Klára Hůrkovás Licht in der Manteltasche: ein Lichtblick

Licht in der Manteltasche. Gedichte

  • Veröffentlicht: 01.07.2020 · Zuletzt aktualisiert: 30.06.2020

Empfehlung des Monats · Juli 2020
von Jule Weinrot

Der neue Gedichtband von Klára Hůrková – soeben erschienen im chiliverlag – ist das erste Hardcover der Prosa- und Lyrikautorin. Während die tschechisch-deutsche Autorin sonst gerne ihren Gedichten tschechische Übersetzungen gegenüberstellt, verweilt sie diesmal ausschließlich im Deutschen.
Klára Hůrková, die neben der Übersetzung von Gegenwartslyrik gern Bilder malt und Englisch und Kunst unterrichtet, wurde 1962 in Prag geboren:
„Meine Generation ist in einem totalitären Regime aufgewachsen, und aus diesem Grund ist der Wunsch nach Freiheit und Demokratie in uns sehr stark. Wir wollen glauben, dass wir eine Wahl haben … Und viele von uns glauben auch, dass das Wort, die Literatur, eine wirksame Kraft ist, diese Werte zu verteidigen.“  –  so die Autorin in einem Interview auf dem Blog der editionfaust mit Eric Giebel, dessen eigener Gedichtband Quecksilber in Manteltaschen (Pop Verlag 2015) möglicherweise für die Autorin eine Inspiration für ihre eigene Titelgebung war.

„In 4 Kapiteln nimmt uns die Dichterin mit auf eine Reise zu verschiedenen Stationen ihres Lebens. Ankünfte, Metropolen, persönliche Begegnungen, Zwiegespräche mit Kunst und Natur, Introspektionen, Erinnerungen, Jahreszeiten, Träume – Hůrkovás Gedichte sind ein Kaleidoskop menschlicher Erfahrungen am Saum verschiedener Welten, in denen die Bedeutung des Wortes überdauert.“ – so die Verlagsbeschreibung. Hůrkovás Band entstand im ersten Quartal dieses Jahres – mitten in einer Zeit, die davon geprägt war (und immer noch ist), weltweit, europaweit, deutschlandweit aufgrund einer Virusbedrohung die Freiheiten der Bürger massiv einzuschränken. So trägt das erste Kapitel – nach dem Prolog stiftenden Gedicht „Heimkehr“ – stimmigerweise den Titel Als wir noch reisten und beginnt mit dem Jahr 1989, mit der Ankunft in Brüssel und der Abgabe von Fingerabdrücken „für das wertvollste Stück Papier“.  Es folgen das erste Treffen von „Halbschwestern“, Reisen nach New York, Schweden, Besuche in München und  Frankfurt am Main.

Im 2. Kapitel, Zwischen den Häuserzeilen, geht es um das Sesshaftwerden, um Erinnerungen, um die Stadt, Fenster, Zimmer, um das „Land / wo jeder leben will“. In Kapitel 3, Launen der Inseln, begibt sich die Dichterin wieder auf Reisen, diesmal ans Meer. „Jetzt rollt das Meer zurück / flüstert Einschlafmärchen / Seehunden und Walen ins Ohr“; Leuchttürme und Wellen, Damm und Strand, Insel und Hafen, Dünen und Nacht sowie Funde wie Das tote Tier am Strand oder Krähenfeder prägen die Bilder der Gedichte.

Krähenfeder

Ich fand eine Krähenfeder auf der Wiese
Drei weiße Pferde weideten hinterm Zaun
Dein Rücken strahlte nackt in der Sonne
wir gingen am glühenden Weizenfeld entlang

Ich hob die Feder auf

Zu Hause wollte ich damit
ein Gedicht schreiben über die Sonne
die Pferde, deinen Rücken und das Gold im Feld

Aber die Feder wehrte sich
kein Bild entstand

nur farblose Zeichen

Kapitel 4, Jahreszeiten mit Fragezeichen, wirft Fragen auf, nein, stellt Fragen in den Raum, Fragen nach der Endlichkeit, dem unaufhaltsamen Altern („Ich würde gehen / in Richtung Winter“ aus Herbst-Intermezzo; „Und ich frage, wann wir endlich / nach Hause zurückkehren“ aus Winterblau).

Unwucht (Auszug)



Im Inneren der Sterne
explodieren Wasserstoffbomben

während ich hier sitze
mit verspanntem Rücken
darüber nachdenke, wie viele Gedichte
ich meinem Alltag entreißen kann
und immer noch
die Welt verstehen möchte

Das Gedicht Mondsuchung beginnt folgendermaßen: „Wenn alle schreiben, nur du nicht …“ Klára Hůrková sagte kürzlich in einem Interview anlässlich ihrer Buchneuerscheinung der Dichterin Safiye Can: „Es macht mich glücklich, andere Menschen glücklich zu sehen, aber manchmal, wenn auch nicht oft, bin ich neidisch und eifersüchtig. Ob die Eitelkeit und Torheit irgendwann im Alter aufhören werden? Das wüsste ich gerne.“  Diese Frage beantwortet sich die Dichterin in ihrem Gedicht Zwischen Herz und Hirn quasi selbst: „Zwischen Herz und Hirn / müssen die Arterien durchlässig sein / da muss das Blut pulsieren / pünktlich wie eine U-Bahn“. Eine solche Ausgewogenheit in der „Blutversorgung“ ist oftmals ein Privileg geglückten Alterns, bei dem die Impulse des Herzens in der Kopfstube und die Vernunft des Geistes im Herz auch ankommen und Gehör finden. Den Mut aufzubringen, diesen Impulsen zu folgen, beschreibt Klára Hůrková in ihrem Gedicht Traum II, das als Wunschbild der Autorin mehr Mut im eigenen Leben herbeitsehnt und das Lyrische Ich als Löwendompteurin im Zirkus auftreten lässt:

Etwas war entfesselt
Mein eigener Mut
Kaum auszuhalten
(Auszug)

Fazit: Dieser besonders schön gestaltete Hardcoverband ist auf jeden Fall eine nähere Betrachtung wert, wenn man sowohl Autorin als auch Verlag näher kennenlernen möchte.


Klára Hůrková, Licht in der Manteltasche
Gedichte, 76 Seiten
ISBN 978-3-943292-86-2
chiliverlag 06.2020, 16,90 EUR
















TENTAKEL Literaturmagazin aus OWL „Spuren und Wege“ – eine „Versammlung“ fantastischer „Schreibspuren“

Tentakel Literatur Magazin Spuren und Wege, 2_2020

Empfehlung des Monats · Juni 2020
von Jule Weinrot

Als die Macher der mittlerweile über die Landesgrenzen hinaus bekannten OWL Literaturzeitschrift Tentakel die thematische Richtung festlegten, ahnten sie möglicherweise noch nicht, wie passend ihr Thema zur Mitte des Jahres im Hinblick auf das Weltgeschehen sein würde. Der ungebrochene Wille, ein Kaleidoskop nennenswerter regionaler Literatur zu sein, diese sichtbar zu machen, immer mehr auch beachtenswertes bildnerisches Gestalten aus Ostwestfalen einzubeziehen sowie auf Neuerungen und Strömungen im literarischen Geschehen der Region hinzuweisen, hat die Herausgeber*innen von ihrer bewährten Gewohnheit einer Live-Redaktionssitzung abgebracht und erstmals eine Ausgabe entstehen lassen, die ausschließlich auf virtuellem Wege zustande gekommen ist.
Dass diese Vorgehensweise dem Ergebnis keinen Abbruch tut und ein zukunftsträchtiges Procedere  ist, beweist die 2. Ausgabe des 3 x jährlich erscheinenden Literaturmagazins mit dem vielseitigen Titel „Spuren und Wege“.

Während über viele Jahre der Bielefelder Lyriker Hellmuth Opitz Teil des Redaktionsteams war, nimmt nun schon länger – neben dem Urvater (seit 1978) der Jugend schreibt-Bewegung Matthias Bronisch, dem libertären postanarchistischen Theoretiker und Lyriker Dr. Ralf Burnicki, dem langjährigen Pädagogen und Lyriker Peter Bornhöft – die Krimipreisträgerin Mechtild Borrmann (Wer das Schweigen bricht, Deutscher Krimi Preis 2012) diese Rolle ein; erweitert wurde das Team des 2007 gegründeten Literaturmagazins um die freie Journalistin und Autorin Antje Doßmann.

Redaktionsteam Tentakel: Peter Bornhöft, Mechtild Borrmann, Matthias Bronisch, Ralf Burnicki, es fehlt: Antje Doßmann
Radierung: Matthias Bronisch

Denn sicher ist: Die Region um Bielefeld und Ostwestfalen sprudelt nur so vor literarischen Talenten. So ist auch die aktuelle Ausgabe der Tentakel – apart ummantelt von 2 Radierungen des auch als bildender Künstler tätigen Schriftstellers Matthias Bronisch – dessen Fossilien ein bildnerisches Synonym für das Wort Spuren sind, seine aufsteigende Treppe auf der Rückseite des Magazins ein visuelles Äquivalent für Wege – wieder ein Stelldichein unterschiedlichster künstlerischer Multitalente, von denen einige im Hinblick auf die Pandemie 2020  bereits literarische Spuren hinterlassen.

Während Rolf Birkholz den Seuchenfrühling, nach Celan und Proust bedichtet, lässt Robin Varcoe Biggs in seinem 2020 (mit Bezug auf Wilfred Owen) das Zukunftsträchtige, das Hoffnung schürende ( „… a fast-forward / Into the future / Where we always hope …“) des „invisible enemy“ durchscheinen; Franziska Röchter schreibt von einem „Fassadenclown“, der die „pseudoallmächtige corona der schöpfung“ regiert, und der wie ein auszufüllendes Formular (ein Antrag auf Kulturförderung in Corona-Zeiten?) wirkende Text Wer bestimmt von Barbara Daiber sorgt allein mit Versatzstücken wie „wer bestimmt_____welche sätze___ wir nur leise denken oder gar nicht denken_____welcher wahrheit wir glauben______wer wichtiger ist____“ für einen mehr als aktuellen Bezug im Hinblick auf systemrelevante und informationspolitische Fragestellungen. Barbara Daiber, ebenfalls Stimme des jungen Künstlerkollektivs „lichtstreu“, ein Lyrikprojekt von Autor*innen aus Melle, Herford und Bielefeld, liefert ebenfalls die bildnerische Grundlage Organschrift für eine vierstimmige Kollektivarbeit zum Thema „Spuren und Wege“, an der neben Ralf Burnicki auch die Lyriker*in Elke Engelhardt und Lothar Flachmann beteiligt sind. Ralf Burnicki, promovierter politischer Philosoph, schreibt u.a. in seinem lyrischen Text Lesen lernen:

Kann ich nur sehen, was ich weiß
oder weiß ich nur, was ich sehe?

[…
…]
Was ist ein Weg, wenn er nicht
begangen wird?

[…
…]
Doch sprichst du vom Nichts,
blättert es neue Seiten auf
zwischen uns.
[…
…]

Neue Seiten blättert auch der Schriftsteller und Rezitator Michael Helm mit seinem verstörenden Prosastück „Die Prozedur“ auf, das bis zum Schluss durch einen stetig ansteigenden Spannungsbogen die Neugier des Lesers wachsen lässt. Nur so viel sei verraten: In Zeiten, in denen wir kontinuierlich angehalten werden, auch unseren „letzten Weg“ im Vorfeld gründlich durchzuorganisieren und bis ins Detail zu planen, ist eine Regulierungsbehörde, ein Amt mit Entscheidungsgewalt über den Zeitpunkt des Endes, nichts Unvorstellbares mehr und passt trefflich ins aktuelle Diskussionsgeschehen rund um das Virushandling. Zum Glück lässt Matthias Helm genug Spielraum für die Fantasie des Einzelnen, wie genau diese Behörde mit ihrer mysteriösen Nummernvergabe (Ziehung eines Loses?) arbeitet. Soll unser „letzter Weg“ Glückssache sein oder haben wir durch eine lückenlose, politisch korrekte Selbstverwaltung hier noch ein Wörtchen mitzureden?

Wie Lebenswege anders hätten verlaufen können, wenn … ja, wenn man sich eben „vor 23 Jahren“ anders entschieden hätte, und welche Spuren die einmal getroffene Wahl beim Individuum hinterlassen kann, beschreibt sehr berührend Katrin Brewitt in ihrem Text HALE-BOPP, der in tagebuchähnlichen Sequenzen auch zu einer Rückschau auf das eigene Leben einlädt und gleichsam eine Brücke schlägt zu Eckart Balz‘ Stillgelegte Gleise (nach dem gleichnamigen Titel seines Buches), die äußerst verdichtet anhand „junger Birken“, die aus „toten Gleisen“ sprießen, den berühmten Neuanfang verdeutlichen, der jedem Ende innewohnt.
Viola Richter-Jürgens‘ surreales Fadenspiel, aus den Zwillingsepisoden beleuchtet mit Elementen aus der Welt des Makaberen das zweischneidige Schwert des vergötterten Einzelkinddaseins in einer durch Krankheit und kindlicher Phantasie verzerrten grotesken Wahrnehmung. Ob die Autorin eine gänzlich andere literarische Intention hatte, tut der dystopischen Lesewirkung keinen Abbruch, ihre an Alice im Wunderland erinnernde langbewimperte Kussmundspinne ist jedenfalls eine der originellsten bildnerischen Spinnendarstellungen seit Langem.


Andrea Köhn, ohne Titel (I. 8/14)
Mischtechnik / Leinwand
100 x 140 cm, 2014


Kurzum: Den Herausgebern ist wieder ein äußerst abwechslungsreiches und interessantes Magazin mit wunderbaren Bildern, u.a. von der Bielefelder Künstlerin Andrea Köhn, mit lyrischen Übersetzungen aus dem Italienischen (u.a. Alfonso Gatto, September in Venedig) von Erica Natale, mit insgesamt 35 Künstlerinnen und Künstlern gelungen, das es zu entdecken gilt; und auch wenn man aufgrund der besonderen Umstände meinen könnte, dieses Jahr habe doch „eben erst“ angefangen, so zeigt Antje Doßmann (u.a. auch Chefredakteurin des jungen Online-Magazins RƎSONANZEN, Kultur in Ostwestfalen-Lippe) in ihrer „Berliner Spätsommerelegie“ Eitler Sonnenschein aufs Trefflichste poetisch, dass man unweigerlich schon an das Ende des Jahres denken muss, es aus verschiedenen Gründen vielleicht sogar herbeisehnt:

Antje Doßmann
Eitler Sonnenschein
(Auszug)


es herrscht Ende
September
in Berlin
Armut
Einwanderung
einundzwanzigstes Jahrhundert.


die Sonne steht tief
der Sommer hat schon
seinen Hut genommen
verweilt aber noch
in der Krone
auf ein Schultheiß oder zwei
und ich denke:
dieses hier ist wirklich
einer der letzten
schönen Tage                      

Um es abschließend mit den Worten Peter Bornhöfts aus seinem Text Versammlung zu sagen: „Ich sammle mich gern in meinen Sammlungen“, aber habe nicht das Gefühl, da „sogleich im schönsten Durcheinander“ zu sein, denn das von Peter Bornhöft beschriebene „fantastische Tohuwabohu“ bezieht sich u.a. auf „ein Wirrwarr unzeitgemäßer Gedanken“, auf „Kofferworte“, die „schon unterwegs“ sind, auf viktorianische Sammeltassen und antiken Trödel; was aber durchaus auch auf die neue Tentakel zutrifft, ist das Atemberaubende, der Enthusiasmus, das Sagenhafte, die Begeisterung über die Literatur und Kunst, die einen „nicht aus den Fängen“ lässt.


Tentakel Literatur Magazin
Spuren und Wege, 2_2020
ISSN  2191-690X
erhältlich im Abo 16 EUR (3 Magazine im Jahr, Porto und Versand  inklusive), Einzelexemplar 3,50 EUR
redaktion_tentakel@yahoo.de
https://www.matthias-bronisch.de/tentakel-literaturmagazin/







Versnetze_13: Axel Kutsch hat wieder ausgiebig gefischt

  • Veröffentlicht: 01.05.2020 · Zuletzt aktualisiert: 02.05.2020

Empfehlung des Monats · Mai 2020
von Jule Weinrot


Unermüdlich zieht Axel Kutsch,  ehemaliger Redakteur des Kölner Stadt-Anzeigers, Poesieangler und -sammler aus Leidenschaft, Jahr ums Jahr Fische an Land – bekannte, neu entdeckte, bisweilen im großen Lyrikmeer gründelnde, immer aber interessante und von der ungemeinen Vielfalt und Originalität lyrischer Ausdrucksform zeugende. Sein unvoreingenommener Blick in das Kaleidoskop zeitgenössischer Verse macht dieses nach Postleitzahl und Geburtsjahr geordnete Vers-Kompendium so interessant für neugierige Tiefseetaucher auf der Suche nach Leuchtbojen.  

In diesem 13. Band der jährlich erscheinenden Reihe liest man eingangs in einem Interview mit dem Herausgeber, dass dieser „Wert darauf“ legt, „ein weites Feld unterschiedlicher Schreibweisen unserer heutigen Lyrik, die oft individuell ist, auszubreiten.“  Axel Kutsch verweist auf zwei „Lager“ in der Lyrik, das der konventionellen Dichter und das der „abgefahren“ experimentellen, unorthodoxen, progressiven, die jeweils manchmal ihre vermeintlich vorrangige Daseinsberechtigung zu verteidigen suchen. Der Herausgeber verteidigt seine Auswahl von Texten aus beiden Lagern und ist sich der Sperrigkeit und prosaischen Nähe mancher Texte sehr bewusst.

Auch  hat er sehr gute Gründe, seine Vernetze nicht allzu forciert auszulesen. „Insider“ würden von über tausend Verfassern nennenswerter Lyrik im deutschen Sprachraum ausgehen. In der aktuellen Ausgabe der Versnetze sind 250 Autor*innen enthalten – etliche Mitglieder der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik haben übrigens auch Eingang gefunden. Insofern müsse ein abgerundetes Bild zeitgenössischer deutschsprachiger Lyrik durch die Lektüre anderer Gedicht-Anthologien ergänzt werden [Anm. d. Verf.:  In diesem Zusammenhang sei natürlich auch auf das thematisch sehr weit gefächterte Poesiealbum neu, edition kunst & dichtung, der Lyrikgesellschaft verwiesen].

Worüber schreiben zeitgenössische Dichter, gibt es regionale Unterschiede? Eine in aller Kürze schwer zu beantwortende Frage. Man wird keinem Text gerecht, wenn man einen anderen nennt. Jedem Lyrikliebhaber sei angeraten, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen und Deutschland samt kleinem „Grenzverkehr“ poetisch zu durchqueren und zu erkunden. Wundern wird man sich hier und  da, z.B. über neu angeschlagene Töne, wie man sie bislang von manch einem Dichter so nicht kannte, über luftige Verse und knäuelhaft ineinander Verwobenes, über Anschauliches und Abstraktes, Realsprache und Vergeistigtes, über Texte, die aus sich selbst heraus existieren und solche, die eine Anhäufung von Anspielungen sind.



Gerade jetzt, aktuell, wo viele Menschen doch mehr Zeit zu haben scheinen, bietet diese Anthologie, deren Beiträge vor der Auswahl laut Herausgeber mehrmals gelesen wurden und die vom Verlag Ralf Liebe in geradezu liebevoller handwerklicher Tradition gesetzt und auf alterungsbeständigem Werkdruckpapier von Fedregoni aus Italien gedruckt wurde und somit aus allen bekannten Kompendien ziemlich heraussticht,  eine sehr gute Möglichkeit, in das Abenteuer Lyrik einzusteigen. Und mit viel Glück erhält man vielleicht bei einer Verlagsbestellung noch echte „Landpresse“ – Nachrichten aus dem Verlag Ralf Liebe dazu, die allein haben ja schon Sammelwert.



Versnetze_13
Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart
Herausgegeben von Axel Kutsch
Verlag Ralf Liebe
978-3-948682-02-6
359 Seiten, EUR 25,00

Wegmarken eines Großmeisters. Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1950 – 2020

  • Veröffentlicht: 01.04.2020 · Zuletzt aktualisiert: 29.03.2020

Empfehlung des Monats · April 2020
von Wolfgang Braune-Steininger

Hans Magnus Enzensberger (*1929) ist nach dem Tod von Günter Kunert der letzte verbliebene Großmeister deutschsprachiger Nachkriegslyrik. Seitdem er 1957 mit dem Gedichtband Verteidigung der Wölfe debütierte, bekam er auch schon  von Literaturwissenschaft und Kritik gleichermaßen einen Spitzenplatz unter  den zeitgenössischen Poeten zugewiesen, der seither auch nie in Frage gestellt wurde.   

Mit dem aktionspolitischen Impetus von Bertolt Brecht und der poetischen Variabilität von Gottfried Benn schuf  er Gedichte, deren Wortefundus aus den teilweise verschiedensten Sprachbereichen stammen. Besonders originell sind seine Entlehnungen aus dem Medien- und Kommunikationsbereich. So ist ein Gedicht mit  An alle Fernsprechteilnehmer überschrieben, ein anderes  wiederum mit Kein Anschluß unter dieser Nummer.  

Was Enzensberger seit seinem ersten Auftreten mit Bestimmtheit in die Lyrikgeschichte einziehen ließ, war seine souverän-virtuose textinterne Verwendung und Auseinandersetzung mit der Literaturgeschichte verschiedener Länder und Epochen. Auf kaum einen Literaten wie ihn trifft die Kennzeichnung Poeta doctus – gelehrter Dichter – zu. So ist etwa das aus dem Mittelhochdeutschen kommende zweite Tagelied von Wolfram von Eschenbach die intertextuelle Bezugsgröße zum Eröffnungsgedicht des Bandes: Utopia.

Außerdem hatte Enzensberger schon früh die Position eines öffentlichen Intellektuellen inne, der sich über seine literarische Produktion hinaus noch  zu tagespolitischen Fragen äußert. So erregten seine kritischen Essays über den Spiegel (1957), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (1962)  und die transnationale Migration – Die große Wanderung (1992) – großes Aufsehen.       

Essayistische Züge tragen auch viele von Enzensbergers Gedichten, in denen nahezu jedes lyrische Genre vertreten ist. Besondere Verdienste erwarb er sich um das Personengedicht. Der 1975  erschienene Lyrikband Mausoleum. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts enthält ausschließlich personenzentrierte Gedichte. Für den vorliegenden Band wählte Enzensberger u.a. die lyrischen Personenstudien über Machiavelli, Bakunin und  Che Guevara aus, wobei über letzteren gesagt wird, dass er „Ein zarter Versager, Fraß für Geheimdienste“ (S. 88) gewesen sei. Ein lyrisches Porträt beschließt auch Enzensbergers  Gedichtauswahl aus siebzig Jahren, nämlich das mit Der Triumph war seine Sache nicht  überschriebene biografische Bildnis von Joseph Haydn.

Besonders aussageintensiv ist  die porträtlyrische Skizze von Eichendorff, die auch ein nachhaltiges Statement zur ‚Haltbarkeit‘ romantischer Poesie in Zeiten des kulturellen und politischen Wandels ist (S. 182):




Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1950 – 2020
Suhrkamp Verlag Berlin 2019 (suhrkamp taschenbuch 5015) 
ISBN: 978-3-518-47013-8       
238 Seiten, 14 Euro

Duale Sicht auf die Welt – Therese Chromik: „Blau ist mein Hut“

  • Veröffentlicht: 01.03.2020 · Zuletzt aktualisiert: 27.02.2020

Empfehlung des Monats · März 2020
von Marianne Beese

Charakteristisches, das den neuen Lyrikband von Therese Chromik auszeichnet, zeigt sich bereits in dem titelgebenden Gedicht „Blau ist mein Hut“, das auch den Reigen der Texte eröffnet. Es heißt dort:

Ja
ich schlafe bei offenem Fenster/
mit Sommerhut
und mit Sandalen
blau ist mein Hut
und rosa die Sandalen
und gelb die Sternschnuppen
die sich an meine Verse heften
wenn ich über die Milchstraße gehe

Eine auf den ersten Blick alltäglich anmutende Situation weist über sich hinaus; allein durch die farbigen Akzente einer Gegensätzlichkeit – und sie weitet sich in Dichtung und Traum, ins Kosmisch-Überweltliche, aus. Diese Besonderheiten zeigen sich auch in anderen Texten des Bandes – als dessen Grundzug eine dualistische Sicht auf die Welt erkennbar wird, ein Wahrnehmen dieser in ihrer Widersprüchlichkeit, die eben deshalb zur lyrischen Gestaltung drängt, zu einem möglichen Ausgleich. Solche Gegensatzpaare, die Spannungspole in den Gedichten bilden, sind Verstand und Gefühl, Wesen und Erscheinung, Dauer und Vergänglichkeit, Schönheit und Zerstörung, Verwurzelung und Aufbruchssehnsucht, Realitätserfahrung und poetische Fiktion und anderes mehr.

Die dichterische Sprache, die sich dem Auffinden und Gestalten des Widersprüchlichen, bildlich oder in gedanklicher Verallgemeinerung, widmet, mutet eher lakonisch und verknappt an, doch vereint sie, dem dualen Weltbild gemäß, Konkretes und Abstraktes und folgt vielfach dem Prinzip der Modulation, der wiederholenden Abwandlung.

Inhaltlich-thematisch ist die Ausrichtung auf den ‚Norden‘ gegeben, wobei ein starkes Heimatgefühl ebenso wie große Naturnähe des lyrischen Subjekts zur Sprache gelangen. Meer, Strand, Deich und Schafe werden als Zubehör der Heimat benannt. Diese scheint eine immer gleiche, verlässliche Kulisse für Geborgenheit abzugeben, doch zeigt sie sich, vor allem in Gestalt des Meeres, veränderbar. Jenes wird zum Gleichnis des menschlichen Lebens wie auch zum janusköpfigen Abbild von Schönheit und Gefährdung oder, wie in dem Gedicht „Echolot“, zum Symbol der Poesie.

Grenzen die Texte meist an eine ‚andere Welt‘, welche die Realität übersteigt oder in diese hineinwirkt, so geschieht das auch in Form von Mythen, die Überzeitliches mit Heutigem verbinden. Das Gedicht „Der Stern I“ verweist auf die christliche Heilsgeschichte, lässt den Stern von Bethlehem und damit die Geburt Jesu assoziieren, die sich immer aufs Neue, und auch im heimatlichen Deichland, abspielt.

Als Vertreterin der heimischen Natur erscheint par excellence eine Pflanze: die Mohnblume. Sie ist real – und wird zugleich zum Symbol des Zwiespältig-Schillernden; ist „Pflanze der Unterwelt“ wie „Pflanze der Seligen“ gleichermaßen. Sie birgt Heilendes, doch ebenso Vergiftendes und wird damit zum Synonym vor allem für die Liebe. Sie verschlüsselt in sich aber auch die Wandlung von Trauer und Schmerz hin zur Poesie.

Sie weist hinüber zu weiteren Themen im Umfeld von ‚Kunst‘ und ‚Künstlern‘, denen sich eine Reihe von Gedichten widmet. Den Zusammenhang zwischen dem Dichter, dessen ‚brennende‘ Schöpferkraft eine wahre Geschichte entstehen lässt, und seiner ergriffenen Zuhörerschaft stellt der Text „Hans Christian Andersen“ her. Er übermittelt aber auch die Botschaft, dass die damalige, innige Beziehung zwischen Künstler und Rezipienten im Raum der Gegenwart nicht mehr neu belebt werden kann.

Dennoch bleibt auch dort die Frage nach dem Verhältnis zwischen Künstler und einem möglichen Gegenüber, das seine Kunstwerke aufnimmt, gültig. ebenso wie die nach der Wirkung von Kunst an sich.

Ein sehr starkes Angerührtsein, in diesem Falle durch bildende Kunst, hat das lyrische Ich an sich selbst erfahren. Es zeigt sich bei einem Aufenthalt in „Giverny bei Monet“ überwältigt von den Bildern des Malers, die in ihrer Schönheit alles Negative in der Welt abzuweisen scheinen. Anderswo wird die Wirkungsfähigkeit von Kunst eher in Frage gestellt, wird neben dem ‚Wunderbaren‘, das sie repräsentiert, auch das de facto ‚Überflüssige‘, das ihr zu eignen scheint, benannt.

Weitere, im Umkreis der Dicht-Kunst angesiedelte Texte fragen wieder stärker dem Ursprung und Ablauf des schöpferischen Prozesses selbst nach. Das geschieht mehrfach durch einen Rückgriff auf die griechische Mythologie. Die neben dem Sänger Orpheus vorgestellten antiken Götter erscheinen in ihrer überlieferten Gestalt – und sind doch ‚heutig‘ umgedeutet. So steht vor allem Hermes für das Prinzip der Dichtung, welches Zusammenfügen des Widersprüchlichen, ‚Auslegen‘ des Vorgefundenen und ‚Finden des Unsichtbaren‘ ist. Anderswo wird er zur Inkarnation poetischer Leichtigkeit, denn: „nur mit der Fußspitze berührt er den Erdball“.

Die Frage, welcher Zusammenhang zwischen Schöpfertum und vergehender Zeit besteht, werfen mehrere Gedichte auf, und es erfolgt u. a. die Aussage, dass Lebenszeit eine solche des „Wund“- und Orientierungslos-Seins, aber auch „Erzählzeit“ sei. Im Gedicht lässt sich die Zeit ‚überlisten‘ und ins Zeitlose wandeln. Andernorts wird der unmittelbare Vorgang der Wortfindung beleuchtet; das Zögerlich-Vorläufige, Fragile, das ihn ausmacht, das die Unsicherheit oder Unergründlichkeit der eigenen Identität zutage fördern kann – doch auch Erhellendes, ja Erleuchtendes hervorbringt.

Texte, in denen das lyrische Ich über verschiedene Arten von Gedichten nachdenkt – und solche, die der Aussagefähigkeit der Sprache nachspüren oder die den Umgang mit dem Wort in der Spanne zwischen ‚Schweigen‘ und gedankenloser oder inflationärer Verwendung hinterfragen, bilden eine weitere thematische Gruppe.

Leidet die Dichterin unter Symptomen eines Sprachverfalls und verwendet sie selbst Worte behutsam und bewusst, so mitunter auch abweichend von ihrer sonst üblichen Bedeutung. Es wird beispielsweise der Begriff „illegal“ auf das Verhältnis des Menschen zur Erde übertragen, wobei letztere in dem ganzen Ausmaß ihrer Bedrohung charakterisiert wird. Die Zeitsituation als eine durch Krieg und Gewalt aufgeladene – das wird mehrfach angesprochen; etwa auch, wenn in die Schein-Idylle bunter Illustrierter entsprechende Nachrichten eindringen und die letzte Zeile des Gedichts „Warten beim Friseur“ lautet: „wann kommen wir dran“.

„Das Erinnern, die Kunst und das Träumen“, letzteres als friedliches Wachträumen, werden dem Angstauslösenden und Kriegerischen immer wieder alternativ entgegengesetzt. Ebenso ist einer weiteren, bislang nicht selbstverständlich erfolgten Annäherung zwischen ‚Ost‘ und ‚West‘, das Wort geredet.

Lassen sich in den meisten Gedichten Gegensatzpaare auffinden, die konstituiert und lyrisch durchgespielt werden, so zählen dazu außer den schon benannten weitere, darunter ‚Aufgeklärtheit‘ und ‚Glauben‘ bzw. ‚gedankliche Mündigkeit‘ und ‚kindliche Einfalt‘ sowie ‚Jungsein‘ und ‚Alter(n)‘, wobei sich letzteres in ein neues Jungsein wandelt, sofern dem veränderten Status Rechnung getragen wurde. Die Frage nach der Endlichkeit des Lebens stellt sich dennoch unabweisbar – und mit ihr die nach dem Wesentlichen bzw. Unwesentlichen innerhalb der Existenz eines Menschen.

Erschütternd sind die Gedichte, die von Sterben, Abschiednehmen, Trauerbewältigung und Totengedenken handeln. Dabei ruft sich die Dichterin vor allem den frühen Tod ihres Mannes ins Gedächtnis – doch auch das Sterben der Mutter. Die dichterische Sprache vollzieht Bewegungsabläufe nach, die in Stille und Dunkelheit münden.

Im Laufe des Trauerprozesses aber kehrt der oder die Verstorbene gleichsam zurück; ist anfangs noch zugegen in gespeicherten Worten und Sätzen, geäußerten Gedanken und Gefühlen, die abrufbar sind, dann auch in Bildern, Strukturen, Klängen der Umwelt – selbst im Tosen eines Sturms. Grundsätzlich überdauern die Verstorbenen in der Erinnerung – und eben im Gedicht. Eines thematisiert in variierender Wiederholung, dass „Mutters letztes Wort“ – „Tränen trocknen“ – selbst ein Gedicht gewesen sei.

Von einer Rückkehr der Trauernden ins Leben kündet eine Reihe von Texten, die von Kindern handeln; meist den eigenen bzw. den Enkelkindern – und einen Blick auf die Welt mit deren Augen zu werfen suchen, ihre gefühlsmäßige Unmittelbarkeit und Phantasie dankbar miterleben. Auch das Motiv „Liebe“ taucht in den späteren Gedichten des Bandes nochmals auf, wird verallgemeinernd, doch auch in Episoden, die Erfahrenes wiedergeben, dargestellt. Darin ist ausgesagt, dass ‚Liebe‘ wieder möglich wurde und wird, wenngleich in der charakteristischen Zwiespältigkeit („zweipolig“) oder vom Scheitern bedroht – was vereinzelt auf selbstironische, ja vertrackt-komische Weise ausgesagt ist. Auch für ‚Liebe‘ erscheint als der verlässlichste Ort ihres Bewahrens das Gedächtnis.

Resümierend bleibt festzuhalten: Mit ihrem Band „Blau ist mein Hut“ ist Therese Chromik eine intensive, ebenso durch Nachdenklichkeit geprägte wie von Emotionalität getragene, hochpoetische Erkundungsreise durch Zeit und Raum, Innenwelt des ‚Ichs‘, Überlieferung und Gegenwart gelungen, der man mit Genuss und Gewinn folgt – und die man auch anderen zur Lektüre empfehlen möchte.

Therese Chromik, Blau ist mein Hut: Gedichte
Band 1 von Takt&Metrik
Verlag Vorwerk 8, 2019
ISBN 978-3947238118
123 Seiten, 19,00 Euro

Das Poetische des Vergangenen – Ralph Grünebergers Herbstjahr

  • Veröffentlicht: 01.02.2020 · Zuletzt aktualisiert: 26.01.2020

Empfehlung des Monats · Februar 2020
von Marcus B. Richter


Der Roman Herbstjahr von Ralph Grüneberger schildert anhand einer Gruppe junger Leipziger zum einen den Beginn der friedlichen Revolution im Jahre 1989 in der damaligen DDR (einer der Protagonisten gerät in die ersten größeren Montagsdemos in Leipzig und beginnt, sich bei den Demonstrierenden zu engagieren, sein Freund nutzt die sich plötzlich aufgrund des bröckelnden eisernen Vorhangs ergebenden Fluchtmöglichkeiten und geht in den Westen), zum anderen – ein Jahr später – die Versuche der Protagonisten, mit den Folgen des totalen Umbruchs  ihrer  bisherigen Lebensverhältnisse zurechtzu- kommen.

Grüneberger gelingt es, in einfühlsamer Weise und mit viel Liebe zum Detail das Lebensgefühl und die Wirklichkeit von Menschen zu schildern, die sich buchstäblich von einem Tag auf den nächsten in einer anderen Welt wiederfinden und damit klarkommen müssen, was ihnen im Übrigen gut gelingt, da sich keiner von ihnen durch Rückschläge aus der Bahn werfen lässt. Die Protagonisten finden sich letztlich alle in Leipzig wieder,  und zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung – ein gutes Jahr nach Beginn der Handlung von Herbstjahr  –  scheinen alle nach diversen Schwierigkeiten und Rückschlägen auf einem guten Weg und in der neuen Welt angekommen zu sein. Leider endet die Geschichte dann – überraschend für die beiden Hauptfiguren des Romans – aber doch nicht so gut, wie es lange den Anschein hat. Hier haben wir wohl eine Metapher dafür, dass sich auch in der Realität des Landes nach der Wende nicht nur positive Entwicklungen vollzogen, sondern auch negative Kräfte freigesetzt wurden. Die Wirklichkeit erweist sich letztendlich als vielschichtiger, als sie zunächst nach den Umbrüchen und dem scheinbar  erfolgreichen Neubeginn erschien.

Für den Autor dieser Zeilen, der als „Wessie“ die damaligen Ereignisse zwar mit höchstem Interesse verfolgte und seinerzeit selbst von dem Wunsch nach einer Wiedervereinigung des Landes träumte, aber diese damals lediglich als außenstehender Beobachter verfolgen konnte, bietet das Buch faszinierende Einblicke in das Innenleben und die wirklichen Befindlichkeiten der Menschen, die damals den großen Umbruch mit ausschließlich friedlichen Mitteln zugleich erkämpft und „erlitten“ haben. Das Buch ist spannend geschrieben und sehr lesenswert.

Eine angehängte, ebenso detail- wie umfangreiche Chronologie der Jahre 1989 und 1990 bringt die damaligen Geschehnisse nochmal in Erinnerung und dürfte für jeden, der sich gern an die Ereignisse erinnert oder seine Erinnerungen daran auffrischen möchte, ebenfalls eine lohnende Lektüre sein.


Ralph Grüneberger, Herbstjahr. Roman
Gmeiner Verlag, September 2019
314 Seiten, 12 x 20 cm, Paperback
Buch 14,– € / E-Book 9,99 €*
ISBN 978-3-8392-2483-0

Gibt es denn etwas Wichtigeres? „Dichter an die Natur“ – DAS GEDICHT 27

Dichter an die Natur, DAS GEDICHT 27

Empfehlung des Monats · Januar 2020
von Franziska Röchter


Wir alle entstammen ihr. Größtenteils jedenfalls. Zumindest ursprünglich – nach diversen medizinischen Eingriffen, Wiederherstellungs- oder Optimierungsversuchen oder ästhetischen Modifizierungen vielleicht nicht mehr zu 100 Prozent. Und möglicherweise bis wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht nicht einmal mehr zur Hälfte. Aktuell aber ist es noch so, dass die „Natur“, die ursprüngliche Umgebung auf unserem Planeten, die schon vor uns und ohne menschliche Eingriffe einfach „da war“ und die notwendigen molekularischen Konstellationen zur Entwicklung pflanzlichen, tierischen und menschlichen Lebens bereit hielt und zur Verfügung stellte, dass also diese Natur unverzichtbar ist. Versuche, menschlichem Forschergeist entsprungen, die in der Natur vorfindbaren Parameter einfach nachzubauen und somit Natur zu kopieren, lassen Überlegungen entstehen, ob das dann überhaupt noch „Natur“ ist. Wo hört Natur auf, wo fängt Künstlichkeit an?

Zweifelsohne lässt sich festhalten: Wir brauchen sie, und zwar stärker als sie uns. Denn Natur existiert auch ohne die Spezies Mensch. Wir benötigen Luft zum Atmen, Wasser zum Überleben, zur Produktion von Nahrung, die Sonne wird ebenso benötigt wie nährstoffhaltiger Grund und Boden. Und das Schöne in der Natur inspiriert unseren Geist, unsere Seele. Man stelle sich ein dauerhaftes Leben ausschließlich zwischen Betonmauern vor, ohne Tageslicht, ohne Pflanzen und Bäume, mit künstlicher Ernährung in Form von Tabletten, die sämtliche benötigten Nährstoffe enthalten … Umso unverständlicher, dass gerade das „Animal rationale“ seine eigenen Lebensgrundlagen bei vollem Bewusstsein und wissentlich zerstört und ruiniert und vielen Dingen (z.B. materiellem Profit) höheren Stellenwert einzuräumen scheint als dem Erhalt der eigentlichen Lebensgrundlagen. Mir ist keine andere Art bekannt, die Gleiches tut. Wie würden Außerirdische dieses Verhalten beurteilen?

Da dem Themenkomplex „Natur“ die dringlichsten Fragen unserer Zeit zuzuordnen sind, wird eine aktuelle Anthologie über die Natur und unser extrem widersprüchliches Verhältnis zur selbigen inhaltlich zwangsläufig anders aufgestellt sein als beispielsweise noch vor rund 20 Jahren. Mit dem Besingen einer schönen Mondnacht, der freudigen Begrüßung des Frühlings, dem Festhalten eines außergewöhnliche schönen Sonnenuntergangs ist es einfach nicht mehr getan – zu brüchig, zu angeschlagen ist die Natur mittlerweile aufgrund drastischer menschlicher Missachtung ihrer Bedürfnisse. 

Die neue Ausgabe von DAS GEDICHT, herausgegeben von Christoph Leisten und Anton G. Leitner, verdeutlicht bereits anhand des plakativen schwarz-pinken Covers, welches ein comic-haftes, mit wenigen Strichen gezeichnetes Chamäleon zeigt, wie weit wir uns von der einstigen, ursprünglichen Natur entfernt haben. Und natürlich sollen auch Kinder und Jugendliche angesprochen werden, an die eine bedeutende Auswahl an Gedichten, sorgfältig von Uwe-Michael Gutzschhahn herausgefiltert, adressiert sind. Insgesamt ist diese Ausgabe so umfangreich wie nie zuvor: 177 Dichterinnen und Dichter haben für 5 Kapitel über die belebte und unbelebte Natur sowie zur Kinderlyrik beigetragen.

Jeder wird seine Vorlieben in dieser Anthologie finden. In ausgewogener Weise dominieren vielen schönen Beschreibungen naturhafter Phänomene zum Trotz gerade solche Texte, die mit besonders aktueller Relevanz eine Vielzahl an Störelementen innerhalb des Naturgefüges aufzeigen und verdeutlichen: der achtlos liegengelassene Abfall im Wald, der sich offenbar nicht selbst kompostiert, die Anhäufung von Atommüll im Meer, die Überlebenskämpfe der so wichtigen Bienen, das Ausbringen giftiger Düngemittel, der Artenschutz, die dramatische Dezimierung der Artenvielfalt durch Vernichtung von Lebensräumen, der existierende enorme Widerspruch, ja die Schizophrenie  im Hinblick auf Fleischproduktion und -gewinnung, die mangelnde Handlungsbereitschaft in der Politik unter dem Damoklesschwert der wankenden eigenen Vorteile, die mangelnde Empathie mit anderen Lebewesen … und … und … und …

Wolfgang Oppler bringt mit seinem Gedicht Erlebnisverdichtung am Berg auf den Punkt, wie durch „industrialisierten Massentourismus“  „Generatorbetriebene Sommerbeschneiungsanlagen / für gaudi-optimierte Erlebniswelten / bei 30 Grad im Schatten“ sorgen, „Fördergelder von EU, Staaten, Bundesländern“ inklusive. Wie gut, dass Frantz Wittkamp im Kinderlyrik-Teil den Kindern mit seinem Gedicht Am Waldrand ganz unmissverständlich vermittelt, dass es wirklich noch Gegenden gibt, in denen unbeschwerter Naturgenuss und echte Erlebniswelten bei freiem Eintritt und zum Nulltarif zu haben sind – denn wer weiß schon, wie lange noch?


DAS GEDICHT 27
Das Gedicht. Zeitschrift /Jahrbuch für Lyrik, Essay und Kritik / Dichter an die Natur
Herausgegeben von Christoph Leisten und Anton G. LeitnerTaschenbuch: 192 Seiten
Anton G. Leitner Verlag, Weßling, November 2019
Deutsch, ISBN-13: 978-3929433852, 15,00 €




Von null auf hundert: Till Rodheudts Debüt

Till Rodheudt, zwischen den beats, Reihe Poesie 21

  • Veröffentlicht: 01.08.2019 · Zuletzt aktualisiert: 26.07.2019

Empfehlung des Monats · August 2019
von Franziska Röchter

Nicht zufällig, so der Herausgeber Anton G. Leitner, habe der Band zwischen den beats von Till Rodheudt den Jubiläumsplatz 100 in der seit 2006 existierenden und lange etablierten Gedicht-Reihe Poesie 21 erhalten – deren Anliegen es ist, „bemerkenswerte zeitgenössische Gedichtbände und lyrische Debüts in deutscher Sprache“ zu präsentieren.  

Diese höchst sorgfältig unter dem gründlichen Auge des Verlegers und Herausgebers persönlich entstehenden Bände  bestechen durch einen hohen Wiedererkennungswert und ein seriöses und einheitliches Erscheinungsbild; trotz des sich über die Jahre längst vom ursprünglich schwarzen und roten Umschlag in Richtung Farbenvielfalt weiterentwickelten Covers und diverser kreativer Umschlagsgestaltungen reihen sämtliche bisher erschienenen aktuell 101 Titel ihre Autorinnen und Autoren in die Gedichtfamilie ein und stellen auch Debütanten – wie hier Till Rodheudt – in einen über das rein Dichterische hinausgehenden Zusammenhang in einer immer unüberschaubarer werdenden und manchmal auch undurchdringbaren lyrischen Welt. Kurzum: Die Reihe hat etwas Einendes, ist im sogenannten „Betrieb“ integrationsstiftend. Wer bei Poesie 21 verlegt wurde – und das wird gewiss nicht jeder – wird verortet, darf sich glücklich schätzen und schätzt sicher viele der Mitangehörigen in diesem Kreis lyrischer Verwandtschaft.

Was macht Till Rodheuts Gedichte besonders? Wovon schreibt der studierte Germanist und Philosoph, der 17 Jahre lang hauptberuflich nicht in der schöngeistigen, sondern ökonomischen Welt der „businessgebiete“ und „vertikaler marktgespräche“ agierte?


Einige der 5 Kapitelüberschriften (z.B. Wir flirten mit Gewehrmündungen, System oder Die Krieger sind abbestellt) lassen einen Daseinskampf des Individuums vermuten oder – Muscheln & Muscheln haben wir gesucht – deuten auf existentielle Sinnsuche in einem verschlüsselten Universum (… sprachverwirrt die anschauung / meiner nicht verstandenen / umlaufbahn  aus: die früchte ess ich). Rodheuts Texte oszillieren zwischen Innen und Außen, zwischen „funkelndem ipadglas“ und „blutbuchenschicksal“, zwischen geschlossenen Räumen und den Weiten des Universums,  zwischen „extrasolaren planeten“  und „gegenwartsschienen“, sie „verweilen im zungengrund“ und „stranden an der flussfront“,  wandern vom „zellschnee des lebens“ in „die zukunft“.

Die Gedichte wirken sehr kompakt, formell in modernen Blocksatz gefasst, manche treten nahezu quadratisch auf, als sollten die stringente Form und die umklammernden Enjambements das persönliche und lyrische Ausufern im endlosen Kosmos verhindern:



Diese „andere galaxie“ des Till Rodheudt lädt zum Durchqueren und Erforschen ein, zum Verlassen bekannter Räume, um herauszufinden, was sich „zwischen den beats“ befindet, nicht nur wegen des vom Herausgeber beschworenen „psychedelischen Flows“, sondern auch, weil die Entdeckung unbekannter Galaxien so schön den eigenen Standpunkt verändern kann.  


Till Rodheudt, zwischen den beats
Gedichte
80 Seiten, Broschur, EUR 12,80
[D]Deiningen 2019, Verlag Steinmeier
ISBN 978-3-943599-67-1
www.Poesie21.de




Günther Butkus‘ Herzensangelegenheiten: Bekenntnisse eines Verlegers

Günther Butkus, Herzband. 366 Gedichte über Liebe und Verlust

  • Veröffentlicht: 01.07.2019 · Zuletzt aktualisiert: 30.06.2019

Empfehlung des Monats · Juli 2019
von Franziska Röchter

Zugegebenermaßen: Bei solch verbalem Herzensüberschuss schon in der Titelvergabe der einzelnen Texte (366 Gedichttitel, die als Komposita das Wort Herz beinhalten, dies zum ganz überwiegenden Teil als Wortbeginn) schwant einem zunächst ein höchst emotionaler Überhang. Und hat nicht auch manch einer den Bielefelder Verleger Günther Butkus – vielleicht pseudonymisiert – möglicherweise eher in der Ecke der hartgesottenen Kriminalschreiber vermutet?

Zunächst überrascht die Größe des Buches. Bei 366 angekündigten Herz-Gedichten befürchtet man eingangs, unter Umständen einen Herzkasper zu erleiden – haben doch vornehme Lyrikbände von Einzelautoren nicht selten bedeutend weniger als 100 Seiten und wirken extrem selektiert. Ein möglicherweise komplettes Lebenswerk von Liebesgedichten erwächst vor dem kalleidoskopischen Auge. Doch wie kommod handlich die in den Abmaßen postkartenklein gehaltene, aber umso kompaktere Sammlung in uni pinkem Leineneinband mit dezentem Glitzereffekt und grauem Lesebändchen daherkommt! Innerhalb eines Jahres seien all diese Texte (und weitere) entstanden: Aus über 1000 Gedichten konnte Günther Butkus schöpfen, wie Alexander Häusser im Vorwort festhält. Die vielen teilweise aphorismenkurzen, Wort für Wort präzise konstruierten Zeilen mit kalkuliert eingebauten Enjambement-Korsetts stehen in erfrischendem Gegensatz zu einem ansatzweise vermuteten Gefühlsüberschwang und zeigen, dass eine 392 Seiten umfassende Kurzgedichtsammlung voller Herzensangelegenheiten aus einer einzigen Feder keinesfalls überkoloriert sein muss.

Wen wundert’s, dass in den Dankesworten vorneweg u.a. auch Bielefelds bekanntester und erfolgreichster Liebeslyriker schlechthin, Hellmuth Opitz, als unterstützendes „waches Auge“ Erwähnung findet? Wer spekuliert nicht über den kühlen Lektoratscut, den einen Schleifmeister, der dem kultigen Koronarkompendium diese homogene Kallibrierung verlieh?

Wo in diesem Band anfangen mit der Erforschung Günther Butkus` kardiovaskulärer Konditionen? Das untere Ende des Lesebändchens liegt zwischen den Seiten 142 / 143. herzschnuppe und herzkorb.

herzkorb

wenn deine hände
mich mitnehmen
auf nächtliche reisen
packe ich mein herz
in einen korb damit
ich es nicht verliere
wie meinen kopf

Oder: das 44. Gedicht von hinten geblättert, Seite 336. Ein Jahr für Jahr besonderer Tag für den Autor:

herzzigarillo

auf dem balkon
über uns stieg
zigarillorauch
in den himmel
später auf dem
sofa sind mir
meine hände
entwischt und
worte folgten
wir bekamen es
beide zu spüren


(M)ein favourite:

herzbogen 

mein herz ist
gespannt auf
dich zielt es

(S. 311)

Dieser Band mag ein persönliches Dokument einer Liebe sein – gleichzeitig und vor allem  ist er aber auch eine zeitlose und äußerst geschmackvolle Geschenkoption für jene, die  jemandem Liebe zeigen möchten, selbst aber nicht genau diese (oder ähnliche) Worte finden, die es Günther Butkus so leicht machen, bei anderen, auf jeden Fall bei einer bestimmten Person, „ins Herz“ zu treffen. Frei von Pathos vermitteln seine Gedichte neben all der Leichtigkeit auch den Ernst und die herausragende Wichtigkeit dieses zentralsten Steuerorgans und erinnern daran, dass die Pflege einer Herzensbildung mindestens genauso wichtig sein sollte wie die separate Schulung des Geistes:

herzbrain

nicht genug
dass es mich
schlägt nein
jetzt denkt es
sich auch noch
seinen teil

(S. 234)



Günther Butkus, HERZBAND
366 Gedichte über Liebe und Verlust
Pendragon, Mai 2019
329 Seiten, Euro 20,00


                                               

Charles Bukowski On Cats

Charles Bukowski, On Cats, Canongate

  • Veröffentlicht: 01.06.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.06.2019

Empfehlung des Monats · Juni 2019
von Philipp Röchter

Foto: privat

Der Name des in Deutschland geborenen amerikanischen Schriftstellers und Dichters Charles Bukowski (1920-1994) dürfte bei vielen Leuten ganz bestimmte Assoziationen hervorrufen: Schnell wird das Bild eines misanthropischen Alkoholikers und selbsternannten Gossenpoeten gezeichnet, der sein Leben und literarisches Schaffen dem Schreiben über gescheiterte Schicksale, die Schlechtigkeit des Menschen, die seelenzerfressende Tretmühle des Lohnsklavendaseins und überhaupt die Sinnlosigkeit und Absurdität der menschlichen Existenz im Hamsterrad eines gegen ihn und die Natur, also gegen das Leben an sich  gerichteten Systems widmete. Das alles begleitet vom über allem stehenden Dauersuff, dem häufig letzten Zufluchtsort der Protagonisten aus Bukowskis Erzählungen von gebrochenen, aber ungebeugten Lebensgeschichten voller Elend und Leidenschaft, Tod und Sehnsucht: eine Art latent dauerhafte Todessehnsucht gepaart mit einem unlöschbaren Durst nach Leben – und nach Hochprozentigem, um bei dem ganzen Wahnsinn das Gleichgewicht nicht ganz zu verlieren.

Charles Bukowski, with special thanks to Jamie Norman, Canongate, Edinburgh

Nicht wenige „Zeitgeistgeschädigte“ würden Bukowski gerade in heutigen Zeiten der als Menschenfreundlichkeit und „Zivilcourage“ getarnten zunehmenden Gesinnungsdiktatur und Unterdrückung der freien Meinung und des freien Wortes „Gedankenverbrechen“ wie Frauenfeindlichkeit, Sexismus, Rassismus etc. unterstellen. Diese zu reinen Totschlagkeulen und zum Abwürgen jeglicher non-konformistischen, nicht „politisch korrekten“ Meinungsäußerung verkommenen Worthülsen würden dem alten Herrn wahrscheinlich entspannt an der Quelle seines Fäkalhumors vorbeigehen (siehe seine zahlreichen „beer shit“-Referenzen). Es wurde auch über Bukowskis angebliches Liebäugeln mit dem Nationalsozialismus spekuliert (ähnlich wie bei Céline, einem seiner literarischen Idole und Vorbilder), was daher rührt, dass er als angehender und ziemlich bald scheiternder (weil scheitern wollender?) College-Student während der Kriegsjahre nicht in das antideutsche Horn der Mehrheit seiner Kommilitonen blies und sich durch als provozierend empfundene und mehrheitsuntaugliche Äußerungen gerne selbst ins (soziale) Abseits stellte (siehe z.B. hier: https://bukowskiforum.com/threads/was-he-really-a-nazi.17/ ).

Diese bewusste oder unbewusste Selbstsabotage ist überhaupt ein interessanter Aspekt vieler kreativ Begabter, selbiges Phänomen zieht sich auch wie ein roter Faden durch das Leben z.B. eines Townes Van Zandt. Ein meines Erachtens nach sehr sehenswerter Buchrezensent beschrieb die jungen und düsteren Jahre Bukowskis einmal als das Dasein eines Taugenichts erster Klasse (siehe hier: https://www.youtube.com/watch?v=OvHLrBzIFvo ). Wie dem auch sei, meiner Meinung nach wird bei genauerer Beschäftigung mit Bukowski klar, dass er wohl kein überzeugter Anhänger dieser oder jener Weltanschauung gewesen war – in seiner politischen Bezugnahme deckte er lediglich regelmäßig die Widersprüche und Inkonsistenzen sowie die Heucheleien und Lächerlichkeiten einzelner Akteure oder Bewegungen sowie strukturelle Fehler auf, letztlich immer auch ein Verweis auf die Absurditäten des kollektiven gesellschaftlichen Affentheaters und auf die Tragikomödie, die ein einzelnes Menschenleben häufig darstellt.

Einen nicht unerheblichen Anteil an dem öffentlichen Bild Bukowskis hat er sich sicherlich selbst zu verdanken, sei es durch Ausschmückungen des eigenen Werdegangs zum Antihelden bis hin zur Mystifizierung („The 10 Year Drunk“) oder durch öffentliche Lesungen und Auftritte, bei denen die enormen Mengen Alkohol, die er in sich hineinschüttete, ziemlich wirkungslos blieben (zu finden im Netz, siehe z.B. Youtube). Dass es auch eine andere Seite des Menschen Charles Bukowski gab, eine nachdenkliche bis stark depressive, eine zärtliche, empfindsame und sehnsüchtige, ist eigentlich hinreichend bekannt und belegt, wenn man sich die Mühe macht, über den Tellerrand der Fassade hinauszublicken. Trotzdem bleibt diese Seite viel zu oft unerwähnt. Dies wird in dem 2015 erschienenen Kurzgeschichten- und Lyriksammelband „Charles Bukowski On Cats“ einmal mehr deutlich. Dieses Werk zeigt auf 118 Seiten interessante Einblicke in Hanks Beziehung zu seinen Lieblingstieren und lebenslangen Lehrern – wie gewohnt mit der für ihn typischen Mischung aus teils tiefer Traurigkeit und selbstironischem Galgenhumor.

Die deutsche Ausgabe bei Kiepenheuer&Witsch, 2018

Das Buch ist für Bukowski-Interessierte, egal ob Einsteiger oder Fan, einen Blick wert, da es größtenteils bis dato unveröffentlichtes Material bietet. Besonders hervorzuheben sind aus meiner Sicht die Texte „when everything seems like suicide finality“ und „Manx“ – in beiden geht es um das Durchhalten und Kämpfen, während alles um einen herum schwarz und endgültig sinnlos erscheint. Katzen als Suizidprävention bzw. Lebensretter? Bukowski jedenfalls schien darauf geschworen zu haben. Überhaupt wird seine Bewunderung für diese intelligenten, eleganten, ausdauernden und dem Menschen sinngebenden Tiere in den Texten immer wieder deutlich. Der geneigte Leser dürfte das so ähnlich empfinden, da sich wohl kaum weder ein Bukowski- noch ein Katzenhasser die Sammlung zulegen wird. Hier wird auch die elementare und übersinnliche (göttliche?) Verbindung zwischen dem Schriftsteller und diesen kaum zu ergründenden Wesen deutlich: Beide (Buk-Texte und Katzen) können etwas Magisches und Lebensrettendes ausstrahlen, was auch einer der Gründe dafür sein dürfte, weshalb sie sich einer fortwährenden Beliebtheit unter vielen Menschen erfreuen.

Charles Bukowski On Cats – erschienen bei Canongate Books Ltd.; Auflage: Main (4. August 2016), 118 Seiten – ISBN: 978 1 78211 727 8

In deutscher Übersetzung erschienen bei:
Verlag: KiWi-Taschenbuch (7. September 2018) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3462051326 ISBN-13: 978-3462051322, Seiten, Originaltitel: On Cats

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Die Gesellschaft für
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ist seit 1995 Mitglied in der
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Arbeitsgemeinschaft
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