Empfehlung des Monats Mai 2026 von Florian Birnmeyer:
Eline Menke: Die Luft trägt Blau

Manchmal genügt eine Farbe, um einen Ton anzugeben. Das Hellblau des Umschlags von Die Luft trägt Blau ist kein dekoratives Versprechen, sondern ein atmosphärischer Auftakt. Es ist die Farbe eines Himmels über Feldern, die Farbe von Ferne, und zugleich die Farbe einer genauen, beinahe tastenden Sprache.
Eline Menke, die bereits in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht hat, lebt in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh. Ihr 2023 erschienener Band ist eine poetische Landvermessung. Doch hier wird nicht mit Zollstock und Kataster gearbeitet, sondern mit Blicken, mit Erinnerungen, mit einer Sprache, die weiß, woher sie kommt.
Das lyrische Ich ist im Dorf aufgewachsen, in bäuerlichen Verhältnissen. Ähren, Getreide, Zwetschgen, Pflaumenkuchen – das sind keine folkloristischen Requisiten, sondern Erfahrungsräume. Das Gedächtnis dieses Hofes schreibt mit. Und zugleich ist da die Bewegung des Herauslösens: Aus dem bäuerlichen Umfeld ist eine Dichterin geworden, die das Erbe nicht bewirtschaftet, sondern befragt.
In meinem Mund
habe ich Köder
ausgelegt.
Hinter meinen Lippen
aalt sich ein langer
Satz.
Die Sprache ist körperlich, sinnlich, tastend. Gedanken werden „gekostet“, Sätze „aalt“ man hinter den Lippen. Manchmal vielleicht ein wenig zu oft. Doch gerade diese insistierende Sinnlichkeit zeigt: Hier wird jedes Wort gewendet, geprüft, gewogen.
Zugleich öffnet sich der ländliche Raum in die Gegenwart. Die digitale Welt ist kein Gegensatz, sondern eine weitere Schicht:
Blindlings ziehen Zugvögel ihre Kreise.
Ihre Stimmen: Totholz, das bricht.
Zeugen auf Twitter teilen
den Himmel wie ein Brot.
Der Himmel wird geteilt – zwischen Naturbeobachtung und sozialer Plattform. Die alte Welt des Hofes und die neue Welt der digitalen Öffentlichkeit stehen nicht gegeneinander, sondern überlagern sich. Das Gedicht wird zum Übergangsraum.
Und dann wieder diese Bilder, die fast zu schön sind, um beiläufig zu sein:
Mohnverrückt
krümmt sich der Mai
über der Weide.
Überdrehte
Gräser fluchen
in seidiger Luft.
Menke schreibt zart. Zartseiden beinahe. Ihre Wortketten hängen manchmal so fein, dass man als Leserin oder Leser versucht ist, etwas Grobheit hineinzubringen, um nicht vom Übermaß der Assoziationen überwältigt zu werden. Manche hermetische Wendung bleibt verschlossen. Doch gerade darin liegt die Konsequenz dieses Bandes: Er will nicht erklären, sondern evozieren.
Besonders eindrücklich ist die Einbindung der Münsteraner Mundart, die hier nicht folkloristisch ausgestellt, sondern poetisch erhoben wird:
De Spünner is blank
äs en Miälkgesicht
In Kaustal briänt
Guete-Lune-Lecht:
Und in der hochdeutschen Spiegelung:
Der Euter gepflegt
wie ein Milchgesicht.
Im Kuhstall brennt
Gute-Laune-Licht.
Hier wird Sprache selbst zum Gelände. Dialekt und Hochsprache stehen nebeneinander wie zwei Ackerstücke desselben Feldes. Das Gedicht wird zur Brücke.
Die Luft trägt Blau ist ein kostbarer Band. Er leistet viel für die dichterische Erschließung des ländlichen Raums, ohne ihn zu idealisieren. Er setzt dem bäuerlichen Leben kein Denkmal aus Stein, sondern eines aus Atem und Laut.
Eine Empfehlung des Monats, weil dieser Band zeigt, dass das Dorf kein Randgebiet der Poesie ist – sondern ihr Ursprung.
Eline Menke:
Die Luft trägt Blau. Gedichte
92 Seiten, Broschur
€ 12,80, Verlag Steinmeier, 2023
ISBN 978-3-910597-01-3
