Gedicht des Monats September

  • Veröffentlicht: 01.09.2019 · Zuletzt aktualisiert: 23.08.2019

Marianne Rieger(*1939)
Ahnenbilder

manchmal

stelle ich einfach
ein paar Fragen

an die in meinen Zellen
als Ahnenbilder
eingerahmten Vorfahren

an alle die die einmal waren

auf diesem Tummelplatz
das kleine

Schneeglöckchen Zeit

Quelle: Poesiealbum neu „In Familie. Gedichte“, edition kunst&dichtung, Leipzig 2013 Ausgabe 2/2013

Wir gratulieren Marianne Rieger herzlich zu ihrem 80. Geburtstag.

Heimat/Heimatverlust – diese Ausgabe erscheint erst 2020

  • Veröffentlicht: 19.08.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.09.2019

Änderung bei der Frühjahrsausgabe 2020 der Zeitschrift „Poesiealbum neu“

Bis Anfang Juni 2019 erreichten uns Zusendungen aus 10 Ländern. Um die hohe Zahl der Einsendungen angemessen zu bearbeiten, macht sich eine Verschiebung des Erscheinungstermins notwendig. Es ist vorgesehen, die Gedichte zum Thema „Heimat/Heimatverlust“ zur Leipziger Buchmesse 2020 vorzustellen und die Präsentation mit dem Erscheinungstermin zu verbinden. Alle Autorinnen und Autoren, von denen ein Gedicht in der Zeitschrift Aufnahme findet, erhalten November/Dezember 2019 schriftlich Bescheid. Von telefonischen oder schriftlichen Rückfragen bitten wir nach wie vor abzusehen. Um diese im Einzelnen zu bearbeiten, sind wir personell nicht in der Lage.

Wir bitten dafür um Verständnis. Es ist die erste Terminverschiebung in 13 Jahren. Die Fülle an Zusendungen hat uns überwältigt. Dank an alle, die sich an unserer Ausschreibung beteiligt haben.

Der Einsendetermin für das Thema „Poesie und Narrheit“ bleibt bestehen. Das Erscheinen dieser Ausgabe verschiebt sich allerdings um ca. 6 Monate auf den Herbst 2020.

Hinweis für Abonnenten: Im Herbst d.J. erscheinen als 2. Ausgabe 2019 Gedichte zu New York, von denen einige im Zusammenhang mit unserem New-York-Abend am 27. September im Café Eigler (das im Capa-Haus ansässig ist) vorgestellt werden.

Gedicht des Monats August

  • Veröffentlicht: 01.08.2019 · Zuletzt aktualisiert: 24.07.2019

Franziska Röchter (*1959)

Hauptbahnhof

Ankommen in Leipzig
kann man auch nachts
allein als Frau
zu später Stunde
sind die Gänge verlassen
kein Kiosk mehr offen
für ne Dose Bier
grölt ne Horde Hardcore
Fans nach dem Fußball
auf der sicheren Seite

Während um Mitternacht
vorne im Eingang
wo schon Paul Potts
den Flashmob besang
orangene Männer
ein Sichtverhältnis
in Grauzonen schaffen
möcht ich am liebsten
im Kunstfrühlingsblumenbeet
n(acht) oc-turnen

ist nicht erlaubt
heißt sicher
zuhaus
                                    

Quelle: Poesiealbum neu, „Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen“,

Poesiealbum neu – O Freude. Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen, Ausgabe 1/2015 Doppelheft 120 S. / Preis 6,00 EUR Doppelheft mit CD „HörBildStadt – Sounds of Leipzig“ / Preis 9,95 EUR (limitierte Auflage) jeweils zzgl. 2 Euro Versand

Leipzig 2014          

Wir gratulieren unserem Vorstandsmitglied Franziska Röchter herzlich zum runden Geburtstag. Wer sie kennt, denkt bestimmt, die haben sich um 10 Jahre vertan.                

Von null auf hundert: Till Rodheudts Debüt

Till Rodheudt, zwischen den beats, Reihe Poesie 21

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 26.07.2019

Empfehlung des Monats · August 2019
von Franziska Röchter

Nicht zufällig, so der Herausgeber Anton G. Leitner, habe der Band zwischen den beats von Till Rodheudt den Jubiläumsplatz 100 in der seit 2006 existierenden und lange etablierten Gedicht-Reihe Poesie 21 erhalten – deren Anliegen es ist, „bemerkenswerte zeitgenössische Gedichtbände und lyrische Debüts in deutscher Sprache“ zu präsentieren.  

Diese höchst sorgfältig unter dem gründlichen Auge des Verlegers und Herausgebers persönlich entstehenden Bände  bestechen durch einen hohen Wiedererkennungswert und ein seriöses und einheitliches Erscheinungsbild; trotz des sich über die Jahre längst vom ursprünglich schwarzen und roten Umschlag in Richtung Farbenvielfalt weiterentwickelten Covers und diverser kreativer Umschlagsgestaltungen reihen sämtliche bisher erschienenen aktuell 101 Titel ihre Autorinnen und Autoren in die Gedichtfamilie ein und stellen auch Debütanten – wie hier Till Rodheudt – in einen über das rein Dichterische hinausgehenden Zusammenhang in einer immer unüberschaubarer werdenden und manchmal auch undurchdringbaren lyrischen Welt. Kurzum: Die Reihe hat etwas Einendes, ist im sogenannten „Betrieb“ integrationsstiftend. Wer bei Poesie 21 verlegt wurde – und das wird gewiss nicht jeder – wird verortet, darf sich glücklich schätzen und schätzt sicher viele der Mitangehörigen in diesem Kreis lyrischer Verwandtschaft.

Was macht Till Rodheuts Gedichte besonders? Wovon schreibt der studierte Germanist und Philosoph, der 17 Jahre lang hauptberuflich nicht in der schöngeistigen, sondern ökonomischen Welt der „businessgebiete“ und „vertikaler marktgespräche“ agierte?


Einige der 5 Kapitelüberschriften (z.B. Wir flirten mit Gewehrmündungen, System oder Die Krieger sind abbestellt) lassen einen Daseinskampf des Individuums vermuten oder – Muscheln & Muscheln haben wir gesucht – deuten auf existentielle Sinnsuche in einem verschlüsselten Universum (… sprachverwirrt die anschauung / meiner nicht verstandenen / umlaufbahn  aus: die früchte ess ich). Rodheuts Texte oszillieren zwischen Innen und Außen, zwischen „funkelndem ipadglas“ und „blutbuchenschicksal“, zwischen geschlossenen Räumen und den Weiten des Universums,  zwischen „extrasolaren planeten“  und „gegenwartsschienen“, sie „verweilen im zungengrund“ und „stranden an der flussfront“,  wandern vom „zellschnee des lebens“ in „die zukunft“.

Die Gedichte wirken sehr kompakt, formell in modernen Blocksatz gefasst, manche treten nahezu quadratisch auf, als sollten die stringente Form und die umklammernden Enjambements das persönliche und lyrische Ausufern im endlosen Kosmos verhindern:



Diese „andere galaxie“ des Till Rodheudt lädt zum Durchqueren und Erforschen ein, zum Verlassen bekannter Räume, um herauszufinden, was sich „zwischen den beats“ befindet, nicht nur wegen des vom Herausgeber beschworenen „psychedelischen Flows“, sondern auch, weil die Entdeckung unbekannter Galaxien so schön den eigenen Standpunkt verändern kann.  


Till Rodheudt, zwischen den beats
Gedichte
80 Seiten, Broschur, EUR 12,80
[D]Deiningen 2019, Verlag Steinmeier
ISBN 978-3-943599-67-1
www.Poesie21.de




VERLÄNGERT BIS 31.10.19 (POSTSTEMPEL)!„Poesie und Narrheit“ – gesucht werden Gedichte und Notate

  • Veröffentlicht: 01.07.2019 · Zuletzt aktualisiert: 13.10.2019

„Poesie und Narrheit“ – gesucht werden Gedichte und Notate

„Poesiealbum neu“ 1/2020 zu Ehren von Friedrich Hölderlin

Dass ein wirkliches Gedicht nicht altert, zeigt uns Hölderlins „Hälfte des Lebens“, das zu seinen bekanntesten gehört und vor 215 Jahren das erste Mal veröffentlicht wurde. Um ihn zu ehren, dessen Geburtstag sich im nächsten Jahr zum 250. Mal jährt, widmen wir unsere „Poesiealbum neu“-Ausgabe im II. Halbjahr 2020 Friedrich Hölderlin.

Sein Wesen und Wirken wurde – wie wohl bei keinem zweiten deutschen Dichter – als „Poesie“ in Verbindung mit „Narrheit“ definiert. Beides sollte ihm im Universitätsklinikum Tübingen ausgetrieben werden. Dass das Begriffspaar „Poesie und Narrheit“ sehr wohl zusammenpasst, wollen wir fast drei Jahrhunderte später mit Analogien bekräftigen. Gewiss ist, dass Menschen, zumal Dichtern, in Zeiten der Unfreiheit der postulierte Freiheitswille als Irr-Glaube bescheinigt wurde. Nicht von ungefähr ist Hölderlins Freiheitsbegriff ein himmlischer wie auch seine Dichtung voller mythologischer Bezüge ist. Insofern freut es uns, dass die Premiere dieser Ausgabe im Spätsommer 2020 im Verbund mit dem Arbeitskreis Vergleichende Mythologien e.V., der im nächsten Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert, stattfinden wird.

Im Zeitraum 1. Juli bis 15. Oktober 2019 laden wir ein, sich mit bis zu drei Gedichten und/oder Notaten mit Bezügen speziell zu Friedrich Hölderlin oder allgemeiner zu den Themen Freiheit und Lebenshälfte zu beteiligen. Eine Einsendung kann also praktisch allen drei Vorgaben und beiden Genres gelten.

Auf dem Postweg können bis zu drei, möglichst bislang unveröffentlichte Texte in deutscher Sprache und in 3-facher (!) Ausführung auf je einer eigenen Seite eingereicht werden. Die Gedichte bzw. Notate sollten eine Gesamtlänge von 35 Zeilen (inklusive Titel, Verfassername, Leerzeilen) nicht überschreiten und dem Layout unserer Zeitschrift entsprechen (Zeilenlänge beachten!).

Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.

Haus des Buches
Gerichtsweg 28
04103 Leipzig

Hinzuzufügen sind eine Kurzvita plus aktueller E-Mail-Adresse, die Erklärung, dass der kostenfreie Abdruck erlaubt wird, und die Zustimmung, dass die persönlichen Daten, die allein für den Zweck der Kommunikation und Registration Verwendung finden und keinesfalls an Dritte weitergegeben werden, gespeichert und für eine Veröffentlichung (Ankündigung) auf unserer Webseite verwendet werden dürfen.

Verzichten Sie bitte auf Einsendungen per Einschreiben; wir haben nicht die Kapazität, diese vom Postamt abzuholen.

Kommt ein Gedicht oder Notat für die Veröffentlichung in Betracht, setzt sich das „Poesiealbum neu“-Team mit der Autorin/dem Autor in Verbindung. Rückfragen oder Stellungnahmen zu den Einsendungen können nicht beantwortet bzw. geleistet werden. Sobald der Drucksatz abgeschlossen ist, werden auf der Webseite der GZL die Namen der Autorinnen und Autoren veröffentlicht, deren Text in die Ausgabe zum Themenkomplex „Freiheit. Lebensherbst. Hölderlin“ Aufnahme fand. Mit ihrer/seiner Beteiligung an der Ausschreibung stimmt die Einsenderin/der Einsender diesem Verfahren ausdrücklich zu.

Jeder Autorin, jeder Autor des Heftes erhält ein Freiexemplar und nimmt mit ihrem/seinem unveröffentlichten Gedicht an der Auswahl für den „Poesiealbum neu“-Preis 2021 teil, der das beste Gedicht des Jahrgangs 2020 prämiert. Die Notate können in diesem Format leider nicht berücksichtigt werden. Aber wir finden eine andere Möglichkeit, um den/die Verfasser/in des besten Notates zur Leipziger Buchmesse 2021 auszuzeichnen.

Wer Gedichte bzw. Notate mit Bezug zu Leben und Werk Hölderlins einreicht, diesen bzw. diese bitten wir, den Bezug in Form einer ausführlichen Anmerkung zu begründen und ggf. mit einem Werkauszug und einem Quellenverweis zu belegen.

Leipzig, im Juni 2019 / Änderung des Erscheinungszeitraums: Spätsommer 2020

Günther Butkus‘ Herzensangelegenheiten: Bekenntnisse eines Verlegers

Günther Butkus, Herzband. 366 Gedichte über Liebe und Verlust

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 30.06.2019

Empfehlung des Monats · Juli 2019
von Franziska Röchter

Zugegebenermaßen: Bei solch verbalem Herzensüberschuss schon in der Titelvergabe der einzelnen Texte (366 Gedichttitel, die als Komposita das Wort Herz beinhalten, dies zum ganz überwiegenden Teil als Wortbeginn) schwant einem zunächst ein höchst emotionaler Überhang. Und hat nicht auch manch einer den Bielefelder Verleger Günther Butkus – vielleicht pseudonymisiert – möglicherweise eher in der Ecke der hartgesottenen Kriminalschreiber vermutet?

Zunächst überrascht die Größe des Buches. Bei 366 angekündigten Herz-Gedichten befürchtet man eingangs, unter Umständen einen Herzkasper zu erleiden – haben doch vornehme Lyrikbände von Einzelautoren nicht selten bedeutend weniger als 100 Seiten und wirken extrem selektiert. Ein möglicherweise komplettes Lebenswerk von Liebesgedichten erwächst vor dem kalleidoskopischen Auge. Doch wie kommod handlich die in den Abmaßen postkartenklein gehaltene, aber umso kompaktere Sammlung in uni pinkem Leineneinband mit dezentem Glitzereffekt und grauem Lesebändchen daherkommt! Innerhalb eines Jahres seien all diese Texte (und weitere) entstanden: Aus über 1000 Gedichten konnte Günther Butkus schöpfen, wie Alexander Häusser im Vorwort festhält. Die vielen teilweise aphorismenkurzen, Wort für Wort präzise konstruierten Zeilen mit kalkuliert eingebauten Enjambement-Korsetts stehen in erfrischendem Gegensatz zu einem ansatzweise vermuteten Gefühlsüberschwang und zeigen, dass eine 392 Seiten umfassende Kurzgedichtsammlung voller Herzensangelegenheiten aus einer einzigen Feder keinesfalls überkoloriert sein muss.

Wen wundert’s, dass in den Dankesworten vorneweg u.a. auch Bielefelds bekanntester und erfolgreichster Liebeslyriker schlechthin, Hellmuth Opitz, als unterstützendes „waches Auge“ Erwähnung findet? Wer spekuliert nicht über den kühlen Lektoratscut, den einen Schleifmeister, der dem kultigen Koronarkompendium diese homogene Kallibrierung verlieh?

Wo in diesem Band anfangen mit der Erforschung Günther Butkus` kardiovaskulärer Konditionen? Das untere Ende des Lesebändchens liegt zwischen den Seiten 142 / 143. herzschnuppe und herzkorb.

herzkorb

wenn deine hände
mich mitnehmen
auf nächtliche reisen
packe ich mein herz
in einen korb damit
ich es nicht verliere
wie meinen kopf

Oder: das 44. Gedicht von hinten geblättert, Seite 336. Ein Jahr für Jahr besonderer Tag für den Autor:

herzzigarillo

auf dem balkon
über uns stieg
zigarillorauch
in den himmel
später auf dem
sofa sind mir
meine hände
entwischt und
worte folgten
wir bekamen es
beide zu spüren


(M)ein favourite:

herzbogen 

mein herz ist
gespannt auf
dich zielt es

(S. 311)

Dieser Band mag ein persönliches Dokument einer Liebe sein – gleichzeitig und vor allem  ist er aber auch eine zeitlose und äußerst geschmackvolle Geschenkoption für jene, die  jemandem Liebe zeigen möchten, selbst aber nicht genau diese (oder ähnliche) Worte finden, die es Günther Butkus so leicht machen, bei anderen, auf jeden Fall bei einer bestimmten Person, „ins Herz“ zu treffen. Frei von Pathos vermitteln seine Gedichte neben all der Leichtigkeit auch den Ernst und die herausragende Wichtigkeit dieses zentralsten Steuerorgans und erinnern daran, dass die Pflege einer Herzensbildung mindestens genauso wichtig sein sollte wie die separate Schulung des Geistes:

herzbrain

nicht genug
dass es mich
schlägt nein
jetzt denkt es
sich auch noch
seinen teil

(S. 234)



Günther Butkus, HERZBAND
366 Gedichte über Liebe und Verlust
Pendragon, Mai 2019
329 Seiten, Euro 20,00


                                               

Tagesanbruch in Lindenau

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2019

Gedicht des Monats Juli

Andreas-Wolfgang Rohr (*1959)
Tagesanbruch in Lindenau


Früh
Wenn die Haltestellen
Schon wieder
Nach Tagescreme riechen
Und die tanzmüden
Spätheimkehrer
In ihren Verkehrssesseln
Siechen
Sitzt auch das Arbeitsvolk
Hinter getöntem Glas
In Gedanken
Noch schlafend
Die Gesichter
Blicklos und blass


Früh
Wenn die Haltestellen
Sammellager sind
Stößt die Freiheit
An die Grenze ihrer Sehnsucht
Tageslichtblind

Poesiealbum neu - O Freude. Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen
Poesiealbum neu – O Freude.
Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen

Quelle: „Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen“,
Poesiealbum neu, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2015

Wir gratulieren unserem Mitglied herzlich zum 60. Geburtstag, wünschen vor allem Gesundheit und jede Menge Kreativität und Freude am Leben.

Gedicht des Monats Juni

  • Veröffentlicht: 01.06.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.06.2019

Karl Krolow (1915-1999)

Hinreichend

Alles ist hinreichend beschrieben –

wie es anfängt und weitergeht,

übrig bleibt

die verbrauchte Landschaft,

Einverständnis, Empfindungen,

guter Rat, zu teuer

für den, der ihn ausführt.

Alles bleibt genügend bekannt.

Ein gesundes Bild

ergibt sich nicht, das man

aus Papier schneidet

und an die Wand heftet.

Die Mängel sieht man ein

als sonderbare Vorzüge.

Phantasiegold

liegt auf der Straße.

Die Liebe ist

zum Greifen nah,

die Gegend ohne Hintergrund.

Behutsam steigt man

durch ein Gelände,

abgesteckt von denen,

die alles rechtzeitig

in Besitz nehmen.

Im Juni vor zwanzig Jahren vertarb in Darmstadt der Gründungs-Schirmherr der von Gerhard Oberlin 1992 ins Leben gerufenen Lyrikgesellschaft. Dieses Gedicht ist eines von zwanzig, die in „Der feine Gesang. Karl Krolow zu Ehren“ als besondere Edition im Sommer dieses Jahres erscheinen werden.

Charles Bukowski On Cats

Charles Bukowski, On Cats, Canongate

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 01.06.2019

Empfehlung des Monats · Juni 2019
von Philipp Röchter

Foto: privat

Der Name des in Deutschland geborenen amerikanischen Schriftstellers und Dichters Charles Bukowski (1920-1994) dürfte bei vielen Leuten ganz bestimmte Assoziationen hervorrufen: Schnell wird das Bild eines misanthropischen Alkoholikers und selbsternannten Gossenpoeten gezeichnet, der sein Leben und literarisches Schaffen dem Schreiben über gescheiterte Schicksale, die Schlechtigkeit des Menschen, die seelenzerfressende Tretmühle des Lohnsklavendaseins und überhaupt die Sinnlosigkeit und Absurdität der menschlichen Existenz im Hamsterrad eines gegen ihn und die Natur, also gegen das Leben an sich  gerichteten Systems widmete. Das alles begleitet vom über allem stehenden Dauersuff, dem häufig letzten Zufluchtsort der Protagonisten aus Bukowskis Erzählungen von gebrochenen, aber ungebeugten Lebensgeschichten voller Elend und Leidenschaft, Tod und Sehnsucht: eine Art latent dauerhafte Todessehnsucht gepaart mit einem unlöschbaren Durst nach Leben – und nach Hochprozentigem, um bei dem ganzen Wahnsinn das Gleichgewicht nicht ganz zu verlieren.

Charles Bukowski, with special thanks to Jamie Norman, Canongate, Edinburgh

Nicht wenige „Zeitgeistgeschädigte“ würden Bukowski gerade in heutigen Zeiten der als Menschenfreundlichkeit und „Zivilcourage“ getarnten zunehmenden Gesinnungsdiktatur und Unterdrückung der freien Meinung und des freien Wortes „Gedankenverbrechen“ wie Frauenfeindlichkeit, Sexismus, Rassismus etc. unterstellen. Diese zu reinen Totschlagkeulen und zum Abwürgen jeglicher non-konformistischen, nicht „politisch korrekten“ Meinungsäußerung verkommenen Worthülsen würden dem alten Herrn wahrscheinlich entspannt an der Quelle seines Fäkalhumors vorbeigehen (siehe seine zahlreichen „beer shit“-Referenzen). Es wurde auch über Bukowskis angebliches Liebäugeln mit dem Nationalsozialismus spekuliert (ähnlich wie bei Céline, einem seiner literarischen Idole und Vorbilder), was daher rührt, dass er als angehender und ziemlich bald scheiternder (weil scheitern wollender?) College-Student während der Kriegsjahre nicht in das antideutsche Horn der Mehrheit seiner Kommilitonen blies und sich durch als provozierend empfundene und mehrheitsuntaugliche Äußerungen gerne selbst ins (soziale) Abseits stellte (siehe z.B. hier: https://bukowskiforum.com/threads/was-he-really-a-nazi.17/ ).

Diese bewusste oder unbewusste Selbstsabotage ist überhaupt ein interessanter Aspekt vieler kreativ Begabter, selbiges Phänomen zieht sich auch wie ein roter Faden durch das Leben z.B. eines Townes Van Zandt. Ein meines Erachtens nach sehr sehenswerter Buchrezensent beschrieb die jungen und düsteren Jahre Bukowskis einmal als das Dasein eines Taugenichts erster Klasse (siehe hier: https://www.youtube.com/watch?v=OvHLrBzIFvo ). Wie dem auch sei, meiner Meinung nach wird bei genauerer Beschäftigung mit Bukowski klar, dass er wohl kein überzeugter Anhänger dieser oder jener Weltanschauung gewesen war – in seiner politischen Bezugnahme deckte er lediglich regelmäßig die Widersprüche und Inkonsistenzen sowie die Heucheleien und Lächerlichkeiten einzelner Akteure oder Bewegungen sowie strukturelle Fehler auf, letztlich immer auch ein Verweis auf die Absurditäten des kollektiven gesellschaftlichen Affentheaters und auf die Tragikomödie, die ein einzelnes Menschenleben häufig darstellt.

Einen nicht unerheblichen Anteil an dem öffentlichen Bild Bukowskis hat er sich sicherlich selbst zu verdanken, sei es durch Ausschmückungen des eigenen Werdegangs zum Antihelden bis hin zur Mystifizierung („The 10 Year Drunk“) oder durch öffentliche Lesungen und Auftritte, bei denen die enormen Mengen Alkohol, die er in sich hineinschüttete, ziemlich wirkungslos blieben (zu finden im Netz, siehe z.B. Youtube). Dass es auch eine andere Seite des Menschen Charles Bukowski gab, eine nachdenkliche bis stark depressive, eine zärtliche, empfindsame und sehnsüchtige, ist eigentlich hinreichend bekannt und belegt, wenn man sich die Mühe macht, über den Tellerrand der Fassade hinauszublicken. Trotzdem bleibt diese Seite viel zu oft unerwähnt. Dies wird in dem 2015 erschienenen Kurzgeschichten- und Lyriksammelband „Charles Bukowski On Cats“ einmal mehr deutlich. Dieses Werk zeigt auf 118 Seiten interessante Einblicke in Hanks Beziehung zu seinen Lieblingstieren und lebenslangen Lehrern – wie gewohnt mit der für ihn typischen Mischung aus teils tiefer Traurigkeit und selbstironischem Galgenhumor.

Die deutsche Ausgabe bei Kiepenheuer&Witsch, 2018

Das Buch ist für Bukowski-Interessierte, egal ob Einsteiger oder Fan, einen Blick wert, da es größtenteils bis dato unveröffentlichtes Material bietet. Besonders hervorzuheben sind aus meiner Sicht die Texte „when everything seems like suicide finality“ und „Manx“ – in beiden geht es um das Durchhalten und Kämpfen, während alles um einen herum schwarz und endgültig sinnlos erscheint. Katzen als Suizidprävention bzw. Lebensretter? Bukowski jedenfalls schien darauf geschworen zu haben. Überhaupt wird seine Bewunderung für diese intelligenten, eleganten, ausdauernden und dem Menschen sinngebenden Tiere in den Texten immer wieder deutlich. Der geneigte Leser dürfte das so ähnlich empfinden, da sich wohl kaum weder ein Bukowski- noch ein Katzenhasser die Sammlung zulegen wird. Hier wird auch die elementare und übersinnliche (göttliche?) Verbindung zwischen dem Schriftsteller und diesen kaum zu ergründenden Wesen deutlich: Beide (Buk-Texte und Katzen) können etwas Magisches und Lebensrettendes ausstrahlen, was auch einer der Gründe dafür sein dürfte, weshalb sie sich einer fortwährenden Beliebtheit unter vielen Menschen erfreuen.

Charles Bukowski On Cats – erschienen bei Canongate Books Ltd.; Auflage: Main (4. August 2016), 118 Seiten – ISBN: 978 1 78211 727 8

In deutscher Übersetzung erschienen bei:
Verlag: KiWi-Taschenbuch (7. September 2018) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3462051326 ISBN-13: 978-3462051322, Seiten, Originaltitel: On Cats

Größe spüren. Musikgedichte

  • Veröffentlicht: 21.05.2019 · Zuletzt aktualisiert: 23.06.2019

Ende Juni 2019 erscheint die Nr. 1/2019 unserer Zeitschrift „Poesiealbum neu“ – die zum Thema „Musik“ ausgeschrieben wurde.

Diese Ausgabe vereint auf 90 Seiten Gedichte und Liedtexte von 86 Text- und Tonautorinnen und -autoren, bekannten wie weniger bekannten. Erstmals veröffentlichen wir in unserer Zeitschrift Notenbilder einzelner Lieder und Chansons. Mehr als 450 Texte von Einsendern aus 7 Ländern lagen zu unserer Ausschreibung vor. Hier eine erste Rezension in der Leipziger Internet Zeitung vom 21.06.2019.

Gedichte bzw. Notenbilder dieser Text- und Tonautorinnen und -autoren wurden aufgenommen:

Manfred Ach

Esther Ackerman

Johanna Anderka

Ann Kathrin Ast

Michael Augustin

Otto Beatus

Heidi Bergmann

Franziska Beyer-Lallauret

Katrin Bibiella

Julia de Boor (Ps.)

Peter Bothe

Ira Karoline Bräuer

Lars-Arvid Brischke

Georg Bydlinski

Ingo Cesaro

Georg Oswald Cott

Tanja Cremer

Ulrike Diez

Katharina Düwel

Eckhard Erxleben

Patricia Falkenburg

Mateusz Gawlik

Mordechaj Gebirtig (Ps.)

Johann Wolfgang v. Goethe

Peter Gosse

Joachim Gräber

Ralph Grüneberger

Monika Hähnel

Dora Hauch (Ps.)

Sören Heim

Walter Thomas Heyn 

Gisela Hemau

Max Herrmann-Neiße (Ps.)

Raffael Hiden

Dieter Höss

Jan-Eike Hornauer

Nancy Hünger

Stefan Kabisch

Barbara Kadletz

Manfred Klenk

Charlott Ruth Kott

Gabriele Kromer

Karl Krolow

Else Lasker-Schüler

Jakob Leiner

Anton G. Leitner

Guido Luft

Wolfgang Mayer König

Olivér Meiser

Sabine Minkwitz

Peter Mitmasser

Andreas Müller

Christoph Müller

Ingrid Niegel

Klaus Nührig

Ralf Preusker

Lutz Rathenow

Rainer Rebscher

Susanne Reichard 

Andreas Reimann

Joachim Ringelnatz

Wolfgang Rinn

Wolfgang Rischer

Birgit Rivero

Franziska Röchter

Andreas-Wolfgang Rohr

Mike Rother

Friedhelm Rudolph

Silke Rudl 

Horst Samson

Maren Schönfeld

Wolfgang Schönfeld

Ulrich Schröder

Christiane Schulz

Helga Schulz Blank

Nadine Maria Schmidt

Ralph Schüller

Christiane Schwarze

Angelica Seithe

Olaf Stelmecke

Heidrun Stödtler

Gerhard A. Spiller

Dieter Treeck

Martin A. Völker

Friederike Weichselbaumer

Der Begriff Lyrik bezeichnete einst jene Verskunst, die zur „Lyra“, dem antiken Streichinstrument, interpretiert wurde. Die Texte waren also entstanden, um sie zu singen. […] Nicht zu vergessen die Wiegenlieder, die Mütter und Väter ihren Kindern vorsummen, um ihnen Geborgenheit und Wärme zu geben, auch als körperliche Erfahrung. Lyrisches führt immer tief ins Innere, in welcher Kunst auch immer.  Thomas Schinköth (aus dem Nachwort)

Förderer und Partner

Förderer


Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.