Empfehlungen des Monats April 2026

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Marcus Neuert: „katzenlimbo.falknerschuss ein anagrammatisches abecedarium“

Marcus Neuert: „katzenlimbo.falknerschuss
ein anagrammatisches abecedarium“

Empfehlung des Monats April 2026 von Sybille Fritsch

Mit Essen spielt man nicht – außer mit den Buchstaben in der Suppe.
Was Marcus Neuert uns mit seinem neusten Lyrikband einbrockt, führt aber vor Augen, dass ein freies oder auch konkreten Regeln folgendes Spiel mit Worten der Lyrik guttut. Und wird Sprache nicht erst zu (poetischer) Sprache, wo sie Experimente, Paradoxa, Automation, Sinnfreiheit zulässt?
Folgten wir den immer gleichen Regeln und lyrischen Helden, wäre da nichts Neues unter der Sonne, keine kreative Weiterentwicklung oder gar sprachliche Revolution auch nur vorstellbar.
Neuert – und dies nicht erstmalig – macht immer wieder Ausflüge in die konkrete Poesie, den Dadaismus, ins Absurde auch, ins Lächerliche und Satirische. Und gerade deshalb darf er sich auch die Freiheit nehmen, ins Programmatische vorzustoßen.
Wo Sprache dem freien – anagrammatischen – Spiel folgt, darf sie auch einmal nach Ethik fragen und Moral. Denn die sich ergebenden Antworten sind nicht gesetzliche Rechthaberei. Die Leser dürfen mitspielen: zwischen den Zeilen nach neuen Zusammenhängen suchen, durch eigene Umstellung am Schreibprozess sich beteiligen.
Anagramme also als spielerischer Dialog zwischen Schreibenden und Lesenden?

Marcus Neuert hat sich denn auch entschieden, anders als etwa Unica Zürn, die Anagrammtechnik nicht streng formal, sondern eingebettet in eine Story zu benutzen. Er selbst nennt das „Insulartechnik“. Phänomene und Zeichen durchwandern mehr als eine Welt. Wirklichkeit ist nie abgeschlossen. Und jede Wahrheit tut gut daran, auch nach ihren Gegenteilen Ausschau zu halten. Und diese Methode macht selbst seine erotischen und gleichermaßen zarten wie
deftigen Liebesgedichte – da gleitet keine Tinte in Herzblut ab – erwanderbar, mehrperspektivisch.
Aber das ist ja kein Gegensatz: Wer sich einmal mit der Spieltheorie ein wenig intensiver beschäftigt hat, weiß, wie viel Mathematik, wie viel glasklarer Intellekt auch zum Spielen gehören kann.
Zu recht betont daher Karla Reimer Montassers in ihrer Laudatio zum PostPoetryNRW-Preis 2022 für Neuert, dass Anagramme Wahrnehmen und Tun auf der Quantenebene der Sprache seien. Und das ist kein Widerspruch zur Magie des anagrammatischen Vorgehens, das zu ästhetischen und kreativen Ergebnissen eben durch Grübeln ebenso führen kann wie durch blitzschnelle Intuition zu ganz neuem Sinn.
Wer es mit lyrischen Anagrammen zu tun bekommt, darf ruhig einmal lyrisches Ich und Ich verwechseln: der Zauber liegt ja nicht selten gerade darin, dass der Leser die Regie übernimmt oder auch ein neuer Sinn von außerhalb zufällt (s.37):

„frühlingsprobe

        die HIRNSPUR
BEFOLGE ich heut nicht
    kein BELEHRUNGSPROFI spuckt
        mir in mein HOFBURGPILSENER
            mein UEBERSPRINGFLOH macht
        heut die FRUEHLINGSPROBE
            LOS HUEPFER
                BRING mir noch eins“

Marcus Neuert:
katzenlimbo.falknerschuss – ein anagrammatisches abecedarium. Gedichte.
Hardcover, 124 S., 20,00 €
ISBN 978-3-695-18967-0
Dortmund, edition offenes feld, 2026