Schwarz sieht der Schamane den Wald

  • Veröffentlicht: 01.03.2016 · Zuletzt aktualisiert: 19.04.2016

Gedicht des Monats · März 2016

Galsan Tschinag (*1943)

Schwarz sieht der Schamane den Wald
Das Wasser auch – warum?
Schwarz ist sein Himmel dahinter
Der Himmel über allen Himmeln
Der Urhimmel, der neunundneunzigste
Und gleich wieder der erste
Durch den er alles hindurchzieht
Bevor er mit den Sinnen es berührt
Ihm alle Häute abzieht bis auf die Urhaut
Aus dem schwarzschwarzen Nichts
Dem Anfang alles Seienden


Quelle: Poesiealbum neu „Weißglut. Gedichte zu Farben“,
herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2014

fußgängerzonen-blues

  • Veröffentlicht: 01.02.2016 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · Februar 2016

Fitzgerald Kusz (*1944)

fußgängerzonen-blues

iich laaf durch di schdadd
und di schdadd
läffd durch miich durch

iich schwimm gechern schdrom
und deä schdrom
schwimmd gechä miich

iich rembl jeden oo
und jedä
rembeld zurück

iich glodz in schaufensdä
und di schaufensdä
glodzn aff miich

iich foä rolldrebbm rauf
und rolldrebbm
foän mi widdä roo

iich renn durch kaufhaisä
und di kaufhaisä
rennä mid miä dävoo

iich kaff schund
und dä schund
kaffd miich

iich väjubel es geld
und es geld
väjubeld miich

iich laaf durch di schdadd
und di schdadd
läffd mid miä mid


Quelle: Poesiealbum neu „Alles fließt. Gedichte zur Bewegung“,
herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2015

Zwischenraum

  • Veröffentlicht: 01.01.2016 · Zuletzt aktualisiert: 19.04.2016

Gedicht des Monats · Januar 2016

Hartmut Löscher (*1937)

Zwischenraum

Meine Augen streifen die Landschaft
und bleiben hängen an dem weißen Hund
im Schnee
jetzt bleibt er stehn um zu pinkeln
Canis albidus vor Schnee
eine spinnwebfeine Zeichnung
drüber gelegt ist eine Andeutung
von Dämmerlicht
Und nichts trennt Himmel und Erde
keine Linie
weiß in weiß sind sie eins


Quelle: Poesiealbum neu „Weißglut. Gedichte zu Farben“,
herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2014

In urbe Libzi

  • Veröffentlicht: 01.12.2015 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · Dezember 2015

Jürgen Jankofsky

In urbe Libzi

Zeitbeschleunigung allenthalben: neunzehnfünfundsechzig erst feierte Leipzig seinen achthundertsten, nun, zweitausendfünfzehn, seinen tausendsten Geburtstag. Keine Frage, es bewegt sich was an der Pleiße. Und während man sich in den sechzigern ganz auf sich selbst, auf die Stadtwerdung fixierte, bringt nun ein Blick über die Stadtgrenzen hinaus ratzbatz den ach so werbeträchtigen Zeitgewinn: Thietmar, Bischof in Merseburg und großer Chronist, erwähnte das in seinem Machtbereich gelegene Nest Libzi tausendfünfzehn erstmals: „Dann erkrankte der wackere Bischof Eid, der eben mit großen Geschenken aus Polen zurückgekehrt war, und gab am 20. Dezember in der Burg Leipzig Christus seine treue Seele zurück.“ Tja, Merseburg stand im Zentrum hier, nicht Leipzig. Und nicht von ungefähr war auch ein Merseburger Bischof Gründungskanzler der Leipziger Universität.

„Es gleist wie Merseburg, ehe dasz es nicht soviel Spitzen hat…“ -wohl einst weithin beliebter Vergleich, akzeptierend Pracht & Macht der alten Dom- und Schlossstadt an der Saale, sieben stolze Dom- und Schlosstürme allein, dann die Kirchtürme St. Sixtis, St. Maximis, St. Thomaes sowie bis in reformatorische Zeiten auch St. Petris und all die Bewehrungen der Burg- und der Stadtmauer… Hoftage der Ottonen, der Salier, der Staufer, der Welfen… und große Künstler, Musiker, Schriftsteller, Wissenschaftler, Politiker hinterließen Spuren. Doch vielleicht bringen Leipziger Bewegungen auch das zeitvergessene Merseburg wieder voran? Ja, mittels Zaubersprüchen sollte der Glanz großer Tage für Kommendes zu patinieren sein.

© Jürgen Jankowfsky


Quelle: Poesiealbum neu, 1/2015 „O Freude. Leipzig im Gedicht“

LEIPZIG HELDENSTADT am 9.11.2014

  • Veröffentlicht: 01.11.2015 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · November 2015

Frank Norten

LEIPZIG HELDENSTADT am 9.11.2014

einen ort zu nennen
der uns heute gegeben ist
und morgen verraten sein wird

leipzig soll sein soll bleiben sollte
unkenntlich werden
mendelssohns piano steht noch dort

bloss nicht noch ein grab mit
lateinischen lettern
als erinnerung

an das was war
und nichts blieb als dies
ein paar lateinische lettern am

deutschen dom weit im osten
nahe den preussischen siegen
nimm hier die abgebroch´ne paulinerkirche

keine niemals versöhnung darum
verfalle vergangenheit
verfliesse du gehirnliches elend

nimm mit die genossen die
gnadenlosen
kalk in den kurzsichtigen augen bis heute

honeckers ochsen und esel auf mustermessern
sind verschwunden
leipzigs gewandete strassen säumen

die hohen häuser wieder
erglänzend
der bürgerlichkeit noch geteilt

immer erhaben die thomaskirche
krenzdebil der rest
ein sehr schaler rest der da bleibt

das kreuz mit der wahrheit
der kapitalistische deus ex machina kam
ungefragt

schneller schnellzug ohne führer
ohne moral alles geld
elegant die herren vom rotary club

neonreklamen beleuchten den weg
ins porschezeitalter
und die trinker im kopfbahnhof

aus meinen händen das
entwendete buch
dir leipzig helle stadt


© Frank Norten

Quelle: Poesiealbum neu, 1/2015 „O Freude. Leipzig im Gedicht“

Dragomirs Oktober-Elegie 2004

  • Veröffentlicht: 01.10.2015 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · Oktober 2015

Helmut Richter

Dragomirs Oktober-Elegie 2004

Der Ring in Leipzig ist nun wieder menschenleer,
Der Wind der Zeit pfeift nicht mehr um die Ecken,
Das Volk studiert Skandale und skandiert nicht mehr.
Wer will noch jemandem ein Licht aufstecken?

Denn leider ist es so, daß Angst grassiert.
Man fürchtete sich nicht vor Sturmgewehren,
Jetzt zittert man, daß man den Arbeitsplatz verliert,
Den Frieden des Betriebs darf keiner stören.

Wir sind das Volk! – Das wäre jetzt gewagt:
Das Grundgesetz tollkühn beim Wort genommen!
Die große Freiheit bleibt uns wohl versagt,
Prekariat sind wir! – Historisch angekommen?


© Helmut Richter

Quelle: Poesiealbum neu, 1/2015 „O Freude. Leipzig im Gedicht“

Addis Abeba

  • Veröffentlicht: 01.09.2015 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · September 2015

Dereje Gebre

Addis Abeba

Aus den Träumen Tayitus geboren,
Von Meneliks starkem Arm begründet,
Dank ehrwürdiger Väter zum Blühen gebracht,
Vom Volke Äthiopiens voll Tatkraft errichtet.
Wunderbare neue Blume, stets aufs Neue schön,
Unser herrliches Addis Abeba
Blühe und gedeihe für uns.
Die Blicke der Welt auf dich gerichtet,
Du – Metropole unseres Afrika.
Ein Bindeglied von Ost und West,
Begegnungsort von Nord und Süd,
Ein Platz der Hoffnung und der Liebe,
Vom Banner der Freiheit umweht.
Du, unsere neue Blume, lebe
Und sei stolz auf deine Freiheit.
Dein Glück, deine Freude – du teilst sie
Mit deinen Brüdern und Schwestern.
Aus den Träumen Tayitus geboren,
Von Meneliks starkem Arm begründet,
Dank ehrwürdiger Väter zum Blühen gebracht,
Vom Volke Äthiopiens voll Tatkraft errichtet.
Wunderbare neue Blume, stets aufs Neue schön,
Unser herrliches Addis Abeba
Blühe und gedeihe für uns.
Du, unsere neue Blume, lebe
Und sei stolz auf deine Freiheit.


Übertragen aus dem Amharischen von Renate Richter

Quelle: Gedichte von Welt. Leipzigs Partnerstädte Poesiealbum neu, Sonderausgabe

LOB DER SCHWESTER

  • Veröffentlicht: 01.08.2015 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · August 2015

Wislawa Szymborska

LOB DER SCHWESTER

Meine Schwester schreibt keine Gedichte
und wird wohl nicht plötzlich Gedichte zu schreiben beginnen.
Sie hat’s von der Mutter, die keine Gedichte schrieb,
und auch vom Vater, der keine Gedichte schrieb.
Unter dem Dach meiner Schwester fühle ich mich gesichert:
der Mann meiner Schwester schriebe um nichts in der Welt Gedichte.
Und klingt es auch wie ein Gedicht von A. Mazedonski,
niemand von meinen Verwandten schreibt Gedichte.

In den Schubladen meiner Schwester gibt’s keine alten Gedichte.
in ihrer Handtasche keine frisch geschriebnen Gedichte.
Und lädt meine Schwester zum Mittagessen ein,
dann nicht um Gedichte vorzulesen, das weiß ich.
Ihre Suppen sind vorzüglich ohne Hintergedanken,
und der Kaffee tropft niemals auf Manuskripte.

In vielen Familien schreibt niemand Gedichte,
und wenn – dann kaum eine Person allein.
Manchmal fließt Poesie mit Geschlechterkaskaden daher,
was in Gefühlsbeziehungen schlimmen Wirbel verursacht.

Meine Schwester pflegt eine rechte mündliche Prosa,
die Urlaubskarten sind ihre ganze Schriftstellerei,
darin sie jedes Jahr dasselbe verspricht:
sie werde nach ihrer Rückkehr
alles, alles,
alles erzählen.


Übertragen aus dem Polnischen von Karl Dedecius

© Wislawa Szymborlsa Foundation Krakau

Quelle: Gedichte von Welt. Leipzigs Partnerstädte, Poesiealbum neu, Sonderausgabe

Sehnsucht nach Vollkommenheit

  • Veröffentlicht: 01.07.2015 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · Juli 2015

Ivo Andric

Sehnsucht nach Vollkommenheit

Oft sehnen wir uns, dieser Welt
Schritte und Gedanken zu entheben,
und teilen dummen Herzens
das große, göttliche All
in Besseres und Schlechteres ein –
heraus aus zeitlicher Unvollkommenheit
und der großen Sehnsucht, tief und heilig.
In diesem Sehnen sind wir alle heilig,
ein für alle Mal,
der Mensch in seinem Irren
und der Baum im Wunsche nach geradem Wuchs.
Denn die Wahrheit brennt in uns wie Feuer,
wie Feuer verbrämt sie alles und jeden,
den Stolperer und den mit aufrechtem Gang.
Doch Auge und Geist täuschen uns,
wenn wir die Hände hoch erheben
im Wunsche, Fahnenträger zu werden,
im Gedanken, Lichtträger zu sein.
Denn der feurige Ozean, über den alles fährt,
der alles durchdringt, sieht nicht, kennt nicht
den selbstgefälligen Wald unserer Hände,
und niemand notiert es, es gibt keine Spur
von der Unruhe unserer Tage, wenn wir uns
schmerzlich sehnen, dieser Welt
Schritte und Gedanken zu entheben.


Übertragen aus dem Serbischen von Gero Fischer

© The Ivo Andric Foundation, Beograd, SERBIA.

Quelle: Gedichte von Welt. Leipzigs Partnerstädte Poesiealbum neu, Sonderausgabe

Leipzig-Plagwitz

  • Veröffentlicht: 01.06.2015 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · Juni 2015

Marianne Beese

Leipzig-Plagwitz

Die Eule
ist davongeflogen
von dem Plakat,
das
an der ehemaligen
Baumwollspinnerei
haftet,
die ihre früheren
Plagen
nicht mehr wissen lässt;

ein Eldorado
des Zufälligen wurde,
seitdem Ariadne
den Faden verlor, hier,
an einem Augusttag,
wo die Eule
die Wege findet,
dennoch, vorbei

an den Spindeln der Luft,
die sich drehen
unter der Hitze;
hin zu Werkstätten,
und Ateliers, da
in Endlosschleife
eine Londoner
Straßenszene
abläuft;

die Eule flattert
eine Eisen-
treppe hinauf,
über Topfpflanzen
hinweg,
die hier abgestellt wurden,
um das „Technische
Denkmal“
zu begrünen, und dem Fluge
nicht Einhalt
gebieten –


© Marianne Beese

Quelle: Poesiealbum neu, 1/2015 „O Freude. Leipzig im Gedicht“

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