Zwischenruf des Vorsitzenden: Spendenaktion

  • Veröffentlicht: 04.02.2019 · Zuletzt aktualisiert: 25.05.2019
Wir sind der einzige (und zudem mitgliederstärkste) Literaturverein in Leipzig, der seit 1997 alljährlich Lyrikveranstaltungen anbietet. 2019 wurden wir von jedweder Förderung durch das Kulturamt ausgeschlossen, obgleich wir Förderung für 12 ganz unterschiedliche Veranstaltungen beantragt haben (z.B. für eine Lesung mit dem Leipziger Buchpreis- und Erich-Loest-Preisträger Guntram Vesper oder eine Vernissage von Kunst politischer Gefangener).
 
Die offizielle Verlautbarung der Stadt Leipzig vom Februar d.J.:
„Für die Förderung von Projekten der freien Kunst und Kultur in Leipzig stehen insgesamt 1,5 Millionen Euro zur Verfügung. Das sind gut 58 Prozent mehr als im Vorjahr.“ 
 
Mal abgesehen davon, dass die 12 – thematisch und von ihrer Umsetzung her ganz unterschiedlich angelegten – Veranstaltungen, für die wir im Spätsommer 2018 für das Jahr 2019 Förderung beantragt haben, nicht von der 58-%igen Steigerung partizipierten, sondern bekanntermaßen als nicht förderungswürdig erachtet wurden,  müsste es eigentlich einen Aufstand der Literaturvereine in dieser Stadt geben: Insgesamt 84.500 € stellt die Stadt Leipzig für Literaturprojekte zur Verfügung von 1.500.000 €! Das sind 5,6 % !!! Hat das von den Verantwortlichen im Stadtrat und im Amt selbst schon jemand ausgerechnet?
Nur mal zum Vergleich: Für die Förderung von freien Musikprojekten stellt die Stadt Leipzig 304.200 € bereit (23,6 % des Budgets). Warum wurde dann  eigentlich in der Musikstadt Leipzig nicht wenigstens die Premiere unserer Zeitschriftenausgabe „Größe spüren. Musikgedichte“ gefördert? Auch diese Frage stellt sich.
 
Rückblick auf den 4. Februar 2019:
Nachdem wir dieser Tage erfahren mussten (aus dem Internet, eine offizielle Information bzw. Begründung erhielten wir bislang nicht), dass unser im September 2018 gestellter Antrag auf Projektförderung für 12 Veranstaltungen im Jahre 2019 vom Kulturamt Leipzig als nicht förderungswürdig erachtet wird, fiel mir spontan diese Spendenaktion ein, um die aktuellen Veranstaltungstermine einigermaßen sicherzustellen.
 
Dazu werde ich jeder/m Spender/in ab einer Spende von 12 € ein signiertes Exemplar meiner Gedichtausgabe „Ich habe die Schönheit gesehen. Liebesgedichte in vier Sprachen“ zusenden.
 
 
Übersetzer der Gedichte sind Ron Horwege (engl.), Rüdiger Fischer (franz.) und Alexander Schmidt (russ.). Gestaltet hat die limitierte Ausgabe Torsten Hanke.
 
Hier die Bankverbindung der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik:

Vereins- und Spendenkonto

IBAN: DE63 8605 5592 11 00 8010 53
SWIFT-BIC: WELADE8LXXX
Sparkasse Leipzig

Senden Sie bitte nach der Überweisung eine Mail an kontakt@lyrikgesellschaft.de mit der Angabe Ihrer Adresse und Sie erhalten das signierte Exemplar zugesandt.
 
 
Vielen Dank schon jetzt allen, die diese Aktion unterstützen.
 
 
Ralph Grüneberger
Vorsitzender
 
 
Nachtrag 1:

Die ersten Spender haben sich bereits auf meine am 5. Februar privat gestartete Aktion gemeldet und der Foto- und Videokünstler Antonius schrieb mir daraufhin folgendes:

„Lieber Ralph,

eine geradezu groteske Ablehnung der Stadt Leipzig; ein Armutszeugnis im wahrsten Sinne!

Vielleicht kann ich Dich/Euch noch in anderer Form supporten? Wir könnten jeden Spender an der Verlosung eines großformatigen Bildes (Leinen im Format 80 x 120 cm) teilnehmen lassen (Galerie-Preis 800 €).“

Die Verlosung findet statt und wird am 24. März 2019 öffentlich während der Buchmesse-Veranstaltung in der Buchhandlung „Südvorstadt“ erfolgen.

Nachtrag 2:

Wir haben fristgemäß Widerspruch gegen die Entscheidung des Kulturamtes, Posteingang 11. Februar 2019, eingelegt und können sie nach wie vor nicht nachvollziehen. Von den 6 Fachbeiräten Literatur hat sich auf Anfrage ein einziges Mitglied geäußert und meinte, wie sollten doch die „Gremienarbeit“ akzeptieren und es wäre doch ganz normal, dass man mal eine Ablehnung kassiere. Das Beiratsmitglied führt keinen Verein, sondern ein Privatunternehmen und setzt Anträge auf Förderung mit Bewerbungen um offiziellen Ausschreibungen gleich.

Zu den Mitgliedern im Fachbeirat gehört auch eines, das Arbeitnehmer bei einem Antragsteller ist. Ein weiteres Mitglied des Fachbeirates trat selbst als Antragsteller in Erscheinung und erhielt für sein Projekt 29,6 % des Budgets, das für die Anträge per 30.9.18 ausgereicht wurde. All das ist in Leipzig möglich. Ein Korrektiv könnte der neue Stadtrat sein!

Doch ungeachtet dessen sind wir als Verein froh, dass sich fast 90 literaturkundige Menschen für unser Veranstaltungsprojekt 2019 ausgesprochen haben und es finanziell mit ihrer Spende unterstützen. Das hat den Zusammenhalt der Lyrikgesellschaft, die auch auf andere Art Ausgrenzung erfahren hat (Stichwort Festivalkongress FOKUS LYRIK in Frankfurt/Main), bestärkt.

Wortmeldung: Für Vielfalt

  • Veröffentlicht: 03.12.2018 · Zuletzt aktualisiert: 18.01.2019

U.a. von der Leipziger Kulturbürgermeisterin Dr. Skadi Jennicke aufgefordert, uns der Kampagne „Die Vielen“ anzuschließen, melden wir uns zu Wort und stellen es gleichzeitig all unseren Mitgliedern anheim, sich dieser Aktion anzuschließen: Berliner Erklärung.

Die 1992 gegründete Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, der derzeit Mitglieder aus acht Ländern angehören, verpflichtet sich in ihrer Satzung „im Geist von Toleranz und Völkerverständigung“ zu agieren. Das haben wir mit unserer Arbeit immer wieder unter Beweis gestellt, sei es durch Veranstaltungsreihen von „Heimat und Fremde“ (1993-95) bis ZWIE SPRACHE (seit 2013), unsere Ausstellung „gegen den strom“, die bisher mehr als 36.000 Besucher zählt, und Veröffentlichungen der Poesiealbum neu-Themenhefte „Texte gegen Intoleranz“ (2008), „Deutschland. Gedichte“ (2009), „Deutsche Inventuren“ (2012), „Gedichte von Welt“ (2014) oder jüngst in Form der Sonderausgabe „Worthaft. Texte politischer Gefangener“ (2018) sowie bei unseren Gedichtfilmwettbewerben „Worte sind Boote“ (2012) und „Poetry Clips gegen den Krieg“ (2014) – bei denen jeweils Gedicht- bzw. Filmautor(inn)en aus verschiedenen Ländern involviert waren.

Wir setzen uns auch ganz aktuell dafür ein, dass die Freiheit der Kunst bewahrt wird. Es ist deshalb nicht nur der „Spaßmacher Ringelnatz“, zu dessen Lyrikverfilmung wir gegenwärtig in Form unseres 4. Gedichtfilmwettbewerbs anregen, sondern sein Beispiel zeigt exemplarisch, dass die Freiheit der Kunst binnen weniger Tage verloren gehen kann, sobald Ermächtigungsgesetze und Machtstrukturen dies ermöglichen.

Mit unserer für 2019 geplanten „Worthaft“-Lesetour, bei der Autorinnen und Autoren an Schulen von ihren Haftgründen und -bedingungen unter der SED-Diktatur berichten werden, verdeutlichen wir, was es bedeutet, die Meinungsfreiheit zu verlieren.

Darüber hinaus haben wir zu Beginn des Monats deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker eingeladen, sich an unserer Ausschreibung des Poesiealbum neu-Themenheftes „Heimat / Heimatverlust“ mit neuer Lyrik zu beteiligen. Gern bringen wir uns mit einer Auswahl der bisherigen und künftigen Veröffentlichungen in das Wirken „der Vielen“ ein, ohne jedoch als Organisatoren von Veranstaltungen und Aktivitäten federführend handeln zu können, dazu entbehrt es seit 2012 einer personellen Struktur.

Hier ein aktueller Artikel von Christina Sticht zum Thema „Kultur lebt von unterschiedlichen Einflüssen“ aus der nmz vom 14.01.2019.

Ralph Grüneberger im Namen des Vorstandes

Leipzig, im November 2018

Text/Hörbuch: „Wassertropfen und Seifenblase“

  • Veröffentlicht: 16.08.2018 · Zuletzt aktualisiert: 03.09.2018

Zur Unterstützung unserer gleichnamigen Ausschreibung des 4. Gedichtfilmwettbewerbs und als Angebot an Wertschätzer dieser Dichtung veröffentlichen wir das Text/Hörbuch „Joachim Ringelnatz, Wassertropfen & Seifenblase. Ausgewählte Gedichte“

Das Text-/Hörbuch enthält 39 Gedichte, 5 davon auch in englischer Übertragung von Ernest A. Seemann.

Sprecher/innen: Steffi Böttger, Johannes Gabriel, Mayjia Gille, Axel Thielmann

Idee und Auswahl: Ralph Grüneberger

Preis: 9,95 €

Lieferbar ab Ende August

Verbindliche Bestellungen nehmen wir ab sofort entgegen, richten Sie diese bitte an: kontakt@lyrikgesellschaft.de oder senden Sie eine Postkarte oder einen Brief an Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig

„Worthaft. Texte politischer Gefangener“ erschienen

  • Veröffentlicht: 10.08.2018 · Zuletzt aktualisiert: 19.09.2018

Nach „Immer schneller. Schülergedichte“ (2012) und „Gedichte von Welt. Leipzigs Partnerstädte“ (2014) erscheint mit „Worthaft. Texte politischer Gefangener“ die 3. Sonderausgabe der Zeitschrift „Poesiealbum neu„.

Sie vereint Lyrik, Liedtexte, Prosa, Publizistik sowie umfangreiche Informationen zu den 50 Autorinnen und Autoren dieser von Ralph Grüneberger ausgewählten und zusammengestellten Ausgabe.

Der Dank gilt Siegmar Faust und Lutz Rathenow für ihre vielfältigen Vorschläge und Hinweise.

Gegenstand dieser Texte sind nicht allein die Haftbedingungen und -anlässe in der Sowjetisch besetzten Zone (SBZ) bzw. der späteren DDR. Mit den Rubriken „Der Gast“ und „Klassik“ kommen auch im Deutschen Kaiserreich  und während des Nationalsozialismus verfolgte Autoren zu Wort, ebenso ein zeitgenössischer Dichter aus der Türkei.

Mit großer Trauer gedenken wir unseres am 16. September 2018 gestorbenen Mitgliedes Ulrich Schacht und ehren ihn mit der Hervorhebung seines Gedichtes aus dieser Sonderausgabe:

Ulrich Schacht (1951-2018)

 

Ein Mensch zog aus

die Wirklichkeit zu finden.

so lange –

bis er sie fand: dunkel

war sie. Fast

Nacht.

Doch die Leute lachten

und meinten,

er sähe zu schwarz!

 

Die Herrschenden aber,

die durch Spitzel

über diesen Menschen

informiert wurden,

ließen ihn verhaften.

den,

der die Wirklichkeit

gefunden hatte.

 

Als die Leute das hörten,

flüsterten sie:

Das hat dieser Narr nun davon!

Warum musste er auch so

übertreiben.

 

Gefördert wurde diese Sonderausgabe (s. ausführliche Rezension Leipziger Internetzeitung 27.08.2018) vom Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Die Autorinnen und Autoren der Sonderausgabe:


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Ringelnatz-Gedichtfilm-Wettbewerb – Start am 7. August 2018

Joachim Ringelnatz, "Urtiere", Öl/LW, 1930

  • Veröffentlicht: 06.08.2018 · Zuletzt aktualisiert: 09.11.2018

Pünktlich 135 Jahre nach dem Tag, an dem der Lyriker, Erzähler und Vortragskünstler Joachim Ringelnatz als Hans Bötticher in Wurzen geboren wurde, schreibt die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Kooperation mit der Ringelnatz-Gesellschaft in Cuxhaven , dem Ringelnatz-Museum ebendort, dem Joachim-Ringelnatz-Verein in Wurzen und dem dortigen Kulturhistorischen Museum ihren 4. und bis auf weiteres letzten Gedichtfilmwettbewerb aus.

Bildeten bei den vergangenen Wettbewerben jeweils Gedichte aus Ausgaben der Zeitschrift „Poesiealbum neu“ den Anreiz für die Verfilmung, stehen diesmal sämtliche Gedichte des 1883 in Wurzen geborenen und 1934 in Berlin gestorbenen Dichters zur Auswahl. Für die Teilnahme wird keine Teilnahmegebühr erhoben, allerdings ist eine Anmeldung per E-Mail erforderlich. Der Wettbewerb ist bis zum 15. Juli 2019 offen. Zu gewinnen gibt es …


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Gedicht des Monats Juni

  • Veröffentlicht: 01.06.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.06.2019

Karl Krolow (1915-1999)

Hinreichend

Alles ist hinreichend beschrieben –

wie es anfängt und weitergeht,

übrig bleibt

die verbrauchte Landschaft,

Einverständnis, Empfindungen,

guter Rat, zu teuer

für den, der ihn ausführt.

Alles bleibt genügend bekannt.

Ein gesundes Bild

ergibt sich nicht, das man

aus Papier schneidet

und an die Wand heftet.

Die Mängel sieht man ein

als sonderbare Vorzüge.

Phantasiegold

liegt auf der Straße.

Die Liebe ist

zum Greifen nah,

die Gegend ohne Hintergrund.

Behutsam steigt man

durch ein Gelände,

abgesteckt von denen,

die alles rechtzeitig

in Besitz nehmen.

Im Juni vor zwanzig Jahren vertarb in Darmstadt der Gründungs-Schirmherr der von Gerhard Oberlin 1992 ins Leben gerufenen Lyrikgesellschaft. Dieses Gedicht ist eines von zwanzig, die in „Der feine Gesang. Karl Krolow zu Ehren“ als besondere Edition im Sommer dieses Jahres erscheinen werden.

Charles Bukowski On Cats

Charles Bukowski, On Cats, Canongate

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 01.06.2019

Empfehlung des Monats · Juni 2019
von Philipp Röchter

Foto: privat

Der Name des in Deutschland geborenen amerikanischen Schriftstellers und Dichters Charles Bukowski (1920-1994) dürfte bei vielen Leuten ganz bestimmte Assoziationen hervorrufen: Schnell wird das Bild eines misanthropischen Alkoholikers und selbsternannten Gossenpoeten gezeichnet, der sein Leben und literarisches Schaffen dem Schreiben über gescheiterte Schicksale, die Schlechtigkeit des Menschen, die seelenzerfressende Tretmühle des Lohnsklavendaseins und überhaupt die Sinnlosigkeit und Absurdität der menschlichen Existenz im Hamsterrad eines gegen ihn und die Natur, also gegen das Leben an sich  gerichteten Systems widmete. Das alles begleitet vom über allem stehenden Dauersuff, dem häufig letzten Zufluchtsort der Protagonisten aus Bukowskis Erzählungen von gebrochenen, aber ungebeugten Lebensgeschichten voller Elend und Leidenschaft, Tod und Sehnsucht: eine Art latent dauerhafte Todessehnsucht gepaart mit einem unlöschbaren Durst nach Leben – und nach Hochprozentigem, um bei dem ganzen Wahnsinn das Gleichgewicht nicht ganz zu verlieren.

Charles Bukowski, with special thanks to Jamie Norman, Canongate, Edinburgh

Nicht wenige „Zeitgeistgeschädigte“ würden Bukowski gerade in heutigen Zeiten der als Menschenfreundlichkeit und „Zivilcourage“ getarnten zunehmenden Gesinnungsdiktatur und Unterdrückung der freien Meinung und des freien Wortes „Gedankenverbrechen“ wie Frauenfeindlichkeit, Sexismus, Rassismus etc. unterstellen. Diese zu reinen Totschlagkeulen und zum Abwürgen jeglicher non-konformistischen, nicht „politisch korrekten“ Meinungsäußerung verkommenen Worthülsen würden dem alten Herrn wahrscheinlich entspannt an der Quelle seines Fäkalhumors vorbeigehen (siehe seine zahlreichen „beer shit“-Referenzen). Es wurde auch über Bukowskis angebliches Liebäugeln mit dem Nationalsozialismus spekuliert (ähnlich wie bei Céline, einem seiner literarischen Idole und Vorbilder), was daher rührt, dass er als angehender und ziemlich bald scheiternder (weil scheitern wollender?) College-Student während der Kriegsjahre nicht in das antideutsche Horn der Mehrheit seiner Kommilitonen blies und sich durch als provozierend empfundene und mehrheitsuntaugliche Äußerungen gerne selbst ins (soziale) Abseits stellte (siehe z.B. hier: https://bukowskiforum.com/threads/was-he-really-a-nazi.17/ ).

Diese bewusste oder unbewusste Selbstsabotage ist überhaupt ein interessanter Aspekt vieler kreativ Begabter, selbiges Phänomen zieht sich auch wie ein roter Faden durch das Leben z.B. eines Townes Van Zandt. Ein meines Erachtens nach sehr sehenswerter Buchrezensent beschrieb die jungen und düsteren Jahre Bukowskis einmal als das Dasein eines Taugenichts erster Klasse (siehe hier: https://www.youtube.com/watch?v=OvHLrBzIFvo ). Wie dem auch sei, meiner Meinung nach wird bei genauerer Beschäftigung mit Bukowski klar, dass er wohl kein überzeugter Anhänger dieser oder jener Weltanschauung gewesen war – in seiner politischen Bezugnahme deckte er lediglich regelmäßig die Widersprüche und Inkonsistenzen sowie die Heucheleien und Lächerlichkeiten einzelner Akteure oder Bewegungen sowie strukturelle Fehler auf, letztlich immer auch ein Verweis auf die Absurditäten des kollektiven gesellschaftlichen Affentheaters und auf die Tragikomödie, die ein einzelnes Menschenleben häufig darstellt.

Einen nicht unerheblichen Anteil an dem öffentlichen Bild Bukowskis hat er sich sicherlich selbst zu verdanken, sei es durch Ausschmückungen des eigenen Werdegangs zum Antihelden bis hin zur Mystifizierung („The 10 Year Drunk“) oder durch öffentliche Lesungen und Auftritte, bei denen die enormen Mengen Alkohol, die er in sich hineinschüttete, ziemlich wirkungslos blieben (zu finden im Netz, siehe z.B. Youtube). Dass es auch eine andere Seite des Menschen Charles Bukowski gab, eine nachdenkliche bis stark depressive, eine zärtliche, empfindsame und sehnsüchtige, ist eigentlich hinreichend bekannt und belegt, wenn man sich die Mühe macht, über den Tellerrand der Fassade hinauszublicken. Trotzdem bleibt diese Seite viel zu oft unerwähnt. Dies wird in dem 2015 erschienenen Kurzgeschichten- und Lyriksammelband „Charles Bukowski On Cats“ einmal mehr deutlich. Dieses Werk zeigt auf 118 Seiten interessante Einblicke in Hanks Beziehung zu seinen Lieblingstieren und lebenslangen Lehrern – wie gewohnt mit der für ihn typischen Mischung aus teils tiefer Traurigkeit und selbstironischem Galgenhumor.

Die deutsche Ausgabe bei Kiepenheuer&Witsch, 2018

Das Buch ist für Bukowski-Interessierte, egal ob Einsteiger oder Fan, einen Blick wert, da es größtenteils bis dato unveröffentlichtes Material bietet. Besonders hervorzuheben sind aus meiner Sicht die Texte „when everything seems like suicide finality“ und „Manx“ – in beiden geht es um das Durchhalten und Kämpfen, während alles um einen herum schwarz und endgültig sinnlos erscheint. Katzen als Suizidprävention bzw. Lebensretter? Bukowski jedenfalls schien darauf geschworen zu haben. Überhaupt wird seine Bewunderung für diese intelligenten, eleganten, ausdauernden und dem Menschen sinngebenden Tiere in den Texten immer wieder deutlich. Der geneigte Leser dürfte das so ähnlich empfinden, da sich wohl kaum weder ein Bukowski- noch ein Katzenhasser die Sammlung zulegen wird. Hier wird auch die elementare und übersinnliche (göttliche?) Verbindung zwischen dem Schriftsteller und diesen kaum zu ergründenden Wesen deutlich: Beide (Buk-Texte und Katzen) können etwas Magisches und Lebensrettendes ausstrahlen, was auch einer der Gründe dafür sein dürfte, weshalb sie sich einer fortwährenden Beliebtheit unter vielen Menschen erfreuen.

Charles Bukowski On Cats – erschienen bei Canongate Books Ltd.; Auflage: Main (4. August 2016), 118 Seiten – ISBN: 978 1 78211 727 8

In deutscher Übersetzung erschienen bei:
Verlag: KiWi-Taschenbuch (7. September 2018) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3462051326 ISBN-13: 978-3462051322, Seiten, Originaltitel: On Cats

Größe spüren. Musikgedichte

  • Veröffentlicht: 21.05.2019 · Zuletzt aktualisiert: 21.05.2019

Ende Juni 2019 erscheint die Nr. 1/2019 unserer Zeitschrift „Poesiealbum neu“ – die zum Thema „Musik“ ausgeschrieben wurde.

Diese Ausgabe vereint auf 90 Seiten Gedichte und Liedtexte von 86 Text- und Tonautorinnen und -autoren, bekannten wie weniger bekannten. Erstmals veröffentlichen wir in unserer Zeitschrift Notenbilder einzelner Lieder und Chansons. Mehr als 450 Texte von Einsendern aus 7 Ländern lagen zu unserer Ausschreibung vor.

Gedichte bzw. Notenbilder dieser Text- und Tonautorinnen und -autoren wurden aufgenommen:

Manfred Ach

Esther Ackerman

Johanna Anderka

Ann Kathrin Ast

Michael Augustin

Otto Beatus

Heidi Bergmann

Franziska Beyer-Lallauret

Katrin Bibiella

Julia de Boor (Ps.)

Peter Bothe

Ira Karoline Bräuer

Lars-Arvid Brischke

Georg Bydlinski

Ingo Cesaro

Georg Oswald Cott

Tanja Cremer

Ulrike Diez

Katharina Düwel

Eckhard Erxleben

Patricia Falkenburg

Mateusz Gawlik

Mordechaj Gebirtig (Ps.)

Johann Wolfgang v. Goethe

Peter Gosse

Joachim Gräber

Ralph Grüneberger

Monika Hähnel

Dora Hauch (Ps.)

Sören Heim

Walter Thomas Heyn 

Gisela Hemau

Max Herrmann-Neiße (Ps.)

Raffael Hiden

Dieter Höss

Jan-Eike Hornauer

Nancy Hünger

Stefan Kabisch

Barbara Kadletz

Manfred Klenk

Charlott Ruth Kott

Gabriele Kromer

Karl Krolow

Else Lasker-Schüler

Jakob Leiner

Anton G. Leitner

Guido Luft

Wolfgang Mayer König

Olivér Meiser

Sabine Minkwitz

Peter Mitmasser

Andreas Müller

Christoph Müller

Ingrid Niegel

Klaus Nührig

Ralf Preusker

Lutz Rathenow

Rainer Rebscher

Susanne Reichard 

Andreas Reimann

Joachim Ringelnatz

Wolfgang Rinn

Wolfgang Rischer

Birgit Rivero

Franziska Röchter

Andreas-Wolfgang Rohr

Mike Rother

Friedhelm Rudolph

Silke Rudl 

Horst Samson

Maren Schönfeld

Wolfgang Schönfeld

Ulrich Schröder

Christiane Schulz

Helga Schulz Blank

Nadine Maria Schmidt

Ralph Schüller

Christiane Schwarze

Angelica Seithe

Olaf Stelmecke

Heidrun Stödtler

Gerhard A. Spiller

Dieter Treeck

Martin A. Völker

Friederike Weichselbaumer

Der Begriff Lyrik bezeichnete einst jene Verskunst, die zur „Lyra“, dem antiken Streichinstrument, interpretiert wurde. Die Texte waren also entstanden, um sie zu singen. […] Nicht zu vergessen die Wiegenlieder, die Mütter und Väter ihren Kindern vorsummen, um ihnen Geborgenheit und Wärme zu geben, auch als körperliche Erfahrung. Lyrisches führt immer tief ins Innere, in welcher Kunst auch immer.  Thomas Schinköth (aus dem Nachwort)

Veranstaltungen unserer Mitglieder / Markus Leuschner

  • Veröffentlicht: 17.05.2019 · Zuletzt aktualisiert: 24.04.2019

Markus Leuschner – Autorenlesung. Am 07.06.2019 um 19: 30 Uhr im Freya-Frahm-Haus, Strandstraße 15, Laboe: eine literarische Reise ans, ins und übers Meer mit besinnlichen und heiteren Gedichten. Eintritt frei, um Spende wird gebeten.

Ringelnatz-Wettbewerb geht in die Endphase

  • Veröffentlicht: 15.05.2019 · Zuletzt aktualisiert: 03.06.2019

Noch gut 5 Wochen Zeit! Bereits Anmeldungen aus 8 Ländern.

Gedichtfilme zur Lyrik von Ringelnatz gefragt

Nach dem Start ihres aktuellen Gedichtfilmwettbewerbs “Wassertropfen & Seifenblase“ mit Gedichten von Joachim Ringelnatz gingen bei der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik bislang Anmeldungen aus Australien, Deutschland, Großbritannien, Iran, Österreich, der Schweiz, aus Uruguay und den USA ein. Auch Schulklassen sind unter den Anmeldern.

Das Projekt, das von der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten (ALG) gefördert wird, stellt eine Kooperation mit der Ringelnatz-Gesellschaft in Cuxhaven, dem dortigen Joachim-Ringelnatz-Museum, dem Kulturhistorischen Museum Wurzen mit seiner Ringelnatz-Sammlung und dem gleichfalls in Wurzen ansässigen Joachim-Ringelnatz-Verein dar. Der Wettbewerb mit einem Preisvolumen von über 2.500 € ist noch bis zum 15. Juli 2019 ausgeschrieben. Zu den Spendern der Geld- und Sachpreise zählen die Leipziger Buchmesse und die Filmproduktionsfirma Saxonia Media. Informationen: www.lyrikgesellschaft.de

Rückfragen richten Sie bitte per E-Mail an lyrikgesellschaft@web.de

Stand: 02.06.19

Veranstaltungen unserer Mitglieder / Hans-Jörg Dost

  • Veröffentlicht: 12.05.2019 · Zuletzt aktualisiert: 16.04.2019

Was sich nicht reibt, das verkommt. Lyrik und Orgel. Hans-Jörg Dost (Dresden) liest seine Gedichte, Norbert Arendt (Radebeul) improvisiert an der Orgel. Johanneskirche Meißen (Meißner Literaturfest). Sonnabend, 8. Juni 2019, um 19.30 Uhr.

Mein Herz auf deiner Zunge

Fritz Deppert, Rückrufe. Gedichte

  • Veröffentlicht: 03.05.2019 · Zuletzt aktualisiert: 03.05.2019

Empfehlung des Monats · Mai 2019
von Rolf Birkholz

Foto: M. Gans

Sie kommen einander ganz nahe. Und doch bleibt natürlich diese gewisse Distanz zwischen Liebenden. „Bist du es noch / oder ist es schon die Nacht, die sich, / den Platz mit dir tauschend, / zu mir gelegt hat?“ So fragt das lyrische Ich in „Nachtinventar“, einem Gedicht in Fritz Depperts neuem Band „Rückrufe“. Ein Abstand bleibt, sonst wäre es keine Liebe, allenfalls Selbstliebe. Diesen immer wieder neu zu vermessen, zu erfassen, ihn für Momente emotional zu überwinden, gehört zum Beziehungsleben.

   Sich damit zu beschäftigen, zählt wiederum zu den Schreibanreizen des Dichters. 1932 geboren, hat der Darmstädter die Liebe zu seiner Frau über die Jahre häufig in Versen beschrieben. Eine Auswahl dieser zwischen 1967 und 2016 unter anderem in den Bänden „Mit Haut und Haar“, „Gegengewichte“, „Regenbögen zum Hausgebrauch“ oder „Das Schweigen der Blätter“ erschienenen Gedichte bildet den ersten Teil der „Rückrufe“.

   Hier, „Mit Haut und Haar“ betitelt, nähert sich der ehemalige Lektor und Juror des „Literarischen März“ in seinen oft einstrophigen, ungereimten, auf Wortgeklingel verzichtenden Gedichten, deren äußere Nüchternheit in Spannung steht zur inhaltlichen Gefühlsaufladung, dem Verhältnis zu seinem poetischen Objekt unter immer neuen Aspekten. Mal sieht er es märchenhaft verspielt, mal, räumlich getrennt, bei Entzugserscheinungen: „Regen fällt vergeblich, / wenn ich dir nicht sage, / es regnet“.

   „Meine Jacke hängt / an deinem Kleiderhaken“, steht genauso für vertraute Zweisamkeit wie die nächtliche Beobachtung „mein Schatten hat / die Umrisse deiner Gestalt“. Wenn sie ihn auffordert, ein Gedicht zu verfassen, schreibt er auch schon mal eines „aus der Hüfte“ wie Westernhelden schießen. Wiederholt liegt den beiden das Herz auf der Zunge. Doch anders als in der Redensart führt hier jeder das des anderen im Mund.

   „Mein Herz nahmst du mit“, heißt es deshalb im zweiten, „Klagelieder“ betitelten Teil des Buches. Bei so viel Nähe muss der Verlust groß sein, wenn die Partnerin stirbt. Das bezeugen diese seit 2017 entstandenen Gedichte. So wie einst die Nacht und ihre Nähe verschwimmen konnten ist sie nun des Nachts im Geist ganz da. Das gemeinsame Jahreszeitenzählen muss jetzt entfallen: „Ich bereite mich darauf vor, / ins Exil zu gehen hinter / Rollläden und Vorhängen / und zu warten auf / den nächsten Winter.“

   Nach einem schmerzlichen Jahr, „die Tränenkrüge sind randvoll“, hat der Autor beim Blick in den Garten auch erfahren: „Trauer bleibt / beim Anblick der Blüten / wird sie zärtlicher.“ Er begibt sich auf Spurensuche an gemeinsam bereiste Orte. Er würde sogar wie der sagenhafte Orpheus seine Eurydike aus dem Hades holen, aber „Mit den Göttern Griechenlands / hat Hades sich aufgelöst, / Unterweltflüsse / sind ausgetrocknet.“ Schließlich: „Trauer wird Melancholie.“ Nie weinerlich schreibt Fritz Deppert so über den Ernstfall der Liebe, dass der Leser teilnimmt und sich angesprochen fühlt.      Rolf Birkholz

Fritz Deppert
Fritz Deppert, Rückrufe. Gedichte

♦Fritz Deppert: Rückrufe. Gedichte. 100 Seiten. chiliverlag, Verl 2019. € 10,90.

Frank Nortens „Lyrik von Wucht“

Frank Norten, Die nicht mischbaren Farben der Freiheit

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 03.05.2019
Empfehlung des Monats · April 2019
von Franziska Röchter

Aus dem Liederbuch für Knirscher lautet das erste Kapitel in Frank Nortens neuem Lyrikband Die nicht mischbaren Farben der Freiheit. In der World of Warcraft ist Knirscher ein „Kampfhaustier“. Die freie Pokémon-Enzyklopädie PokéWiki sagt: „ Knirscher verursacht Schaden …“ Und es gibt noch die stressgeplagten, vor allem nächtlichen Zähneknirscher, die durch Entspannungsübungen wieder klar kommen sollen.

Im ersten Gedicht des Bandes, Auf Dauer blind, endet die Welt der Harmoniesüchtigen gewöhnlich an der kannibalistischen Nachbarinsel. Ob wir, ohne mit der „Geduld der Tiere“ ausgestattet zu sein, überhaupt auf diese Erde gehören, fragt das Lyrische Ich – implizierend, dass doch auch wir dieser Spezies angehören, aber eher blind sind, da täuschungswillig.

Auch das zweite Gedicht, Ich bin eine Zikade, stimmt nicht unbedingt optimistisch, schreibt sich das Lyrische Ich hier doch allerlei Eigenschaften und Umstände zu, die nicht gerade darauf hindeuten, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sein könnte:  zwar „verwöhnt“ und aus „gutem Haus“, aber eben auch „lasterhaft“, ein „Trinker“, „Müßiggänger“, „Nichtsnutz“, ein „Bombenbastler“, „Kinderschänder“, die „Monotonie des Lebens“. Die Zikade, Tarnungsspezialist und Pflanzenaussauger, ist im wahrsten Sinne des Wortes „sprunghaft“, rund 350.000 verschiedene Arten soll es geben, was rund ein Viertel aller Organismen ausmacht.

Frank Norten schreibt vom „Traum eines lächerlichen Menschen“ (Am Swimmingpool), über den – schwindenden – Glauben an „Gott“ (hier: „die Unversehrbarkeit der Seele“), über „Trümmer in den Augen“, über „Hirnfunktionen am Mittag“, den „gewöhnlichen Irrsinn“, über die Düsterkeit des Vergänglichen.  Das vom Leben „unbeeindruckbar“ gewordene Individuum, desillusioniert und immer wieder zur Flasche greifend, entspricht einer Sicht auf den Menschen, die – und hier kommt Frank Nortens persönliche Geschichte ins Spiel – sicher auch vom Berufsweg des Autors geprägt wurde, der an der Berliner Charité  Medizin studierte, nach Ablegen der Facharztprüfung für Neurologie und Psychiatrie eine Doktorarbeit über den Suizid bei Schizophrenen schrieb und lange Jahre als Arzt in einer psychiatrischen Institutsambulanz arbeitete.

Im zweiten Kapitel (Im Norden soll eine Sonne leuchten, die nicht verbrennt) verschärft sich Nortens den Leser in seine Weltsicht ziehender Ton weiter. Von Prostitution, Methadon und  Krieg handeln die Texte, vom Judentum, Auschwitz, vom Sinn des Lebens, von Flucht und Krieg, sehr frei geschrieben, um dann wieder (wie in Kyrie Eleison) in einen anderen, reimgeprägten Duktus überzuspringen:

Ich war Schilf.

Ich war ein Molekül in Meteorgestein.
Ich musste Ratte sein.

Von dort der Mensch.

Die Sonne sticht schon lange auf mich ein.

Frank Nortens Gedichte sind apokalyptisch (Die nächste Welt), beinflusst von „Jakobs Weltende“ von Jakob van Hoddis, expressionistisch bis surrealistisch, nie belanglos.

„Selten habe ich als Lektor und Verleger Lyrik von solch einer Wucht vorgelegt bekommen.“,  kündigt Michael Fischer, Verleger und Lektor der dahlemer verlagsanstalt, Nortens Lesung auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse an.
Prof. Leszek Szaruga, polnischer Dichter und Literaturwissenschaftler, spricht in einem Vorwort zu einer Ausgabe eines Gedichtband in Polen von einer „katastrophalen Tonart der Gedichte Nortens“, Charles Dobzynski in Aujourd´hui Poème, Paris 2007, vom Risiko Nortens, „scheinbar frech oder unangemessen aufzutreten“.  Möglicherweise Resultat einer jahrzehntelangen Berufstätigkeit in einem Milieu fernab sogenannter Normen und durchschnittlicher Maßstäbe. In keinem Fall langweilig.

Auf dem Cover ist der Rheinturm in Düsseldorf abgebildet, im Vordergrund eine Affenskulptur aus der mittlerweile geschlossenen Strandbar und Kult-Insel Monkey‘s Island im Düsseldorfer Medienhafen.

 „Ich habe die Vögel immer noch.

Der Hund ist gestorben.

Du und ich haben Tiere immer gemocht.“,

heißt es im Gedicht Dein Schlaf, Tochter, dessen zentraler Punkt den Leser genauso betroffen macht wie Der Esser an Deinem Tisch oder Mond heißt. Frank Norten seziert Leben, Lebensentwicklungen, Daseinszustände, Bewusstseinszustände, das Absurde, die vorbeigehenden Zeit. Er hält den Lesenden mitunter einen Spiegel vor, in dem sie ausschließlich sich selbst erkennen (Der Spiegel im Bad).

Das Lyrische Ich dokumentiert den eigenen Verfall („Was sind wir geworden?

Nur ein Heer von Trinkern.“in: Ginge es nach mir), der(„Fast alles geschieht ohne mein Zutun.“in: ebd.) für einen immerwährenden (da gedankenbefreiten) Sommer gehalten wird (Gedicht vom Trinken, Alkohol auf Erden), weil das Individuum die Anpassung an die Realität versäumt hat. Erst im letzten Gedicht (Lassen wir es darauf ankommen) ist es bereit, seine Fußsohlen den Bodenverhältnissen entsprechend (glatter Marmor) aufzurauen.

Frank Nortens Gedichte sind Ausdruck eines Suchenden in der Wirrnis einer hochkomplexen Zeit. „Alle wollen leben. / Alle haben ihren eigenen Wahn. / Redet zu uns!“ Die politischen Implikationen – nicht nur im Kapitel Das amerikanische Kreuz –sind mehr als unüberhörbar.

Frank Norten, Die nicht mischbaren Farben der Freiheit
Gedichte
dahlemer verlagsanstalt
ISBN 978-3-928832-81-6
März 2019



Gedicht des Monats Mai

  • Veröffentlicht: 01.05.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.05.2019

Volker Braun (*1939)

STEINBRECH

Wovon nährt sich dieses demütige Kraut. Welches karge

Mehl aus Tau malmt es beharrlich. Aus beinahe nichts

sintert es sein festes Grün. Es kost den Felsen und über-

wächst ihn mit hartem Fleisch. Stetig, strotzend dürf-

tig kämpft es ums Leben und darbt wie Hoffnung, und

dorrt. Und öffnet den Stein.

Quelle: Poesiealbum neu. „Steinbrech. Gedichte zu Pflanzen“, Leipzig 2017

Wir gratulieren unserem Mitglied Volker Braun auf diesem Wege herzlich zum 80. Geburtstag.

Veranstaltungen unserer Mitglieder / Jörn Sack

  • Veröffentlicht: 25.04.2019 · Zuletzt aktualisiert: 24.04.2019

15. Mai 2019, 90429 Nürnberg, Fürther Straße 244 d, Kulturwerkstatt Auf AEG, um 19.30 Uhr, Vortrag von Jörn Sack mit Bild- und Tonbeispielen bei der Gesellschaft für Kritische Philosophie Nürnberg, Thema: Die Hohenzollern als Künstlerdynastie Eintritt frei, Kontakt: WWW.gkpn.de/veranstaltungen.htm

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