Gedicht des Monats Juli 2021

  • Veröffentlicht: 01.07.2021 · Zuletzt aktualisiert: 02.07.2021

Ulrich Straeter (*1941)

Stadtansicht

Als ich klein war
sah sie häufig
in unserer Stadt
aufragenden Mauerreste

Einstige Badezimmer
waren zu sehen
Fliesen hingen noch
und Seifenschalen

Ein blauer Pfeil: Luftschutzkeller. 
Heimkehrer fanden Zettel 
mit Namen
Manche grub man aus, lebend

Nicht mehr vorstellbar
heute alles in Alu und Glas
Theater in Marmor glänzend
vor allem die Banken 

Morgen Probealarm
für alle Fälle 


Quelle: My generation. Gedichte / Poesiealbum neu, Leipzig 2018

Wir gratulieren unseren Mitglied aus Essen sehr herzlich zum runden Geburtstag und wünschen eine gute Zeit, viel Gesundheit und Freude am Leben und dass die Möglichkeit, Familie und Freunde zu treffen, schlimmstenfalls durch einen „Probealarm“ – und dann auch nur kurz – eingeschränkt wird.

Gedicht des Monats Juni 2021

  • Veröffentlicht: 01.06.2021 · Zuletzt aktualisiert: 28.05.2021

Anton G. Leitner (*1961)

Da Drängla draad duach

Wennsd in da Dreissgazone
Dreissge faasd, is ea scho
Hindda dia und blendd
Auf und ob und auf und ob
Und ruggd da so aufn Bäiz,
Dassd moansd, ea hoggd scho
Auf deim Schdoossschdangal.

Und ea zoagd da aa no an
Vogl, oisa di aufm duach-
Zongna Schdreifn mid Sechzge
Üwahoid, und hubd wia bläd,
Wenna se wieda einigwedschd
Voa dia und davobreddad mid
Am Moadskaracho.

›Di grazz i need vom Baam‹,
Dengsda no, awa an da
Bau-Ambbe schdeeda scho
Wieda bei Rod voa dia mid
A rodn Bian und geed wuid
Fuchdlnd auf sei Oide los,
De newa eam sizzd und bädd,
Dass sauschnäi grea wead.

In der vom Autor gefertigten hochdeutschen Fassung klingt es so:

Der Drängler dreht durch

Wer sich in einer Tempo-30-Zone
An die Geschwindigkeitsbegrenzung hält, hat ihn schon
Im Nacken sitzen. Und er blendet
Auf und ab und auf und ab
Und fährt so dicht auf,
Dass du meinen könntest, er klebe dir schon
Hinten an der Stoßstange.

Und er tippt sich auch noch mit dem Zeigefinger
An die Schläfe, als er dich auf dem durch-
Gezogenen Mittelstreifen mit 60 km/h
Überholt, und hupt wie ein Verrückter,
Sobald er sich wieder vor dir hineingezwängt hat
Und mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit
Davonbraust.

›Deine sterblichen Überreste kratze ich nicht vom Baum‹,
Denkst du noch, aber an der
Baustellenampel steht er schon
Wieder bei Rot vor dir mit
Hochrotem Kopf und traktiert wild
Gestikulierend seine Lebensabschnittsgefährtin,
Die neben ihm sitzt und betet,
Dass die Ampel schnell wieder auf Grün umschaltet.

Aus: Poesiealbum neu, „Fahren und Gefahren. Gedichte zur Automobilität“,
erscheint Ende Juni 2021

Wir gratulieren unserem kooperativen Mitglied, dem poetica hominum, zu seinem runden Geburtstag und wünschen ihm viele schöne Momente im neuen Lebensjahr, allem voran eine stabile Gesundheit und Freude an eigener und zugesandter Dichtung.

“Fahren & Gefahren. Gedichte zur Automobilität” erschienen

  • Veröffentlicht: 19.05.2021 · Zuletzt aktualisiert: 26.07.2021

Die Auswahl für die Ausgabe des Poesiealbum neu 1/2021 mit dem Titel “Fahren und Gefahren. Gedichte zur Automobilität” ist erschienen und umfasst neben dem Interview “7 Fragen zur Lyrik” mit Franziska Beyer-Lallauret 53 Gedichte von ebenso vielen Autorinnen und Autoren aus vier Ländern (D, A, CH, F).

Die Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe:

Manfred Ach

Gerd Adloff

Johanna Anderka

Danilo Art-Merbitz

Michael Augustin

Franziska Bauer

Heinrich Beindorf

Franziska Beyer-Lallauret

Kurt Blessing

Friederike Bloch

Georg Oswald Cott

Daniela Daub

Erika Dietrich-Kämpf

Ulrike Diez

Wolfgang Franke

Yvan Goll

Ralph Grüneberger

Nora Hanßen

Torsten Herbert Himstedt

Gerald Jatzek

jottpeh

Stefan Kabisch

Manfred Klenk

Anton G. Leitner

Bettina Ludwig

Britta Lübbers

Anne Mai

Salean A. Maiwald

Wolfgang Mayer König

Klaus Nührig

Johann Peter

Erich Pfefferlen

Ralf Preusker

Eggert Raab

Rainer Rebscher

Marianne Rieger

Joachim Ringelnatz

Ralf Rodrigues da Silva

syna saïs

Barbara Schaffeld

Gert Schmidt

Axel Schöpp

Ulrich Schröder

Roswitha Charlotte Schwenk

Hellmut Seiler

Rüdiger Stüwe

Jürgen Theobaldy

Dieter Treeck

Marco Trotta

Karin Unkrig

Peter Wawerzinek

Rainer Wedler

Kai Willig

Das Titelbild wurde unter Einbeziehung des Gemäldes von Sighard Gille mit dem Titel “Autofahrer” (1973) gestaltet.

Die Premiere dieser Ausgabe findet am 14. August 2021 in Leipzig statt (s. Veranstaltungen). Die Auslieferung wird ab Anfang/Mitte Juli erfolgen. Verbindliche Bestellung richten Sie bitte mit Angabe Ihrer Anschrift an: kontakt@lyrikgesellschaft.de

Umfang 64 S.

Broschur / Ladenbruttopreis 6,50 €

Gedicht des Monats Mai 2021

  • Veröffentlicht: 01.05.2021 · Zuletzt aktualisiert: 01.05.2021

Manfred Peter Hein (*1931)

“April is the cruellest month”
T. S. Eliot, The Waste Land

Der Seidelbast blüht
verströmt im Schneegestöber
seinen herben Duft

Niedergehalten
vom Frost die Apfelblüte
Geschmack ihrer Frucht –

Verlorenes Paradies
wieder und wieder beschworn

aus: Steinbrech. Gedichte zu Pflanzen. Poesiealbum neu, Leipzig 2017

Wir wünschen unserem Mitglied anlässlich des 90. Geburtstages vor allem Gesundheit und weiterhin viele poetische Momente.

Gedicht des Monats April 2021

  • Veröffentlicht: 01.04.2021 · Zuletzt aktualisiert: 31.03.2021

Joana Lisiak (*1971)

Zusammengerechnet

Hier habe ich gerechnet.
Hier habe ich auch gerechnet.
Hier nicht gerechnet.

Verrechnet habe ich mich hier.

Mit dir habe ich nicht gerechnet.
So gar nicht wirklich.
Aber mit dem anderen habe
ich schon erst gar nicht
gerechnet.
Wirklich nicht.

            ***

Quelle: Poesiealbum neu, „Deutsche Inventuren“, Leipzig 2012

Wir gratulieren unserem Schweizer Mitglied
zum 50. Geburtstag und verbinden das mit allen
guten Wünschen. Mögen noch viele positive
Überraschungen eintreten.

Gedicht des Monats März 2021

  • Veröffentlicht: 01.03.2021 · Zuletzt aktualisiert: 01.03.2021

Manfred Allner (*1941)

„… so geht es auch“

Für Kingsley aus Kamerun

Georges B., früher kritischer Journalist
in einem afrikanischen Land,
musste aus seiner Heimat
über fremde Meere und Länder
fliehen.

Angekommen in L.,
Deutschland, bemüht er sich,
auf vielfache Weise Fuß zu fassen. 
So ministriert er auch beim Gottesdienst
in unserer katholischen Gemeinde.

Die Kosten für das Zertifikat, mit dem ihm
die erfolgreiche Teilnahme am Deutschunterricht
bestätigt wird, haben wir – selbstverständlich –
übernommen. Heimisch werden
soll er nicht nur wollen, sondern
auch können.

Worte eines unserer großen Dichter:
„… so geht es auch.“


Herzlichen Glückwunsch unserem Mitglied Manfred Allner
zum 80. Geburtstag im Frühlingsmonat März.
Was für ein schöner Start für ein neues Lebensjahr.
Viel Gesundheit und Lebensfreude weiterhin.

Poesiealbum neu »Was wir wollen. Gedichte«

  • Veröffentlicht: 16.01.2021 · Zuletzt aktualisiert: 16.01.2021

Ausschreibung für die Spätherbstausgabe 2021 der Zeitschrift »Poesiealbum neu« im 15. und letzten Erscheinungsjahr.

»Ein Wollen ist das unmittelbare Bewußtsein der Wirksamkeit einer unserer inneren Naturkräfte.«  Johann Gottlieb Fichte

Was wollen wir? Wir wollen unsere Meinung sagen und dafür Gehör finden. Wir wollen veröffentlichen. Wir wollen gelesen werden. Wir wollen Erfolg haben, Anerkennung, zu mindestens Aufmerksamkeit erzielen. Zunächst aber wollen wir raus aus der Pandemie und unsere Freiheit zurück. Wir wollen wieder ungezwungen Freunde treffen, Cafés, Restaurants und die Familie besuchen, ins Kino gehen, ins Theater, zu Lesungen und Konzerten, wollen Ausflüge und Reisen unternehmen, mit anderen Sport treiben, Zeit in Museen, Galerien und Bibliotheken verbringen. Und wir wollen endlich wieder Friseurgespräche. Wir wollen Netz und wir wollen WLAN.  Die (jungen) Eltern unter uns wollen nicht länger Schule und/oder Kindergarten ersetzen müssen und dem provisorischen Arbeitsplatz am Küchentisch entfliehen.

Wir wollen Schokolade und kein Übergewicht, wollen uns gesund ernähren und gesund bleiben. Wir wollen das Tierwohl achten und unsere Mutter Erde nicht vergiften. Selbstverständlich wollen wir mehr als ein Dach über dem Kopf, wir wollen Wohn-Raum und diesen so komfortabel wie möglich, aber am besten mit viel Wärmedämmung und wenig Ressourcenverbrauch. Wir wollen keinen Krieg. Wir wollen nicht, dass jemand auf unserem Parkplatz steht. Wir wollen gleiche Bildungschancen für alle. Wir wollen, dass kein Mädchen zwangsverheiratet wird, wollen keine Kindersoldaten und keine Kinderarbeit. Wir wollen »Brot für die Welt« und werfen dennoch Lebensmittel weg. Wir wollen nicht, dass Flüchtlinge hungern und frieren. Aber wer von uns, will mit ihnen tauschen? Wir wollen noch zig andere Sachen, die nur wir kennen, »des Menschen Himmelreich«. »Wo ein Wille ist, da ist ein Weg«, heißt eine Redensart. »Der Weg ist das Ziel«, heißt eine andere. Ein Trost womöglich, dass nur selten wir es sind, die den Weg tatsächlich auch bestimmen.

Im Zeitraum 15. Januar bis 15. Mai 2021 (Poststempel) lädt die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. (GZL) Autorinnen und Autoren jeden Alters und unabhängig von der Art und Anzahl bisheriger Veröffentlichungen dazu ein, bis zu drei bislang unveröffentlichte Gedichte in deutscher Sprache zum Thema»Unser Willen, unser Wollen« in zweifacher Ausführung als Briefpost einzusenden.

Unaufgeforderte Zusendungen per E-Mail-Anhang werden nicht geöffnet. Das einzelne Gedicht sollte eine Länge von 35 Zeilen (inklusive Titel, Verfassername, Leerzeilen) nicht überschreiten und dem Layout unserer Zeitschrift entsprechen (Zeilenlänge beachten!).

Hinzuzufügen sind eine Kurz-Vita plus aktueller E-Mail-Adresse, die Erklärung, dass der kostenfreie Abdruck erlaubt wird, und die Zustimmung, dass die persönlichen Daten, die allein für den Zweck der Kommunikation und Registration Verwendung finden und keinesfalls an Dritte weitergegeben werden, gespeichert und für eine Veröffentlichung (Ankündigung) auf unserer Webseite verwendet werden dürfen.

Verzichten Sie bitte auf Einsendungen per Einschreiben; wir haben nicht die Kapazität, diese vom Postamt abzuholen.

Die Rechte an den Gedichten bleiben beim Verfasser bzw. bei der Verfasserin.

Auf Wunsch senden wir gern ein Probeexemplar zum Kennenlernen unseres Mediums zu. Die bisherigen Themen sind hier zu finden: https://de.wikipedia.org/wiki/Poesiealbum_neu

Die Preise liegen je nach Ausgabe zwischen 4,80 € und 8,70 € und werden auf Anfrage gern mitgeteilt. Bitte beachten Sie, dass nicht mehr alle Titel lieferbar sind.

Kommt ein Gedicht für die Veröffentlichung in Betracht, setzt sich das »Poesiealbum neu«-Team mit der Autorin/dem Autor in Verbindung. Rückfragen oder Stellungnahmen zu den Einsendungen können nicht beantwortet bzw. geleistet werden. Sobald der Drucksatz abgeschlossen ist (das wird im November sein), werden auf der Webseite der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik die Namen der Autorinnen und Autoren veröffentlicht, deren Text in die Ausgabe zum Themenkomplex »Unser Wille, unser Wollen« Aufnahme fand. Mit ihrer/seiner Beteiligung an der Ausschreibung stimmt die Einsenderin/der Einsender diesem Verfahren ausdrücklich zu.

Jeder Autorin, jeder Autor des Heftes erhält ein Freiexemplar und nimmt mit ihrem/seinem unveröffentlichten Gedicht an der Auswahl für den »Poesiealbum neu«-Preis 2022 teil, der das beste Gedicht des Jahrgangs 2021 prämiert und letztmalig vergeben wird.

Das vornehmlich als Lyrik-Zeitschrift in Erscheinung getretene »Poesiealbum neu« entstand in Anlehnung an das ursprüngliche »Poesiealbum« aus dem Verlag Neues Leben Berlin und veröffentlichte seit 2007 bisher 36 Ausgaben und Sonderausgaben und vereinigte damit rund 800 Autorinnen und Autoren bzw. Künstlerinnen und Künstler. Die 37. Ausgabe zum Thema »Auto-mobilität« ist derzeit in Arbeit und wird aller Voraussicht nach im Spätsommer 2021 erscheinen.

Die Erlaubnis, das etwa 40 Jahre zuvor entworfene Erscheinungsbild zu übernehmen, wurde der GZL vom Verlag Neues Leben 2006 erteilt. Die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen fördert alljährlich drei Literaturzeitschriften jeweils in überwiegend 5-stelliger Höhe. Eine Förderung für Redaktion und Herstellung des »Poesiealbum neu« wurde von der Direktion generell abgelehnt. Bisherige Versuche, hier eine Änderung herbeizuführen, gingen ins Leere. Da wir in 14 Jahren weder die Landes-bibliotheken der Bundesländer bzw. die der deutschen Groß- und Universitätsstädte als Abonnenten gewinnen konnten und auch der Buchhandel in Deutschland für das »Poesiealbum neu« nur äußerst minimal als Kommissionär ermutigt werden konnte, blieb die Nachfrage vielfach weit unter den Erwartungen. Ein Weiter-so schließt sich somit aus. Da gute Gedichte kein Verfallsdatum haben und das Lyriklesen dem Lyrikschreiben vorausgehen sollte, wollen wir unser umfängliches Angebot offerieren und können hoffentlich März/April d.J. einen digitalen »Einkaufsladen« mit einem Bestell- und Bezahlsystem eröffnen. Verbindliche Bestellungen nehmen wir jedoch nach wie vor gern auch in herkömmlicher Weise per E-Mail entgegen, richten Sie diese bitte an: kontakt@lyrikgesellschaft.de

Postadresse: Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V., Haus des Buches, Gerichtsweg 28, D-04103 Leipzig

Gedicht des Monats Januar 2021

  • Veröffentlicht: 01.01.2021 · Zuletzt aktualisiert: 31.12.2020

Ingrid Miller (*1961)
Dieses Zuhause

Monate sind vergangen
die Katze springt mir entgegen
als hätte ich eben
das Haus verlassen

kniehohes Gras
Löwenzahn im Garten
fischlos der Teich
trocken das Brunnenfroschmaul

die Fenster vorwurfsvoll
als hätte ich eine Wahl gehabt
auf der Treppe zerfallen Jahre zu Staub
noch immer mein Name am Türschild

kein Schlüssel erschließt mir Sinn
ich klingle. Stille
Splitter treffen mich
als du öffnest mit deinem Lächeln


Quelle: „In Familie“, Poesiealbum neu, Leipzig 2013
Poesiealbum neu - In Familie. Gedichte

Wir gratulieren unserem Mitglied Ingrid Miller zu ihrem 60. Geburtstag,
den sie in diesem Monat begeht.

Gedicht des Monats Dezember 2020

  • Veröffentlicht: 01.12.2020 · Zuletzt aktualisiert: 30.11.2020

Michael Manzek (*1970)
Leipzig

Eine Stadt, die dich ungeniert angähnt,
sich vielleicht sogar sehnt 
nach einem Wetter in der abweisendsten Art, 
das die Stimmung ihres Trotzes bewahrt.

Dann glaubt man in den Straßen und Gassen,
Umrisse von Spaziergängern zu sehen,
die einem lautlos nachgehen oder weit hinter sich lassen.

Eine Stadt, die dich provozierend anspuckt,
erst abwarten will, ob man sich duckt.

aus: Poesiealbum neu,  „Leipzig im Gedicht“, Leipzig 2015

Wir gratulieren unserem Mitglied Michael Manzek herzlich zum Halbjahrhundertgeburtstag im Dezember d.J. und wünschen dem
Berliner noch um einiges erfreulichere Spaziergänge in der Stadt,
in der die Lyrikgesellschaft ihren Sitz hat.

Gedicht des Monats November 2020

  • Veröffentlicht: 01.11.2020 · Zuletzt aktualisiert: 31.10.2020

Wolfgang Rischer (*1935)
Die Dömitzer Brücke

1
Weitgespannt über die Elbniederung
wo wir innehalten, die Karte zurückübersetzen
in die Wirklichkeit
(eine Daumenbreite, das ist
Eine Landschaft)
am Deich beginnt sie, der wir folgen, die
Brücke, die jäh
abbricht ins Nichts, unter uns
vor uns der Strom

Dies also ist der Rand der Republik
im Dornröschenschlaf, den wir stören

: Bleigraues Band der Elbe, Lichtreflex
Weite, die schmerzen muß
drüben –
jenseits das Ufer Wiesen so leer & fotostill
wir sehn Betonpfähle & Metall, dahinter flußauf
gedrängtes Dächerrot Kirchturmgrau so nah so fern
: Die Gedanken eine Furt

2
Verlassene Gegend, was suchen wir hier
wenn nicht den historischen Fluchtpunkt
Erschrecken, das ins Gedächtnis ragt.
Der Schlag
gegen Stahl lang in der Luft, der Nach-
hall von Geschichten in meinem Kopf
: Ut mine Festungstid – drüben, siehst du, das
ist der Ort, bewacht jetzt
das Land

Wirklichkeit ist auch das Fehlende, ist
was nicht ist. Das Winken ist noch immer
keine Brücke. Wir
sehn, eh wir gehen auf leisen Sohlen, den
alten Pfeiler im Strom, nicht tragfähig
genug
für ein Versprechen

Wir gratulieren unserem langjährigen Vorstandsmitglied
(1999-2018)zu seinem 85. Geburtstag, den er in diesem Monat
coronabedingt im viel zu kleinen Kreis feiern wird.
Umso mehr wünschen wir Gesundheit und darüber
hinaus viele weitere Gedichteinfälle.

Förderer und Partner

Förderer


Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.