Gedicht des Monats Dezember 2020

  • Veröffentlicht: 01.12.2020 · Zuletzt aktualisiert: 30.11.2020

Michael Manzek (*1970)
Leipzig

Eine Stadt, die dich ungeniert angähnt,
sich vielleicht sogar sehnt 
nach einem Wetter in der abweisendsten Art, 
das die Stimmung ihres Trotzes bewahrt.

Dann glaubt man in den Straßen und Gassen,
Umrisse von Spaziergängern zu sehen,
die einem lautlos nachgehen oder weit hinter sich lassen.

Eine Stadt, die dich provozierend anspuckt,
erst abwarten will, ob man sich duckt.

aus: Poesiealbum neu,  „Leipzig im Gedicht“, Leipzig 2015

Wir gratulieren unserem Mitglied Michael Manzek herzlich zum Halbjahrhundertgeburtstag im Dezember d.J. und wünschen dem
Berliner noch um einiges erfreulichere Spaziergänge in der Stadt,
in der die Lyrikgesellschaft ihren Sitz hat.

Veranstaltungen unserer Mitglieder: Ralph Grüneberger

  • Veröffentlicht: 17.02.2020 · Zuletzt aktualisiert: 23.03.2020

Buchpremiere! Am 25.04. 2020, Beginn 17 Uhr,stellt Ralph Grüneberger im Schillerhaus Leipzig, Menckestr. 42, sein neues Buch „Leipziger Geschichten“ vor. Moderieren wird die Buchpremiere Claudia Senghaas vom Gmeiner Verlag in Meßkirch. Die Sängerin Anna Fey und die Musikerin Karin Leo werden die Veranstaltung musikalisch begleiten.

Ob die Veranstaltung tatsächlich stattfinden kann, ist derzeit jedoch noch ungewiss. Deshalb bitte einige Tag vorher diese Webseite besuchen.

Das Poetische des Vergangenen – Ralph Grünebergers Herbstjahr

  • Veröffentlicht: 01.02.2020 · Zuletzt aktualisiert: 26.01.2020

Empfehlung des Monats · Februar 2020
von Marcus B. Richter


Der Roman Herbstjahr von Ralph Grüneberger schildert anhand einer Gruppe junger Leipziger zum einen den Beginn der friedlichen Revolution im Jahre 1989 in der damaligen DDR (einer der Protagonisten gerät in die ersten größeren Montagsdemos in Leipzig und beginnt, sich bei den Demonstrierenden zu engagieren, sein Freund nutzt die sich plötzlich aufgrund des bröckelnden eisernen Vorhangs ergebenden Fluchtmöglichkeiten und geht in den Westen), zum anderen – ein Jahr später – die Versuche der Protagonisten, mit den Folgen des totalen Umbruchs  ihrer  bisherigen Lebensverhältnisse zurechtzu- kommen.

Grüneberger gelingt es, in einfühlsamer Weise und mit viel Liebe zum Detail das Lebensgefühl und die Wirklichkeit von Menschen zu schildern, die sich buchstäblich von einem Tag auf den nächsten in einer anderen Welt wiederfinden und damit klarkommen müssen, was ihnen im Übrigen gut gelingt, da sich keiner von ihnen durch Rückschläge aus der Bahn werfen lässt. Die Protagonisten finden sich letztlich alle in Leipzig wieder,  und zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung – ein gutes Jahr nach Beginn der Handlung von Herbstjahr  –  scheinen alle nach diversen Schwierigkeiten und Rückschlägen auf einem guten Weg und in der neuen Welt angekommen zu sein. Leider endet die Geschichte dann – überraschend für die beiden Hauptfiguren des Romans – aber doch nicht so gut, wie es lange den Anschein hat. Hier haben wir wohl eine Metapher dafür, dass sich auch in der Realität des Landes nach der Wende nicht nur positive Entwicklungen vollzogen, sondern auch negative Kräfte freigesetzt wurden. Die Wirklichkeit erweist sich letztendlich als vielschichtiger, als sie zunächst nach den Umbrüchen und dem scheinbar  erfolgreichen Neubeginn erschien.

Für den Autor dieser Zeilen, der als „Wessie“ die damaligen Ereignisse zwar mit höchstem Interesse verfolgte und seinerzeit selbst von dem Wunsch nach einer Wiedervereinigung des Landes träumte, aber diese damals lediglich als außenstehender Beobachter verfolgen konnte, bietet das Buch faszinierende Einblicke in das Innenleben und die wirklichen Befindlichkeiten der Menschen, die damals den großen Umbruch mit ausschließlich friedlichen Mitteln zugleich erkämpft und „erlitten“ haben. Das Buch ist spannend geschrieben und sehr lesenswert.

Eine angehängte, ebenso detail- wie umfangreiche Chronologie der Jahre 1989 und 1990 bringt die damaligen Geschehnisse nochmal in Erinnerung und dürfte für jeden, der sich gern an die Ereignisse erinnert oder seine Erinnerungen daran auffrischen möchte, ebenfalls eine lohnende Lektüre sein.


Ralph Grüneberger, Herbstjahr. Roman
Gmeiner Verlag, September 2019
314 Seiten, 12 x 20 cm, Paperback
Buch 14,– € / E-Book 9,99 €*
ISBN 978-3-8392-2483-0

Tagesanbruch in Lindenau

  • Veröffentlicht: 01.07.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2019

Gedicht des Monats Juli

Andreas-Wolfgang Rohr (*1959)
Tagesanbruch in Lindenau


Früh
Wenn die Haltestellen
Schon wieder
Nach Tagescreme riechen
Und die tanzmüden
Spätheimkehrer
In ihren Verkehrssesseln
Siechen
Sitzt auch das Arbeitsvolk
Hinter getöntem Glas
In Gedanken
Noch schlafend
Die Gesichter
Blicklos und blass


Früh
Wenn die Haltestellen
Sammellager sind
Stößt die Freiheit
An die Grenze ihrer Sehnsucht
Tageslichtblind

Poesiealbum neu - O Freude. Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen
Poesiealbum neu – O Freude.
Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen

Quelle: „Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen“,
Poesiealbum neu, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2015

Wir gratulieren unserem Mitglied herzlich zum 60. Geburtstag, wünschen vor allem Gesundheit und jede Menge Kreativität und Freude am Leben.

Belauscht in der Thomaskirche

  • Veröffentlicht: 08.07.2018 · Zuletzt aktualisiert: 08.07.2018

Salean A. Maiwald (1948)

Der Geist Johann-Sebastian Bachs schwebt vom Sarkophag zum Mosaikporträt Felix Mendelssohn-Bartholdys im Kirchenfenster: „Bravourös, dass Sie als Zwanzigjähriger meine Matthäuspassion wiederaufführten! Achtzig Jahre war ich fast vergessen.“  Mendelssohn-Bartholdys Geist pustet Staubkörner vom Mosaikporträt: „Der Beschenkte bin ich.“ Bach fährt fort: „Sie treuer Schüler, folgten mir auf meinen Spuren nach Leipzig.“ „Jahrzehnte komponierten Sie hier.“ Geisterhaft dirigieren  Mendelssohn-Bartholdys Hände. „Viel  zu schnell mussten Sie mir auch hierhin folgen, konnten nicht einmal mehr Ihren Elias in Leipzig aufführen.“ Bachs Geist lauscht ins Blau um Mendelssohn-Bartholdys Porträt. Tiefblau wie himmel-lebendiges Wasser. Ganz Musik.

Quelle: Poesiealbum neu, Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen, Leipzig 2015

Poesiealbum neu – O Freude.
Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen, Ausgabe 1/2015
Doppelheft 120 S. / Preis 6,00 EUR
Doppelheft mit CD „HörBildStadt – Sounds of Leipzig“ / Preis 9,95 EUR (limitierte Auflage)
jeweils zzgl. 2 Euro Versand

 

„Gedichte können Brücken sein“: Zum posthum erschienenen Band Fremdes wird nah von Sigrid Lichtenberger

Sigrid Lichtenberger, Fremdes wird nah, Pendragon 2018

  • Veröffentlicht: 01.07.2018 · Zuletzt aktualisiert: 08.07.2018

Empfehlung des Monats · Juli 2018
von Franziska Röchter

Als die gebürtige Leipzigerin und Wahl-Bielefelderin Sigrid Lichtenberger im Jahr 2016 jäh vom literarischen Parkett gerufen wurde, befand sie sich mitten in der Arbeit an einem weiteren Lyrikband. Rund eineinhalb Jahre später erscheint nun posthum – dank der intensiven Zusammenarbeit ihrer Tochter Karin Lichtenberger-Eberling mit Günter Butkus (Pendragon-Verlag) ihr Lyrikband Fremdes wird nah mit vielen unveröffentlichten Gedichten aus dem Nachlass. Ein Vermächtnis weitsichtiger Gedanken an eine Welt im Umbruch …
Weiterlesen

Selbstbildnis

  • Veröffentlicht: 01.03.2018 · Zuletzt aktualisiert: 27.02.2018

Wolf Wiechert (*1938)
Selbstbildnis

Lange
hielt der Priester
seinen Riemenschneider
einbruchsicher
in der Sakristei
gefangen.

Kürzlich
stellte sich heraus
das im Tresor
die Luft
nicht richtig
zirkulierte.

Seither
will er nun riskieren
den Christen wieder
beim Altar zu installieren
selbstverständlich mit
Alarmanlage.

Quelle: Poesiealbum neu „Bild und Bildner“, Leipzig 2010

Poesiealbum neu „Bild und Bildner“, Leipzig 2010

 

 

 

 

Heute mal 8 – mit Symbolkraft

Heute mal 8 – mit Symbolkraft

Empfehlung des Monats · Dezember 2017
von Franziska Röchter

Es ist Jahresende und die Zeit wird knapp. Zu knapp, um all den
Menschen da draußen für die Zeit des Schenkens und für das Fest
der Liebe nur ein einziges Buch zu empfehlen. Deshalb finden Sie
heute an dieser Stelle keine ausführliche Besprechung oder
detaillierte Begründung für eine Lese- oder Kaufempfehlung,
sondern einigegenau genommen 8 sehr unterschiedliche
Titel, die aus verschiedenen Gründen Neugier wecken und zum
Lesen oder Schenken verführen können …

Weiterlesen

Das Leipziger Liederbuch in Neufassung: Zeitzeugnis subversiver Literaturgeschichte

  • Veröffentlicht: 01.11.2017 · Zuletzt aktualisiert: 05.11.2017

Empfehlung des Monats · November 2017

Franziska Röchter

von Franziska Röchter

 

 

 

 

„Das Leipziger Liederbuch, auf dessen vielfache Aufführung wir aus sind, ist kein getöntes Leipzig-Bild. Als Stadtführer wird es nicht zu gebrauchen sein …“, so schrieben die Text- und Ton-Autoren des Liederbuches, Ralph Grüneberger und Walter Thomas Heyn, bei der Ankündigung der Erstfassung 1987 und verwiesen auf ein „Leipzig am Rand“ und „dicke Luft“, die Gegenstand der Texte, ab 1985 entstanden, seien. Seinerzeit fiel der fromme Wunsch der beiden Autoren noch der Zensur zum Opfer, eineinhalb nicht-öffentliche Aufführungen (ja, eines war nur eine Teilaufführung) vor ausgewählten geladenen Gästen, eine im Gewandhaus zu Leipzig, die gestutzte Version in der Alten Handelsbörse, zeugen von nur einigen Konsequenzen, die Produzenten kritischer oder vermeintlich kritischer Texte damals in Kauf nehmen mussten.
Nun wird genau 30 Jahre später unter anderen Vorzeichen eine Wiederbelebung des Leipziger Liederbuches in einer Neufassung mit zusätzlichen aktuellen, zeitbezogenen Texten gewagt.
Grund genug, einen Blick in dieses Zeugnis Leipziger Zeit- und Literaturgeschichte zu werfen …

Weiterlesen

Jutta Pillat: die aus der kälte kommen. portraitgedichte

Jutta Pillat, die aus der kälte kommen. portraitgedichte

Empfehlung des Monats · September 2017
von Urte Skaliks

 

 

 

Von Dr. Jutta Pillat aus Leipzig, deren kunstreiche Sprachspielerein u.a. in „Nonsens oder was?“ und „Süßholz raspeln“ ihre Liebhaber gefunden haben und die auch lockere Schreib-Workshops anbietet, ist kürzlich ein überraschendes Gedichtbändchen mit ganz anderer Thematik erschienen.
Weiterlesen

Förderer und Partner

Förderer


Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.