Die neue allmende: Zeitenwende

Empfehlung des Monats · März 2021
von Franziska Röchter

Die allmende – Zeitschrift für Literatur erschien erstmals 1981. Ursprünglich wurde sie von einer Gruppe süddeutscher Schriftsteller und Kulturschaffender gegründet, von denen etliche – u.a. Martin Walser, Adolf Muschg und André Weckmann – später auch Mitherausgeber waren.

Interessant ist die Bezeichnung dieser zweimal pro Jahr erscheinenden Zeitschrift. „Der alte deutsche Rechtsbegriff Allmende bezeichnet ein Gemeinde-Eigentum, dessen Nutzung allen Mitgliedern einer Gemeinde zur Verfügung steht.“ (s. Wikipedia) Der ursprüngliche Anspruch war, „in allen literarischen, essayistischen und dokumentarischen Formen und Genres einen exemplarischen Dialog über Vergangenheit und Gegenwart der allemannischen Region“ aufzunehmen (s. ebd). Die Herausgeber wollten grenzüberschreitend Begriffe wie „Weite und Nähe, Heimat und Fremde“ sich gegenseitig durchdringen lassen, die Zeitschrift wurde als „Kritische Heimatkunde“ bewertet.
Seit Ende der Achtzigerjahre fokussiert sich die allmende auf Themenschwerpunkte von überwiegend allgemein-gesellschaftlichem und kulturellem Interesse: Kulturpolitik in der Krise (48/49, 1996), Lyrik (70/71, 2001), Junge Autoren (75, 2005), ars poetica (78, 2006), Heimat (83, 2009), Liebe, Lust und Leidenschaft (86, 2010), Gedichte (89, 2012), Berlin (92, 2013), Krise der Männlichkeit (93, 2014), Neuer Antisemitismus (98, 2016), Neuer Feminismus (104, 2019) sind nur einige der Themen, derer sich die allmende annahm und annimmt (s. www.allmende-online.de).

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der allmende (100 Ausgaben in 36 Jahren) im Januar 2018 gestanden Herausgeber Hansgeorg Schmidt-Bergmann und Redakteur Matthias Walz in einem Interview mit den Karlsruhe News, die allmende verstehe sich von der Gründung an als eine Literaturzeitschrift im politischen Kontext, die als grenzüberschreitendes Periodikum der gesamten deutschsprachigen Literatur und gerade auch der jüngeren Generation ein Forum bieten wolle.

Dass sich sie aktuelle Ausgabe Zeitenwende dem Umgang mit der weltbeherrschenden Corona-Pandemie annimmt, mutet somit nicht verwunderlich an. Dem Editorial vorangestellt ist ein Zitat aus dem Vorgängerheft Die Welt neu denken. Vom Anthropozän zum Novozän? (105, 2020), das der Medienwissenschaftler und Künstler Peter Weibel als Vermutung / Behauptung in den Raum stellt: Sinn und Zweck des Virus sei es, uns „mit aller Macht in das digitale Zeitalter zu schieben“. Bereits hier, ganz eingangs, kommen dem einen oder anderen Leser sicher noch weitere aus der Pandemie hervorgehende plausible side effects in den Sinn. Vom lediglichen Beschleunigen sich eh schon in Gang befindender gesellschaftlicher Entwicklungen und Prozesse durch das Virus ist weiter die Rede (Michel Houellebecq), von den verheerenden sozialen, ökonomischen und rechtsstaatlichen Folge. Ging es in Ausgabe 105 (Die Welt neu denken) noch um die ersten Erfahrungen mit der Pandemie, so widmet sich die Ausgabe Zeitenwende den Auswirkungen auf die Zukunft, den Folgen, Ängsten und Perspektiven. Das Gute daran ist, dass dieses uns seit über einem Jahr aus sämtlichen Kanälen zuflutende Thema hier in einer literarischen Bandbreite und Formenvielfalt daherkommt – kann man sich doch kaum an ein Thema erinnern, welches in so allumfassender Ausschließlichkeit und mit so viel Nachdruck für unsere Beschäftigung mit demselben sorgte und wahrscheinlich noch sorgen wird.

In „Tischgespräche zur Gegenwart“ tauschen sich Vea Kaiser, Ursula Poznanski, Clemens Berger und Marc Elsberg über erlebte Ausnahmesituationen  innerhalb der aktuellen „Krise“ aus und darüber, wie die Realität die beste Fiktion einholt. Wie sich ursprünglich als positive empfundene Effekte der Pandemie – z.B. Zeitersparnis – durch den ständigen Zwang zur Informationsbeschaffung doch schnell wieder aufheben. „Die richtig guten Romanplots sind die von den Verschwörungstheorien“, meint Ursula Poznanski, während Marc Elsberg sich zum Beispiel die Frage stellt, ob diese „Krise“ etwas mit der Literatur macht und wenn ja, was – hält er doch die Literatur für „ein aussterbendes Ding“.

Bernhard Pörksen (Germanistik, Journalistik, Biologie) schreibt in seinem Essay „Zivilisationstest“ über die durch eigene und unmittelbare Angstreflexe hervorgerufene transformative Wirkung der Corona-Krise. Hier gehe es eben nicht nur um eine Gefahr für Andere, für den Nächsten, für die Spezies allgemein, sondern jeder Einzelne sei selbst unmittelbar betroffen oder könne getroffen werden. Pörksen stellt die Frage, ob es der Menschheit gelingen könne, sich unabhängig von der aktuellen realen Gefahrensituation so weit zu entwickeln und ihr Vorstellungsvermögen so weit zu schulen, dass sie im Hinblick auf zukünftige Gefahren jetzt schon Konsequenzen oder folgerichtiges Verhalten ableiten könne und wie wir darüber hinaus zukünftig leben wollen.  

Insa Wilke, freiberufliche Literaturkritikerin und Moderatorin, glaubt nicht, dass ein neues „Genre“ Corona-Literatur entstehen werde, da der für die meisten gleichermaßen un-/spektakuläre Stoff keine aufregende Lektüre produzieren werde – sie verweist auf die Intelligenz und den Humor einer Marlene Streeruwitz und auf ihr persönlich als Zeitenwende empfundenes Jahr 1989 (Insa Wilke, „5 Fragen – 5 Antworten“, eine Rubrik, die ebenfalls in dieser Ausgabe von Nadja Küchenmeister, Philipp Staab, Peter Stamm, Eva Menasse, Simon Strauß, Andreas Rödder und Peter Schneider bespielt wird).

Zwischen den eher sachlich fokussierten Beiträgen findet sich eingestreute Lyrik von Jan Wagner („de vita caroli quarti“) und Ulrike Draesner (wunderbar beginnend mit: „vermooste hose: wie wir nun ranzen“), Martin Walser, Nadja Küchenmeister und Lutz Seiler,  dazwischen ein Corona-Tagebuch (40 Tage) von Lena Gorelik und eines von Peter Stamm. Neugierig macht ein Auszug / Vorabdruck aus Eva Menasses neuem Roman Dun­kelblum, der im Herbst 2021 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinen wird.

„Was werde ich von diesem Sommer
dem nächsten sagen?
Dass er nicht zu fassen war, …“

lesen wir von Martin Walser in einem Auszug aus seinem neuen Band Sprachlaub oder: Wahr ist, was schön ist, der am 23. März 2021 im Rowohlt Verlag erscheint, und hoffen, dass wir von diesem Sommer mehr werden sagen können, als „dass er wie ein Streichholz war,/ das dir abbrennt zwischen den Fingern …“

In „5 Fragen – 5 Antworten“ beschreibt Nadja Küchenmeister sehr treffend eine Situation nach der Veröffentlichung ihres kurz vor dem ersten Lockdown erschienenen Gedichtbandes, die wahrscheinlich sehr viele Künstlerinnen und Künstler nachempfinden können: „… in den darauffolgenden krisenhaften Wochen und Monaten mochte ich erst einmal nicht mehr an Gedichte denken. Warum auch? Ich hatte ein Buch geschrie- ben, es sollte leben dürfen. Mir kam alles sinnlos vor, demnach drängte mich nichts an den Schreibtisch …“ Und resümiert, dass man derzeit wohl jeden Menschen verstehen könne, der traurig und verzweifelt ist.

Interessante Rezensionen zu Büchern über das Corona-Virus runden dieses textliche Kaleidoskop innerhalb der intergalaktischen Corona-Area ab. Am Ende gibt es noch eine schnelle Fahrt auf dem Preiskarussell der Literatur, die verdeutlicht, dass wenigstens hier noch einiges beim Alten ist. So bietet diese vielseitige Sammlung literarischer und sachlicher Auseinandersetzung mit der „Krise“ letztendlich weitaus mehr als eine akademische Momentaufnahme, sondern lässt uns teilhaben an der persönlichen Betroffenheit literarisch tätiger Künstler*innen.
  
Die Zeitschrift allmende sollte man im Auge behalten.

allmende 106
Zeitenwende – 106. Ausgabe der der allmende – Zeitschrift für Literatur

Dezember 2020 | 40. Jahr
104 Seiten, Br., 160 × 240 mm, s/w-Abb.
Mitteldeutscher Verlag
Einzelheft € 12 / sFr 16,80
ISSN 0720-3098
Einzelbezug: ISBN 978-3-96311-505-9
Abobezug: ISBN 978-3-96311-506-6
12,- € / 16,80- sFr











Gedicht des Monats Februar

  • Veröffentlicht: 09.02.2021 · Zuletzt aktualisiert: 14.02.2021

Hartmut Brie (*1943)

Bildhaftigkeit

Nicht jedes Wort hat ein Ziel, einige drehen und wenden sich ständig im Kreis völlig gedankenlos, einfach aus Freude,

in ihrer Eigenheit sind sie ungebändigt und zauberhaft ursprünglich ohne Wortgewalt in ihrem digitalen Wesen und naturbelassen,

sie in sozialen Netzwerken zu missbrauchen und ihren Wahrheitsgehalt zu verfälschen, zerstört ihre Bildhaftigkeit.

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen in den leeren Raum ohne Chiffren und Symbole mit seiner Mitteilsamkeit,

die Visionen einer besseren Zukunft auf der Müllhalde digitaler Errungenschaften, ohne des Wesens Kern zu erfassen,

wir weinen der Sprache Tränen nach und versuchen, ein neues Gerüst zu errichten für ein waghalsigeren Wortgebäude.

Anmerkung: Der Autor möchte sein Gedicht als Zustimmung zur Empfehlung des Monats · Februar 2021 von Marianne Beese verstanden wissen.

Verdichtung als Stilprinzip

Ralph Grüneberger: Enthält Kunstplatzierung! Gedichte & Miniaturen zur bildenden Kunst

Empfehlung des Monats · Februar 2021
von Marianne Beese

In seinem jüngsten Lyrikband setzt sich der Verfasser in Beziehung zu Leben und Werk diverser bildender Künstler bzw. tritt mit ihnen in einen meist poetischen, doch vereinzelt auch erzählerischen oder essayistischen Dialog. Er sucht Einzelheiten der Biographie ebenso gerecht zu werden wie der Eigentümlichkeit des künstlerischen Schaffens. Die ‚großen Namen‘ der Moderne erscheinen und es wird auf Ereignisse Bezug genommen, die sich biographisch-episodisch mit ihnen verbinden. Es rücken aber auch heutige, noch lebende Maler und Grafiker in den Fokus, und hier dominieren Künstler des sächsischen Umfelds. Bei ihnen spielt die meist enge Bindung an ihren Heimatort – etwa die Stadt Leipzig – eine Rolle und verleiht ihren Werken, wie im Falle von Gerald Müller-Simon, typische Akzente.

Sucht man die im Band versammelten Maler bestimmten Malstilen zuzuordnen, so reicht die Spannbreite von symbolistisch und surrealistisch über expressionistisch bis zu impressionistisch, von figürlich bis zu abstrakt-geometrisch; von kubistisch bis zu veristisch.

In Abbreviaturen wird somit ein Streifzug durch die Geschichte der modernen bildenden Kunst unternommen, an deren Anfang man den Renaissancemaler Hans Baldung Grien setzen könnte. Der damalige Standort und Blickwinkel wird mit dem heutigen zusammengeführt; Zeit- und Kulturgeschichte scheint gleichsam auf in zweifacher Brechung: durch die Perspektive des Malers und des diesen anverwandelnden Dichters. In einer knappen, verdichteten Sprache werden existenzielle Grundkonstellationen skizziert oder Lebenszyklen abgebildet, schöpft der Poet ebenso wie seinerzeit die Maler aus dem Repertoire des Mythologischen, Historischen oder der Gegenwärtigkeit und Alltagswelt. Immer wieder rückt die Mann-Frau-Beziehung in den Blick, kommt Erotisches zur Geltung, so in den Gemälden Griens, oder den Zeichnungen des späteren Picasso; zeigt sich neben der emotional-verbindenden bisweilen auch die zerstörerische Seite der Liebe.

Ist ‚Liebe‘ ein zentrales Thema der betrachteten Bilder, so auch das des Todes, wo alle Lebensalter sich an einem Tisch versammeln, der „aus Sargholz“ ist. Weiteres, was analog zu den Bildern oder den Biografien ihrer Schöpfer in die dichterischen Texte Eingang findet, sind Aspekte des künstlerischen Prozesses bzw., wie im Falle Turners, der Zusammenhang von äußerem Ereignis und Schaffensimpuls, aber auch Momente der Rezeption oder des Nachruhms. Der Antagonismus von ‚Kunst‘ und ‚Leben‘ tritt gelegentlich, und besonders einprägsam bei dem Maler van Gogh, zutage, was in starken Sprach-Bildern wiedergegeben ist, etwa wenn es heißt: „Die Gitter vorm Fenster / Sind Rippen des Schnitters“.

Überhaupt kommt sprachliche Verdichtung immer wieder dadurch zustande, dass Einzelworte mit Bedeutung ‚aufgeladen‘ erscheinen; dass sie in dieser Bedeutungsballung über sich hinausweisen, zu Symbolen werden – oder dass die Mehrfachbedeutung von Wörtern oder Wendungen genutzt wird bzw. die Möglichkeit ihrer Verwendung im wörtlichen, aber auch im übertragenen Sinne. Karg und zugleich inhaltsschwer erscheinen Zusammenhänge; werden Dinge und Menschen zueinander in Beziehung gesetzt und so Lebens-Ab- und Einschnitte veranschaulicht, die oft Tragik bergen; individuelle, wie das Nachlassen der Schöpferkraft nach dem Verlust der Gefährtin bei Dali, oder gesellschaftliche, wie das tendenzielle Überflüssigwerden des Menschen in der gewandelten Arbeitswelt. In dem Gedicht „Die alte Singer“ etwa werden durch sprachliche Kürzel, die sich um Tradition, Handwerk, Zukunft ohne menschliche Arbeit, drehen, sowie durch Wortneuschöpfungen wie „Mutterfaden“, ganze Vorstellungswelten heraufbeschworen.

Anderswo wird auf Traditions-bzw. Kulturzerstörung während der DDR-Zeit verwiesen, so in „Umgestaltung des Karl-Marx-Platzes“ mit der wiederkehrenden, an Kinderreime erinnernden Zeile „Die Kirche ist umgefallen“. Das wohl dunkelste Kapitel deutscher Geschichte ruft ein Text ins Gedächtnis, der von der jüdischen Malerin Friedl Dicker Brandeis handelt, oder auch der „Brief nach Auschwitz“, wobei der gesetzte Kontrast hier der zwischen ahnungslos-naivem Schreibduktus und dem mit unheilvollster Bedeutung beladenen Wort „Auschwitz“ ist.

Gelegentlich nimmt der Stil des lyrischen Subjekts auch eine charakteristische lakonisch-ironische Färbung an, so in dem zu einem Mattheuer-Bild geschriebenen Gedicht „Hinter den sieben Bergen“, wo eine Zusammenschau verschiedener Motive bzw. Kontamination von Wörtern unterschiedlicher Zugehörigkeit und Bedeutung stattfindet.

Die Eigenheit und Innovation bestimmter Stil-Entwicklungen – so spielen etwa bei dem Maler und Grafiker Vasarely Muster, Strukturen, Formen und Farben, doch auch Schwarz-Weiß-Arrangements, eine besondere Rolle – wird lyrisch nachvollzogen, und der Künstler wird gleichsam gefeiert mit dem wunderschönen Begriff „Augenbelohner“.

In „Rock around the clock“ korrespondieren nicht weniger als drei Künste miteinander; neben der bildenden Kunst und der Poesie ist es auch die Musik, die mitspricht und ihre Ekstase-auslösende Wirkung zu erkennen gibt. Lyrisches, Erzählerisches und Bildkünstlerisches finden in der Miniatur „Untitled“ rund um den Maler Mark Rothko, doch etwa auch um den Schriftsteller Joost Zwagermann, zusammen.

Die „Malweise Wagenbretts“ in dem gleichnamigen Gedicht wird durch Bezugnahme auf Theaterkunst verständlich gemacht, wobei im Zentrum der Darstellung des dem Verismus zuzuordnenden Malers das menschliche Gesicht, das einem „Drama“ gleicht, steht.

Das Kunstwerk als Ort zusammengeführter Spannungen bzw. Kontraste – so ließe sich das Gedicht „Der Sucher“, das wiederum auf ein Bild des Leipziger Malers Neo Rauch Bezug nimmt, interpretieren. Erkenntnissuche erscheint als sinnlicher wie geistiger Vorgang; eher Beiläufiges; Heimatlich-Idyllisches, Märchenhaftes und Welthaltig-Bedrohliches sind darin widersprüchlich geeint.

Zum Politikum wurde die – berichtend wiedergegebene – Auseinandersetzung zwischen dem Künstler Rauch und dem Kunsthistoriker Ullrich, zu welcher der Autor Stellung bezieht und bei dieser Gelegenheit auch auf Praktiken der Kunstvermarktung zu sprechen kommt. So sind in dem schmalen Lyrikband zahlreiche Facetten rund um die Themen ‚Kunst‘ und ‚Künstlertum‘ versammelt, doch überwiegt, bei unterschiedlicher Art der Erschließung, das lyrische, d. h. Kunst in Kunst verwandelnde Moment. Wie seine Heranführung an bildende Kunst erfolgte und auf welche Weise diese ihm ständige Wegbegleiterin wurde, hat der Autor u. a. in den Vorbemerkungen dargelegt. In diesem Sinne sind die versammelten Texte auch eine Danksagung an Künstlerinnen und Künstler, die in dem Vermittlungsprozess eine Rolle spielten, sowie an Kunst- und Literatur-Lehrende. Entstanden ist mit der „Kunstplatzierung“ ein bekenntnishaftes, Dichtkunst im besten Sinne als Kunst der Verdichtung präsentierendes, höchst anspruchsvolles und lesenswertes Werk. (Eine ausführliche Rezension erschien in der Leipziger Internetzeitung vom 02. Februar 2021).

Rock Around The Clock – not possible
Nach dem Holzstich „Cry Baby!“ von Tobias Gellscheid

Mädchen, die eigentlich im Kino sind
Der grandma beim Hausputz helfen
Oder mit der Freundin den Hund ausführen.

Sie alle, Highschool-Schülerinnen, junge
Verkäuferinnen aus den Stores, Telephonistinnen
Mädchen der Upper und der Middle Class

Sie alle vergessen die gute Erziehung
Der Woche am Sonntag, werden
Verwechselbar in der Ekstase

Haltlos schweben sie
Von den Sitzen, schlingen
Sich um den Gitarristen

Wie Lianen, beben mit
Den Bassboxen, tanzen
Aus der Reihe, ehe

Sie wieder am Rocksaum ziehen
Die Fönfrisur ordnen
Sie wieder uneins sind.


Ralph Grüneberger, Enthält Kunstplatzierung!
Gedichte & Miniaturen
Format (geschlossen) 14 x 24 cm
36 Seiten, Privatdruck, Auflage je 70 Exemplare
erscheint im Januar 2021
Preis der Vorzugsausgabe: 130,70 €
Preis der Normalausgabe (ohne Grafikbeigabe): 16,02 €

Dank privater Förderer kann die Vorzugsausgabe bis
zur geplanten Buchpremiere am 30. Mai 2021 zu einem
Subskriptionspreis von 100,70 € angeboten werden.

Verbindliche Bestellungen sind ab sofort an
kunstplatzierung@web.de erbeten.

Artenvielfalt – Ode an das Leben

  • Veröffentlicht: 01.01.2021 · Zuletzt aktualisiert: 31.12.2020

Empfehlung des Monats · Januar 2021
von Peter Schröder

Die mittlerweile seit vielen Jahren aktive Dichterin, Schriftstellerin und Verlegerin Franziska Röchter überraschte in der Vergangenheit immer wieder mit interessanten Publikationen, neben zahlreichen thematisch vielfältigen Buchveröffentlichungen anderer Autoren in ihrem chiliverlag machte sie zuletzt durch ihre im geest-Verlag 2015 erschienene Gedichtsammlung „am puls“ auf sich aufmerksam. Darüber hinaus ist Röchter bereits einige Male in der bekannten jährlichen Lyrik-Sammlung „Das Gedicht“ von Anton G. Leitner erschienen, auch in der aktuellen Ausgabe ist sie vertreten. Nun hat die Mutter und Lebenskünstlerin nachgelegt und einen weiteren Gedichtband mit dem Titel „Artenvielfalt“ herausgebracht, der ab November letzten Jahres erworben werden kann.  

„Artenvielfalt“ erscheint wie eine Lebensbejahung, wie eine Ode an das Leben schlechthin, das trotz aller Widrig- und Hässlichkeiten am Ende doch wertvoll und positiv anmutet. Der Untertitel des Gedichtbandes, der wohl auch als Widmung verstanden werden kann, lässt schon anklingen, dass Franziska Röchter hier eine besondere Inspirationsquelle als Grundlage genommen hat, um querbeet durch die Pflanzen- und Lebewesen-Welt die Schönheit der Natur und Schöpfung zu preisen. Ihrem bekannten Stil treu, geht es hier humorvoll bis augenzwinkernd-selbstironisch, aber durchaus fast immer mit einer gewissen Tiefe und unterschwelligen Traurigkeit zur Sache, ohne ins Kitschige oder Wehleidige abzurutschen. Röchter gelingt das, was vielen nicht gelingt: eine gewisse Leichtigkeit und Komik auszusenden und dieser am Ende doch eine melancholische und nachdenkliche Drehung zu verleihen. Die Gedichte lesen sich allesamt sehr gut und animieren zum lauten Mitlesen, eine unzweifelhafte Melodik und Musikalität findet sich in vielen Titeln wieder. Kurz gesagt: Die Gedichte haben vielfach Liedermacher-Potenzial. Einen bestimmten Favoriten hier herauszupicken fällt schwer, am besten überzeugt sich der interessierte Leser selbst davon. Auf 84 Seiten für 9,90 € (Softcover) oder zusätzlich als Hardcover ist die Neuerscheinung seit dem 30. November 2020 über die bekannten Verkaufsstellen zu haben. Es lohnt sich, vor allem um sich in diesen düsteren Zeiten mal zur Abwechslung ein Lächeln auf die Lippen zu malen.


Franziska Röchter, Artenvielfalt – Gedichte für ein besonderes Kind
November 2020, 84 Seiten, illustriert
Hardcover:  978-3-943292-87-9   Euro 18,00
Softcover:   978-3-943292-89-3   Euro  9,90
im chiliverlag

DAS GEDICHT. Die Wiederentdeckung der Liebe & Die Raben von Ninive – Balladen, andere Gedichte und ein Zwiegespräch & Das Geheimnis der Brücken

  • Veröffentlicht: 01.12.2020 · Zuletzt aktualisiert: 30.11.2020

Empfehlung des Monats · Dezember 2020
von Jule Weinrot

DAS GEDICHT. Zeitschrift / Jahrbuch für Lyrik, Essay und Kritik.
Die Wiederentdeckung der Liebe (Band 28)

Seit nunmehr 28 Jahren bereichert die buchstarke Zeitschrift / Jahrbuch für Lyrik, Essay und Kritik DAS GEDICHT nun schon die lyrische Welt der Dichter*innen und Poet*innen. Da müssten doch alle Themen bereits vorgekommen sein, könnte man denken, und gerade DAS Thema der Poesie schlechthin, die Liebe, hat es doch schon in früheren Jahren geschafft, thematischer Dreh- und Angelpunkt dieser heiß erwarteten Jahresausgabe zu sein. … Ja … Aber nicht genau so. Nicht in solchen Zeiten. Der Stellenwert des einzig Wahren, des Wichtigsten, des wirklich Systemrelevanten in Zeiten von Durchseuchung, Infektion, Siechtum, Krankheit und drohendem Sterben ist unbestreitbar. Kaum ein anderes Thema wäre wirklich geeigneter gewesen, um von den alles überschattenden Coronawellen einmal wegzukommen.
Ein vielseitiges Potpourri unterschiedlichster lyrischer Formen bewegt sich hier durch die Weiten aufkeimender, drängender, verebbender und beständiger Liebe, die sich durch ein Kapitel Kinderlyrik (Liebe wächst) ins nahezu Grenzenlose dehnen … Entdecken lässt sich so einiges: Neben einem kaleidoskopischen Intermezzo  bewährter und äußerst bekannter Poetenstimmen, die es verstehen, durch ihre Verse dem Geheimnisvollen und Unergründlichen, dem Rätselhaften des Phänomens Liebe nachzuspüren (das versteht übrigens der geniale Grafiker und Covergestalter ebenso) oder es durch unverbrauchte Bilderwelten heraufzubeschwören, gibt es auch durchaus Explizites, manchmal sehr Direktes zu lesen, das im Gesamtzusammenhang auch schon mal mehr oder weniger ins unfreiwillig Komische abrutschen kann – wenn beispielsweise von „steilen Spitzen“ auf Hügeln im Zusammenhang mit „Wohlfühlstöhnen“ die Rede ist oder „Schwanz in Spalte stecken“ erträumt wird … geschmacklich ist hier wohl für nahezu Jeden etwas dabei.
   Man möchte Lieblingsverse zitieren, Lieblingsdichter benennen, das aber würde zum Schwelgen in und Anschwellen dieser Empfehlung (ver-)führen. Deshalb der Rat: Begeben Sie sich selbst auf eine wunderbare Entdeckungsreise durch die faszinierende Welt der Liebe und ihrer Spielarten – eine kurzweilige, anregende, beSinnliche und/oder berührende, humorvolle und bisweilen sehr nachdenkenswerte Lektüre wird Ihnen sicher sein! Dass abermals ein nennenswerter Anteil an Mitgliedern der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik Eingang in DAS GEDICHT gefunden hat, darf freudig erwähnt werden.
Tipp: Ein sehr gutes Weihnachtsgeschenk! Einzeln oder im Kurz-Abo.


Das Gedicht. Zeitschrift /Jahrbuch für Lyrik, Essay und Kritik /
Die Wiederentdeckung der Liebe
Herausgegeben von Anton G. Leitner
Mit einem Special für Kids,
zusammengestellt von
Uwe-Michael Gutzschhahn
Erschienen: 18.11.2020
Anton G. Leitner Verlag, 208 Seiten
ISBN 9783929433869
Euro 15,00

Empfehlung des Monats · Dezember 2020
von Jule Weinrot

Friedrich Ani, Die Raben von Ninive – Balladen, andere Gedichte und ein Zwiegespräch

Auf diesen neuen Gedichtband von Friedrich Ani muss man sich einlassen wollen. Dieser 3. Gedichtband (2009: Mitschnitt, 2017: Im Zimmer meines Vaters) jenseits der frühen Jahre des wohl bekanntesten deutschen Krimiautors und Drehbuchschreibers (Tatort) fordert etwas Konzentration in unserer schnelllebigen Zeit – eine Ballade, die über 8 Seiten geht, ist nun mal kein Haiku. Man muss in die Welt dieses vielseitigen Dichters eintauchen wollen, seine Sicht auf die Dinge, auf sozial-politische Schieflagen, näher erkunden wollen … dann wird man belohnt. Dieses Buch changiert zwischen politischer Meinung und sehr Privatem, fast Intimem, und auch die Formen wechseln von sehr ausladenden Lied-Lyrics bis zum relativem Kurzgedicht.
Mit diesem Gedichtband gelingt Friedrich Ani eine interessante Verquickung seiner unterschiedlichen von ihm bedienten Genres und Vorlieben, hier gibt es sogar zur Balladenform verdichtete Kriminalfälle, hier gibt es Dramen und Tragödien, Vermischungen von Erzählung und Poesie, die Goethes vielbemühten Vergleich der Ballade mit einem „lebendigen Ur-Ey“ und seine Bezeichnung der Mischgattung als „gegenständliche Dichtung“ in die kulturpolitische Funktion der Ballade verweist. Ani erzählt Geschichten in Versform, mit Reim und Rhythmus, Geschichten, die in ein Korsett gefüllt werden, um nicht auszuufern, er erzählt von seiner Heimat, die offensichtlich eher eine Art zweite Heimat für ihn war oder auch keine, aus der es auszubrechen galt, und von seiner Suche nach einer Heimat im Offenen, nicht Einengenden.
    Dass Ani irgendwann den Norden,  die Nordsee, die Weite des Meeres für sich entdeckt hat, spiegelt sich u.a. in sehr persönlichen Texten wie „Der Leuchtturm“ wieder, in dem es um die private, die gefürchtete Enge im Rahmen derjenigen gesellschaftlichen Konventionen geht, die auch Leuchtturm oder Anker im Strudel der eigenen Endlichkeit sein können.

Alles Meer kehrt heim zu dir,
und alles Dunkel bricht entzwei.
Dein Blick gereicht dem Tag zur Zier.
Komm, du Liebe, sieh und sei.
                                     (Backcover)

Ein etwas anderer Gedichtband, der entdeckt werden will – gut geeignet für die Zeit um den Dezember herum – vielleicht auch von solchen Lesern, die sonst eher auf die Verknappung von Worten setzen.


Friedrich Ani, Die Raben von Ninive – Balladen, andere Gedichte und ein Zwiegespräch
Erschienen: 28.09.2020
suhrkamp taschenbuch 5067, Gebunden, 172 Seiten
ISBN: 978-3-518-47067-1
auch als eBook erhältlich
Euro 18,00

Empfehlung des Monats · Dezember 2020
von Ralph Grüneberger


Bernhard Theilmann, Das Geheimnis der Brücken

Posthum veröffentlichte der Dresdner Verlag SchumacherGebler 2019 eine Ausgabe mit Gedichten des 1949 im sächsischen Kurort Rathen geborenen Lyrikers und Redakteurs der von ihm gegründeten Zeitschrift SAX, der 2017 in Dresden verstorben ist. Ich bekam das Buch zugeschickt und hatte gerade wenige Tage zuvor ein Gedicht von Bernhard Theilmann in einer Anthologie gelesen, das neben dem eines bekannten und vielfach ausgezeichneten anderen Dresdner Lyrikers stand. Nicht sonderlich beeindruckt von dem des Prominenten, kam ich schnell auf Theilmanns Gedicht von der „postfrau“, die „mit einem blauen auge“ ihren Dienst tat. Und dieses Gedicht ist mir sehr nah.

Die Auswahl, die Witfrau und Freunde Theilmanns aus einem Manuskriptfundus von fast 600 „gefundenen Texten“ zusammentrugen, enthält eine Zeittafel und – das ist das Besondere – die Beigabe „Biografische Notizen – Bernhard Theilmann“, zusammengestellt von Detlef Krell, als Extradruck.

Diese Schrift macht deutlich, dass ein „Lob von der anderen Seite“, in dem Fall stand das in Springers „Welt“ (die Zeitung, die DDR stets in Gänsefüßchen setzte) und betraf die großartige Obergrabenpresse, nicht immer von Vorteil für jene war, die sich aus dem sogenannten „Tal der Ahnungslosen“ heraus hin zur Anhöhe der Aktiven bewegten.

Bewundernswert die Solidarität der Theilmann-Freunde, die diese Publikation zu Wege brachten. Nun müssen die Gedichte nur noch gelesen werden. Sachsens Stadtbibliotheken sind am Zug.

Bernhard Theilmann, Geheimnis der Brücken
ISBN: 978-3-941209-54-1
16,– €


 




Johnny Cash – Forever Words

  • Veröffentlicht: 01.11.2020 · Zuletzt aktualisiert: 31.10.2020

Empfehlung des Monats · November 2020
von Peter Schröder

Nicht ohne Grund werden verdiente oder für gut befundene Liedermacher und Singer-Songwriter in die Nähe zur Poesie und Lyrik gerückt. Das Wort „lyricist“ (Englisch für Liedtextschreiber oder -dichter) deutet darauf hin. Der irische Sänger und Liedermacher Shane MacGowan zum Beispiel, dessen kreatives Wirken seit Jahrzehnten brach liegt, schuf in den Jahren zwischen etwa 1980 bis Ende der 90er einen beeindruckenden Katalog von zeitlosen Liedern, für die er bis heute in der Welt gefeiert wird. Sein Freund Johnny Depp nannte ihn mal „einen der wichtigsten Poeten des 20. Jahrhunderts“. Einen ähnlichen Status  „genießt“ – wenn auch posthum – in den USA der Liedermacher und Musiker Townes Van Zandt, der schon zu Lebzeiten und auf dem Höhepunkt seines musikalischen Schaffens in den 60ern und 70ern in Kennerkreisen als Poet und Songwriting-Legende hochgehalten wurde und trotz seines eher nischenhaften Schattendaseins jedem, der etwas auf amerikanische Folk- und Countrymusik hielt, ein Begriff war.
Nun aber zum eigentlichen Thema dieser Empfehlung: dem Gedichtband „Forever Words“ von The Man in Black himself: Johnny Cash.

Dieses Buch, welches von Cashs einzigem Sohn John Carter Cash herausgegeben worden und erstmalig 2016 erschienen ist, enthält eine Sammlung bzw. eine Auswahl bis dato unveröffentlichter Gedichte, Gedichtfragmente und Liedtexte des weltberühmten Country-Musikers. Mir liegt die 2018 veröffentlichte Paperback-Edition von Canongate Books mit 132 Seiten vor. Wer sich mal ein bisschen mit dem Werdegang und der Persönlichkeit Cashs beschäftigt hat, wird wissen, dass jener ein äußerst turbulentes Leben voller Höhen und Tiefen hinter sich brachte. Zunächst der rasante Aufstieg zur Country-Ikone, was nicht zuletzt an Cashs markanter Bass-Bariton-Stimme und seinem eigenwilligen, authentischen Klangbild der frühen Jahre gelegen haben dürfte. Hinzu gesellten sich aber schnell Suchtprobleme, die Cash bald an den Rand des Wahnsinns und Mitte der 60er fast an die Grenze seines irdischen Daseins brachten und die ihn schließlich bis ans Lebensende begleiten und immer wieder plagen sollten. Geholfen hat ihm letztlich nach eigenem Bekunden neben seinem profunden Glauben der späteren Jahre vor allem seine langjährige Ehefrau und Weggefährtin June Carter. Johnny Cash war eine höchst eigenständige und ehrliche Künstlerpersönlichkeit, die sich trotz seines späteren Mainstream-Erfolgs immer seine Integrität bewahrt und sich gegen die Mühlen des (Musik)-Establishments gestellt hat. Er hatte kein Problem damit, anzuecken und äußerte sich stets auch zu unbequemen und kritischen Themen – in seiner Musik bzw. seinen Liedtexten wie auch abseits dessen. Etwas, das man heute zunehmend vermisst. Eine Lyrik, die sich entweder nur noch um sich selbst dreht oder sich dem Zeitgeist anbiedert, sollte im Hinblick auf ihren Stellenwert hinterfragt werden.

Zurück zum Buch: Die von seinem Sohn ausgesuchten Gedichte umfassen die Zeitspanne der frühen Fünfzigerjahre bis kurz vor Cashs Tod (2003), also fast sein ganzes Leben als kreativ Schaffender. Manche Texte sind undatiert. Thematisch geht es um alles, was irgendwie mit Leben zu tun hat, also mit der damit einhergehenden Achterbahnfahrt. Und natürlich um das, was den großen Mann in Schwarz bewegt hat bzw. was letztlich sein Leben ausmachte. Hier ein paar Stichwörter: Liebe, Verlust, Schmerz, Humor, Rauschmittel, Sucht, Selbstironie, die inneren Dämonen und die schiefe Bahn, das Country-Feeling als amerikanischer Patriot, Züge, Goldrausch, die fragwürdige Musik- und Filmindustrie, Schusswaffen, Tod. Teilweise fühlt man sich beim Lesen an Cash-Lieder erinnert bzw. hat schon eine eigene Melodie im Kopf und kann sich den Man in Black gut beim Vertonen und Singen der Gedichte vorstellen. Womit die Frage aufkommt, ob nicht gute Gedichte immer auch einen Hang zur Musikalität haben und womit wir wieder beim Anfang wären. Beides (Gedicht und Liedtext) scheint in vielen günstigen Fällen ineinander überzugehen. Man sollte sich nicht über die teilweise vorhandene augenscheinliche Einfachheit von Cashs Zeilen täuschen lassen. Seine Liedtexte sind häufig auch so, aber am Ende doch irgendwie profund. Sie sagen für manchen Leser letztlich weit mehr aus als manch hochartifizielles pseudointellektuelles Wortgespinst.

Cash erregte neben seinem Talent als Sänger, Musiker, Liederschreiber und Unterhalter und mit der unglaublichen Bandbreite an veröffentlichter Musik – neben einem riesigen Katalog selbstgeschriebener Lieder interpretierte er auch haufenweise  verschiedene Stilrichtungen anderer – ebenfalls  großes Aufsehen mit seinen Auftritten vor Insassen mehrerer US-amerikanischer Gefängnisse. Obwohl bekannt war, dass er diesbezüglich selbst keine einschlägige „Karriere“ hinter sich hatte (im Gegensatz zu seinem Kollegen Merle Haggard – auch sehr zu empfehlen fürMenschen, die diese Musikrichtung mögen) und sein Outlaw-Image eben ein Image war, spürt man bei den alten Aufnahmen, dass die Gefangenen in Sträflingskleidung Cash komplett verstehen. Sie feiern ihn regelrecht, weil dieses Verstehen auf Gegenseitigkeit beruht und er auch ohne fehlende verbüßte Haftstrafen authentisch war. Weil in dem, was er dort ausstrahlt, durchkommt, dass er irgendwo „einer von ihnen“ ist. Das Schöne an Johnny Cash ist auch, dass man selbst nach Jahren des Hörens immer noch wieder Neues entdecken kann. Die Menge seiner aufgenommenen Lieder (eigenes Material plus Interpretationen und Cover) ist in der Summe wirklich beeindruckend.
Interessanterweise sind auch die Gedichte aus „Forever Words“ inzwischen als Album vertont worden, mit vielen namhaften Musikern an Bord. Wer Interesse an Johnny Cash oder an Lyrik allgemein hat und über grundlegende Englischkenntnisse verfügt, dem sei dieses Buch als Schnittstelle zwischen Poesie und Musik empfohlen.

  • Johnny Cash – Forever Words: The Unknown Poems
  • ISBN-13 : 978-1786891969
  • Herausgeber : Canongate Books Ltd.; Main Edition (1. Februar 2018)
  • Sprache : Englisch

Silberfäden – Was Körper und Geist im Inneren verbindet

  • Veröffentlicht: 01.10.2020 · Zuletzt aktualisiert: 21.09.2020

Empfehlung des Monats · Oktober 2020
von Maren Schönfeld


Gino Leinewebers Lyrik wechselt zwischen – philosophischen – Blicken auf das große Ganze und situativen Betrachtungen einzelner Themen, Erlebnisse und Empfindungen. Der Autor verhandelt ehrlich und unverstellt, ohne inhaltliche oder formelle Attitüden, in knapp formulierten, prägnanten und überwiegend kurzen Poemen den jeweiligen Gegenstand seines Gedichts.

Der Einblick in männliches Empfinden, humorvoll zuweilen, manchmal auch größte Pein durchlassend, ist faszinierend. Das Alter(n), die Rolle in Beziehungen und in der Welt geht in die Lyrik ein und trägt zwischen den Zeilen Ungesagtes weiter, das nach der Lektüre fortwirkt. Die poetische Auseinandersetzung mit weltlichen Dingen wie Besitz und Status bleibt so angenehm zurückhaltend und verknappt, dass das Nachdenken darüber und das Herstellen eines Bezugs zur eigenen Lebenssituation fast unbemerkt beginnen. Von der allumfassenden Perspektive zurück im Detail, zeigt Gino Leineweber auf, was wir alle in den Beziehungen zu unseren Familien und Partnern erleben und versäumen.

Dabei schreibt er mal mit lyrischem Ich, mal in der dritten Person, was eine distanzierte, originelle Perspektive ist. Ein Gedicht aus dem ersten Kapitel empfinde ich als wegweisend:

Ich

Das Ich ist
Was Körper und Geist
Im Innern verbindet

Die Mitte der Platz
An dem
Von Augenblick zu Augenblick
Sich das Bewusstsein findet

Mich haben die Gedichte inspiriert, innezuhalten, hinzusehen, meine Innen- und Außenwelt bewusster wahrzunehmen und die Empathie für meine Mitmenschen nicht zu vergessen.

Lesung des Autors aus seinen Gedichten: http://www.weblesung.de/lyrik.html


Gino Leineweber, Silberfäden. Gedichte
Verlag Expeditionen, Hardcover, 216 Seiten
ISBN: 978-3-947911-18-9, € 19,90

Echt jetzt? Eine umfangreiche Empfehlung.

  • Veröffentlicht: 01.09.2020 · Zuletzt aktualisiert: 28.09.2020

Empfehlung des Monats · September 2020
von Ralph Grüneberger

Es ist eine Freude, dass Einzelausgaben in der Reihe „Poesiealbum“ aus dem Märkischen Verlag dem Werk einzelner Mitglieder der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik gelten, so Therese Chromik, Róža Domašcyna, Carl-Christian Elze, Christoph Kuhn, Christoph Meckel, Andreas Reimann und Christiane Schulz (Zeitraum 2010 bis 2020). Zudem fühlt man sich bestätigt, wenn die eine oder andere 2017 persönlich ausgesprochene Empfehlung in Wilhelmshorst aufgegriffen wurde, auch wenn dies stillschweigend geschah. Doch die Freude ist nicht ungetrübt. Dazu am Ende mehr. Zunächst wollen wir uns an je einem Gedicht erfreuen, das diese sieben Autorinnen und Autoren aus den Reihen der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. veröffentlicht haben. Aus urheberechtlichen Gründen ergänzen wir die sechs Gedichte aus dem jeweiligen „Poesiealbum“ mit dem Abdruck eines Gedichtes von Christoph Meckel aus unserem Auftaktheft vom Frühjahr 2007.

Christoph Meckel (1935-2020)
Smetana
23. April 1884

Jabkenice im heiteren Böhmen.
Stocktaub, das ist er schon lange.
Die Melodien zerfallen
im Tosen des leeren Gehirns,
der Silberton ist erloschen in seiner Stimme,
aber das Auge liebt noch Laub und Wasser.

Erzähle den Herren in Prag,
wie meine Seele bewegt ist.
Es war nicht in meiner Macht, es ist das Geld,
es fehlen die Gulden.
Der die Grundharmonika der Nation schuf,
aber die Herren in Prag.

Dunkel, Nässe, der Tag brach an.
Vor der Holztreppe stand der Wagen.
Dem Herrn Forstmeister rannen
Tränen über die Wangen,
als er die Decken brachte. Er saß im Wagen,
ganz geistesabwesend.
Alles weinte.

Ärztliches Gewahrsam, Staatliche Anstalt.
Die Coda ist kurz,
er kommt nicht wieder.

Quelle: Poesiealbum neu, Nr. 1/2007, Leipzig 2007
Das Gedicht ist nicht im Poesiealbum 288 enthalten.

***

Poesiealbum 307
Christiane Schulz (*1955)
Der Geist der Mirabellen

Es ist das Graubrot
das hart wird und sauer
immer härter und immer saurer
nimmt es der Mirabellenkonfitüre
das zarte Bitter das Graubrot
das wir immer schon aßen
Geliebter mit dem Geschmack
von Mirabellenkonfitüre
ehe es hart wurde das Brot
und sauer viel saurer
als das Fruchtbitter von den Mirabellen
nach dem das Küssen schmeckte
ehe es hart wurde
und sauer das Graubrot

© Christiane Schulz

                              ***

Poesiealbum 336
Andreas Reimann (*1946)
ARCHE DER DINGE

Zu paaren traben nach den kakerlaken
die autos in die arche, cola-dosen
nebst plastik-tüten und silastik-hosen.
Aus kinderzimmern kriechen gummi-kraken
behände auf das deck, recorder beaten,
um einlaß bittend. Spuckende computer
verdrängen noah hackerisch vom ruder.
Das bier büchst aus, die einweg-flaschen mieten
als deponie sich das gefähr-schiff an.

Und treibt aus einer planke auch ein reis:
Ist es gerecht, o herr, dass du uns schonst? –
Die gülle steigt. Hebt so nur ab der kahn?

O herr, verzeih mir, dass ich ahnend weis:
Die sintflut kostet viel. Und ist umsonst.

© Andreas Reimann

***

Poesiealbum 337
Therese Chromik (*1943)
Unwiderrufliches
nach Mutters Tod

Wollen Sie das Dokument
endgültig löschen?
fragt mich der Computer
als ich die Dateien auf deinem Computer
zu löschen beginne
deine Gedanken Gefühle Worte
die du gespeichert hast
ich finde sie wieder
wollen Sie das Dokument
wieder herstellen?
ja, sage ich,
immer wieder.

© Therese Chromik

                                ***

Poesiealbum 348
Christoph Kuhn (*1951)
Neuer Herbsttag
nach Rainer Maria Rilke

Herr, welche Zeit. Der Sommer ist sehr heiß.
Längst schon steht Herbst auf den Kalenderblättern.
Mit diesen Wettern stimmt‘s nicht, wie man weiß.

Nicht nur sind alle letzten Früchte voll;
so manche Pflanze zeigt noch einmal Blüten,
und andere, von weither aus dem Süden,
erbringen hierzulande bald ihr Soll.

Wer jetzt kein Haus hat mit Solaranlagen,
wer jetzt noch nicht den Strom gewechselt hat,
wird wachen, fernsehn, lange skypen, statt
nach dem Warum und dem Wohin zu fragen;
die Antwort steht auf einem andern Blatt.

© Christoph Kuhn
(Erstveröffentlicht in Poesiealbum neu 1/2017)

***

Poesiealbum 353
Carl-Christian Elze (*1974)

vor 13.8 milliarden jahren, im ersten milliardstel eines
milliardstels eines milliardstels einer milliardstel sekunde
blähte sich unser universum um das zehn-billionen-
billionen-fache auf: von subatomaren dimensionen
zu der größe eines fußballs, so sagt man im april
des jahres 2014. in diesen urknallball war unsere liebe
schon eingraviert, aber vorher noch sonnen
planeten und monde, das ganze schwerkraftding
musste sich einschaukeln, liebes, das dauert ein bisschen.
auch unsere kugel, aus sternenstaub zusammengepappt
war nicht gleich fest; doch irgendwann zellen
unter wasser: einzelne, tänzelnde, noch unsterbliche
gebilde, ewige teilungen, plasmaeinschnürungen:
aus eins wird zwei ohne rest. erst später zusammenkünfte
vielzellereien, die erfindung der leiche: volvox
die kugelalge, muss als erste dran glauben
ihr körper gesprengt bei der geburt ihrer töchter.
überall leichen! – aber pflanzen behalten immer die
nerven, liebes, nicht wahr .. ganz anders als wir.
überhaupt PFLANZEN! ohne sie keine liebe.
wie göttliche diener verschenken sie zucker und luft.
tiere erscheinen: fische und saurier, mollusken
und vögel, kiemen und lungen, die erste milch
die aus den zitzen tropft, die ersten säuger:
unauffällige kleingewachsene, huschende objekte …
und auch wir mussten erst in form gebracht werden
liebes: affen und menschen, milliarden von
menschen, lucy und ötzi, immer wieder zerlegt
nach wenigen jahren von bakterien und pilzen
(in einer handvoll erde oder in deinem wunderschön
geschwungenen mund leben mehr bakterien
als jemals menschen auf dieser welt herumspaziert
sind, so sagt man im april des jahres 2014)
schließlich wir: mit großen gehirnen, kaum fell
trinken milch und wachsen heran, fast ohne instinkte:
wir lernen und lernen, überleben und finden
uns schließlich, erkennen uns schließlich
mitten in der nacht, auf einer straße in
münchen, unter zerschossenen laternen
und fühlen uns plötzlich – unerklärlicherweise
albernerweise – unzerstörbar und lachen
und unser lachen rast um die sonne, du weißt schon
wie wahnsinniger, glücklicher staub …

© diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde.
Gedichte. Verlagshaus Berlin 2016 (2., überarbeitete Auflage 2019).

                               ***

Poesiealbum 354
Róža Domašcyna (*1951)
Triangel regional III. Für O. P.

ja du ha du
gehst einkoofwatsch holwatsch schejdwatsch
schakata schaka scheckiger schäker
armbanduhjurij adapeter afrodyter alles
allez!
loses losyski los im moos
bloß und an dann animaliski
poetiski ritki a titki zuletzt besetzt vonner
altliebe walt siebe und nudelbretter halt
hiebe hriby griby die husch kusch
in deinem bett brett net
klimmt klimbora klimperklein 
daliegt und daliebt da du ducy dale mich
Milena Minna Mirjam naschest nasch
ich dich tebje gebe
fajna frejna frohen freier frei 
ei ein zögling hering harjenk der hängt
an der decke der strecke der flecke ich recke
meine seine reine lust mußt
das nicht nennen bekennen
moje boje pupille pille und das was ich faß allas!
verlassen
sattle mir hippe und hille stoj auf zur quadrille
zwirn zu die mantille
näh dich ein rein mein stier jetzt
tschier das joj –
wie die spodki und schpotki das einkoofwane
und namolwane das verneinwane und vereiswane
fortfliegt und daliegt biegt und rügt das
ganze und stanze und tanze poj!
Juan Joan Johann Jan
in den armen der Carmen erbarmen
hamende alarmen
am ende hamjen
amen

© Róža Domašcyna


Nun leider zum Unerfreulichen, denn die Wahrheit stellt sich nicht von selber ein:

Die im Herbst 2007 vom Leiter des Kleinverlages, Dr. Klaus-Peter Anders, in Wilhelmshorst begonnene Fortsetzung der 40 Jahre zuvor im Verlag Neues Leben entstandenen Lyrikreihe „Poesiealbum“ ist immer wieder ins Zwielicht geraten. Auf den Ur-Herausgeber Bernd Jentzsch folgte schon nach extrem kurzer Zeit Richard Pietraß, der nach Jentzsch überdies die Reihe in den Endsiebzigern im Verlag Neues Leben betreut hatte, um dann ebenfalls die Zusammenarbeit mit dem Märkischen Verlag aufzukündigen. Als mir gegenüber zwei Autorinnen und ein Herausgeber hinsichtlich des schlechten Stils des Kleinverlegers Anders den Wunsch geäußert haben, ich solle doch als Initiator des „Poesiealbum neu“ auch die Reihe der Einzelhefte übernehmen, war das natürlich schmeichelhaft, wenn auch kaum überraschend, hatte ich doch selbst meine Erfahrung mit Herrn Dr. Anders gemacht, der noch 2015 das „Poesiealbum neu“ als „Vereinszeitschrift“ diskreditierte. Ein solches Ansinnen, wie es die Betroffenen äußerten, bedeutet natürlich eine Würdigung der 2005 von mir initiierten Gründung der Zeitschrift „Poesiealbum neu“, allerdings widerspräche die Umsetzung dem Satzungslatein eines gemeinnützigen Vereins, der für das prononcierte Herausheben Einzelner keinerlei Eigenmittel verwenden darf.

Bernd Jentzsch und Ralph Grüneberger – mit den beiden ersten Ausgabe des „Poesiealbum neu“ im Herbst 2007
Foto: Jörn Schinkel

Im Herbst 2007, als Bernd Jentzsch, den wir bereits vor der Redaktion der ersten Ausgabe im Jahre 2006 in Kenntnis der Gründung unserer Zeitschrift „Poesiealbum neu“ setzten, stolz die im Märkischen Verlag erschienene Nummer 277 mit Gedichten Peter Huchels in einer Veranstaltung (und mit Vergütung) der Lyrikgesellschaft präsentierte, standen wir vor einem Dilemma. Der Verlag Neues Leben Berlin, nach 1990 Teil der Eulenspiegel Verlagsgruppe, der uns 2006 die Erlaubnis erteilt hatte, das tradierte Erscheinungsbild für unsere Zeitschrift verwenden zu dürfen, ließ uns wissen, dass diese Erlaubnis nicht zweimal vergeben werden könne, und empfahl uns, eine Einigung mit dem Märkischen Verlag Wilhelmshorst herbeizuführen. Keine Frage, dass wir das versucht haben. Natürlich hätten wir als Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik darauf bestehen können, dass wir allein das Äußere des „Poesiealbum“ fortführen und eine dementsprechende Unterlassungsklage herbeiführen können. Aber das hätte nicht nur unserem Ansehen, sondern auch der Gattung selbst geschadet. Gute Lyrik kann es nicht genug geben. Somit formulierte ich im Einvernehmen mit Herrn Dr. Anders eine Presse-Information, um beide Reihen, die sich im Grunde nicht im Wege standen und zudem ihre Wurzeln im System der Edition haben, gemeinsam zu bewerben. Da das Netz nichts vergisst, lässt sich auch heute noch auf die von mir verfasste Pressemeldung verweisen: https://lyrikzeitung.com/2007/11/04/39-poesiealbum-und-poesiealbum-neu-2/

Dass wir dann wenig später von Dr. Klaus-Peter Anders vehement enttäuscht wurden, indem er einerseits in allen Interviews, die Kenner der traditionellen Lyrikreihe mit ihm führten, uns als tatsächliche Wiedererwecker der Reihe schlichtweg unterschlug, und andererseits einzig Interesse an den Adressen unserer Abonnenten zeigte, war der Beginn einer Missachtung, die u.a. darin mündete, dass die 2007 manifestierte Aufgabenteilung –  wir die Ausgaben mit Anthologie-, der Märkische Verlag die mit dem Solo-Charakter – ohne Abstimmung unterlaufen wurde und im Mantel des „Poesiealbum“ eine Anthologie „Gedichte aus Neuseeland“ erschien, der kurz darauf eine mit „Gedichte[n] aus Finnland“ folgte. Gab es bis etwa 2009 noch die von einer Enthusiastin privat betriebene Poesiealbum-Domain, die die gesamte Entwicklung aufzeigte, d.h. sowohl die Ausgaben des „Poesiealbum neu“ (2007 ff) als auch des „Poesiealbum“ (seit 1967 und ab Nr. 277 bis dato), übernahm Kleinverleger Anders diese Domain und stutzte sie auf sein Blickfeld zurecht. Doch dessen nicht genug. In seiner stoischen Art wurde und wird er nicht müde, die Tatsachen zu verdrehen. Vor gar nicht langer Zeit nutzte er den persönlichen Kontakt zu einem seiner „Poesiealbum“-Autoren und gab diesem auf den Weg, er möge uns doch bitteschön nahezulegen, auf den Titel und das Äußere unserer Zeitschrift zu verzichten. Zum anderen ist Herr Dr.  Anders dreist genug, um die in seinem Verlag von wechselnden Herausgebern editierte Reihe als „die ECHTE“ zu besiegeln. So, als hätte es die Anthologien, die als Sonderhefte in jährlicher Folge vor knapp 50 Jahren (!) im Zusammenhang mit den Poetenseminaren der Freien Deutschen Jugend das erste Mal erschienen sind, nie gegeben. Das „Poesiealbum neu“ ist an diesen Anthologien geschult, das ist nicht zu übersehen, auch wenn die Redaktion bereits mit der 3. Ausgabe (2008) den Kreis der einbezogenen Autorinnen und Autoren auch auf Nichtmitglieder der GZL erweitert hat und einzelne Rubriken (das Interview 7 Fragen zur Lyrik, Der Gast, Klassik, Fundstück) dazugekommen sind.

Poeseialbum neu: Konsum & Kommerz. Foto: Karin Lichtenberger-Eberling

Desweiteren entstanden Ausgaben mit Notaten, Sonderausgaben mit Gedichten von Schülerinnen und Schülern nach einem Gedichtwettbewerb, vereinten wir Autorinnen und Autoren aus Leipzigs Partnerstädten, zu denen Literaturnobelpreisträger gehören, oder trafen eine Auswahl an Texten politischer Gefangener. Ist das alles „unecht“?

Eigentlich sollte man sich daran erheitern können, wenn die Irreführung des Herrn Dr. Anders nicht so erfolgreich wäre und selbst einer der hier Präsentierten, der voller Vorfreude das Erscheinen seines „Poesiealbum“ per Rundmail bewarb, unbekümmert die Darstellung des Märkischen Verlages verbreitete: „Die Lyrikreihe, begründet von Bernd Jentzsch, erschien in der DDR monatlich zwischen 1967 und 1990 im Verlag Neues Leben Berlin und war eine preiswerte Möglichkeit, Poesie deutscher und internationaler Lyriker kennenzulernen. Dann folgten 17 Jahre Pause. Im Herbst 2007 belebte dann der Märkische Verlag, ansässig in Wilhelmshorst, zusammen mit dem Begründer der Reihe Jentzsch das Poesiealbum wieder.“ Tja, wie ist das mit der Erinnerungs-Pause, wann wird sie zur Gedächtnislücke? In einer von Dritten geförderten Reihe innerhalb des „Poesiealbum“ geht der Märkische Verlag „gegen das Vergessen“ an. Wir auch.

Ralph Grüneberger, Initiator und Herausgeber des „Poesiealbum neu“, von ihm erschien 1984 das „Poesiealbum 198“ im Verlag Neues Leben Berlin

Im Zeitraum 1. September bis 31. Dezember 2020 zeigt die GZL in ihrem LYRIK-SCHAUFENSTER im Haus des Buches (1. Etage) diese Ausgaben und einige mehr: „Das Poesiealbum und das Poesiealbum neu – beide in Echtzeit“

Die Empfehlung des Monats ist ein kostenfreier Service der GZL. Die eigenverantwortlichen Beiträge der Autorinnen und Autoren können, aber müssen nicht die Meinung des Vorstandes wiedergeben.





Ralph Schüller: Danke. Schade – Gestaltungen als „Fortführung der Poesie im Bildnerischen“

  • Veröffentlicht: 01.08.2020 · Zuletzt aktualisiert: 01.08.2020

Empfehlung des Monats · August 2020
von Franziska Röchter

Das ist auch gewagt, mitten in einer in Dauer und Ausmaß nicht absehbaren pandemischen Krise ein kompaktes Doppelalbum herauszubringen, in Zeiten, wo der Launch cineastischer Pre-Bestseller vorsorglich um mehr als ein halbes Jahr verschoben wird, damit es „sich lohnt“.  In Zeiten, wo es flächendeckend  schlecht steht um (Klein-)Künstler, deren Kunst auch Einnahmequelle sein muss. Das macht den auch in der Realität sehr sympathisch-unprätentiösen Künstler Ralph Schüller, studierter Maler und Grafiker der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (man merkt es seinen selbstgestalteten Musik- und Bucherzeugnissen an),  noch etwas sympathischer, wenn die Kunst ohne Kalkül dann heraus muss, wenn sie reif ist. Es ist – „Danke. Schade“ – die 5. musikalische Produktion dieses vielseitig Schaffenden, die erste Doppel-CD im Digi-Pack, und sie besticht – wie auch ihre Vorgänger – schon rein optisch durch ein hohes Maß an Eigenwilligkeit; ohne es verbal festzuzurren: Das Cover ist einfach klasse und spiegelt im Bildnerischen das Aufeinandertreffen unterschiedlichster Stilmixe und Einflüsse wider. Dass die enorme instrumentelle Bandbreite (Akustik-Gitarre, E-Gitarre, Dobro, Mundharmonika, Akkordeon, Metallophon, Schlagzeug, Percussion, Bass, Trompete, Akkordeon, Wörlitzer Piano, Orgel, Violine, Ukulele, Posaune, Banjo …) beim Release-Konzert am 02.07 in der Leipziger „dieNato“ unter Corona-Bedingungen (nur 25 Zuschauer waren zugelassen, nur jeweils 5 Musiker durften zeitgleich auf die Bühne) live etwas gedämpft und zurückgenommen werden musste, macht es umso notwendiger für jeden Musikliebhaber, sich nicht auf den schnellen YouTube-Mitschnitt zu verlassen, sondern für die klangliche Fülle mit kammerorchesterähnlichem Ausmaß  – und hier ist nicht von aufgepimpten, krass getunten Klangkörpern und nachbearbeiten Sounds und Volumes die Rede, ich glaube, das fände Ralph Schüller viel zu unehrlich – diese Doppel-CD als Gesamtkunstwerk zu erstehen und mit guten Kopfhörern entspannt zurückgelehnt zu genießen und das künstlerisch gestaltete Booklet anzuschauen.

Auf Schüllers Musikerhomepage ist zu lesen, woher seine vielfältigen Einflüsse kommen, da ist u.a.  die Rede „von südamerikanischer Gitarre, Heavy Metal, Udo Jürgens und Schmidtchen Schleicher … Folk und Hip Hop, Dylan, Waits, die Pogues, einfach alles …“. Und stünde es dort nicht, der geneigte Zuhörer käme an dieser oder jener Stelle wahrscheinlich selbst drauf, würde an andere Allround- (oder Welt)musiker erinnert, die mit ihrer musikalischen Vielseitigkeit das lauschende Ohr geprägt haben …

Dass eine Produktion mit dem Titel „Danke“ beginnt, sagt einiges aus über den Künstler, bei dem das Positive an vorderer Stelle zu stehen scheint. Zuviel Meckerer und Miesepeter gibt es schon im Lande, zu viele, die kritisieren, kritisieren, kritisieren, und hier sagt endlich mal jemand, dass es auch Grund genug gibt, dankbar zu sein. Anstatt zu bejammern, dass die Geliebte gehen muss, bittet der Künstler in einer Hookline darum, sich die positiven Momente im Schlaf bewahren zu können: „Danke, danke, danke, bitte weck mich nicht, bevor du gehst“.
Auch der 2. Titel, „Es ist gut“, stellt zunächst das Positive in den Vordergrund:

Es ist gut, dass du dich sorgst  
und den Mund öffnest
und dich regst und dich regst
und dich regst

Es ist gut, dass du Wut hast
und dich im Ton vergreifst
und dich bewegst und dich bewegst
und dich bewegst

Dass all diese Wut und Verbalausbrüche mangels Kreatitivät im Nichts verpuffen, wenn nichts Neues entgegengesetzt wird („Aber wo ist deine Idee?“) und wenn keine Aktivität folgt („Wo warst du, als es schien / etwas Bess’res zu schaffen / Anstatt zu meckern den lieben langen Tag“), dass letztendlich durch Sprache Gewalt entstehen kann in einem „verdammten Niemandsland“, zeigt Ralph Schüller mittels krawallfreier Benutzung sehr unschöner Wörter (im CD Booklet schwarz gefärbt, auf der CD ausgesprochen) und verdeutlicht den teilweise gesellschaftspolitischen Impetus seiner Lieder, die musikalisch so schön daherkommen. Schüllers fundiert handgemachte Lieder erschöpfen sich eben nicht nur in romantischer, selbstreferentieller Beziehungstümelei so mancher gemainstreamter und von der Musikindustrie „gemachter“ Liedermacher, sondern bieten einfach mehr Tiefe, mehr Inhalt, mehr Poesie, mehr Anregung zum Nachdenken. Manche Stücke – wie z. B „Wunschballon“ oder „Trödeln“ – sind einfach nur schön, manchmal schön melancholisch, und laden zum Träumen ein, lassen die Welt vergessen. Stücke wie „Fruchtbar und furchtbar“, blueslastig, schunkelfest, mundharmonikadurchtränkt, laden augenblicklich zum Tanzen ein (Walzer!), bis man einen Drehwurm hat (letztes Wort der Lyrics: „schön“!). Songs wie „Bleib mir auf den Fersen“ lassen durchaus etwas von Hannes Wader anklingen.

„Wohin das führt“ (CD 2) besticht durch Reggae-Klänge und lässt mich an Hubert von Goiserns „Katholisch“ denken, ein Song, der mit rotzfrechem österreichischem Sprachduktus und lautstarker Vehemenz Goiserns Weltlichkeit zu rechtfertigen sucht und viel Witz beinhaltet – eine etwas andere Art von Witz ist auch bei Schüller in seinem etwas ruhigeren Song zu finden … Und in „Gleich“, nur 3 Lieder weiter, nehmen uns Piano-Klänge wieder mit auf eine melancholische Zeitreise, die uns ahnen lässt, dass Musiker manchmal einfach die poetischeren Dichter sind, wenn nicht vielleicht manchmal sogar die besseren.

Die Nacht ist warm und über uns die Sterne
Das wäre Grund genug, den Hut zu ziehn
Wo ich nie war, da sitze ich jetzt gerne
ganz stumm und neu
von Kopf bis zu den Knien

Schade, denkt man da, wenngleich das allerletzte Lied „Schade“ ein bisschen zeitgeistkritisch etwas von „Früher war alles besser“ anklingen lässt, schade, dass die Scheibe schon zu Ende ist … Aber man wird sie noch öfter hören … Und sich vielleicht die Vorgänger besorgen … Denn vielleicht gibt es ja irgendwann diese handwerklichen, musikalischen Allroundtalente nicht mehr, Musiker, die sich selbst ihre eigenen deutschen Texte schreiben, die sich selbst begleiten oder ein ganzes Kammerorchester um sich drapieren können, ohne darin unterzugehen, die an eine Zeit erinnern, als Digitalität noch nicht alles beherrschte und es noch auf handwerkliches Können ohne Konservendose ankam … (jetzt bin ich auch beim „früher war …“ gelandet …). Vielleicht aber gibt Ralph Schüller auch Anlass zur Hoffnung, dass diese immer rarer werdende Spezies am Musikerhimmel wieder neu im Kommen ist … Es wäre zu wünschen.


„Danke. Schade.“ (Doppel-CD)
Doppel-CD „SCHÜLLER – Danke. Schade.“ [2020]
DERMENSCHISTGUTMUSIK 2020
VÖ: 02.07.2020
Digipak, 44-seitiges booklet
Spielzeit: 95 min
20,00 € (inkl. 16 % MwSt.)
Zu beziehen hier:
https://www.ralph-schueller.de/produkt/dankeschade
oder hier (Shop):
https://www.ralph-schueller.de/shop




Klára Hůrkovás Licht in der Manteltasche: ein Lichtblick

Licht in der Manteltasche. Gedichte

  • Veröffentlicht: 01.07.2020 · Zuletzt aktualisiert: 30.06.2020

Empfehlung des Monats · Juli 2020
von Jule Weinrot

Der neue Gedichtband von Klára Hůrková – soeben erschienen im chiliverlag – ist das erste Hardcover der Prosa- und Lyrikautorin. Während die tschechisch-deutsche Autorin sonst gerne ihren Gedichten tschechische Übersetzungen gegenüberstellt, verweilt sie diesmal ausschließlich im Deutschen.
Klára Hůrková, die neben der Übersetzung von Gegenwartslyrik gern Bilder malt und Englisch und Kunst unterrichtet, wurde 1962 in Prag geboren:
„Meine Generation ist in einem totalitären Regime aufgewachsen, und aus diesem Grund ist der Wunsch nach Freiheit und Demokratie in uns sehr stark. Wir wollen glauben, dass wir eine Wahl haben … Und viele von uns glauben auch, dass das Wort, die Literatur, eine wirksame Kraft ist, diese Werte zu verteidigen.“  –  so die Autorin in einem Interview auf dem Blog der editionfaust mit Eric Giebel, dessen eigener Gedichtband Quecksilber in Manteltaschen (Pop Verlag 2015) möglicherweise für die Autorin eine Inspiration für ihre eigene Titelgebung war.

„In 4 Kapiteln nimmt uns die Dichterin mit auf eine Reise zu verschiedenen Stationen ihres Lebens. Ankünfte, Metropolen, persönliche Begegnungen, Zwiegespräche mit Kunst und Natur, Introspektionen, Erinnerungen, Jahreszeiten, Träume – Hůrkovás Gedichte sind ein Kaleidoskop menschlicher Erfahrungen am Saum verschiedener Welten, in denen die Bedeutung des Wortes überdauert.“ – so die Verlagsbeschreibung. Hůrkovás Band entstand im ersten Quartal dieses Jahres – mitten in einer Zeit, die davon geprägt war (und immer noch ist), weltweit, europaweit, deutschlandweit aufgrund einer Virusbedrohung die Freiheiten der Bürger massiv einzuschränken. So trägt das erste Kapitel – nach dem Prolog stiftenden Gedicht „Heimkehr“ – stimmigerweise den Titel Als wir noch reisten und beginnt mit dem Jahr 1989, mit der Ankunft in Brüssel und der Abgabe von Fingerabdrücken „für das wertvollste Stück Papier“.  Es folgen das erste Treffen von „Halbschwestern“, Reisen nach New York, Schweden, Besuche in München und  Frankfurt am Main.

Im 2. Kapitel, Zwischen den Häuserzeilen, geht es um das Sesshaftwerden, um Erinnerungen, um die Stadt, Fenster, Zimmer, um das „Land / wo jeder leben will“. In Kapitel 3, Launen der Inseln, begibt sich die Dichterin wieder auf Reisen, diesmal ans Meer. „Jetzt rollt das Meer zurück / flüstert Einschlafmärchen / Seehunden und Walen ins Ohr“; Leuchttürme und Wellen, Damm und Strand, Insel und Hafen, Dünen und Nacht sowie Funde wie Das tote Tier am Strand oder Krähenfeder prägen die Bilder der Gedichte.

Krähenfeder

Ich fand eine Krähenfeder auf der Wiese
Drei weiße Pferde weideten hinterm Zaun
Dein Rücken strahlte nackt in der Sonne
wir gingen am glühenden Weizenfeld entlang

Ich hob die Feder auf

Zu Hause wollte ich damit
ein Gedicht schreiben über die Sonne
die Pferde, deinen Rücken und das Gold im Feld

Aber die Feder wehrte sich
kein Bild entstand

nur farblose Zeichen

Kapitel 4, Jahreszeiten mit Fragezeichen, wirft Fragen auf, nein, stellt Fragen in den Raum, Fragen nach der Endlichkeit, dem unaufhaltsamen Altern („Ich würde gehen / in Richtung Winter“ aus Herbst-Intermezzo; „Und ich frage, wann wir endlich / nach Hause zurückkehren“ aus Winterblau).

Unwucht (Auszug)



Im Inneren der Sterne
explodieren Wasserstoffbomben

während ich hier sitze
mit verspanntem Rücken
darüber nachdenke, wie viele Gedichte
ich meinem Alltag entreißen kann
und immer noch
die Welt verstehen möchte

Das Gedicht Mondsuchung beginnt folgendermaßen: „Wenn alle schreiben, nur du nicht …“ Klára Hůrková sagte kürzlich in einem Interview anlässlich ihrer Buchneuerscheinung der Dichterin Safiye Can: „Es macht mich glücklich, andere Menschen glücklich zu sehen, aber manchmal, wenn auch nicht oft, bin ich neidisch und eifersüchtig. Ob die Eitelkeit und Torheit irgendwann im Alter aufhören werden? Das wüsste ich gerne.“  Diese Frage beantwortet sich die Dichterin in ihrem Gedicht Zwischen Herz und Hirn quasi selbst: „Zwischen Herz und Hirn / müssen die Arterien durchlässig sein / da muss das Blut pulsieren / pünktlich wie eine U-Bahn“. Eine solche Ausgewogenheit in der „Blutversorgung“ ist oftmals ein Privileg geglückten Alterns, bei dem die Impulse des Herzens in der Kopfstube und die Vernunft des Geistes im Herz auch ankommen und Gehör finden. Den Mut aufzubringen, diesen Impulsen zu folgen, beschreibt Klára Hůrková in ihrem Gedicht Traum II, das als Wunschbild der Autorin mehr Mut im eigenen Leben herbeitsehnt und das Lyrische Ich als Löwendompteurin im Zirkus auftreten lässt:

Etwas war entfesselt
Mein eigener Mut
Kaum auszuhalten
(Auszug)

Fazit: Dieser besonders schön gestaltete Hardcoverband ist auf jeden Fall eine nähere Betrachtung wert, wenn man sowohl Autorin als auch Verlag näher kennenlernen möchte.


Klára Hůrková, Licht in der Manteltasche
Gedichte, 76 Seiten
ISBN 978-3-943292-86-2
chiliverlag 06.2020, 16,90 EUR
















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