Lyrik in Bewegung. Gedichte zur Automobilität gesucht

  • Veröffentlicht: 23.03.2020 · Zuletzt aktualisiert: 11.05.2020

Ausschreibung für die Ausgabe 1/2021 des Poesiealbum neu

Das Auto als Fetisch oder als fahrbaren Untersatz. Am Automobil, das Jahrzehnte als Symbol für Wertarbeit, Ingenieursleistung, Selbstbestimmung und Wohlstands galt, scheiden sich heute die Geister. In der Stadt ist es im Weg, auf dem Land erschließt es den Weg. Wie kein anderes Fortbewegungsmittel trennt das Automobil unsere Gesellschaft. Für Gewalttäter wird es zur Waffe, sei es auf dem Weihnachtsmarkt oder beim Karnevalsumzug, für politisch motivierte Kriminelle zum Objekt der Zerstörung und Brandstiftung.

In der alten Bundesrepublik galt lange Zeit der Grundsatz Freie Fahrt für freie Bürger! Eine Verheißung, die nach dem 1. Juli 1990 nicht wenige der Neuwestdeutschen im Osten zu Käufen von Schrottlauben veranlasst hat. Im Einklang mit dem Einzug von Autohäusern verhalf der Aufschwung Ost dann auch zu den tempofreundlichen Straßenverhältnissen und erzeugte den Neid der Brüder & Schwestern, deren Fahrwege nicht die neue Glätte aufwiesen. Inzwischen allerdings sind platzgreifende Privatfahrzeuge zunehmend verpönt. Kirchgemeinden rufen zum Autofasten auf. Schulkinder wenden sich nicht nur freitags von ihren motorisierten Eltern ab und radeln plötzlich zum Klavierunterricht oder zur Tennis-stunde. Gerade noch bis zum Reiterhof vor der Stadt lassen sie sich im Familiengefährt kutschieren. Auf dem Weg zur Nachhilfe  wollen manche von ihnen den Geschwindigkeits-rausch mit dem Fahrrad erleben – ohne Rücksicht auf Verluste.

Wie automobil sind Autorinnen und Autoren? Auch das soll das Themenheft beantworten. Sitzen sie hinterm Lenkrad oder nur vor dem Schreibtisch und betrachten vom sogenannten Elfenbeinturm aus die Blechlawine? Nehmen sie Entfernungen mit dem Taxi wie einst Erich Kästner oder sitzen sie in der Tram oder im ICE oder gehören sie zu den neuen E-Roller-fahrern, die Kladde mit ihren Texten im Rucksack oder schon gespeichert auf dem Tablet? Welche Zukunft hat die selbstbestimmte Mobilität? Geht im E-Mobil der Fahrzeug-Sound verloren und muss akustisch eingespielt werden?

Verbindungen von Dichtern und Autos sind legendär. Gertrude Stein warb für den Ford.  Edgar Wallace erschrieb sich einen Rolls-Roys. Hermann Hesse posierte gern vor seinem Mercedes. Ebenfalls zu denken ist an Bertolt Brecht, der für einen Vierzeiler mit einem Automobil belohnt wurde und nach einem Unfall damit, in einem weiteren Vierzeiler die Überlebenschancen lobte und ein neues erhielt. Tragisch endete das Leben von Rolf Dieter Brinkmann, der Hymnen auf das Automobil verfasste und dem ausgerechnet in London der Linksverkehr zum Verhängnis wurde, als ihn ein Taxi überfuhr und tödlich verletzte. Passend zur Aufnahmefähigkeit eines Autofahrers äußerte er sich in dem Band »Die Piloten« (1968) über das Gedichteschreiben: »Ich denke, dass das Gedicht die geeignetste Form ist, spontan erfaßte Vorgänge und Bewegungen, eine nur in einem Augenblick sich deutlich zeigende Empfindlichkeit konkret als snap-shot festzuhalten.« Ums Festhalten von Sprache in dieser rasenden Zeit soll es uns gehen. Wie beweglich sind wir im Kopf und auf der Straße?

Im Zeitraum 15. März 2020 bis 31. August 2020 (Poststempel) laden wir ein, sich mit bis zu drei Gedichten an unserer Ausschreibung zu beteiligen.

Stand: Ende Februar 2020

Wie passend in Corona-Zeiten der Immobilität, könnte man meinen – aber das Thema könnte auch Sehnsüchte wecken und das, was bisher selbstverständlich erschien, auf den Prüfstand stellen.

Auf dem Postweg können bis zu drei, möglichst bislang unveröffentlichte Gedichte in deutscher Sprache und in 2-facher Ausführung auf je einer eigenen DIN A4-Seite eingereicht werden. Unaufgeforderte Zusendungen per E-Mail werden nicht geöffnet! Die Gedichte sollten eine Gesamtlänge von 35 Zeilen (inklusive Titel, Verfassername, Leerzeilen) nicht überschreiten und dem Layout unserer Zeitschrift entsprechen (Achtung: Zeilenlänge beachten!).

Hinzuzufügen sind eine Kurzvita plus aktueller E-Mail-Adresse, die Erklärung, dass der kostenfreie Abdruck erlaubt wird, und die Zustimmung, dass die persönlichen Daten, die allein für den Zweck der Kommunikation und Registration Verwendung finden und keinesfalls an Dritte weitergegeben werden, gespeichert und für eine Veröffentlichung (Ankündigung) auf unserer Webseite verwendet werden dürfen.

Verzichten Sie bitte auf Einsendungen per Einschreiben; wir haben nicht die Kapazität, diese vom Postamt abzuholen.

Kommt ein Gedicht für die Veröffentlichung in Betracht, setzt sich das »Poesiealbum neu«-Team mit der Autorin/dem Autor in Verbindung. Rückfragen oder Stellungnahmen zu den Einsendungen können nicht beantwortet bzw. geleistet werden. Sobald der Drucksatz abgeschlossen ist, werden auf der Webseite der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik die Namen der Autorinnen und Autoren veröffentlicht, deren Text in die Ausgabe zum Themenkomplex »Lyrik in Bewegung. Gedichte zur Automobilität« Aufnahme fand. Mit ihrer/seiner Beteiligung an der Ausschreibung stimmt die Einsenderin/der Einsender diesem Verfahren ausdrücklich zu.

Jeder Autorin, jeder Autor des Heftes erhält ein Freiexemplar und nimmt mit ihrem/seinem unveröffentlichten Gedicht an der Auswahl für den »Poesiealbum neu«-Preis 2022 teil, der das beste Gedicht des Jahrgangs 2021 prämiert.

Im 14. Jahr des Erscheinens der der Zeitschrift »Poesiealbum neu« verlosen wir unter den ersten 14 Einsendern ein Exemplar von »… und habe ich mir denn ein Auto angeschafft. Schriftsteller und Automobile«, ein Text-Foto-Band von Ulf Geyersbach, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2006.

»Poesiealbum neu«, gegründet 2006, erscheint seit 2007

Zeitschrift der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. (GZL), erscheint halbjährlich; Preis 16 € p.a. (Inland), inkl. Versand; Preis für Ausland auf Anfrage

Ein Probeabo (2 Ausgaben – ohne Kündigung) kostet im Inland 18 €; Preis für Ausland auf Anfrage

Mitglieder der GZL erhalten eine Ermäßigung, ebenso Öffentliche Bibliotheken und Schulbibliotheken.

Aktion: die ersten 5 Neuabonnenten erhalten die Lieder-CD »Hinterm Mond« von Stellmäcke als Geschenk dazu, allen anderen Neuabonnenten schenken wir ein Exemplare einer früheren Ausgabe des »Poesiealbum neu« mit der 1. Lieferung. Es besteht kein Rechtsanspruch, die Auswahl erfolgt nach Eingang.

Bestellungen richten Sie bitte schriftlich an: Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V., Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig / kontakt@lyrikgesellschaft.de

Die Ringelnatz-DVD ist erschienen

  • Veröffentlicht: 21.03.2020 · Zuletzt aktualisiert: 30.03.2020

28 Gedichtfilme aus Australien, Deutschland, Österreich und Schottland

Pünktlich zum „Welttag der Poesie 2020“, den wir in diesem Jahr in 9 Städten Deutschlands zu Ehren von Joachim Ringelnatz feiern wollten, was uns der Coronavirus zunichte machte, liegt sie vor, die DVD aus unserem höchstwahrscheinlich letzten Gedichtfilmwettbewerb „Wassertropfen & Seifenblase“.

Diese DVD erscheint als Sonderausgabe der Zeitschrift „Poesiealbum neu“ zum Text-Hörbuch „Wassertropfen & Seifenblase“ und zeigt eine Auswahl der Einsendungen im 4. Internationalen Gedichtfilmwettbewerb der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.

Booklet

Unterstützer des Wettbewerbs sind die Saxonia Media Filmproduktions GmbH, die Leipziger Buchmesse, die Ringelnatz-Gesellschaft Cuxhaven e.V., der Joachim-Ringelnatz Verein e.V. Wurzen, das Kulturhistorischen Museum Wurzen, die Waldmann KG, die Stadt- und Kreissparkasse Leipzig, das Ringelnatz-Hotel in Rostock-Warnemünde und die Sächsischen Ausbildungs- und Erprobungskanäle (SAEK).

Einmalige limitierte Auflage von 200 Exemplaren.

Preis 20+5 EUR / d.h. 5 EUR davon spenden wir den Opfern der Brandkatastrophe in Australien.

Ihre Bestellungen richten Sie bitte an kontakt@lyrikgesellschaft.de

Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit und bestellen Sie für sich und am besten auch für andere Zuhausebleiber diese DVD. Eines ist sicher, die Filme bringen Sie auf andere Gedanken.

Lesen Sie eine erste Rezension: https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2020/03/Wassertropfen-Seifenblase-Die-DVD-mit-den-Gedichtfilmen-zu-den-nachdenklichsten-Ringelnatz-Gedichten-322157

Duale Sicht auf die Welt – Therese Chromik: „Blau ist mein Hut“

  • Veröffentlicht: 01.03.2020 · Zuletzt aktualisiert: 27.02.2020

Empfehlung des Monats · März 2020
von Marianne Beese

Charakteristisches, das den neuen Lyrikband von Therese Chromik auszeichnet, zeigt sich bereits in dem titelgebenden Gedicht „Blau ist mein Hut“, das auch den Reigen der Texte eröffnet. Es heißt dort:

Ja
ich schlafe bei offenem Fenster/
mit Sommerhut
und mit Sandalen
blau ist mein Hut
und rosa die Sandalen
und gelb die Sternschnuppen
die sich an meine Verse heften
wenn ich über die Milchstraße gehe

Eine auf den ersten Blick alltäglich anmutende Situation weist über sich hinaus; allein durch die farbigen Akzente einer Gegensätzlichkeit – und sie weitet sich in Dichtung und Traum, ins Kosmisch-Überweltliche, aus. Diese Besonderheiten zeigen sich auch in anderen Texten des Bandes – als dessen Grundzug eine dualistische Sicht auf die Welt erkennbar wird, ein Wahrnehmen dieser in ihrer Widersprüchlichkeit, die eben deshalb zur lyrischen Gestaltung drängt, zu einem möglichen Ausgleich. Solche Gegensatzpaare, die Spannungspole in den Gedichten bilden, sind Verstand und Gefühl, Wesen und Erscheinung, Dauer und Vergänglichkeit, Schönheit und Zerstörung, Verwurzelung und Aufbruchssehnsucht, Realitätserfahrung und poetische Fiktion und anderes mehr.

Die dichterische Sprache, die sich dem Auffinden und Gestalten des Widersprüchlichen, bildlich oder in gedanklicher Verallgemeinerung, widmet, mutet eher lakonisch und verknappt an, doch vereint sie, dem dualen Weltbild gemäß, Konkretes und Abstraktes und folgt vielfach dem Prinzip der Modulation, der wiederholenden Abwandlung.

Inhaltlich-thematisch ist die Ausrichtung auf den ‚Norden‘ gegeben, wobei ein starkes Heimatgefühl ebenso wie große Naturnähe des lyrischen Subjekts zur Sprache gelangen. Meer, Strand, Deich und Schafe werden als Zubehör der Heimat benannt. Diese scheint eine immer gleiche, verlässliche Kulisse für Geborgenheit abzugeben, doch zeigt sie sich, vor allem in Gestalt des Meeres, veränderbar. Jenes wird zum Gleichnis des menschlichen Lebens wie auch zum janusköpfigen Abbild von Schönheit und Gefährdung oder, wie in dem Gedicht „Echolot“, zum Symbol der Poesie.

Grenzen die Texte meist an eine ‚andere Welt‘, welche die Realität übersteigt oder in diese hineinwirkt, so geschieht das auch in Form von Mythen, die Überzeitliches mit Heutigem verbinden. Das Gedicht „Der Stern I“ verweist auf die christliche Heilsgeschichte, lässt den Stern von Bethlehem und damit die Geburt Jesu assoziieren, die sich immer aufs Neue, und auch im heimatlichen Deichland, abspielt.

Als Vertreterin der heimischen Natur erscheint par excellence eine Pflanze: die Mohnblume. Sie ist real – und wird zugleich zum Symbol des Zwiespältig-Schillernden; ist „Pflanze der Unterwelt“ wie „Pflanze der Seligen“ gleichermaßen. Sie birgt Heilendes, doch ebenso Vergiftendes und wird damit zum Synonym vor allem für die Liebe. Sie verschlüsselt in sich aber auch die Wandlung von Trauer und Schmerz hin zur Poesie.

Sie weist hinüber zu weiteren Themen im Umfeld von ‚Kunst‘ und ‚Künstlern‘, denen sich eine Reihe von Gedichten widmet. Den Zusammenhang zwischen dem Dichter, dessen ‚brennende‘ Schöpferkraft eine wahre Geschichte entstehen lässt, und seiner ergriffenen Zuhörerschaft stellt der Text „Hans Christian Andersen“ her. Er übermittelt aber auch die Botschaft, dass die damalige, innige Beziehung zwischen Künstler und Rezipienten im Raum der Gegenwart nicht mehr neu belebt werden kann.

Dennoch bleibt auch dort die Frage nach dem Verhältnis zwischen Künstler und einem möglichen Gegenüber, das seine Kunstwerke aufnimmt, gültig. ebenso wie die nach der Wirkung von Kunst an sich.

Ein sehr starkes Angerührtsein, in diesem Falle durch bildende Kunst, hat das lyrische Ich an sich selbst erfahren. Es zeigt sich bei einem Aufenthalt in „Giverny bei Monet“ überwältigt von den Bildern des Malers, die in ihrer Schönheit alles Negative in der Welt abzuweisen scheinen. Anderswo wird die Wirkungsfähigkeit von Kunst eher in Frage gestellt, wird neben dem ‚Wunderbaren‘, das sie repräsentiert, auch das de facto ‚Überflüssige‘, das ihr zu eignen scheint, benannt.

Weitere, im Umkreis der Dicht-Kunst angesiedelte Texte fragen wieder stärker dem Ursprung und Ablauf des schöpferischen Prozesses selbst nach. Das geschieht mehrfach durch einen Rückgriff auf die griechische Mythologie. Die neben dem Sänger Orpheus vorgestellten antiken Götter erscheinen in ihrer überlieferten Gestalt – und sind doch ‚heutig‘ umgedeutet. So steht vor allem Hermes für das Prinzip der Dichtung, welches Zusammenfügen des Widersprüchlichen, ‚Auslegen‘ des Vorgefundenen und ‚Finden des Unsichtbaren‘ ist. Anderswo wird er zur Inkarnation poetischer Leichtigkeit, denn: „nur mit der Fußspitze berührt er den Erdball“.

Die Frage, welcher Zusammenhang zwischen Schöpfertum und vergehender Zeit besteht, werfen mehrere Gedichte auf, und es erfolgt u. a. die Aussage, dass Lebenszeit eine solche des „Wund“- und Orientierungslos-Seins, aber auch „Erzählzeit“ sei. Im Gedicht lässt sich die Zeit ‚überlisten‘ und ins Zeitlose wandeln. Andernorts wird der unmittelbare Vorgang der Wortfindung beleuchtet; das Zögerlich-Vorläufige, Fragile, das ihn ausmacht, das die Unsicherheit oder Unergründlichkeit der eigenen Identität zutage fördern kann – doch auch Erhellendes, ja Erleuchtendes hervorbringt.

Texte, in denen das lyrische Ich über verschiedene Arten von Gedichten nachdenkt – und solche, die der Aussagefähigkeit der Sprache nachspüren oder die den Umgang mit dem Wort in der Spanne zwischen ‚Schweigen‘ und gedankenloser oder inflationärer Verwendung hinterfragen, bilden eine weitere thematische Gruppe.

Leidet die Dichterin unter Symptomen eines Sprachverfalls und verwendet sie selbst Worte behutsam und bewusst, so mitunter auch abweichend von ihrer sonst üblichen Bedeutung. Es wird beispielsweise der Begriff „illegal“ auf das Verhältnis des Menschen zur Erde übertragen, wobei letztere in dem ganzen Ausmaß ihrer Bedrohung charakterisiert wird. Die Zeitsituation als eine durch Krieg und Gewalt aufgeladene – das wird mehrfach angesprochen; etwa auch, wenn in die Schein-Idylle bunter Illustrierter entsprechende Nachrichten eindringen und die letzte Zeile des Gedichts „Warten beim Friseur“ lautet: „wann kommen wir dran“.

„Das Erinnern, die Kunst und das Träumen“, letzteres als friedliches Wachträumen, werden dem Angstauslösenden und Kriegerischen immer wieder alternativ entgegengesetzt. Ebenso ist einer weiteren, bislang nicht selbstverständlich erfolgten Annäherung zwischen ‚Ost‘ und ‚West‘, das Wort geredet.

Lassen sich in den meisten Gedichten Gegensatzpaare auffinden, die konstituiert und lyrisch durchgespielt werden, so zählen dazu außer den schon benannten weitere, darunter ‚Aufgeklärtheit‘ und ‚Glauben‘ bzw. ‚gedankliche Mündigkeit‘ und ‚kindliche Einfalt‘ sowie ‚Jungsein‘ und ‚Alter(n)‘, wobei sich letzteres in ein neues Jungsein wandelt, sofern dem veränderten Status Rechnung getragen wurde. Die Frage nach der Endlichkeit des Lebens stellt sich dennoch unabweisbar – und mit ihr die nach dem Wesentlichen bzw. Unwesentlichen innerhalb der Existenz eines Menschen.

Erschütternd sind die Gedichte, die von Sterben, Abschiednehmen, Trauerbewältigung und Totengedenken handeln. Dabei ruft sich die Dichterin vor allem den frühen Tod ihres Mannes ins Gedächtnis – doch auch das Sterben der Mutter. Die dichterische Sprache vollzieht Bewegungsabläufe nach, die in Stille und Dunkelheit münden.

Im Laufe des Trauerprozesses aber kehrt der oder die Verstorbene gleichsam zurück; ist anfangs noch zugegen in gespeicherten Worten und Sätzen, geäußerten Gedanken und Gefühlen, die abrufbar sind, dann auch in Bildern, Strukturen, Klängen der Umwelt – selbst im Tosen eines Sturms. Grundsätzlich überdauern die Verstorbenen in der Erinnerung – und eben im Gedicht. Eines thematisiert in variierender Wiederholung, dass „Mutters letztes Wort“ – „Tränen trocknen“ – selbst ein Gedicht gewesen sei.

Von einer Rückkehr der Trauernden ins Leben kündet eine Reihe von Texten, die von Kindern handeln; meist den eigenen bzw. den Enkelkindern – und einen Blick auf die Welt mit deren Augen zu werfen suchen, ihre gefühlsmäßige Unmittelbarkeit und Phantasie dankbar miterleben. Auch das Motiv „Liebe“ taucht in den späteren Gedichten des Bandes nochmals auf, wird verallgemeinernd, doch auch in Episoden, die Erfahrenes wiedergeben, dargestellt. Darin ist ausgesagt, dass ‚Liebe‘ wieder möglich wurde und wird, wenngleich in der charakteristischen Zwiespältigkeit („zweipolig“) oder vom Scheitern bedroht – was vereinzelt auf selbstironische, ja vertrackt-komische Weise ausgesagt ist. Auch für ‚Liebe‘ erscheint als der verlässlichste Ort ihres Bewahrens das Gedächtnis.

Resümierend bleibt festzuhalten: Mit ihrem Band „Blau ist mein Hut“ ist Therese Chromik eine intensive, ebenso durch Nachdenklichkeit geprägte wie von Emotionalität getragene, hochpoetische Erkundungsreise durch Zeit und Raum, Innenwelt des ‚Ichs‘, Überlieferung und Gegenwart gelungen, der man mit Genuss und Gewinn folgt – und die man auch anderen zur Lektüre empfehlen möchte.

Therese Chromik, Blau ist mein Hut: Gedichte
Band 1 von Takt&Metrik
Verlag Vorwerk 8, 2019
ISBN 978-3947238118
123 Seiten, 19,00 Euro

Gedicht des Monats März 2020

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 31.03.2020

Christine Kappe (*1970)
NY

Mir fallen die Zähne aus und sie asphaltieren meinen Mund.
Wir stecken das Haus unserer Eltern in Brand und bezichtigen
unsere Freunde.
Die Hauptschlagader von NY liegt unterirdisch.
Dort verkaufen sie Karten für Kinos und schlechte Diskotheken,
fliehen ins Unbeständige, um müde zu werden.
Mir fallen die Zähne aus und sie bezichtigen meine Mutter.
Wir fliehen in das Haus unserer Eltern, um müde zu werden.
Dort verkaufen sie Kino- und Speisekarten.
Wir aber verkaufen unsere Freunde.
Die Hauptschlagader meiner Mutter liegt unterirdisch;
deswegen verlaufen wir uns.
Sie stecken NY in Brand und suchen das Beständige.
Mir fällt in der U-Bahn der Kaffee aus der Hand und hinterlässt
ein Muster; deswegen versaufe ich alles.
Wir bezichtigen NY, das Licht angelassen zu haben.
Unsere Eltern berichtigen uns.

Christine Kappe (*1970)

aus: „Hauptstadt der Sehnsucht. New York-Gedichte“
Poesiealbum neu, Ausgabe 2/2019
Edition kunst & dichtung, Leipzig 2019

Unserem Mitglied Christine Kappe nachträglich herzlichen Glückwunsch
zum halben Jahrhundert.

Veranstaltungen unserer Mitglieder: Ralph Grüneberger

  • Veröffentlicht: 17.02.2020 · Zuletzt aktualisiert: 23.03.2020

Buchpremiere! Am 25.04. 2020, Beginn 17 Uhr,stellt Ralph Grüneberger im Schillerhaus Leipzig, Menckestr. 42, sein neues Buch „Leipziger Geschichten“ vor. Moderieren wird die Buchpremiere Claudia Senghaas vom Gmeiner Verlag in Meßkirch. Die Sängerin Anna Fey und die Musikerin Karin Leo werden die Veranstaltung musikalisch begleiten.

Ob die Veranstaltung tatsächlich stattfinden kann, ist derzeit jedoch noch ungewiss. Deshalb bitte einige Tag vorher diese Webseite besuchen.

Heimat & Heimatverlust – ist im März 2020 erschienen und ab sofort lieferbar

  • Veröffentlicht: 05.02.2020 · Zuletzt aktualisiert: 24.03.2020

Nachdem uns mehrere hundert Zuschriften aus 10 Ländern erreichten, die vier pralle Ordner füllten, ist die Auswahl getroffen. Statt des eigentliches Heftes mit 32 Seiten erscheint wiederum ein Doppelheft, das die Gedichte von 83 Autorinnen und Autoren vereint. Im Einklang mit den drei Fundstücken von Max Hermann-Neiße (1886-1941), Mascha Kaléko (1907-1975) und Ernst Schulze (1789-1817) kommen – neben zahlreichen bereits bekannten – auch viele weniger bekannte Autorinnen und Autoren zu Wort. Die Spanne reicht vom Jahrgang 1933 bis zum Jahrgang 1998.

Die Autorinnen und Autoren der Ausgabe 1/2020 des Poesiealbum neu:

Sabine Abt

Manfred Ach

Bettina Ambühl-Honegger

Johanna Anderka

Michael Augustin

Marianne Beese

Eva-Maria Berg

Franziska Beyer-Lallauret

Barbara Biegel

Marlies Blauth

Detlev Block

Rosa Both

Hans Dietrich Bruhn

Oliver Bruskolini

Ingo Cesaro

Tetyana Dagovych

Herta Dietrich

Ulrike Diez

Lina Duppel

Rumiana Ebert

Faten El-Dabbas

Patricia Falkenburg

Barbara Finke-Heinrich

Beate Fischer

Ingrid Gorr

Joachim Gräber

Dora Hauch

Kerstin Hensel

Max Herrmann-Neiße  

Jan-Eike Hornauer

Nikola Huppertz

Regina Jarisch

Mascha Kaléko

Stefanie Kemper

Manfred Klenk

Michael Koch

Stephan Krawczyk

Anton G. Leitner

Eva Lübbe

Hans-Hermann Mahnken

Salean A. Maiwald

Wolfgang Mayer König

Renate Meier

Karola Meling

Manfred Moll

Klaus Nührig

B.S. Orthau  

Tobias Pagel

Ursula Pickener

Claudia Pistilli

Helga Rahn

Lutz Rathenow

Andreas Reimann

Helmut Richter

Marianne Rieger

Wolfgang Rischer

Andreas-W. Rohr

Jan Hendrik Rübel

Sonja Ruf

Jörn Sack

Laura Schiele

André Schinkel

Ulrich Schröder

Christiane Schulz

Marlene Schulz

Helga Schulz Blank

Ernst Schulze

Christiane Schwarze

Thomas Sobczyk

Ju Sobing

Werner Somplatzki

Werner Stangl

Christine Steindorfer

Stellmäcke

Carsten Stephan

Wolfgang Stock

Heidrun Stödtler

Bernd Storz

Rüdiger  Stüwe

Dietmar Thate

Ruth Werfel

Katja Winkler

Waltraud Zechmeister

Preis des Heftes 6,50 EUR, Umfang 76 S.

Titelbild nach einem Gemälde von Titus Schade

© VG Bild-Kunst

Am 24. März 2020 erschien in der Leipziger Internetzeitung diese Rezension: https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2020/03/Heimat-Heimatverlust-Poesiealbum-neu-versammelt-zuweilen-sehr-ironische-Texte-zum-Thema-Lebensort-und-Sehnsuchtsraum-322977

Gedicht des Monats Februar 2020

  • Veröffentlicht: 01.02.2020 · Zuletzt aktualisiert: 01.02.2020

Ursula Jetter (*1940)


angelangt
auf der höheren
Stufe des scheiterns

tragik
das wohlfeile alibi
unlängst begraben

chaos
fetisch der möglichkeiten
am gürtel


Geboren in Bruchsal, lebt in Möglingen; Studium der Pädagogik und Psychologie, leitende Tätig­keit in der Psychiatrie; Dozentin und Autorin, Mitglied in der GZL, im VS, der Gedok, der Künstlergilde und im Internationalen PEN; Herausgeberin der Literaturzeitschrift „exempla.

Quelle: Poesiealbum neu: „Texte gegen Intoleranz“, Leipzig 2008

Wir gratulieren herzlich zum 80. Geburtstag und wünschen Gesundheit, Wohlergehen und weiterhin Freude am literarischen Schaffen

Das Poetische des Vergangenen – Ralph Grünebergers Herbstjahr

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 26.01.2020

Empfehlung des Monats · Februar 2020
von Marcus B. Richter


Der Roman Herbstjahr von Ralph Grüneberger schildert anhand einer Gruppe junger Leipziger zum einen den Beginn der friedlichen Revolution im Jahre 1989 in der damaligen DDR (einer der Protagonisten gerät in die ersten größeren Montagsdemos in Leipzig und beginnt, sich bei den Demonstrierenden zu engagieren, sein Freund nutzt die sich plötzlich aufgrund des bröckelnden eisernen Vorhangs ergebenden Fluchtmöglichkeiten und geht in den Westen), zum anderen – ein Jahr später – die Versuche der Protagonisten, mit den Folgen des totalen Umbruchs  ihrer  bisherigen Lebensverhältnisse zurechtzu- kommen.

Grüneberger gelingt es, in einfühlsamer Weise und mit viel Liebe zum Detail das Lebensgefühl und die Wirklichkeit von Menschen zu schildern, die sich buchstäblich von einem Tag auf den nächsten in einer anderen Welt wiederfinden und damit klarkommen müssen, was ihnen im Übrigen gut gelingt, da sich keiner von ihnen durch Rückschläge aus der Bahn werfen lässt. Die Protagonisten finden sich letztlich alle in Leipzig wieder,  und zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung – ein gutes Jahr nach Beginn der Handlung von Herbstjahr  –  scheinen alle nach diversen Schwierigkeiten und Rückschlägen auf einem guten Weg und in der neuen Welt angekommen zu sein. Leider endet die Geschichte dann – überraschend für die beiden Hauptfiguren des Romans – aber doch nicht so gut, wie es lange den Anschein hat. Hier haben wir wohl eine Metapher dafür, dass sich auch in der Realität des Landes nach der Wende nicht nur positive Entwicklungen vollzogen, sondern auch negative Kräfte freigesetzt wurden. Die Wirklichkeit erweist sich letztendlich als vielschichtiger, als sie zunächst nach den Umbrüchen und dem scheinbar  erfolgreichen Neubeginn erschien.

Für den Autor dieser Zeilen, der als „Wessie“ die damaligen Ereignisse zwar mit höchstem Interesse verfolgte und seinerzeit selbst von dem Wunsch nach einer Wiedervereinigung des Landes träumte, aber diese damals lediglich als außenstehender Beobachter verfolgen konnte, bietet das Buch faszinierende Einblicke in das Innenleben und die wirklichen Befindlichkeiten der Menschen, die damals den großen Umbruch mit ausschließlich friedlichen Mitteln zugleich erkämpft und „erlitten“ haben. Das Buch ist spannend geschrieben und sehr lesenswert.

Eine angehängte, ebenso detail- wie umfangreiche Chronologie der Jahre 1989 und 1990 bringt die damaligen Geschehnisse nochmal in Erinnerung und dürfte für jeden, der sich gern an die Ereignisse erinnert oder seine Erinnerungen daran auffrischen möchte, ebenfalls eine lohnende Lektüre sein.


Ralph Grüneberger, Herbstjahr. Roman
Gmeiner Verlag, September 2019
314 Seiten, 12 x 20 cm, Paperback
Buch 14,– € / E-Book 9,99 €*
ISBN 978-3-8392-2483-0

Gibt es denn etwas Wichtigeres? „Dichter an die Natur“ – DAS GEDICHT 27

Dichter an die Natur, DAS GEDICHT 27

Empfehlung des Monats · Januar 2020
von Franziska Röchter


Wir alle entstammen ihr. Größtenteils jedenfalls. Zumindest ursprünglich – nach diversen medizinischen Eingriffen, Wiederherstellungs- oder Optimierungsversuchen oder ästhetischen Modifizierungen vielleicht nicht mehr zu 100 Prozent. Und möglicherweise bis wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht nicht einmal mehr zur Hälfte. Aktuell aber ist es noch so, dass die „Natur“, die ursprüngliche Umgebung auf unserem Planeten, die schon vor uns und ohne menschliche Eingriffe einfach „da war“ und die notwendigen molekularischen Konstellationen zur Entwicklung pflanzlichen, tierischen und menschlichen Lebens bereit hielt und zur Verfügung stellte, dass also diese Natur unverzichtbar ist. Versuche, menschlichem Forschergeist entsprungen, die in der Natur vorfindbaren Parameter einfach nachzubauen und somit Natur zu kopieren, lassen Überlegungen entstehen, ob das dann überhaupt noch „Natur“ ist. Wo hört Natur auf, wo fängt Künstlichkeit an?

Zweifelsohne lässt sich festhalten: Wir brauchen sie, und zwar stärker als sie uns. Denn Natur existiert auch ohne die Spezies Mensch. Wir benötigen Luft zum Atmen, Wasser zum Überleben, zur Produktion von Nahrung, die Sonne wird ebenso benötigt wie nährstoffhaltiger Grund und Boden. Und das Schöne in der Natur inspiriert unseren Geist, unsere Seele. Man stelle sich ein dauerhaftes Leben ausschließlich zwischen Betonmauern vor, ohne Tageslicht, ohne Pflanzen und Bäume, mit künstlicher Ernährung in Form von Tabletten, die sämtliche benötigten Nährstoffe enthalten … Umso unverständlicher, dass gerade das „Animal rationale“ seine eigenen Lebensgrundlagen bei vollem Bewusstsein und wissentlich zerstört und ruiniert und vielen Dingen (z.B. materiellem Profit) höheren Stellenwert einzuräumen scheint als dem Erhalt der eigentlichen Lebensgrundlagen. Mir ist keine andere Art bekannt, die Gleiches tut. Wie würden Außerirdische dieses Verhalten beurteilen?

Da dem Themenkomplex „Natur“ die dringlichsten Fragen unserer Zeit zuzuordnen sind, wird eine aktuelle Anthologie über die Natur und unser extrem widersprüchliches Verhältnis zur selbigen inhaltlich zwangsläufig anders aufgestellt sein als beispielsweise noch vor rund 20 Jahren. Mit dem Besingen einer schönen Mondnacht, der freudigen Begrüßung des Frühlings, dem Festhalten eines außergewöhnliche schönen Sonnenuntergangs ist es einfach nicht mehr getan – zu brüchig, zu angeschlagen ist die Natur mittlerweile aufgrund drastischer menschlicher Missachtung ihrer Bedürfnisse. 

Die neue Ausgabe von DAS GEDICHT, herausgegeben von Christoph Leisten und Anton G. Leitner, verdeutlicht bereits anhand des plakativen schwarz-pinken Covers, welches ein comic-haftes, mit wenigen Strichen gezeichnetes Chamäleon zeigt, wie weit wir uns von der einstigen, ursprünglichen Natur entfernt haben. Und natürlich sollen auch Kinder und Jugendliche angesprochen werden, an die eine bedeutende Auswahl an Gedichten, sorgfältig von Uwe-Michael Gutzschhahn herausgefiltert, adressiert sind. Insgesamt ist diese Ausgabe so umfangreich wie nie zuvor: 177 Dichterinnen und Dichter haben für 5 Kapitel über die belebte und unbelebte Natur sowie zur Kinderlyrik beigetragen.

Jeder wird seine Vorlieben in dieser Anthologie finden. In ausgewogener Weise dominieren vielen schönen Beschreibungen naturhafter Phänomene zum Trotz gerade solche Texte, die mit besonders aktueller Relevanz eine Vielzahl an Störelementen innerhalb des Naturgefüges aufzeigen und verdeutlichen: der achtlos liegengelassene Abfall im Wald, der sich offenbar nicht selbst kompostiert, die Anhäufung von Atommüll im Meer, die Überlebenskämpfe der so wichtigen Bienen, das Ausbringen giftiger Düngemittel, der Artenschutz, die dramatische Dezimierung der Artenvielfalt durch Vernichtung von Lebensräumen, der existierende enorme Widerspruch, ja die Schizophrenie  im Hinblick auf Fleischproduktion und -gewinnung, die mangelnde Handlungsbereitschaft in der Politik unter dem Damoklesschwert der wankenden eigenen Vorteile, die mangelnde Empathie mit anderen Lebewesen … und … und … und …

Wolfgang Oppler bringt mit seinem Gedicht Erlebnisverdichtung am Berg auf den Punkt, wie durch „industrialisierten Massentourismus“  „Generatorbetriebene Sommerbeschneiungsanlagen / für gaudi-optimierte Erlebniswelten / bei 30 Grad im Schatten“ sorgen, „Fördergelder von EU, Staaten, Bundesländern“ inklusive. Wie gut, dass Frantz Wittkamp im Kinderlyrik-Teil den Kindern mit seinem Gedicht Am Waldrand ganz unmissverständlich vermittelt, dass es wirklich noch Gegenden gibt, in denen unbeschwerter Naturgenuss und echte Erlebniswelten bei freiem Eintritt und zum Nulltarif zu haben sind – denn wer weiß schon, wie lange noch?


DAS GEDICHT 27
Das Gedicht. Zeitschrift /Jahrbuch für Lyrik, Essay und Kritik / Dichter an die Natur
Herausgegeben von Christoph Leisten und Anton G. LeitnerTaschenbuch: 192 Seiten
Anton G. Leitner Verlag, Weßling, November 2019
Deutsch, ISBN-13: 978-3929433852, 15,00 €




Gedicht des Monats Januar 2020

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 27.12.2019

Friedrich Hölderlin (1770-1843)

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.


Im Herbst 2020, wenn wir zu Ehren Hölderlins die „Poesiealbum neu“-Ausgabe 2/2020 „Poesie & Narrheit“ in Leipzig und Tübingen vorstellen werden, passt dieses großartige Gedicht natürlich sehr viel besser zur aktuellen Jahreszeit. Aber darauf wollen wir nicht warten. Das Hölderlinjahr beginnt jetzt.

Förderer und Partner

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Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

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Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.