Mit Arnim spazieren. Schloss Wiepersdorf – Poesie eines Dichterortes

  • Veröffentlicht: 01.08.2021 · Zuletzt aktualisiert: 31.07.2021

Empfehlungen des Monats · August 2021
von Marianne Beese

Die Anordnung der Texte der Anthologie folgt einer Chronologie, orientiert sich, außer bei dem Auftaktgedicht Thomas Rosenlöchers, an den Daten der jeweiligen Aufenthalte der Stipendiaten in Schloss Wiepersdorf. Gemäß diesem Prinzip entsteht auch eine Art Chronik voranschreitender und sich wandelnder Zeit – die anfangs, wie in dem Text Volker Brauns, noch von der „Wende“ handelt, um sich dann immer weiter von diesem Ereignis, das gleichwohl in seinen Folgen und Konsequenzen anwesend bleibt, zu entfernen – bis ins Jahr 2018 hinein. Von Bedeutung ist auch, dass die Autor/innen sowohl aus ‚Ost‘ als auch aus ‚West‘ (einschließlich Österreich) kommen und diese unterschiedliche Herkunft und entsprechende Sicht einbringen. Abgesehen davon erweist sich ihre poetische Erlebnisweise und künstlerische Handschrift als verschiedenartig. Dennoch gibt es viele thematische Gemeinsamkeiten, zumal sich alle am gleichen Aufenthaltsort befanden.

Schloss Wiepersdorf und Umgebung, modifiziert durch den Wandel der Jahreszeiten, spielen in den Texten der Schreibenden denn auch eine entscheidende Rolle. Die Stipendiaten umkreisen gleichsam das Terrain; sie ‚ertasten‘, was für sie wichtig ist, nehmen Fühlung auf mit dem Ringsum. Immer wieder rückt das Schloss selbst, rücken der Park, die teils aufgestellten, teils in Verwahrung genommenen Götter-Statuen ins Blickfeld, werden diese, poetisch verfremdet, zum Dichtungsgegenstand. Mythologisches wird aus heutiger Sicht ‚durchgespielt‘; besonders intensiv bei Arnfried Astel, doch etwa auch bei Franzobel.

Erinnern die Statuen, wie das Schloss und dessen Aura, an die einstigen Besitzer, die Arnims, so setzt sich eine Reihe von Wiepersdorf-Gästen, darunter Ruth Johanna Benrath, Michael Krüger oder Reinhard Krehl, schreibend mit diesen in Beziehung.

Bedeutsam wird die Historie an sich, werden deren Spuren nicht nur in Wiepersdorf selbst, sondern auch in den Orten des Umlands. So erscheinen alte Kirchen und  Friedhöfe, wie vor allem der zwischen Meinsdorf und Kossin, als Stätten bewahrter Vergangenheit, die von den heutigen Dichtern, darunter Ralph Grüneberger, bewusst wahrgenommen werden.

Dass frühere Geschichtsphasen gleichsam durch den Boden der Gegenwart schimmern, schlägt sich in weiteren Texten, so denen Jürgen Beckers, nieder. Diese rufen Assoziationen an (Nach-) Krieg und Flucht hervor. Becker erschafft ein starkes, authentisches „Wiepersdorfer Journal“, voll von „Einzelheiten“, die jeweils für sich stehen und doch über sich hinausweisen.

In den Blick rückt auch der geschichtliche Wandel in jüngerer Zeit, der den Abzug des sowjetischen Militärs aus dem Gelände unweit von Wiepersdorf einschließt. Dieses erscheint in der Perspektive der Poeten als Ort einstiger Stationierung fremder Soldaten und der von ihnen hinterlassenen Stätten und Spuren – was sich zum Thema ‚Vergänglichkeit‘ ausweitet. Das ist etwa bei Richard Pietraß der Fall, bei Christoph Kuhn, aber auch, auf andere Weise, bei der jüngeren Anja Kampmann.

Zum dichterischen Gestaltungsthema wird auch die (Nachwende-) Provinz in ihrer Trostlosigkeit; dem Abhandenkommen von Lebensmöglichkeiten, aber ebenso in ihrer dem Wandel widerstrebenden Traditionsgebundenheit, die Neuerem und ‚Fremdem‘ abweisend gegenübersteht (wie in Christane Schulz‘ Gedicht „Geste“). Gleichwohl gibt es auch Bestrebungen, Verfall und Lethargie zu überwinden; dem Leben Sinn und Würde (zurück-) zu geben, wie in Kathrin Schmidts Text „brachmond mit frauen“. Sind es weibliche Menschen, von denen diese Impulse ausgehen, so bringt Schmidt überhaupt eine dezidiert weibliche Perspektive in ihr Schreiben ein.

Zu einem Provinz-Erkunder par excellence, der beeindruckende lyrische Orts-Porträts zeichnet, wird der schon erwähnte Ralph Grüneberger. Er bleibt dabei aber jemand, der Weltgeschehen in seiner „Gleichzeitigkeit“ wahrnimmt und leidvolles Geschehen, das ihm das Fernsehen von einem entfernten Kontinent übermittelt, lyrisch reflektiert.

Die Gefährdungen in der Welt sowie die Phänomene Tod und Vergängnis sind auch der Autorin Edeltraud Schönfeldt gegenwärtig, obwohl sie sich im vermeintlich abgeschirmten Wiepersdorfer „Gehäuse“ befindet. Andere Stipendiat/innen unternehmen wieder Spaziergänge oder -Fahrten in die Umgebung, entdecken dabei nicht zuletzt die Tier- und Pflanzenwelt, die, etwa bei Christoph Wilhelm Aigner, zum Ausgangspunkt verfremdender Beschreibungen und reizvoller Perspektiv-wechsel sowie des Spiels mit romantischen Motiven wird. ‚Natur‘ erscheint in den Texten der Dichter oft geheimnisvoll, manchmal schaurig oder angsteinflößend, überhaupt wenn sie des Nachts wahrgenommen wird. Der Wald und der Park sind angrenzende, doch sehr verschiedene Bereiche; letzterer ge-, ja „zerpflegt“ – und ersterer Ort voller Unwägbarkeiten; das Märchenhaft-Unbekannte wie das Nicht-Domestizierte, „Wilde“ bergend.

Vereinzelt verhält es sich aber auch anders, lädt der Schlosspark zwar zu Selbstreflexion und Erinnerung ein, doch erscheint zugleich als „Hirngespinst“, von dem neben starker Suggestion eine diffuse Bedrohung ausgeht, denn: „der park tut alles damit du vergisst / nach draußen zu finden“ – wie es in einem Gedicht Sabine Schiffners heißt.

Was die Wiepersdorfer Szenerie des Weiteren belebt oder erschüttert, das sind Naturphänomene wie Sturm oder starker Regen. Auf das Ereignis ‚Schneefall‘ nehmen ebenfalls Texte, darunter ein sehr eindrucksvoller von Rainer G. Schmidt, Bezug. In ihm werden Symbolgehalt und Beziehungsreichtum, die sich mit dem Element „Schnee“ verbinden, zutage gefördert. Das Gedicht „Der Sturm“ von Richard Pietraß ist dagegen ‚aktional‘; es zeigt, wie sich die Requisiten in der Umgebung des Schlosses verselbständigen; ein ‚Aufstand der Dinge‘ entfesselt wird, der auch dem schöpferischen Chaos gleicht – doch eher Misslungenes hervorzubringen droht.

Einhergehend lässt sich anhand der Texte ablesen: Das Schreiben selbst bzw. die dieses bedingende Inspiration nebst Suche danach werden thematisiert; das „Lauern auf Gedanken“, wie bei Gabriele Schmelz oder das gleichsam fotografische Aufnehmen der Umwelt („mit den augen als kamera“) bei Judith Nika Pfeifer, oder generell das Einnehmen einer Haltung, die darauf abzielt, alles Erlebte in geschriebenen Text zu verwandeln. Denn, so verlautet es in Grünebergers Gedicht „Muse im Park“: „Die Vögel und ich, wir wissen / Längst nicht mehr / Daß unser Zwitschern das / Elektrischer Schreibmaschinen ist.“

Im Blickfeld erscheinen auch die Mit-Stipendiaten und deren Gebaren, so bei Henryk Bereska oder Christiane Schulz, wobei letztere den Ort und die Art des Schreibens in dem Gedicht „In Klausur“ satirisch so charakterisiert: „Karg ist die Zelle / Auf tritt das große Düdellütt“ […].

Bei einem anderen Stipendiaten, Danilo Pockrandt, verbindet sich das Ringen um den Schreib-Gegenstand mit dem Angstraum ‚nächtlicher Wald‘ und mit einem bedrohlichen Eulenflug. Diese Themen zusammenführend, verlautet es in dem Gedicht „Beute“: „Ich laufe eilig, den Wald zu verlassen / und über mir kreist und kreist die Eule / wie in mir: das unvollendete Gedicht.“ Vermeintlich unangefochten von solchem Erwartungsdruck feierte Steffen Jacobs in seiner „Ode an das Nichtstun“ den benannten Zustand.

Das Sich-Einstellen von Inspiration als behutsamer, doch selbstverständlicher Vorgang: das taucht in wieder anderen Gedichten auf; so denen Ingrid Fichtners. In ihren poetischen Miniaturen gewinnt das vermeintlich Vertraute eine geheime Magie, ereignet sich „ein leiser Zauberschlag / damit einer sehend werde.“ Dieses Sehend-Werden verbindet sich mit einem Hören-Können, so in dem Text „Herzjagd“, wo Synästhesie vorherrscht; ein Zusammenspiel von Wort, Farbe und Klang gegeben ist. Es ist, als wäre „[in] jedem Baum ein Zauberer / ein Lautenspieler eine Elfe / als wär‘ alles Puppenspiel / die Geschichten von fernen / Ländern sub rosa das Licht / auf dem Teich zwischen / Linde Lärche Scharlach-Eiche / das Blumen-labyrinth“.

In einen Schwebezustand zwischen Wachsein und Schlafen, Wirklichkeit und Traum führt eines der „Schlossgedichte“ Sabine Schiffners. Anderswo erkundet sie, gleich anderen Autor/innen, mit wachem Bewusstsein die Landschaft als geschichtlichen Raum, der sich zur Vergangenheit hin öffnet bzw. deren Spuren trägt. So wird der schon benannte alte jüdische Friedhof zwischen Kossin und Meinsdorf zum erinnerungsträchtigen Ort, der eine Fülle von Assoziationen an die früheren Bewohner der Gegend auslöst. Diese wollten ihre Traditionen und Wurzeln bewahren, „[…] hielten das blau ihrer quasten fest / dachten an das mittelmeer und / rieben so lange bis das blau zu sand wurde / hellem feinen sand wie unter zedernbäumen.“

Die junge Autorin Anja Kampmann bringt ebenfalls landschaftlich-natürliche Gegebenheiten und das Empfinden eines heutigen ‚Ichs‘ mit historischen Bezügen in eine Betrachtungs-ebene, wobei sie neben Ausdrucksreichtum einen „langen Atem“ in der lyrischen Gestaltung beweist. Wesentlich verknappter, dabei mit dem Grundtenor ‚Wehmut‘, vollzieht sich die Wiederbegegnung Gerald Zschorschs mit der Landschaft des Fläming und besonders dem „See der Kindheit Kossin“.

Bei Reinhard Krehl werden Wandlungen in der Natur; wie der Einzug des Frühlings, doch auch das Vorrücken des Herbstes, in eher ‚martialischen‘ Bildern wiedergegeben; sie erscheinen als Angriff und Eroberung. Das Schloss Wiepersdorf selbst scheint einer Art ‚feindlicher Übernahme‘ anheimgefallen zu sein. Im Übrigen nimmt sich der Dichter des Themas ‚verlassene Orte‘ an; wird die einstige „Badestelle Hohenkuhnsdorf“ als Stätte der Erinnerung wie des nunmehrigen Verfalls poetisch skizziert.

Resümieren lässt sich zu den Gedichten der Anthologie „Mit Arnim spazieren“, dass sie ein nuancenreiches Bild von Schloss Wiepersdorf, der näheren und weiteren Umgebung in „Jetzt“ und „Einst“; den Arnims als Persönlichkeiten der Geschichte – und den das Schloss in Besitz nehmenden ‚Heutigen‘, den Stipendiaten, in ihrem Bemühen, gültige Texte zu verfassen, zeichnen. An den Resultaten dieses Erkundungs- und Werkschöpfungsprozesses teilzuhaben, dürfte für Lesende zu einem höchst reizvollen und lohnenden Unterfangen werden.


Mit Arnim spazieren: Schloss Wiepersdorf – Poesie eines Dichterortes
Anthologie mit Gedichten von 25 Stipendiaten / Dichtern der Gegenwart
aus dem Zeitraum von 1992 bis 2018 Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Katja Stahl

Wallstein, März 2020
ISBN 978-3-835339-36-1
156 Seiten, gebundene Ausgabe
14,90 €

Fast verlorengegangene Bücher

  • Veröffentlicht: 01.07.2021 · Zuletzt aktualisiert: 30.06.2021

Empfehlungen des Monats · Juli 2021

Als Empfehlungen der Monate Juni und Juli 2021 möchten wir auf unserer Webseite Annotationen jener Bücher und Tonträger unserer Mitglieder veröffentlichen, die im Zeitraum Herbst 2019 bis Frühjahr 2021 erschienen sind und denen aufgrund der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen kaum Aufmerksamkeit zuteil wurde. Wir haben unsere Mitglieder gebeten, uns diese ihre Veröffentlichungen zu nennen und werden diese in zwei Teilen vorstellen und desgleichen ausgewählte Buchhandlungen auf diese nicht selten „untergegangenen“ Titel hinweisen.

Teil 2

Rainer Rebscher, Neue Boote für die hellen Tage. Lyrik
Verlag Steinmeier, Deiningen, 2021
Reihe Poesie 21, Hrsg. Anton G. Leitner
Lektoratsservice der Zeitschrift DAS GEDICHT, mit Illustrationen von Elisabeth Süß-Schwendt
ISBN 978-3-943599-73-2
126 Seiten, 12,80 €

Rainer Rebscher erforscht poetisch die kontrastierenden Pole des menschlichen Verhaltens. Seine Gedichte beleuchten das Beste und das Fragwürdigste, was unsere Gesellschaft seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Der Mut zum Mitgefühl und die schöpferische Kraft der Musik und der Liebe bilden schmerzlindernde Gegensätze zur Engstirnigkeit ignoranter Zeitgenossen und zum destruktiven Kontrollverlust des Kapitalismus.

Hellmut Seiler, Gnomen: Gedankensplitter und lyrische Launen
Hardcover mit SU
edition offenes feld, Dortmund 2021
ISBN 978-3-751998-38-3
104 Seiten, 16,50 €

In seinen zwischen Aphorismus und kurzen Gedichten changierenden Texten erweist sich Hellmut Seiler als ein Beobachter von Gesellschaft und Politik, der mit geschliffenem Ausdruck und scharfen Pointen blitzschnell zuschlägt, um deren Merkwürdigkeiten und Auswüchse zu entlarven. Seilers Antworten auf brisante aktuelle Fragen sind die eines sarkastischen Menschenfreundes.



(Hg.) Baldauf Villa, kul(T)our-Betrieb des Erzgebirgskreises
Schatten über dem Erzgebirge. Die neuen Krimis. Welterbestätten im Visier
22 Kurzkrimis von 22 deutschen oder tschechischen Autoren, u.a. Karin Anfelder
Verlag ERZDRUCK GmbH Vielfalt in Medien, Oktober 2020
ISBN 978-3-946568-38-4
448 Seiten, 17,90€

Am 6.Juli 2019 ernennt die UNESCO die Montanregion Erzgebirge/ Krusnohori zum Welterbe. 22 Kurzkrimis, geschrieben von 22 deutschen oder tschechischen Autoren, haben ihre Schauplätze jeweils an einer der Welterbestätten.



Ursula Haas, Zerzauste Tage. Ein Jahr der Wirklichkeiten. Lyrik
edition BODONI, März 2020
ISBN 978-3-947913-09-1
100 Seiten, 18,00 €

Ein poetisches Tagebuch – Pfingsten 2018 bis Pfingsten 2019. Tägliche Notate.




Gisela Becker-Berens, andere träume: Gedichte 2013-2019
Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2019
ISBN 978-3-95632-985-2
104 Seiten, 12,00  

In ihrem dritten Lyrikband nimmt die Autorin ihre Leser mit auf Reisen in die Provence, nach Südafrika, Palästina, aber auch in die eigene Gegenwart und Vergangenheit. In Momentaufnahmen skizziert sie Stimmungen in der sie umgebenden Natur.



Bettine Reichelt, Das Geschenk der guten Nacht. Spirituelle Impulse & praktische Tipps für einen erholsamen Schlaf. Spirituelles Sachbuch
St. Benno Verlag GmbH, Februar 2021
ISBN 978-3-746258-58-4
80 Seiten, 14,95 €

Immer mehr Menschen klagen über Schlafprobleme. Das Buch begleitet mit lyrischen Texten und spirituellen Impulsen anhand der fünf Schlafphasen durch die Nacht.



Marianne Beese, Unter dem blauen Mantel des Alls. Gedichte
BuchHandelsGesellschaft zu Allstedt, März 2020
ISBN 978-3-946696-31-5
170 Seiten, 10,00 €

Es handelt sich um Gedichte, die zwischen 2015 und 2019 entstanden sind, und die ihre Themen dem Unterwegssein zu diversen Orten des In- und Auslands, zeitaktuellen Ereignissen, Lese- und Kunst-Eindrücken, den Erinnerungen an andere Menschen bzw. den Begegnungen mit diesen verdanken.




Gerhard A. Spiller, Impressionen des Seins, Lyrische Daseinsbetrachtungen (diverse Gedichtformen)
Books On Demand, Norderstedt, September 2020
ISBN 978-3-7519-8009-8
96 Seiten, 9,80 € (Printbuch), 5,49 € (E-Book)

Lyrische Darstellung einer Vielzahl von Eindrücken und Emotionen im menschlichen Leben.



Gerhard A. Spiller, Kirschblüten im Eichenwald, Haiku im Zeichen der vier Jahreszeiten
Books On Demand, Norderstedt, September 2020
ISBN: 978-3-7519-7789-0
88 Seiten, 8,99.€ (Printbuch), 4,49 € (E-Book)

Betrachtung der Schönheit und des Detailreichtums der Natur.




Norbert Sternmut, Winterdienst. Trauma. Prosa und Gedichte
Hg. Trajan Pop, edition monrepos Band 18, Dezember 2019
ISBN 978-3-86356-291-5
255 Seiten, 19,50 €

Gedichte und Prosa zum Thema Trauma




Norbert Sternmut, Strahlensatz
Hg. Trajan Pop, edition monrepos, Juni 2018
ISBN 978-3-86356-199-4
150 Seiten, 18,00 €

Strahlensatz in 3 Teilen: Liebend, Zyklus, Sterbend




Ralph Grüneberger, Leipziger Geschichten, Erzählungen
Gmeiner-Verlag GmbH, Februar 2020
ISBN 978-3-8392-2608-7
251 Seiten, 12,00 €

Diese 17 Leipziger Geschichten sind geprägt von den Schicksalen derer, die sich ebenso wenig aufgaben wie ihre dem Verfall preisgegebene Stadt. Sie zeigen, man kann Gewinner und Verlierer in einem sein.


Fast verlorengegangene Bücher

  • Veröffentlicht: 01.06.2021 · Zuletzt aktualisiert: 30.06.2021

Empfehlungen des Monats · Juni 2021

Als Empfehlungen der Monate Juni und Juli 2021 möchten wir auf unserer Webseite Annotationen jener Bücher und Tonträger unserer Mitglieder veröffentlichen, die im Zeitraum Herbst 2019 bis Frühjahr 2021 erschienen sind und denen aufgrund der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen kaum Aufmerksamkeit zuteil wurde. Wir haben unsere Mitglieder gebeten, uns diese ihre Veröffentlichungen zu nennen und werden diese in zwei Teilen vorstellen und desgleichen ausgewählte Buchhandlungen auf diese nicht selten “untergegangenen” Titel hinweisen.

Teil 1


Renate Maria Riehemann (Hg.)
Ein Fingerhut voll Harz / Anthologie zum 3. Literaturpreis Harz für Lyrik und Kurzprosa
Geest-Verlag, Vechta, 14. Dezember 2020
ISBN 978-3-86685-816-9
284 Seiten, 12,90 €

Ein Fingerhut voll Harz – da denkt man an den Fingerschutz beim Nähen, an klebrigen Fichtensaft oder an ein Blütenmeer auf baumleeren Flächen. Manchmal spielt der Fingerhut eine Rolle in den Geschichten und Gedichten der Harzer Autoren und Autorinnen. 


Rainer Wedler, vor dem Fenster tanzt ein frecher Gedanke. Gedichte
Mit 22 Bildern von Carsten Sternberg
Reihe Lyrik Bd. 143
Pop Verlag, Ludwigsburg,  2020
ISBN 978-3-86356-298-4
145 Seiten, 16,50 €

Wedlers Gedichte sind von Neugier auf alle Realien des Lebens wie von poetischer Experimenturlust geprägt. (Jürgen Engler)  


Jörn Sack, Schalksknecht. Roman
edition bodoni, Juli 2020
ISBN 978-3-947913-13-8
600 Seiten, 29,- €

Eine zerfledderte Reportage mit lyrischem Ein- und Abgesang zur Individual- und Kollektivgeschichte einiger unbedeutender deutscher Menschen des 19. und 20. Jahrhunderts.


Hans-Hermann Mahnken, Notiz auf dem Frühstückstisch
Gedichte und lyrische Prosa
Geest-Verlag 2020                  
ISBN 978-3-86685-751-3      
80 Seiten,  10,00 €

„Hans-Hermann Mahnken ist ein Sammler, ein Sammler von kostbaren Nichtigkeiten, von kleinen Begegnungen, von Momenten, von Augenblicken. Doch er schaut hinter diese Begegnung, den Moment, den Augenblick. Welche Geschichte, welches Leben, welche Philosophie, welche Lebenseinstellung wird dahinter sichtbar.“ Alfred Büngen


Michael Manzek, Hundert Gedichte 1990-2020
LAESER edition Berlin, 2021
ISBN 978-3982186641
114 Seiten, 12,00 €

Das Buch erschien am 1.1.2021 zum 50. Geburtstag des Berliner Lyrikers Michael Manzek.


Kristin Wolz, Geranien für den König. Roman
Verlag Kleine Schritte, 2021
ISBN 978-3-89968-155-0
160 Seiten, Hardcover, Fadenbindung, 16,80 €

Einem Kaleidoskop gleich, vielschichtig und abwechslungsreich, fügen sich die unterschiedlichen Charaktere, ihre Lebensumstände und ihre Beziehungen in 97 Episoden zu unterhaltsamen Glücksgeschichten, überraschenden Tragödien und einem bedeutenden Stück Zeitgeschichte zusammen.


Martin A. Völker (Hg.)
Das Seuchenbüchlein. Lyrik und Prosa des Ausnahmezustands
Anthea Verlag, Berlin, Juli 2020 
ISBN: 978-3-89998-351-7
140 Seiten, 12,90 €

Der Herausgeber nimmt die Corona-Pandemie zum Anlass, literarisch wertvolle Beiträge zum Thema Seuchen und Pest zusammenzustellen. U. a. mit Texten von Boccaccio, Schiller, Börne, Georg Heym und Mark Twain.


Ursula Krechel, Beileibe und zumute. Gedichte
Verlag Jung und Jung,  Salzburg, März 2021
ISBN/EAN.978-3-99027-247-3
112 Seiten, 20,00 €

Bestenliste des SWF April 2021


Manfred Klenk und Edgar Schmandt, #MaskenFall
Waldkirch Verlag Mannheim, 2019
978-3-86476-113-3    
144 Seiten, 35,00  €

Ein poetischer Kunstband: Zeitgenössische Gedichte von Manfred Klenk zur Malerei und Grafik des Mannheimer Künstlers Edgar Schmandt – veröffentlicht im Jahr 2019 (kurz vor dem Tod des Künstlers / sein letztes Vermächtnis). 


Eva Lübbe, Unterwegs in Zeiten der Corona. Lyrik
Books on Demand, 2021
978-3-75264-141-7
Hardcover, 60 Seiten, Preis 19,50 €

Diese Sammlung von Gedichten und Fotos ist in dem besonderen Jahr 2020 entstanden.Corona konfrontierte uns mit Empfindungen wie Angst, Einsamkeit und Sehnsucht. Aber wir erlebten auch Ruhe und auf Spaziergängen in der Natur viele Tiere intensiv und dachten über die Lebensweise dieser Tiere nach.


Eva Lübbe, Ein Jahr in Leipzig. Lyrik
Books on Demand, 2020
978-3751913539 Hardcover 19,50 €
978-3752611410 Ringbindung 12,50 €

Der illustrierte Lyrikband enthält Gedichte zu Themen aus Natur, Philosophie und Zeitgeschehen und zu persönlichen Momenten. Zu jedem Gedicht gibt es ein passendes Foto. Man kann “Ein Jahr in Leipzig” erleben. Das Buch eignet sich als Geschenkbuch. 


Thomas Helmer, Das Fenster zum Leben – Gedichte und ihre Geschichte
Frieling Verlag Berlin, 2019
978-3-946467-65-6
84 Seiten, Preis: 9,90 €

Zeitgenössische Lyrik aus der aktuellen Situation auf den Punkt und in Worte gefasst.



Der poetische Widerspruch

  • Veröffentlicht: 01.05.2021 · Zuletzt aktualisiert: 02.05.2021

Empfehlung des Monats · Mai 2021
von Ralph Grüneberger

Hab ich vielleicht der Meinung widersprochen,
Die eine zeitlang galt als unfehlbar. (J.R.B.)

Vor genau 130 Jahren, im Mai 1891, kam in München Hans Robert Becher zur Welt und begann als 20-Jähriger eine literarische Karriere. Vor genau 100 Jahren schloss sein Verleger Kurt Wolff seine in Leipzig begründete Buchreihe „Vom jüngsten Tag“, die neben Johannes R. Becher, Georg Heym, Georg Trakl, Franz Kafka, Walter Hasenclever als Autoren auswies.

Viel gegenwärtiger ist, dass mir genau vor 40 Jahren der Vortrag eines (sagen wir patriotischen) Becher-Gedichtes  verboten wurde, das eine Huldigung Deutschlands war, besser gesagt Gesamt-Deutschlands, einen Begriff, den es zur Zeit der Entstehung des Gedichts in dem Sinne nicht gab. Der Hintergrund für die Auswahl war, dass wir Studenten (m/w) des Literaturinstituts Johannes R. Becher zu Ehren unseres Namenspatrons und aus Anlass von dessen 90. Geburtstag ein Programm mit seinen Texten erarbeiteten. Irgendwie passte es dazu, dass, nachdem der von Becher verfasste Text der Nationalhymne seit Jahren in der DDR nur noch intoniert und nicht mehr öffentlich gesungen werden durfte, auch in sein lyrisches Werk eingegriffen wurde. Mit etwas Souveränität wäre ein Gedicht in seiner Zeit betrachtet worden. Und wenn es denn darüber hinaus wirkt, gilt es für mein Empfinden als gelungen.

Eben diese Souveränität bringt der Jenenser Jens-Fietje Dwars mit. Der Becher-Biograph (beim Aufbau Verlag) ist als Redakteur, Literaturkritiker, Filmchronist, Ausstellungskurator, Buchgestalter und Autor ein vielbeschäftigter Literaturmensch. Und vor allem aber ist er eines, er ist Herausgeber. Als solcher ist er eine Säule des quartus-Verlages, der seinen Sitz in Bucha hat, das in der Nähe von Jena zu finden ist. Der 1000-Einwohner-Ort  verdankt seine Bekanntheit diesem Verlag und dem nach ihm benannten Autobahnanschluss.

Eines der erfolgreichen Bücher aus eben diesem Verlag, in dem Dwars die an Kurt Wolff geschulte Buchreihe „Edition Ornament“ betreut, sind die „Ahrenshooper Gedichte“ von Johannes R. Becher, die unter dem Titel „Wolkenloser Sturm“ unlängst eine 3. Auflage erlebten. Jens-Fietje Dwars macht dabei mit einer weiteren Passion bekannt, der Fotografie oder besser gesagt mit der Fotografik, denn viele seiner zu Bechers Gedichten gestellten schwarz-weiß Fotografien zeigen Motive, die nicht gefunden, sondern erfunden sein könnten.

Der 25 Gedichte umfassende Ostsee-Zyklus, der einen Zweifler und einen Verzweifelten zeigt, entstand, beginnend 1946, in einem Zeitraum von fünf Jahren. Und das umfasst jene Zeit, als Becher mit ansehen musste und das auch tat, dass der von ihm gegründete „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“, laut Manifest „als unabhängige und überparteiliche Bewegung“ gegründet,  immer mehr auf die Linie der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands gebracht wurde.  „[…] ist es ein Akt der Selbstbehauptung, wenn wir uns gegen jeden Eingriff seitens einer Partei aufs entschiedenste wehren“, hieß es noch im Juli 1947. Aber der geschwächte und auf Harmonie bedachte Kulturbund-Präsident und spätere Kulturminister Becher, nach 12 Jahren Exil in ein zerstörtes Land heimgekehrt, war nicht der Mann des Widerspruchs, das waren im Einzelnen eher seine subversiven Verse.

In einem Essay des 80 Jahre nach Becher gleichfalls in München geborenen Historikers Nikolaus Brauns aus dem Jahre 1994 heißt es: „In den letzten Jahren wurde neben dem Bild des linientreuen Apparatschik auch noch ein anderes Becherbild gefunden. In seinem Nachlaß tauchten einige Verse und Textausschnitte auf, die Kritik an den Erscheinungen des Stalinismus erkennen ließen. Nach außen hin treuer Parteisoldat, hatte der erste Kulturminister der DDR in seinen letzten Lebensjahren längst nicht mehr die Illusionen vom Sozialismus und dem ‚Paradies der Werktätigen in der Sowjetunion‘, die seine am laufenden Band veröffentlichten Gedichte vorspiegelten.“ Eine Entdeckung, die sich dem Leser der „Ahrenshooper Gedichte“ nicht minder bietet. Lässt sich doch das poetische Gedächtnis  vom Propagandisten auf Dauer nicht lähmen oder gar vereinnahmen. Willkürakte der sowjetischen Besatzungsmacht wie die Verhaftung und die Verurteilung zu Zwangsarbeit von jungen Menschen, die der Erneuerung – dem Auferstehen „aus Ruinen“ – abhandenkamen, blieben auch ihm nicht verborgen. Und doch wäre Becher nicht Becher würde der These und Antithese nicht immer wieder auch die Synthese folgen.

Johannes R. Becher, Wolkenloser Sturm. Ahrenshooper Gedichte
Hrsg. Jens-Fietje Dwars, Edition Ornament im quartus-Verlag, Bucha bei Jena 2020
Mit 25 Schwarz-weiß-Fotografien und einem Nachwort
von Jens-F. Dwars
Japanische Blockbindung in Festeinband mit Schutzumschlag,
64 S., 18 EUR (D) / 18,50 EUR (A)
ISBN 978-3-947646-14-2
zu bestellen beim Herausgeber


Die Überlegenheit eines Schriftstellers einem anderen gegenüber beginnt damit, daß er die Werke des anderen zur Kenntnis nimmt. Die Unterlegenheit eines Schriftstellers einem anderen gegenüber beginnt damit, daß er versäumt, die Werke des anderen kennenzulernen … (Johannes R. Becher, “Bemühungen I”)

Gedichte von Leben und Tod

  • Veröffentlicht: 02.04.2021 · Zuletzt aktualisiert: 31.03.2021

Manfred Molls lyrische Lebenshilfen

Empfehlung des Monats · April 2021
von Ernst Schneider

Es gibt den Begriff Dichterpfarrer und er zielt auf Diener Gottes und der Sprache wie Paul Gerhard, Johann Peter Hebel oder Eduard  Mörike. Der Lyriker Manfred Moll (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Theaterautoren!), Pfarrer im Ruhestand, gebürtiger Westfale, seit Jahrzehnten in Berlin zu Hause und dort familiär verzweigt, ist kein Vielschreiber. Gewiss hat ihm das Erarbeiten der regelmäßigen Predigten per se wenig Raum für den irdischen Ton gelassen und so wundert es nicht, dass Moll die Gott-Anrede auch in seinen Gedichten, sprich Psalmen pflegt. Und dennoch bleibt die literarische Ernte, die er als Summe aus drei Jahrzehnten einfährt, schmal und bietet gleichzeitig ein Sinnbild für Molls jahrzehntelanges lyrisches Mühen. Seine Gedichte geben Lebenshilfe. Denn dieser Poet ist einer, der zumeist den Extrakt einer Gegebenheit hervorbringt und das nicht selten auf anschauliche Weise. Ein Beispiel:

was zusammen hält (familienfoto)

der vater hält sich gerade noch
die mutter liegt schon im grab

der sohn hält sich im ausland auf
er hält sich immer bedeckt
der sohn hält sich eine geliebte
er hält den laden zusammen
der sohn sitzt

die tochter hält sich für was besseres
sie hält das alles nicht mehr aus

eine ganz normale familie eben

Dass Moll auch einer ist, der von anderen geschriebene deutsche Lyrik wahrnimmt (was keine Selbstverständlichkeit ist in den Zeiten der Ich-linge), macht sein Paul Celan gewidmetes Gedicht „totentanz“ deutlich und lässt gleich noch eine von Bertolt Brechts Buckower Elegien anklingen:

totentanz
(nach Paul Celan)

am anfang
ein bäckermeister
ein schuhmachermeister
ein schlachtermeister
ein baumeister

dann
ein wachtmeister
ein schulmeister
ein hausmeister
ein schatzmeister
ein jägermeister
ein rittmeister

am schluss
ein deutschmeister
ein tanzmeister
ein brandmeister

Neben dem vermeintlichen Wissen, nicht selten als Nicht-Wissen apostrophiert, und den Dialogen mit dem Tod, bildet den kräftigsten Grundton der Mollschen Gedichte die Vergänglichkeit. Dass aber viele von ihnen Bestand haben, wirkt deshalb fast schon subversiv.


Manfred Moll, Gedichte aus drei Jahrzehnten
Fromm Verlag / KNV Zeitfracht GmbH, Erfurt 2020
Broschur, 71 S., ISBN 9-786138-370840
€ 21,90

Die neue allmende: Zeitenwende

Empfehlung des Monats · März 2021
von Franziska Röchter

Die allmende – Zeitschrift für Literatur erschien erstmals 1981. Ursprünglich wurde sie von einer Gruppe süddeutscher Schriftsteller und Kulturschaffender gegründet, von denen etliche – u.a. Martin Walser, Adolf Muschg und André Weckmann – später auch Mitherausgeber waren.

Interessant ist die Bezeichnung dieser zweimal pro Jahr erscheinenden Zeitschrift. „Der alte deutsche Rechtsbegriff Allmende bezeichnet ein Gemeinde-Eigentum, dessen Nutzung allen Mitgliedern einer Gemeinde zur Verfügung steht.“ (s. Wikipedia) Der ursprüngliche Anspruch war, „in allen literarischen, essayistischen und dokumentarischen Formen und Genres einen exemplarischen Dialog über Vergangenheit und Gegenwart der allemannischen Region“ aufzunehmen (s. ebd). Die Herausgeber wollten grenzüberschreitend Begriffe wie „Weite und Nähe, Heimat und Fremde“ sich gegenseitig durchdringen lassen, die Zeitschrift wurde als „Kritische Heimatkunde“ bewertet.
Seit Ende der Achtzigerjahre fokussiert sich die allmende auf Themenschwerpunkte von überwiegend allgemein-gesellschaftlichem und kulturellem Interesse: Kulturpolitik in der Krise (48/49, 1996), Lyrik (70/71, 2001), Junge Autoren (75, 2005), ars poetica (78, 2006), Heimat (83, 2009), Liebe, Lust und Leidenschaft (86, 2010), Gedichte (89, 2012), Berlin (92, 2013), Krise der Männlichkeit (93, 2014), Neuer Antisemitismus (98, 2016), Neuer Feminismus (104, 2019) sind nur einige der Themen, derer sich die allmende annahm und annimmt (s. www.allmende-online.de).

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der allmende (100 Ausgaben in 36 Jahren) im Januar 2018 gestanden Herausgeber Hansgeorg Schmidt-Bergmann und Redakteur Matthias Walz in einem Interview mit den Karlsruhe News, die allmende verstehe sich von der Gründung an als eine Literaturzeitschrift im politischen Kontext, die als grenzüberschreitendes Periodikum der gesamten deutschsprachigen Literatur und gerade auch der jüngeren Generation ein Forum bieten wolle.

Dass sich sie aktuelle Ausgabe Zeitenwende dem Umgang mit der weltbeherrschenden Corona-Pandemie annimmt, mutet somit nicht verwunderlich an. Dem Editorial vorangestellt ist ein Zitat aus dem Vorgängerheft Die Welt neu denken. Vom Anthropozän zum Novozän? (105, 2020), das der Medienwissenschaftler und Künstler Peter Weibel als Vermutung / Behauptung in den Raum stellt: Sinn und Zweck des Virus sei es, uns „mit aller Macht in das digitale Zeitalter zu schieben“. Bereits hier, ganz eingangs, kommen dem einen oder anderen Leser sicher noch weitere aus der Pandemie hervorgehende plausible side effects in den Sinn. Vom lediglichen Beschleunigen sich eh schon in Gang befindender gesellschaftlicher Entwicklungen und Prozesse durch das Virus ist weiter die Rede (Michel Houellebecq), von den verheerenden sozialen, ökonomischen und rechtsstaatlichen Folge. Ging es in Ausgabe 105 (Die Welt neu denken) noch um die ersten Erfahrungen mit der Pandemie, so widmet sich die Ausgabe Zeitenwende den Auswirkungen auf die Zukunft, den Folgen, Ängsten und Perspektiven. Das Gute daran ist, dass dieses uns seit über einem Jahr aus sämtlichen Kanälen zuflutende Thema hier in einer literarischen Bandbreite und Formenvielfalt daherkommt – kann man sich doch kaum an ein Thema erinnern, welches in so allumfassender Ausschließlichkeit und mit so viel Nachdruck für unsere Beschäftigung mit demselben sorgte und wahrscheinlich noch sorgen wird.

In „Tischgespräche zur Gegenwart“ tauschen sich Vea Kaiser, Ursula Poznanski, Clemens Berger und Marc Elsberg über erlebte Ausnahmesituationen  innerhalb der aktuellen „Krise“ aus und darüber, wie die Realität die beste Fiktion einholt. Wie sich ursprünglich als positive empfundene Effekte der Pandemie – z.B. Zeitersparnis – durch den ständigen Zwang zur Informationsbeschaffung doch schnell wieder aufheben. „Die richtig guten Romanplots sind die von den Verschwörungstheorien“, meint Ursula Poznanski, während Marc Elsberg sich zum Beispiel die Frage stellt, ob diese „Krise“ etwas mit der Literatur macht und wenn ja, was – hält er doch die Literatur für „ein aussterbendes Ding“.

Bernhard Pörksen (Germanistik, Journalistik, Biologie) schreibt in seinem Essay „Zivilisationstest“ über die durch eigene und unmittelbare Angstreflexe hervorgerufene transformative Wirkung der Corona-Krise. Hier gehe es eben nicht nur um eine Gefahr für Andere, für den Nächsten, für die Spezies allgemein, sondern jeder Einzelne sei selbst unmittelbar betroffen oder könne getroffen werden. Pörksen stellt die Frage, ob es der Menschheit gelingen könne, sich unabhängig von der aktuellen realen Gefahrensituation so weit zu entwickeln und ihr Vorstellungsvermögen so weit zu schulen, dass sie im Hinblick auf zukünftige Gefahren jetzt schon Konsequenzen oder folgerichtiges Verhalten ableiten könne und wie wir darüber hinaus zukünftig leben wollen.  

Insa Wilke, freiberufliche Literaturkritikerin und Moderatorin, glaubt nicht, dass ein neues „Genre“ Corona-Literatur entstehen werde, da der für die meisten gleichermaßen un-/spektakuläre Stoff keine aufregende Lektüre produzieren werde – sie verweist auf die Intelligenz und den Humor einer Marlene Streeruwitz und auf ihr persönlich als Zeitenwende empfundenes Jahr 1989 (Insa Wilke, „5 Fragen – 5 Antworten“, eine Rubrik, die ebenfalls in dieser Ausgabe von Nadja Küchenmeister, Philipp Staab, Peter Stamm, Eva Menasse, Simon Strauß, Andreas Rödder und Peter Schneider bespielt wird).

Zwischen den eher sachlich fokussierten Beiträgen findet sich eingestreute Lyrik von Jan Wagner („de vita caroli quarti“) und Ulrike Draesner (wunderbar beginnend mit: „vermooste hose: wie wir nun ranzen“), Martin Walser, Nadja Küchenmeister und Lutz Seiler,  dazwischen ein Corona-Tagebuch (40 Tage) von Lena Gorelik und eines von Peter Stamm. Neugierig macht ein Auszug / Vorabdruck aus Eva Menasses neuem Roman Dun­kelblum, der im Herbst 2021 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheinen wird.

“Was werde ich von diesem Sommer
dem nächsten sagen?
Dass er nicht zu fassen war, …”

lesen wir von Martin Walser in einem Auszug aus seinem neuen Band Sprachlaub oder: Wahr ist, was schön ist, der am 23. März 2021 im Rowohlt Verlag erscheint, und hoffen, dass wir von diesem Sommer mehr werden sagen können, als „dass er wie ein Streichholz war,/ das dir abbrennt zwischen den Fingern …“

In „5 Fragen – 5 Antworten“ beschreibt Nadja Küchenmeister sehr treffend eine Situation nach der Veröffentlichung ihres kurz vor dem ersten Lockdown erschienenen Gedichtbandes, die wahrscheinlich sehr viele Künstlerinnen und Künstler nachempfinden können: „… in den darauffolgenden krisenhaften Wochen und Monaten mochte ich erst einmal nicht mehr an Gedichte denken. Warum auch? Ich hatte ein Buch geschrie- ben, es sollte leben dürfen. Mir kam alles sinnlos vor, demnach drängte mich nichts an den Schreibtisch …“ Und resümiert, dass man derzeit wohl jeden Menschen verstehen könne, der traurig und verzweifelt ist.

Interessante Rezensionen zu Büchern über das Corona-Virus runden dieses textliche Kaleidoskop innerhalb der intergalaktischen Corona-Area ab. Am Ende gibt es noch eine schnelle Fahrt auf dem Preiskarussell der Literatur, die verdeutlicht, dass wenigstens hier noch einiges beim Alten ist. So bietet diese vielseitige Sammlung literarischer und sachlicher Auseinandersetzung mit der „Krise“ letztendlich weitaus mehr als eine akademische Momentaufnahme, sondern lässt uns teilhaben an der persönlichen Betroffenheit literarisch tätiger Künstler*innen.
  
Die Zeitschrift allmende sollte man im Auge behalten.

allmende 106
Zeitenwende – 106. Ausgabe der der allmende – Zeitschrift für Literatur

Dezember 2020 | 40. Jahr
104 Seiten, Br., 160 × 240 mm, s/w-Abb.
Mitteldeutscher Verlag
Einzelheft € 12 / sFr 16,80
ISSN 0720-3098
Einzelbezug: ISBN 978-3-96311-505-9
Abobezug: ISBN 978-3-96311-506-6
12,- € / 16,80- sFr











Gedicht des Monats Februar

  • Veröffentlicht: 09.02.2021 · Zuletzt aktualisiert: 14.02.2021

Hartmut Brie (*1943)

Bildhaftigkeit

Nicht jedes Wort hat ein Ziel, einige drehen und wenden sich ständig im Kreis völlig gedankenlos, einfach aus Freude,

in ihrer Eigenheit sind sie ungebändigt und zauberhaft ursprünglich ohne Wortgewalt in ihrem digitalen Wesen und naturbelassen,

sie in sozialen Netzwerken zu missbrauchen und ihren Wahrheitsgehalt zu verfälschen, zerstört ihre Bildhaftigkeit.

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen in den leeren Raum ohne Chiffren und Symbole mit seiner Mitteilsamkeit,

die Visionen einer besseren Zukunft auf der Müllhalde digitaler Errungenschaften, ohne des Wesens Kern zu erfassen,

wir weinen der Sprache Tränen nach und versuchen, ein neues Gerüst zu errichten für ein waghalsigeren Wortgebäude.

Anmerkung: Der Autor möchte sein Gedicht als Zustimmung zur Empfehlung des Monats · Februar 2021 von Marianne Beese verstanden wissen.

Verdichtung als Stilprinzip

Ralph Grüneberger: Enthält Kunstplatzierung! Gedichte & Miniaturen zur bildenden Kunst

Empfehlung des Monats · Februar 2021
von Marianne Beese

In seinem jüngsten Lyrikband setzt sich der Verfasser in Beziehung zu Leben und Werk diverser bildender Künstler bzw. tritt mit ihnen in einen meist poetischen, doch vereinzelt auch erzählerischen oder essayistischen Dialog. Er sucht Einzelheiten der Biographie ebenso gerecht zu werden wie der Eigentümlichkeit des künstlerischen Schaffens. Die ‚großen Namen‘ der Moderne erscheinen und es wird auf Ereignisse Bezug genommen, die sich biographisch-episodisch mit ihnen verbinden. Es rücken aber auch heutige, noch lebende Maler und Grafiker in den Fokus, und hier dominieren Künstler des sächsischen Umfelds. Bei ihnen spielt die meist enge Bindung an ihren Heimatort – etwa die Stadt Leipzig – eine Rolle und verleiht ihren Werken, wie im Falle von Gerald Müller-Simon, typische Akzente.

Sucht man die im Band versammelten Maler bestimmten Malstilen zuzuordnen, so reicht die Spannbreite von symbolistisch und surrealistisch über expressionistisch bis zu impressionistisch, von figürlich bis zu abstrakt-geometrisch; von kubistisch bis zu veristisch.

In Abbreviaturen wird somit ein Streifzug durch die Geschichte der modernen bildenden Kunst unternommen, an deren Anfang man den Renaissancemaler Hans Baldung Grien setzen könnte. Der damalige Standort und Blickwinkel wird mit dem heutigen zusammengeführt; Zeit- und Kulturgeschichte scheint gleichsam auf in zweifacher Brechung: durch die Perspektive des Malers und des diesen anverwandelnden Dichters. In einer knappen, verdichteten Sprache werden existenzielle Grundkonstellationen skizziert oder Lebenszyklen abgebildet, schöpft der Poet ebenso wie seinerzeit die Maler aus dem Repertoire des Mythologischen, Historischen oder der Gegenwärtigkeit und Alltagswelt. Immer wieder rückt die Mann-Frau-Beziehung in den Blick, kommt Erotisches zur Geltung, so in den Gemälden Griens, oder den Zeichnungen des späteren Picasso; zeigt sich neben der emotional-verbindenden bisweilen auch die zerstörerische Seite der Liebe.

Ist ‚Liebe‘ ein zentrales Thema der betrachteten Bilder, so auch das des Todes, wo alle Lebensalter sich an einem Tisch versammeln, der „aus Sargholz“ ist. Weiteres, was analog zu den Bildern oder den Biografien ihrer Schöpfer in die dichterischen Texte Eingang findet, sind Aspekte des künstlerischen Prozesses bzw., wie im Falle Turners, der Zusammenhang von äußerem Ereignis und Schaffensimpuls, aber auch Momente der Rezeption oder des Nachruhms. Der Antagonismus von ‚Kunst‘ und ‚Leben‘ tritt gelegentlich, und besonders einprägsam bei dem Maler van Gogh, zutage, was in starken Sprach-Bildern wiedergegeben ist, etwa wenn es heißt: „Die Gitter vorm Fenster / Sind Rippen des Schnitters“.

Überhaupt kommt sprachliche Verdichtung immer wieder dadurch zustande, dass Einzelworte mit Bedeutung ‚aufgeladen‘ erscheinen; dass sie in dieser Bedeutungsballung über sich hinausweisen, zu Symbolen werden – oder dass die Mehrfachbedeutung von Wörtern oder Wendungen genutzt wird bzw. die Möglichkeit ihrer Verwendung im wörtlichen, aber auch im übertragenen Sinne. Karg und zugleich inhaltsschwer erscheinen Zusammenhänge; werden Dinge und Menschen zueinander in Beziehung gesetzt und so Lebens-Ab- und Einschnitte veranschaulicht, die oft Tragik bergen; individuelle, wie das Nachlassen der Schöpferkraft nach dem Verlust der Gefährtin bei Dali, oder gesellschaftliche, wie das tendenzielle Überflüssigwerden des Menschen in der gewandelten Arbeitswelt. In dem Gedicht „Die alte Singer“ etwa werden durch sprachliche Kürzel, die sich um Tradition, Handwerk, Zukunft ohne menschliche Arbeit, drehen, sowie durch Wortneuschöpfungen wie „Mutterfaden“, ganze Vorstellungswelten heraufbeschworen.

Anderswo wird auf Traditions-bzw. Kulturzerstörung während der DDR-Zeit verwiesen, so in „Umgestaltung des Karl-Marx-Platzes“ mit der wiederkehrenden, an Kinderreime erinnernden Zeile „Die Kirche ist umgefallen“. Das wohl dunkelste Kapitel deutscher Geschichte ruft ein Text ins Gedächtnis, der von der jüdischen Malerin Friedl Dicker Brandeis handelt, oder auch der „Brief nach Auschwitz“, wobei der gesetzte Kontrast hier der zwischen ahnungslos-naivem Schreibduktus und dem mit unheilvollster Bedeutung beladenen Wort „Auschwitz“ ist.

Gelegentlich nimmt der Stil des lyrischen Subjekts auch eine charakteristische lakonisch-ironische Färbung an, so in dem zu einem Mattheuer-Bild geschriebenen Gedicht „Hinter den sieben Bergen“, wo eine Zusammenschau verschiedener Motive bzw. Kontamination von Wörtern unterschiedlicher Zugehörigkeit und Bedeutung stattfindet.

Die Eigenheit und Innovation bestimmter Stil-Entwicklungen – so spielen etwa bei dem Maler und Grafiker Vasarely Muster, Strukturen, Formen und Farben, doch auch Schwarz-Weiß-Arrangements, eine besondere Rolle – wird lyrisch nachvollzogen, und der Künstler wird gleichsam gefeiert mit dem wunderschönen Begriff „Augenbelohner“.

In „Rock around the clock“ korrespondieren nicht weniger als drei Künste miteinander; neben der bildenden Kunst und der Poesie ist es auch die Musik, die mitspricht und ihre Ekstase-auslösende Wirkung zu erkennen gibt. Lyrisches, Erzählerisches und Bildkünstlerisches finden in der Miniatur „Untitled“ rund um den Maler Mark Rothko, doch etwa auch um den Schriftsteller Joost Zwagermann, zusammen.

Die „Malweise Wagenbretts“ in dem gleichnamigen Gedicht wird durch Bezugnahme auf Theaterkunst verständlich gemacht, wobei im Zentrum der Darstellung des dem Verismus zuzuordnenden Malers das menschliche Gesicht, das einem „Drama“ gleicht, steht.

Das Kunstwerk als Ort zusammengeführter Spannungen bzw. Kontraste – so ließe sich das Gedicht „Der Sucher“, das wiederum auf ein Bild des Leipziger Malers Neo Rauch Bezug nimmt, interpretieren. Erkenntnissuche erscheint als sinnlicher wie geistiger Vorgang; eher Beiläufiges; Heimatlich-Idyllisches, Märchenhaftes und Welthaltig-Bedrohliches sind darin widersprüchlich geeint.

Zum Politikum wurde die – berichtend wiedergegebene – Auseinandersetzung zwischen dem Künstler Rauch und dem Kunsthistoriker Ullrich, zu welcher der Autor Stellung bezieht und bei dieser Gelegenheit auch auf Praktiken der Kunstvermarktung zu sprechen kommt. So sind in dem schmalen Lyrikband zahlreiche Facetten rund um die Themen ‚Kunst‘ und ‚Künstlertum‘ versammelt, doch überwiegt, bei unterschiedlicher Art der Erschließung, das lyrische, d. h. Kunst in Kunst verwandelnde Moment. Wie seine Heranführung an bildende Kunst erfolgte und auf welche Weise diese ihm ständige Wegbegleiterin wurde, hat der Autor u. a. in den Vorbemerkungen dargelegt. In diesem Sinne sind die versammelten Texte auch eine Danksagung an Künstlerinnen und Künstler, die in dem Vermittlungsprozess eine Rolle spielten, sowie an Kunst- und Literatur-Lehrende. Entstanden ist mit der „Kunstplatzierung“ ein bekenntnishaftes, Dichtkunst im besten Sinne als Kunst der Verdichtung präsentierendes, höchst anspruchsvolles und lesenswertes Werk. (Eine ausführliche Rezension erschien in der Leipziger Internetzeitung vom 02. Februar 2021).

Rock Around The Clock – not possible
Nach dem Holzstich „Cry Baby!“ von Tobias Gellscheid

Mädchen, die eigentlich im Kino sind
Der grandma beim Hausputz helfen
Oder mit der Freundin den Hund ausführen.

Sie alle, Highschool-Schülerinnen, junge
Verkäuferinnen aus den Stores, Telephonistinnen
Mädchen der Upper und der Middle Class

Sie alle vergessen die gute Erziehung
Der Woche am Sonntag, werden
Verwechselbar in der Ekstase

Haltlos schweben sie
Von den Sitzen, schlingen
Sich um den Gitarristen

Wie Lianen, beben mit
Den Bassboxen, tanzen
Aus der Reihe, ehe

Sie wieder am Rocksaum ziehen
Die Fönfrisur ordnen
Sie wieder uneins sind.


Ralph Grüneberger, Enthält Kunstplatzierung!
Gedichte & Miniaturen
Format (geschlossen) 14 x 24 cm
36 Seiten, Privatdruck, Auflage je 70 Exemplare
erscheint im Januar 2021
Preis der Vorzugsausgabe: 130,70 €
Preis der Normalausgabe (ohne Grafikbeigabe): 16,02 €

Dank privater Förderer kann die Vorzugsausgabe bis
zur geplanten Buchpremiere am 30. Mai 2021 zu einem
Subskriptionspreis von 100,70 € angeboten werden.

Verbindliche Bestellungen sind ab sofort an
kunstplatzierung@web.de erbeten.

Artenvielfalt – Ode an das Leben

  • Veröffentlicht: 01.01.2021 · Zuletzt aktualisiert: 31.12.2020

Empfehlung des Monats · Januar 2021
von Peter Schröder

Die mittlerweile seit vielen Jahren aktive Dichterin, Schriftstellerin und Verlegerin Franziska Röchter überraschte in der Vergangenheit immer wieder mit interessanten Publikationen, neben zahlreichen thematisch vielfältigen Buchveröffentlichungen anderer Autoren in ihrem chiliverlag machte sie zuletzt durch ihre im geest-Verlag 2015 erschienene Gedichtsammlung „am puls“ auf sich aufmerksam. Darüber hinaus ist Röchter bereits einige Male in der bekannten jährlichen Lyrik-Sammlung „Das Gedicht“ von Anton G. Leitner erschienen, auch in der aktuellen Ausgabe ist sie vertreten. Nun hat die Mutter und Lebenskünstlerin nachgelegt und einen weiteren Gedichtband mit dem Titel „Artenvielfalt“ herausgebracht, der ab November letzten Jahres erworben werden kann.  

„Artenvielfalt“ erscheint wie eine Lebensbejahung, wie eine Ode an das Leben schlechthin, das trotz aller Widrig- und Hässlichkeiten am Ende doch wertvoll und positiv anmutet. Der Untertitel des Gedichtbandes, der wohl auch als Widmung verstanden werden kann, lässt schon anklingen, dass Franziska Röchter hier eine besondere Inspirationsquelle als Grundlage genommen hat, um querbeet durch die Pflanzen- und Lebewesen-Welt die Schönheit der Natur und Schöpfung zu preisen. Ihrem bekannten Stil treu, geht es hier humorvoll bis augenzwinkernd-selbstironisch, aber durchaus fast immer mit einer gewissen Tiefe und unterschwelligen Traurigkeit zur Sache, ohne ins Kitschige oder Wehleidige abzurutschen. Röchter gelingt das, was vielen nicht gelingt: eine gewisse Leichtigkeit und Komik auszusenden und dieser am Ende doch eine melancholische und nachdenkliche Drehung zu verleihen. Die Gedichte lesen sich allesamt sehr gut und animieren zum lauten Mitlesen, eine unzweifelhafte Melodik und Musikalität findet sich in vielen Titeln wieder. Kurz gesagt: Die Gedichte haben vielfach Liedermacher-Potenzial. Einen bestimmten Favoriten hier herauszupicken fällt schwer, am besten überzeugt sich der interessierte Leser selbst davon. Auf 84 Seiten für 9,90 € (Softcover) oder zusätzlich als Hardcover ist die Neuerscheinung seit dem 30. November 2020 über die bekannten Verkaufsstellen zu haben. Es lohnt sich, vor allem um sich in diesen düsteren Zeiten mal zur Abwechslung ein Lächeln auf die Lippen zu malen.


Franziska Röchter, Artenvielfalt – Gedichte für ein besonderes Kind
November 2020, 84 Seiten, illustriert
Hardcover:  978-3-943292-87-9   Euro 18,00
Softcover:   978-3-943292-89-3   Euro  9,90
im chiliverlag

DAS GEDICHT. Die Wiederentdeckung der Liebe & Die Raben von Ninive – Balladen, andere Gedichte und ein Zwiegespräch & Das Geheimnis der Brücken

  • Veröffentlicht: 01.12.2020 · Zuletzt aktualisiert: 30.11.2020

Empfehlung des Monats · Dezember 2020
von Jule Weinrot

DAS GEDICHT. Zeitschrift / Jahrbuch für Lyrik, Essay und Kritik.
Die Wiederentdeckung der Liebe (Band 28)

Seit nunmehr 28 Jahren bereichert die buchstarke Zeitschrift / Jahrbuch für Lyrik, Essay und Kritik DAS GEDICHT nun schon die lyrische Welt der Dichter*innen und Poet*innen. Da müssten doch alle Themen bereits vorgekommen sein, könnte man denken, und gerade DAS Thema der Poesie schlechthin, die Liebe, hat es doch schon in früheren Jahren geschafft, thematischer Dreh- und Angelpunkt dieser heiß erwarteten Jahresausgabe zu sein. … Ja … Aber nicht genau so. Nicht in solchen Zeiten. Der Stellenwert des einzig Wahren, des Wichtigsten, des wirklich Systemrelevanten in Zeiten von Durchseuchung, Infektion, Siechtum, Krankheit und drohendem Sterben ist unbestreitbar. Kaum ein anderes Thema wäre wirklich geeigneter gewesen, um von den alles überschattenden Coronawellen einmal wegzukommen.
Ein vielseitiges Potpourri unterschiedlichster lyrischer Formen bewegt sich hier durch die Weiten aufkeimender, drängender, verebbender und beständiger Liebe, die sich durch ein Kapitel Kinderlyrik (Liebe wächst) ins nahezu Grenzenlose dehnen … Entdecken lässt sich so einiges: Neben einem kaleidoskopischen Intermezzo  bewährter und äußerst bekannter Poetenstimmen, die es verstehen, durch ihre Verse dem Geheimnisvollen und Unergründlichen, dem Rätselhaften des Phänomens Liebe nachzuspüren (das versteht übrigens der geniale Grafiker und Covergestalter ebenso) oder es durch unverbrauchte Bilderwelten heraufzubeschwören, gibt es auch durchaus Explizites, manchmal sehr Direktes zu lesen, das im Gesamtzusammenhang auch schon mal mehr oder weniger ins unfreiwillig Komische abrutschen kann – wenn beispielsweise von „steilen Spitzen“ auf Hügeln im Zusammenhang mit „Wohlfühlstöhnen“ die Rede ist oder „Schwanz in Spalte stecken“ erträumt wird … geschmacklich ist hier wohl für nahezu Jeden etwas dabei.
   Man möchte Lieblingsverse zitieren, Lieblingsdichter benennen, das aber würde zum Schwelgen in und Anschwellen dieser Empfehlung (ver-)führen. Deshalb der Rat: Begeben Sie sich selbst auf eine wunderbare Entdeckungsreise durch die faszinierende Welt der Liebe und ihrer Spielarten – eine kurzweilige, anregende, beSinnliche und/oder berührende, humorvolle und bisweilen sehr nachdenkenswerte Lektüre wird Ihnen sicher sein! Dass abermals ein nennenswerter Anteil an Mitgliedern der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik Eingang in DAS GEDICHT gefunden hat, darf freudig erwähnt werden.
Tipp: Ein sehr gutes Weihnachtsgeschenk! Einzeln oder im Kurz-Abo.


Das Gedicht. Zeitschrift /Jahrbuch für Lyrik, Essay und Kritik /
Die Wiederentdeckung der Liebe
Herausgegeben von Anton G. Leitner
Mit einem Special für Kids,
zusammengestellt von
Uwe-Michael Gutzschhahn
Erschienen: 18.11.2020
Anton G. Leitner Verlag, 208 Seiten
ISBN 9783929433869
Euro 15,00

Empfehlung des Monats · Dezember 2020
von Jule Weinrot

Friedrich Ani, Die Raben von Ninive – Balladen, andere Gedichte und ein Zwiegespräch

Auf diesen neuen Gedichtband von Friedrich Ani muss man sich einlassen wollen. Dieser 3. Gedichtband (2009: Mitschnitt, 2017: Im Zimmer meines Vaters) jenseits der frühen Jahre des wohl bekanntesten deutschen Krimiautors und Drehbuchschreibers (Tatort) fordert etwas Konzentration in unserer schnelllebigen Zeit – eine Ballade, die über 8 Seiten geht, ist nun mal kein Haiku. Man muss in die Welt dieses vielseitigen Dichters eintauchen wollen, seine Sicht auf die Dinge, auf sozial-politische Schieflagen, näher erkunden wollen … dann wird man belohnt. Dieses Buch changiert zwischen politischer Meinung und sehr Privatem, fast Intimem, und auch die Formen wechseln von sehr ausladenden Lied-Lyrics bis zum relativem Kurzgedicht.
Mit diesem Gedichtband gelingt Friedrich Ani eine interessante Verquickung seiner unterschiedlichen von ihm bedienten Genres und Vorlieben, hier gibt es sogar zur Balladenform verdichtete Kriminalfälle, hier gibt es Dramen und Tragödien, Vermischungen von Erzählung und Poesie, die Goethes vielbemühten Vergleich der Ballade mit einem „lebendigen Ur-Ey“ und seine Bezeichnung der Mischgattung als „gegenständliche Dichtung“ in die kulturpolitische Funktion der Ballade verweist. Ani erzählt Geschichten in Versform, mit Reim und Rhythmus, Geschichten, die in ein Korsett gefüllt werden, um nicht auszuufern, er erzählt von seiner Heimat, die offensichtlich eher eine Art zweite Heimat für ihn war oder auch keine, aus der es auszubrechen galt, und von seiner Suche nach einer Heimat im Offenen, nicht Einengenden.
    Dass Ani irgendwann den Norden,  die Nordsee, die Weite des Meeres für sich entdeckt hat, spiegelt sich u.a. in sehr persönlichen Texten wie „Der Leuchtturm“ wieder, in dem es um die private, die gefürchtete Enge im Rahmen derjenigen gesellschaftlichen Konventionen geht, die auch Leuchtturm oder Anker im Strudel der eigenen Endlichkeit sein können.

Alles Meer kehrt heim zu dir,
und alles Dunkel bricht entzwei.
Dein Blick gereicht dem Tag zur Zier.
Komm, du Liebe, sieh und sei.
                                     (Backcover)

Ein etwas anderer Gedichtband, der entdeckt werden will – gut geeignet für die Zeit um den Dezember herum – vielleicht auch von solchen Lesern, die sonst eher auf die Verknappung von Worten setzen.


Friedrich Ani, Die Raben von Ninive – Balladen, andere Gedichte und ein Zwiegespräch
Erschienen: 28.09.2020
suhrkamp taschenbuch 5067, Gebunden, 172 Seiten
ISBN: 978-3-518-47067-1
auch als eBook erhältlich
Euro 18,00

Empfehlung des Monats · Dezember 2020
von Ralph Grüneberger


Bernhard Theilmann, Das Geheimnis der Brücken

Posthum veröffentlichte der Dresdner Verlag SchumacherGebler 2019 eine Ausgabe mit Gedichten des 1949 im sächsischen Kurort Rathen geborenen Lyrikers und Redakteurs der von ihm gegründeten Zeitschrift SAX, der 2017 in Dresden verstorben ist. Ich bekam das Buch zugeschickt und hatte gerade wenige Tage zuvor ein Gedicht von Bernhard Theilmann in einer Anthologie gelesen, das neben dem eines bekannten und vielfach ausgezeichneten anderen Dresdner Lyrikers stand. Nicht sonderlich beeindruckt von dem des Prominenten, kam ich schnell auf Theilmanns Gedicht von der „postfrau“, die „mit einem blauen auge“ ihren Dienst tat. Und dieses Gedicht ist mir sehr nah.

Die Auswahl, die Witfrau und Freunde Theilmanns aus einem Manuskriptfundus von fast 600 „gefundenen Texten“ zusammentrugen, enthält eine Zeittafel und – das ist das Besondere – die Beigabe „Biografische Notizen – Bernhard Theilmann“, zusammengestellt von Detlef Krell, als Extradruck.

Diese Schrift macht deutlich, dass ein „Lob von der anderen Seite“, in dem Fall stand das in Springers „Welt“ (die Zeitung, die DDR stets in Gänsefüßchen setzte) und betraf die großartige Obergrabenpresse, nicht immer von Vorteil für jene war, die sich aus dem sogenannten „Tal der Ahnungslosen“ heraus hin zur Anhöhe der Aktiven bewegten.

Bewundernswert die Solidarität der Theilmann-Freunde, die diese Publikation zu Wege brachten. Nun müssen die Gedichte nur noch gelesen werden. Sachsens Stadtbibliotheken sind am Zug.

Bernhard Theilmann, Geheimnis der Brücken
ISBN: 978-3-941209-54-1
16,– €


 




Förderer und Partner

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Literatursalon
Die Gesellschaft für
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ist seit 1995 Mitglied in der
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Arbeitsgemeinschaft
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Gesellschaften und
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