziehung zu seinen Lieblingstieren und lebenslangen Lehrern – wie gewohnt mit der für ihn typischen Mischung aus teils tiefer Traurigkeit und selbstironischem Galgenhumor.

Die deutsche Ausgabe bei Kiepenheuer&Witsch, 2018

Das Buch ist für Bukowski-Interessierte, egal ob Einsteiger oder Fan, einen Blick wert, da es größtenteils bis dato unveröffentlichtes Material bietet. Besonders hervorzuheben sind aus meiner Sicht die Texte „when everything seems like suicide finality“ und „Manx“ – in beiden geht es um das Durchhalten und Kämpfen, während alles um einen herum schwarz und endgültig sinnlos erscheint. Katzen als Suizidprävention bzw. Lebensretter? Bukowski jedenfalls schien darauf geschworen zu haben. Überhaupt wird seine Bewunderung für diese intelligenten, eleganten, ausdauernden und dem Menschen sinngebenden Tiere in den Texten immer wieder deutlich. Der geneigte Leser dürfte das so ähnlich empfinden, da sich wohl kaum weder ein Bukowski- noch ein Katzenhasser die Sammlung zulegen wird. Hier wird auch die elementare und übersinnliche (göttliche?) Verbindung zwischen dem Schriftsteller und diesen kaum zu ergründenden Wesen deutlich: Beide (Buk-Texte und Katzen) können etwas Magisches und Lebensrettendes ausstrahlen, was auch einer der Gründe dafür sein dürfte, weshalb sie sich einer fortwährenden Beliebtheit unter vielen Menschen erfreuen.

Charles Bukowski On Cats – erschienen bei Canongate Books Ltd.; Auflage: Main (4. August 2016), 118 Seiten – ISBN: 978 1 78211 727 8

In deutscher Übersetzung erschienen bei:
Verlag: KiWi-Taschenbuch (7. September 2018) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3462051326 ISBN-13: 978-3462051322, Seiten, Originaltitel: On Cats

Mein Herz auf deiner Zunge

Fritz Deppert, Rückrufe. Gedichte

  • Veröffentlicht: 03.05.2019 · Zuletzt aktualisiert: 03.05.2019

Empfehlung des Monats · Mai 2019
von Rolf Birkholz

Foto: M. Gans

Sie kommen einander ganz nahe. Und doch bleibt natürlich diese gewisse Distanz zwischen Liebenden. „Bist du es noch / oder ist es schon die Nacht, die sich, / den Platz mit dir tauschend, / zu mir gelegt hat?“ So fragt das lyrische Ich in „Nachtinventar“, einem Gedicht in Fritz Depperts neuem Band „Rückrufe“. Ein Abstand bleibt, sonst wäre es keine Liebe, allenfalls Selbstliebe. Diesen immer wieder neu zu vermessen, zu erfassen, ihn für Momente emotional zu überwinden, gehört zum Beziehungsleben.

   Sich damit zu beschäftigen, zählt wiederum zu den Schreibanreizen des Dichters. 1932 geboren, hat der Darmstädter die Liebe zu seiner Frau über die Jahre häufig in Versen beschrieben. Eine Auswahl dieser zwischen 1967 und 2016 unter anderem in den Bänden „Mit Haut und Haar“, „Gegengewichte“, „Regenbögen zum Hausgebrauch“ oder „Das Schweigen der Blätter“ erschienenen Gedichte bildet den ersten Teil der „Rückrufe“.

   Hier, „Mit Haut und Haar“ betitelt, nähert sich der ehemalige Lektor und Juror des „Literarischen März“ in seinen oft einstrophigen, ungereimten, auf Wortgeklingel verzichtenden Gedichten, deren äußere Nüchternheit in Spannung steht zur inhaltlichen Gefühlsaufladung, dem Verhältnis zu seinem poetischen Objekt unter immer neuen Aspekten. Mal sieht er es märchenhaft verspielt, mal, räumlich getrennt, bei Entzugserscheinungen: „Regen fällt vergeblich, / wenn ich dir nicht sage, / es regnet“.

   „Meine Jacke hängt / an deinem Kleiderhaken“, steht genauso für vertraute Zweisamkeit wie die nächtliche Beobachtung „mein Schatten hat / die Umrisse deiner Gestalt“. Wenn sie ihn auffordert, ein Gedicht zu verfassen, schreibt er auch schon mal eines „aus der Hüfte“ wie Westernhelden schießen. Wiederholt liegt den beiden das Herz auf der Zunge. Doch anders als in der Redensart führt hier jeder das des anderen im Mund.

   „Mein Herz nahmst du mit“, heißt es deshalb im zweiten, „Klagelieder“ betitelten Teil des Buches. Bei so viel Nähe muss der Verlust groß sein, wenn die Partnerin stirbt. Das bezeugen diese seit 2017 entstandenen Gedichte. So wie einst die Nacht und ihre Nähe verschwimmen konnten ist sie nun des Nachts im Geist ganz da. Das gemeinsame Jahreszeitenzählen muss jetzt entfallen: „Ich bereite mich darauf vor, / ins Exil zu gehen hinter / Rollläden und Vorhängen / und zu warten auf / den nächsten Winter.“

   Nach einem schmerzlichen Jahr, „die Tränenkrüge sind randvoll“, hat der Autor beim Blick in den Garten auch erfahren: „Trauer bleibt / beim Anblick der Blüten / wird sie zärtlicher.“ Er begibt sich auf Spurensuche an gemeinsam bereiste Orte. Er würde sogar wie der sagenhafte Orpheus seine Eurydike aus dem Hades holen, aber „Mit den Göttern Griechenlands / hat Hades sich aufgelöst, / Unterweltflüsse / sind ausgetrocknet.“ Schließlich: „Trauer wird Melancholie.“ Nie weinerlich schreibt Fritz Deppert so über den Ernstfall der Liebe, dass der Leser teilnimmt und sich angesprochen fühlt.      Rolf Birkholz

Fritz Deppert
Fritz Deppert, Rückrufe. Gedichte

♦Fritz Deppert: Rückrufe. Gedichte. 100 Seiten. chiliverlag, Verl 2019. € 10,90.

Frank Nortens „Lyrik von Wucht“

Frank Norten, Die nicht mischbaren Farben der Freiheit

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 03.05.2019
Empfehlung des Monats · April 2019
von Franziska Röchter

Aus dem Liederbuch für Knirscher lautet das erste Kapitel in Frank Nortens neuem Lyrikband Die nicht mischbaren Farben der Freiheit. In der World of Warcraft ist Knirscher ein „Kampfhaustier“. Die freie Pokémon-Enzyklopädie PokéWiki sagt: „ Knirscher verursacht Schaden …“ Und es gibt noch die stressgeplagten, vor allem nächtlichen Zähneknirscher, die durch Entspannungsübungen wieder klar kommen sollen.

Im ersten Gedicht des Bandes, Auf Dauer blind, endet die Welt der Harmoniesüchtigen gewöhnlich an der kannibalistischen Nachbarinsel. Ob wir, ohne mit der „Geduld der Tiere“ ausgestattet zu sein, überhaupt auf diese Erde gehören, fragt das Lyrische Ich – implizierend, dass doch auch wir dieser Spezies angehören, aber eher blind sind, da täuschungswillig.

Auch das zweite Gedicht, Ich bin eine Zikade, stimmt nicht unbedingt optimistisch, schreibt sich das Lyrische Ich hier doch allerlei Eigenschaften und Umstände zu, die nicht gerade darauf hindeuten, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sein könnte:  zwar „verwöhnt“ und aus „gutem Haus“, aber eben auch „lasterhaft“, ein „Trinker“, „Müßiggänger“, „Nichtsnutz“, ein „Bombenbastler“, „Kinderschänder“, die „Monotonie des Lebens“. Die Zikade, Tarnungsspezialist und Pflanzenaussauger, ist im wahrsten Sinne des Wortes „sprunghaft“, rund 350.000 verschiedene Arten soll es geben, was rund ein Viertel aller Organismen ausmacht.

Frank Norten schreibt vom „Traum eines lächerlichen Menschen“ (Am Swimmingpool), über den – schwindenden – Glauben an „Gott“ (hier: „die Unversehrbarkeit der Seele“), über „Trümmer in den Augen“, über „Hirnfunktionen am Mittag“, den „gewöhnlichen Irrsinn“, über die Düsterkeit des Vergänglichen.  Das vom Leben „unbeeindruckbar“ gewordene Individuum, desillusioniert und immer wieder zur Flasche greifend, entspricht einer Sicht auf den Menschen, die – und hier kommt Frank Nortens persönliche Geschichte ins Spiel – sicher auch vom Berufsweg des Autors geprägt wurde, der an der Berliner Charité  Medizin studierte, nach Ablegen der Facharztprüfung für Neurologie und Psychiatrie eine Doktorarbeit über den Suizid bei Schizophrenen schrieb und lange Jahre als Arzt in einer psychiatrischen Institutsambulanz arbeitete.

Im zweiten Kapitel (Im Norden soll eine Sonne leuchten, die nicht verbrennt) verschärft sich Nortens den Leser in seine Weltsicht ziehender Ton weiter. Von Prostitution, Methadon und  Krieg handeln die Texte, vom Judentum, Auschwitz, vom Sinn des Lebens, von Flucht und Krieg, sehr frei geschrieben, um dann wieder (wie in Kyrie Eleison) in einen anderen, reimgeprägten Duktus überzuspringen:

Ich war Schilf.

Ich war ein Molekül in Meteorgestein.
Ich musste Ratte sein.

Von dort der Mensch.

Die Sonne sticht schon lange auf mich ein.

Frank Nortens Gedichte sind apokalyptisch (Die nächste Welt), beinflusst von „Jakobs Weltende“ von Jakob van Hoddis, expressionistisch bis surrealistisch, nie belanglos.

„Selten habe ich als Lektor und Verleger Lyrik von solch einer Wucht vorgelegt bekommen.“,  kündigt Michael Fischer, Verleger und Lektor der dahlemer verlagsanstalt, Nortens Lesung auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse an.
Prof. Leszek Szaruga, polnischer Dichter und Literaturwissenschaftler, spricht in einem Vorwort zu einer Ausgabe eines Gedichtband in Polen von einer „katastrophalen Tonart der Gedichte Nortens“, Charles Dobzynski in Aujourd´hui Poème, Paris 2007, vom Risiko Nortens, „scheinbar frech oder unangemessen aufzutreten“.  Möglicherweise Resultat einer jahrzehntelangen Berufstätigkeit in einem Milieu fernab sogenannter Normen und durchschnittlicher Maßstäbe. In keinem Fall langweilig.

Auf dem Cover ist der Rheinturm in Düsseldorf abgebildet, im Vordergrund eine Affenskulptur aus der mittlerweile geschlossenen Strandbar und Kult-Insel Monkey‘s Island im Düsseldorfer Medienhafen.

 „Ich habe die Vögel immer noch.

Der Hund ist gestorben.

Du und ich haben Tiere immer gemocht.“,

heißt es im Gedicht Dein Schlaf, Tochter, dessen zentraler Punkt den Leser genauso betroffen macht wie Der Esser an Deinem Tisch oder Mond heißt. Frank Norten seziert Leben, Lebensentwicklungen, Daseinszustände, Bewusstseinszustände, das Absurde, die vorbeigehenden Zeit. Er hält den Lesenden mitunter einen Spiegel vor, in dem sie ausschließlich sich selbst erkennen (Der Spiegel im Bad).

Das Lyrische Ich dokumentiert den eigenen Verfall („Was sind wir geworden?

Nur ein Heer von Trinkern.“in: Ginge es nach mir), der(„Fast alles geschieht ohne mein Zutun.“in: ebd.) für einen immerwährenden (da gedankenbefreiten) Sommer gehalten wird (Gedicht vom Trinken, Alkohol auf Erden), weil das Individuum die Anpassung an die Realität versäumt hat. Erst im letzten Gedicht (Lassen wir es darauf ankommen) ist es bereit, seine Fußsohlen den Bodenverhältnissen entsprechend (glatter Marmor) aufzurauen.

Frank Nortens Gedichte sind Ausdruck eines Suchenden in der Wirrnis einer hochkomplexen Zeit. „Alle wollen leben. / Alle haben ihren eigenen Wahn. / Redet zu uns!“ Die politischen Implikationen – nicht nur im Kapitel Das amerikanische Kreuz –sind mehr als unüberhörbar.

Frank Norten, Die nicht mischbaren Farben der Freiheit
Gedichte
dahlemer verlagsanstalt
ISBN 978-3-928832-81-6
März 2019



Poesiehäppchen, Gedankensplitter, Geistesblitz – Michael Augustin, Meister der Miniatur

Michael Augustin, Der stärkste Mann der Welt

  • Veröffentlicht: 01.03.2019 · Zuletzt aktualisiert: 28.02.2019
Empfehlung des Monats · März 2019
von Franziska Röchter

Eigentlich müsste man schon wieder einen ganz anderen Band von Michael Augustin empfehlen, ist der Liebhaber von Miniaturen und poetischen Kurzformen im Ausmaß und Umfang seiner Produktivität doch so ganz und gar nicht minimalistisch. Der stärkste Mann der Welt, der beim Einschlafen so gar nicht auf sein Kuscheltier verzichten kann, will jedoch erforscht werden und drängt aufgrund seines lausbubenhaften Titelcharmes in literaturkritischer Hinsicht möglicherweise extensivere Arbeiten wie „Duet of Hopes Nozomi no Nijuso (Japanese Edition, zusammen mit Maki Starfield und Sujata Bhatt, Übersetzer) zunächst in den Hintergrund.

Das titelgebende Gedicht erinnert an Pippi Langstrumpf, an das stärkste Mädchen der Welt, das ganze Pferde tragen kann und zwischen Kirchturmspitzen den Dorfplatz in luftiger Höhe per Seiltanz überquert, es auch mit Verbrechern aufnimmt und in die Südsee sticht, aber nachts allein am Fenster zum Himmel spricht: „Liebe kleine Krummelus, niemals will ich werden gruß.“

Michael Augustins mit „spitzer Feder“ geschriebenen Gedichte, Aphorismen, Gedankensplitter und Minaturen (Verlagsbeschreibung) werden mit 12 ironischen Collagen des Autors illustriert. (Hat nicht Pippi Langstrumpf auch alles selbst gemacht: vom Eierpfannkuchen zur Haarmaske mit rohem Ei bis zu den selbstgebastelten Schrubberschuhen für die Dielenreinigung fiel ihr ständig etwas Neues ein …) Michael Augustin kombiniert die – möglicherweise per Holzstich geschaffenen honorigen Köpfe überaus ordensdekorierter, meist (schnauz)bärtiger und ernst dreinblickender Personen, zumeist Männer, mit Insekten und Meeresgetier als Kopfschmuck – oder Hirnräuber –, was recht albern aussieht, wenn zum Beispiel ein Tintenfisch die Sicht verhindert oder die filigranen Flügel einer überdimensionierten Stubenfliege die Glatze verdecken.

Worüber aber schreibt der Autor, der stellenweise Rätsel aufgibt – so zum Beispiel über die gewichtsrelevanten Schnittmengen zwischen Vergangenheit und Zukunft – und über das Ich und die Anderen sinniert oder über die Analogie zwischen Liebe und einer fleischfressenden Pflanze? Ganz ohne das runde Leder (Strafstoß, Unser Torwart, Was der Ball sagt) geht es bei ihm nicht. Im Kapitel Klamottengedichte wird alles unter die Lupe genommen, was den Menschen zieren und als Attribut dienen kann: von den Socken bis zur Fernsichtbrille, vom Handy bis zum Ohrenstöpsel gibt es fast nichts, das nicht Michael Augustins Spaß an Bedeutungsübertragungen, sprachlichen Spielereien und interessanten Betrachtungen hervorruft.

Aber es gibt auch Gedichte, bei denen das Schmunzeln abgewürgt wird: Vor dem Gewandhaus ist so eines, das uns daran erinnert, dass bei aller Situationskomik oder auch Tragikomik die Vergangenheit, hier Leipzigs, eben auch überschattet wurde. Doch Michael Augustin weiß auch hier mit seinem grotesk-absurden Humor die Dramatik  mit einer spielerischen Leichtigkeit zu entschärfen.

Für wen sind diese Bände – es gibt schon einige dieser Art von Michael Augustin in der Edition Temmen (z. B. Denkmal für Baby Schiller) besonders geeignet? Nun, für Vielreisende, für Zeitarme, für Nachtleser, für Multitasker, für Gestresste, für Witzbolde, für Humorvolle, vor allem aber für Fans von Michael Augustin (u. a. Festival Director von Poetry on the Road, Literatur-Festivalbereicherer all-over-the-world, jahrelanger Lyrik-feature-Readakteur bei Radio Bremen).

Michael Augustin, Der stärkste Mann der Welt
Michael Augustin, Foto Jenny Augustin


Michael Augustin, Der stärkste Mann der Welt
Miniaturen und Gedichte
Edition Temmen, September 2018
ISBN 978-3837870480, 148 Seiten
9,90 €



Über die Zuwendung der Welt – Andreas Andrej Peters neuer Gedichtband Rum & Ähre

Andreas Andrej Peters, Rum & Ähre, Gedichte

  • Veröffentlicht: 01.02.2019 · Zuletzt aktualisiert: 20.02.2019

Empfehlung des Monats · Februar 2019
von Michel Ackermann

Vielleicht kann Lyrik uns das geben: eine sprachliche Zuwendung und Trost dort, wo sich Infotainment, Gossip und unbestellte Welterklärung letztlich im wortreich-bildhaften Luxus aufgenötigter Sprachlichkeit von uns abwendet, ja, uns gar gedemütigt und verletzt hinterlässt. Und wo sich eine häufige Desillusionierung von Politik und ihren Religionen letztlich ebenso von uns abwendet – weil wir als Einzelwesen nun mal nicht wichtig genug sind, ersetzbar und selbst als “very important person“ nicht in tieferem Sinnbezug von systemischem Interesse.


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Dieser eine Tag, der Abend der Lyriklesung

  • Veröffentlicht: 01.01.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.01.2019
Empfehlung des Monats · Januar 2019
von Ralph Grüneberger

Als am 6. Dezember 2018 im neuen Saal der Gemeinde Knauthain der gemeinsam vom Förderverein Elsterstausee und Pro Leipzig herausgegebene opulente Foto-Text-Band „Der Leipziger Elsterstausee. Vom Anfang bis zu seinem Ende“ vorgestellt wurde, mussten vom Eingang aus Stühle weitergereicht werden, damit alle Interessierten Platz fanden. Das Bild erinnerte an die Kette derer, die 2002 Eimer gefüllt mit Elsterwasser weitergaben, um das Verlanden des Stausees aufzuhalten.
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Last Minute Weihnachtsempfehlung: CD Luxusnacht verwebt Rilke mit Eigenem

Eisvogel: Luxusnacht (CD)

  • Veröffentlicht: 16.12.2018 · Zuletzt aktualisiert: 16.12.2018

Empfehlung des Monats · Dezember 2018
Weihnachtsempfehlung von Jule Weinrot

 

„Mich hat nie interessiert, was für andere gültig ist.“

Schon dieser Satz – Auszug einer Projektbeschreibung – reicht aus, um die Sängerin der vorgestellten CD für sich einnehmen zu lassen. Wer Maja „Mayjia“ Gille bislang vorrangig als Lyrikerin, Rezitatorin und einfühlsame Moderatorin literarischer Veranstaltungen kennengelernt hat, dem wird die besondere Stimme der vielseitigen Künstlerin nicht entgangen sein. So nimmt es kaum Wunder, dass die Dame auch musikalisch unterwegs ist und über allem hinaus auch über eindrucksvolle gesangliche Qualitäten verfügt.

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Last Minute Weihnachtsempfehlung: Poetische Mutmacher-Märchen für Sinnsucher

Grit Kurth / Roswitha Geppert, Der furchtsame Schmetterling

  • Veröffentlicht: 15.12.2018 · Zuletzt aktualisiert: 15.12.2018

Empfehlung des Monats · Dezember 2018
Weihnachtsempfehlung von Jule Weinrot

 

Buchformat Cover und Titel dieses außergewöhnlichen Märchenbuches der Leipziger Autorin Grit Kurth lassen auf den ersten Blick ein Kinderbuch vermuten. Denn „Mutmacher-Märchen“ sind natürlich für viele Kinder, denen ihre Ängstlichkeit, ihre Schüchternheit oder mangelndes Selbstvertrauen täglich Steine in den Weg legen, gut geeignet und wichtig. Beschäftigt man sich jedoch näher mit Grit Kurth und „Der furchtsame Schmetterling“, wird schnell offensichtlich, dass die Intention dieses durchaus in Wort und Bild poetisch anmutenden Werkes viel weitreichender ist.


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Last Minute Weihnachtsempfehlung: DAS GEDICHT 26 – Ewigkeitswährung Lyrik

Doppelcover Der poetische Dreh / Wendepunkte, DAS GEDICHT 26

Empfehlung des Monats · Dezember 2018
Weihnachtsempfehlung von Jule Weinrot

Jedes Jahr wieder fragt sich die Gemeinschaft der DAS GEDICHT-Anhänger aufs Neue, womit Anton G. Leitner wohl diesmal überraschen wird. Hat er sich doch mit Melanie Arzenheimer, erste weibliche Spitze in der Präsidiumsliga der legendären Literatenvereinigung Münchner Turmschreiber und 2009 allererste Preisträgerin des mittlerweile zum Lyrikstier umbenannten publikumsträchtigen Spoken-Word-Lyrikwettbewerbs Hochstadter Stier, erstmalig eine Frau als Mitherausgeberin an Bord geholt,


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Verschlüsselung – Metamorphosen – Erinnerung: Beate Weston-Weidemanns „Partitur der leisen Geräusche“

Beate Weston-Weidemann: Partitur der leisen Geräusche, Gedichte

  • Veröffentlicht: 01.12.2018 · Zuletzt aktualisiert: 04.12.2018

Empfehlung des Monats · Dezember 2018
von Marianne Beese

 

 

 

 

 

Ein erster, flüchtiger Blick in den neuen Lyrikband von Beate Weston-Weidemann legt den Eindruck nahe, dass ihre Gedichte einfach, konkret und auf alltägliche Situationen Bezug nehmend, einherkommen. Dieser Eindruck aber verliert sich schnell und es wird vielmehr deutlich, dass sie Entschlüsselung erfordern oder, anders ausgedrückt, Vexierbildern gleichen, in denen das sprechende ‚Ich‘ oft erst gesucht werden muss.
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