Herbstsommer

  • Veröffentlicht: 01.10.2016 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2016

Gedicht des Monats · Oktober 2016

Adel Karasholi (*1936)

Herbstsommer

Alle Vulkane sind erloschen
Alle Blumen verwelkt
Alle unsre Vögel verließen das Fenster
und flogen hin zu ihren neuen Nestern

Leg deinen Kopf Frau noch eine Weile
an meine Schulter
Deck mich zu mit deiner Zärtlichkeit
Zwei Kinder sind wir jetzt
auf einer Milchstraße
Stern faßt Stern bei der Hand
Gestade neigt sich sachte dem Meer
Veilchen saugt verlangend Veilchens Lippe
Unsere Leiber erblühen in Lebens Neige
noch einmal der Welt
wie Neugeborene

Dieses Lebens Herbst
sei uns ein milder Sommer


Quelle: Poesiealbum neu „In Familie. Gedichte“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013

Kriegskind gewesen

  • Veröffentlicht: 01.09.2016 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2016

Gedicht des Monats · September 2016

Johanna Anderka (*1933)

Kriegskind gewesen
vieles erfahren
nur manches gelernt
zu wenig vermittelt

Schlupfwinkel gesucht
Schlafliedern vertraut
Vergessen gefunden
im Wohlergehen

Kriegsgreis geworden
unversehrt
vom Gestern erreicht
dem alten Schatten


Quelle: Poesiealbum neu „Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013

STEIN

  • Veröffentlicht: 01.08.2016 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2016

Gedicht des Monats · August 2016

Fred Kahl (*1951)

STEIN

der stein
auf dem kalten grund
des sees
erinnert sich
oder träumt
dass die ungeübte hand des knaben
ihn über den wasserspiegel
zu katapultieren suchte

dann das versinken
wie sonst
käme er hierher

die bruderschaft
der sonnendurchwärmten kiesel am ufer
weiß nicht mehr von ihm

seit aber im sprung
alles steinerne von ihm ab
fiel
kennt er
eine art von anmut
die den anderen verborgen bleibt

das ist ihm genug


Quelle: Poesiealbum neu „Alles fließt. Gedichte zur Bewegung“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2015

Ich suche das Grün

  • Veröffentlicht: 01.07.2016 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2016

Gedicht des Monats · Juli 2016

Ralph Grüneberger (*1951)

Ich suche das Grün

Ich suche das Grün
Deiner Augen und halte
Eine Flasche ins Licht.

Der winterkühne Spross
Eines Baumes
Neigt sich mir zu
Doch kann auch er für das Grün
Deiner Augen nicht taugen.

Auch der Vogel auf dem Wasser
Hat es nicht, obgleich
Er das Kleid dreier
Regenbogen trägt.

Ich stehe auf der Brücke
Und denke dein
Gesicht auf den Fluss:
Rauschgrüne Augen.


Quelle: Poesiealbum neu „Weißglut. Gedichte zu Farben“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2014
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Übergang

  • Veröffentlicht: 01.06.2016 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2016

Gedicht des Monats · Juni 2016

Wolf Peter Schnetz (*1939)

Übergang

Der grüne Vogel
im Licht, der
schwarze Ast
vor dem Fenster,
der Tisch, der Stuhl,
die fließenden Dinge,

alles fließt,
als wäre es nur geträumt,
kein störendes Wort
in der Frühe.

Gefrorener Augenblick,
unberührt
von der Macht
des Vergessens.

Die Endlosschleife.
Als hätte es nie
ein Ende gegeben
mitten im Stillstand.


Quelle: Poesiealbum neu „Alles fließt. Gedichte zur Bewegung“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2015

farbenspiel

  • Veröffentlicht: 01.05.2016 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2016

Gedicht des Monats · Mai 2016

Dieter P. Meier-Lenz (1930-2015)

farbenspiel

die nacht schüttet ihr schwarzblau
vor die dunkelgrünen türen
während in den zimmern
das rot gefeiert wird

der glockenschlag ist violett
und lässt das nachtblau vibrieren

wie ist die farbe der einsamkeit?

das grau quillt aus dem himmel
es ist der bart eines gottlosen gottes
der damit menschen angelt
die lieblingsfarbe des gottes ist glaube

der gesang der zikaden ist braun
aber in ihrem echo
steckt der regenbogen

die eifersucht ist das gelb des grüns

die farbe der einsamkeit
ist transparent


Quelle: Poesiealbum neu „Weißglut. Gedichte zu Farben“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2014

Im alten Botanischen Garten

  • Veröffentlicht: 01.04.2016 · Zuletzt aktualisiert: 19.04.2016

Gedicht des Monats · April 2016

Birgit Littmann (*1951)

Im alten Botanischen Garten

Der Hagebuttenstrauch
Emsig umschwirrt von
Jungen Sommerschmetterlingen.
In jeder Nussbeere eine Seele
In sich ruhend und demütig
In ihrem schönen
Leuchtenden Rot.


Quelle: Poesiealbum neu „Weißglut. Gedichte zu Farben“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2014

Schwarz sieht der Schamane den Wald

  • Veröffentlicht: 01.03.2016 · Zuletzt aktualisiert: 19.04.2016

Gedicht des Monats · März 2016

Galsan Tschinag (*1943)

Schwarz sieht der Schamane den Wald
Das Wasser auch – warum?
Schwarz ist sein Himmel dahinter
Der Himmel über allen Himmeln
Der Urhimmel, der neunundneunzigste
Und gleich wieder der erste
Durch den er alles hindurchzieht
Bevor er mit den Sinnen es berührt
Ihm alle Häute abzieht bis auf die Urhaut
Aus dem schwarzschwarzen Nichts
Dem Anfang alles Seienden


Quelle: Poesiealbum neu „Weißglut. Gedichte zu Farben“,
herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2014

fußgängerzonen-blues

  • Veröffentlicht: 01.02.2016 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · Februar 2016

Fitzgerald Kusz (*1944)

fußgängerzonen-blues

iich laaf durch di schdadd
und di schdadd
läffd durch miich durch

iich schwimm gechern schdrom
und deä schdrom
schwimmd gechä miich

iich rembl jeden oo
und jedä
rembeld zurück

iich glodz in schaufensdä
und di schaufensdä
glodzn aff miich

iich foä rolldrebbm rauf
und rolldrebbm
foän mi widdä roo

iich renn durch kaufhaisä
und di kaufhaisä
rennä mid miä dävoo

iich kaff schund
und dä schund
kaffd miich

iich väjubel es geld
und es geld
väjubeld miich

iich laaf durch di schdadd
und di schdadd
läffd mid miä mid


Quelle: Poesiealbum neu „Alles fließt. Gedichte zur Bewegung“,
herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2015

Zwischenraum

  • Veröffentlicht: 01.01.2016 · Zuletzt aktualisiert: 19.04.2016

Gedicht des Monats · Januar 2016

Hartmut Löscher (*1937)

Zwischenraum

Meine Augen streifen die Landschaft
und bleiben hängen an dem weißen Hund
im Schnee
jetzt bleibt er stehn um zu pinkeln
Canis albidus vor Schnee
eine spinnwebfeine Zeichnung
drüber gelegt ist eine Andeutung
von Dämmerlicht
Und nichts trennt Himmel und Erde
keine Linie
weiß in weiß sind sie eins


Quelle: Poesiealbum neu „Weißglut. Gedichte zu Farben“,
herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2014

Förderer und Partner

Förderer


Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.