Echt jetzt? Eine umfangreiche Empfehlung.

  • Veröffentlicht: 01.09.2020 · Zuletzt aktualisiert: 02.09.2020

Empfehlung des Monats · September 2020
von Ralph Grüneberger

Es ist eine Freude, dass Einzelausgaben in der Reihe „Poesiealbum“ aus dem Märkischen Verlag dem Werk einzelner Mitglieder der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik gelten, so Therese Chromik, Róža Domašcyna, Carl-Christian Elze, Christoph Kuhn, Christoph Meckel, Andreas Reimann und Christiane Schulz (Zeitraum 2010 bis 2020). Zudem fühlt man sich bestätigt, wenn die eine oder andere 2017 persönlich ausgesprochene Empfehlung in Wilhelmshorst aufgegriffen wurde, auch wenn dies stillschweigend geschah. Doch die Freude ist nicht ungetrübt. Dazu am Ende mehr. Zunächst wollen wir uns an je einem Gedicht erfreuen, das diese sieben Autorinnen und Autoren aus den Reihen der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. veröffentlicht haben. Aus urheberechtlichen Gründen ergänzen wir die sechs Gedichte aus dem jeweiligen „Poesiealbum“ mit dem Abdruck eines Gedichtes von Christoph Meckel aus unserem Auftaktheft vom Frühjahr 2007.

Christoph Meckel (1935-2020)
Smetana
23. April 1884

Jabkenice im heiteren Böhmen.
Stocktaub, das ist er schon lange.
Die Melodien zerfallen
im Tosen des leeren Gehirns,
der Silberton ist erloschen in seiner Stimme,
aber das Auge liebt noch Laub und Wasser.

Erzähle den Herren in Prag,
wie meine Seele bewegt ist.
Es war nicht in meiner Macht, es ist das Geld,
es fehlen die Gulden.
Der die Grundharmonika der Nation schuf,
aber die Herren in Prag.

Dunkel, Nässe, der Tag brach an.
Vor der Holztreppe stand der Wagen.
Dem Herrn Forstmeister rannen
Tränen über die Wangen,
als er die Decken brachte. Er saß im Wagen,
ganz geistesabwesend.
Alles weinte.

Ärztliches Gewahrsam, Staatliche Anstalt.
Die Coda ist kurz,
er kommt nicht wieder.

Quelle: Poesiealbum neu, Nr. 1/2007, Leipzig 2007
Das Gedicht ist nicht im Poesiealbum 288 enthalten.

***

Poesiealbum 307
Christiane Schulz (*1955)
Der Geist der Mirabellen

Es ist das Graubrot
das hart wird und sauer
immer härter und immer saurer
nimmt es der Mirabellenkonfitüre
das zarte Bitter das Graubrot
das wir immer schon aßen
Geliebter mit dem Geschmack
von Mirabellenkonfitüre
ehe es hart wurde das Brot
und sauer viel saurer
als das Fruchtbitter von den Mirabellen
nach dem das Küssen schmeckte
ehe es hart wurde
und sauer das Graubrot

© Christiane Schulz

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Poesiealbum 336
Andreas Reimann (*1946)
ARCHE DER DINGE

Zu paaren traben nach den kakerlaken
die autos in die arche, cola-dosen
nebst plastik-tüten und silastik-hosen.
Aus kinderzimmern kriechen gummi-kraken
behände auf das deck, recorder beaten,
um einlaß bittend. Spuckende computer
verdrängen noah hackerisch vom ruder.
Das bier büchst aus, die einweg-flaschen mieten
als deponie sich das gefähr-schiff an.

Und treibt aus einer planke auch ein reis:
Ist es gerecht, o herr, dass du uns schonst? –
Die gülle steigt. Hebt so nur ab der kahn?

O herr, verzeih mir, dass ich ahnend weis:
Die sintflut kostet viel. Und ist umsonst.

© Andreas Reimann

***

Poesiealbum 337
Therese Chromik (*1943)
Unwiderrufliches
nach Mutters Tod

Wollen Sie das Dokument
endgültig löschen?
fragt mich der Computer
als ich die Dateien auf deinem Computer
zu löschen beginne
deine Gedanken Gefühle Worte
die du gespeichert hast
ich finde sie wieder
wollen Sie das Dokument
wieder herstellen?
ja, sage ich,
immer wieder.

© Therese Chromik

                                ***

Poesiealbum 348
Christoph Kuhn (*1951)
Neuer Herbsttag
nach Rainer Maria Rilke

Herr, welche Zeit. Der Sommer ist sehr heiß.
Längst schon steht Herbst auf den Kalenderblättern.
Mit diesen Wettern stimmt‘s nicht, wie man weiß.

Nicht nur sind alle letzten Früchte voll;
so manche Pflanze zeigt noch einmal Blüten,
und andere, von weither aus dem Süden,
erbringen hierzulande bald ihr Soll.

Wer jetzt kein Haus hat mit Solaranlagen,
wer jetzt noch nicht den Strom gewechselt hat,
wird wachen, fernsehn, lange skypen, statt
nach dem Warum und dem Wohin zu fragen;
die Antwort steht auf einem andern Blatt.

© Christoph Kuhn
(Erstveröffentlicht in Poesiealbum neu 1/2017)

***

Poesiealbum 353
Carl-Christian Elze (*1974)

vor 13.8 milliarden jahren, im ersten milliardstel eines
milliardstels eines milliardstels einer milliardstel sekunde
blähte sich unser universum um das zehn-billionen-
billionen-fache auf: von subatomaren dimensionen
zu der größe eines fußballs, so sagt man im april
des jahres 2014. in diesen urknallball war unsere liebe
schon eingraviert, aber vorher noch sonnen
planeten und monde, das ganze schwerkraftding
musste sich einschaukeln, liebes, das dauert ein bisschen.
auch unsere kugel, aus sternenstaub zusammengepappt
war nicht gleich fest; doch irgendwann zellen
unter wasser: einzelne, tänzelnde, noch unsterbliche
gebilde, ewige teilungen, plasmaeinschnürungen:
aus eins wird zwei ohne rest. erst später zusammenkünfte
vielzellereien, die erfindung der leiche: volvox
die kugelalge, muss als erste dran glauben
ihr körper gesprengt bei der geburt ihrer töchter.
überall leichen! – aber pflanzen behalten immer die
nerven, liebes, nicht wahr .. ganz anders als wir.
überhaupt PFLANZEN! ohne sie keine liebe.
wie göttliche diener verschenken sie zucker und luft.
tiere erscheinen: fische und saurier, mollusken
und vögel, kiemen und lungen, die erste milch
die aus den zitzen tropft, die ersten säuger:
unauffällige kleingewachsene, huschende objekte …
und auch wir mussten erst in form gebracht werden
liebes: affen und menschen, milliarden von
menschen, lucy und ötzi, immer wieder zerlegt
nach wenigen jahren von bakterien und pilzen
(in einer handvoll erde oder in deinem wunderschön
geschwungenen mund leben mehr bakterien
als jemals menschen auf dieser welt herumspaziert
sind, so sagt man im april des jahres 2014)
schließlich wir: mit großen gehirnen, kaum fell
trinken milch und wachsen heran, fast ohne instinkte:
wir lernen und lernen, überleben und finden
uns schließlich, erkennen uns schließlich
mitten in der nacht, auf einer straße in
münchen, unter zerschossenen laternen
und fühlen uns plötzlich – unerklärlicherweise
albernerweise – unzerstörbar und lachen
und unser lachen rast um die sonne, du weißt schon
wie wahnsinniger, glücklicher staub …

© diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde.
Gedichte. Verlagshaus Berlin 2016 (2., überarbeitete Auflage 2019).

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Poesiealbum 354
Róža Domašcyna (*1951)
Triangel regional III. Für O. P.

ja du ha du
gehst einkoofwatsch holwatsch schejdwatsch
schakata schaka scheckiger schäker
armbanduhjurij adapeter afrodyter alles
allez!
loses losyski los im moos
bloß und an dann animaliski
poetiski ritki a titki zuletzt besetzt vonner
altliebe walt siebe und nudelbretter halt
hiebe hriby griby die husch kusch
in deinem bett brett net
klimmt klimbora klimperklein 
daliegt und daliebt da du ducy dale mich
Milena Minna Mirjam naschest nasch
ich dich tebje gebe
fajna frejna frohen freier frei 
ei ein zögling hering harjenk der hängt
an der decke der strecke der flecke ich recke
meine seine reine lust mußt
das nicht nennen bekennen
moje boje pupille pille und das was ich faß allas!
verlassen
sattle mir hippe und hille stoj auf zur quadrille
zwirn zu die mantille
näh dich ein rein mein stier jetzt
tschier das joj –
wie die spodki und schpotki das einkoofwane
und namolwane das verneinwane und vereiswane
fortfliegt und daliegt biegt und rügt das
ganze und stanze und tanze poj!
Juan Joan Johann Jan
in den armen der Carmen erbarmen
hamende alarmen
am ende hamjen
amen

© Róža Domašcyna


Nun leider zum Unerfreulichen, denn die Wahrheit stellt sich nicht von selber ein:

Die im Herbst 2007 vom Leiter des Kleinverlages, Dr. Klaus-Peter Anders, in Wilhelmshorst begonnene Fortsetzung der 40 Jahre zuvor im Verlag Neues Leben entstandenen Lyrikreihe „Poesiealbum“ ist immer wieder ins Zwielicht geraten. Auf den Ur-Herausgeber Bernd Jentzsch folgte schon nach extrem kurzer Zeit Richard Pietraß, der nach Jentzsch überdies die Reihe in den Endsiebzigern im Verlag Neues Leben betreut hatte, um dann ebenfalls die Zusammenarbeit mit dem Märkischen Verlag aufzukündigen. Als mir gegenüber zwei Autorinnen und ein Herausgeber hinsichtlich des schlechten Stils des Kleinverlegers Anders den Wunsch geäußert haben, ich solle doch als Initiator des „Poesiealbum neu“ auch die Reihe der Einzelhefte übernehmen, war das natürlich schmeichelhaft, wenn auch kaum überraschend, hatte ich doch selbst meine Erfahrung mit Herrn Dr. Anders gemacht, der noch 2015 das „Poesiealbum neu“ als „Vereinszeitschrift“ diskreditierte. Ein solches Ansinnen, wie es die Betroffenen äußerten, bedeutet natürlich eine Würdigung der 2005 von mir initiierten Gründung der Zeitschrift „Poesiealbum neu“, allerdings widerspräche die Umsetzung dem Satzungslatein eines gemeinnützigen Vereins, der für das prononcierte Herausheben Einzelner keinerlei Eigenmittel verwenden darf.

Bernd Jentzsch und Ralph Grüneberger – mit den beiden ersten Ausgabe des „Poesiealbum neu“ im Herbst 2007
Foto: Jörn Schinkel

Im Herbst 2007, als Bernd Jentzsch, den wir bereits vor der Redaktion der ersten Ausgabe im Jahre 2006 in Kenntnis der Gründung unserer Zeitschrift „Poesiealbum neu“ setzten, stolz die im Märkischen Verlag erschienene Nummer 277 mit Gedichten Peter Huchels in einer Veranstaltung (und mit Vergütung) der Lyrikgesellschaft präsentierte, standen wir vor einem Dilemma. Der Verlag Neues Leben Berlin, nach 1990 Teil der Eulenspiegel Verlagsgruppe, der uns 2006 die Erlaubnis erteilt hatte, das tradierte Erscheinungsbild für unsere Zeitschrift verwenden zu dürfen, ließ uns wissen, dass diese Erlaubnis nicht zweimal vergeben werden könne, und empfahl uns, eine Einigung mit dem Märkischen Verlag Wilhelmshorst herbeizuführen. Keine Frage, dass wir das versucht haben. Natürlich hätten wir als Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik darauf bestehen können, dass wir allein das Äußere des „Poesiealbum“ fortführen und eine dementsprechende Unterlassungsklage herbeiführen können. Aber das hätte nicht nur unserem Ansehen, sondern auch der Gattung selbst geschadet. Gute Lyrik kann es nicht genug geben. Somit formulierte ich im Einvernehmen mit Herrn Dr. Anders eine Presse-Information, um beide Reihen, die sich im Grunde nicht im Wege standen und zudem ihre Wurzeln im System der Edition haben, gemeinsam zu bewerben. Da das Netz nichts vergisst, lässt sich auch heute noch auf die von mir verfasste Pressemeldung verweisen: https://lyrikzeitung.com/2007/11/04/39-poesiealbum-und-poesiealbum-neu-2/

Dass wir dann wenig später von Dr. Klaus-Peter Anders vehement enttäuscht wurden, indem er einerseits in allen Interviews, die Kenner der traditionellen Lyrikreihe mit ihm führten, uns als tatsächliche Wiedererwecker der Reihe schlichtweg unterschlug, und andererseits einzig Interesse an den Adressen unserer Abonnenten zeigte, war der Beginn einer Missachtung, die u.a. darin mündete, dass die 2007 manifestierte Aufgabenteilung –  wir die Ausgaben mit Anthologie-, der Märkische Verlag die mit dem Solo-Charakter – ohne Abstimmung unterlaufen wurde und im Mantel des „Poesiealbum“ eine Anthologie „Gedichte aus Neuseeland“ erschien, der kurz darauf eine mit „Gedichte[n] aus Finnland“ folgte. Gab es bis etwa 2009 noch die von einer Enthusiastin privat betriebene Poesiealbum-Domain, die die gesamte Entwicklung aufzeigte, d.h. sowohl die Ausgaben des „Poesiealbum neu“ (2007 ff) als auch des „Poesiealbum“ (seit 1967 und ab Nr. 277 bis dato), übernahm Kleinverleger Anders diese Domain und stutzte sie auf sein Blickfeld zurecht. Doch dessen nicht genug. In seiner stoischen Art wurde und wird er nicht müde, die Tatsachen zu verdrehen. Vor gar nicht langer Zeit nutzte er den persönlichen Kontakt zu einem seiner „Poesiealbum“-Autoren und gab diesem auf den Weg, er möge uns doch bitteschön nahezulegen, auf den Titel und das Äußere unserer Zeitschrift zu verzichten. Zum anderen ist Herr Dr.  Anders dreist genug, um die in seinem Verlag von wechselnden Herausgebern editierte Reihe als „die ECHTE“ zu besiegeln. So, als hätte es die Anthologien, die als Sonderhefte in jährlicher Folge vor knapp 50 Jahren (!) im Zusammenhang mit den Poetenseminaren der Freien Deutschen Jugend das erste Mal erschienen sind, nie gegeben. Das „Poesiealbum neu“ ist an diesen Anthologien geschult, das ist nicht zu übersehen, auch wenn die Redaktion bereits mit der 3. Ausgabe (2008) den Kreis der einbezogenen Autorinnen und Autoren auch auf Nichtmitglieder der GZL erweitert hat und einzelne Rubriken (das Interview 7 Fragen zur Lyrik, Der Gast, Klassik, Fundstück) dazugekommen sind.

Poeseialbum neu: Konsum & Kommerz. Foto: Karin Lichtenberger-Eberling

Desweiteren entstanden Ausgaben mit Notaten, Sonderausgaben mit Gedichten von Schülerinnen und Schülern nach einem Gedichtwettbewerb, vereinten wir Autorinnen und Autoren aus Leipzigs Partnerstädten, zu denen Literaturnobelpreisträger gehören, oder trafen eine Auswahl an Texten politischer Gefangener. Ist das alles „unecht“?

Eigentlich sollte man sich daran erheitern können, wenn die Irreführung des Herrn Dr. Anders nicht so erfolgreich wäre und selbst einer der hier Präsentierten, der voller Vorfreude das Erscheinen seines „Poesiealbum“ per Rundmail bewarb, unbekümmert die Darstellung des Märkischen Verlages verbreitete: „Die Lyrikreihe, begründet von Bernd Jentzsch, erschien in der DDR monatlich zwischen 1967 und 1990 im Verlag Neues Leben Berlin und war eine preiswerte Möglichkeit, Poesie deutscher und internationaler Lyriker kennenzulernen. Dann folgten 17 Jahre Pause. Im Herbst 2007 belebte dann der Märkische Verlag, ansässig in Wilhelmshorst, zusammen mit dem Begründer der Reihe Jentzsch das Poesiealbum wieder.“ Tja, wie ist das mit der Erinnerungs-Pause, wann wird sie zur Gedächtnislücke? In einer von Dritten geförderten Reihe innerhalb des „Poesiealbum“ geht der Märkische Verlag „gegen das Vergessen“ an. Wir auch.

Ralph Grüneberger, Initiator und Herausgeber des „Poesiealbum neu“, von ihm erschien 1984 das „Poesiealbum 198“ im Verlag Neues Leben Berlin

Im Zeitraum 1. September bis 31. Dezember 2020 zeigt die GZL in ihrem LYRIK-SCHAUFENSTER im Haus des Buches (1. Etage) diese Ausgaben und einige mehr: „Das Poesiealbum und das Poesiealbum neu – beide in Echtzeit“

Die Empfehlung des Monats ist ein kostenfreier Service der GZL. Die eigenverantwortlichen Beiträge der Autorinnen und Autoren können, aber müssen nicht die Meinung des Vorstandes wiedergeben.





Poesiealbum neu-Preis 2020 vergeben

  • Veröffentlicht: 27.07.2020 · Zuletzt aktualisiert: 28.07.2020

Die Leipzigerin Dora Hauch (Ps.) wurde anlässlich der „Leipziger Dichterlese“ am vergangenen Sonntag, dem 26. Juli 2020, bei einer Veranstaltung der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. im Schillerhaus mit dem Poesiealbum neu-Preis 2020 ausgezeichnet.

Der Erste Vorsitzende der Lyrikgesellschaft Ralph Grüneberger verlas die Begründung der Jury, die Dr. Therese Chromik, Dr. Wolfgang Braune-Steininger und Klaus Pankow bilden und die aus den beiden Ausgaben der Zeitschrift „Poesiealbum neu“ des Jahrgang 2019 das ihrer Meinung nach beste Gedicht auswählten, und übergab den Preis an die Gewinnerin.

Dora Hauch trägt ihr Gedicht jazzimprovisation vor

Der Preis, eine Edelfeder aus Sterlingsilber, versehen mit der namentlichen Gravur der Preisträgerin, den die Waldmann KG in Birkenfeld großzügiger Weise erneut als Sachspende dem Verein zur Verfügung gestellt hat, sollte eigentlich bereits am 14. März 2020 während der Leipziger Buchmesse der Autorin übergeben werden, was coronabedingt nun erst mehr als vier Monate später stattfinden konnte.

Bisherige Preisträger sind:

2017: Erica Natale aus Bielefeld
2018: Andreas Reimann aus Leipzig
2019: Peter Frömmig aus Marbach am Neckar

Fotografien: Gustav Franz, Leipzig

Verlängert bis 30. September d.J. (Poststempel)! – Lyrik in Bewegung. Gedichte zur Automobilität gesucht

  • Veröffentlicht: 23.03.2020 · Zuletzt aktualisiert: 22.08.2020

Ausschreibung für die Ausgabe 1/2021 des Poesiealbum neu

Das Auto als Fetisch oder als fahrbaren Untersatz. Am Automobil, das Jahrzehnte als Symbol für Wertarbeit, Ingenieursleistung, Selbstbestimmung und Wohlstands galt, scheiden sich heute die Geister. In der Stadt ist es im Weg, auf dem Land erschließt es den Weg. Wie kein anderes Fortbewegungsmittel trennt das Automobil unsere Gesellschaft. Für Gewalttäter wird es zur Waffe, sei es auf dem Weihnachtsmarkt oder beim Karnevalsumzug, für politisch motivierte Kriminelle zum Objekt der Zerstörung und Brandstiftung.

In der alten Bundesrepublik galt lange Zeit der Grundsatz Freie Fahrt für freie Bürger! Eine Verheißung, die nach dem 1. Juli 1990 nicht wenige der Neuwestdeutschen im Osten zu Käufen von Schrottlauben veranlasst hat. Im Einklang mit dem Einzug von Autohäusern verhalf der Aufschwung Ost dann auch zu den tempofreundlichen Straßenverhältnissen und erzeugte den Neid der Brüder & Schwestern, deren Fahrwege nicht die neue Glätte aufwiesen. Inzwischen allerdings sind platzgreifende Privatfahrzeuge zunehmend verpönt. Kirchgemeinden rufen zum Autofasten auf. Schulkinder wenden sich nicht nur freitags von ihren motorisierten Eltern ab und radeln plötzlich zum Klavierunterricht oder zur Tennisstunde. Gerade noch bis zum Reiterhof vor der Stadt lassen sie sich im Familiengefährt kutschieren. Auf dem Weg zur Nachhilfe  wollen manche von ihnen den Geschwindigkeitsrausch mit dem Fahrrad erleben – ohne Rücksicht auf Verluste.

Wie automobil sind Autorinnen und Autoren? Auch das soll das Themenheft beantworten. Sitzen sie hinterm Lenkrad oder nur vor dem Schreibtisch und betrachten vom sogenannten Elfenbeinturm aus die Blechlawine? Nehmen sie Entfernungen mit dem Taxi wie einst Erich Kästner oder sitzen sie in der Tram oder im ICE oder gehören sie zu den neuen E-Rollerfahrern, die Kladde mit ihren Texten im Rucksack oder schon gespeichert auf dem Tablet? Welche Zukunft hat die selbstbestimmte Mobilität? Geht im E-Mobil der Fahrzeug-Sound verloren und muss akustisch eingespielt werden?

Verbindungen von Dichtern und Autos sind legendär. Gertrude Stein warb für den Ford. Edgar Wallace erschrieb sich einen Rolls-Roys. Hermann Hesse posierte gern vor seinem Mercedes. Ebenfalls zu denken ist an Bertolt Brecht, der für einen Vierzeiler mit einem Automobil belohnt wurde und nach einem Unfall damit in einem weiteren Vierzeiler die Überlebenschancen lobte und ein neues erhielt. Tragisch endete das Leben von Rolf Dieter Brinkmann, der Hymnen auf das Automobil verfasste und dem ausgerechnet in London der Linksverkehr zum Verhängnis wurde, als ihn ein Taxi überfuhr und tödlich verletzte. Passend zur Aufnahmefähigkeit eines Autofahrers äußerte er sich in dem Band »Die Piloten« (1968) über das Gedichteschreiben: »Ich denke, dass das Gedicht die geeignetste Form ist, spontan erfaßte Vorgänge und Bewegungen, eine nur in einem Augenblick sich deutlich zeigende Empfindlichkeit konkret als snap-shot festzuhalten.« Ums Festhalten von Sprache in dieser rasenden Zeit soll es uns gehen. Wie beweglich sind wir im Kopf und auf der Straße?

Im Zeitraum 15. März 2020 bis 31. August 2020 (Poststempel) laden wir ein, sich mit bis zu drei Gedichten an unserer Ausschreibung zu beteiligen.

Stand: Ende Februar 2020

Wie passend in Corona-Zeiten der Immobilität, könnte man meinen – aber das Thema könnte auch Sehnsüchte wecken und das, was bisher selbstverständlich erschien, auf den Prüfstand stellen.

Auf dem Postweg können bis zu drei, möglichst bislang unveröffentlichte Gedichte in deutscher Sprache und in 2-facher Ausführung auf je einer eigenen DIN A4-Seite eingereicht werden. Unaufgeforderte Zusendungen per E-Mail werden nicht geöffnet! Die Gedichte sollten eine Gesamtlänge von 35 Zeilen (inklusive Titel, Verfassername, Leerzeilen) nicht überschreiten und dem Layout unserer Zeitschrift entsprechen (Achtung: Zeilenlänge beachten!).

Hinzuzufügen sind eine Kurzvita plus aktueller E-Mail-Adresse, die Erklärung, dass der kostenfreie Abdruck erlaubt wird, und die Zustimmung, dass die persönlichen Daten, die allein für den Zweck der Kommunikation und Registration Verwendung finden und keinesfalls an Dritte weitergegeben werden, gespeichert und für eine Veröffentlichung (Ankündigung) auf unserer Webseite verwendet werden dürfen.

Verzichten Sie bitte auf Einsendungen per Einschreiben; wir haben nicht die Kapazität, diese vom Postamt abzuholen.

Kommt ein Gedicht für die Veröffentlichung in Betracht, setzt sich das »Poesiealbum neu«-Team mit der Autorin/dem Autor in Verbindung. Rückfragen oder Stellungnahmen zu den Einsendungen können nicht beantwortet bzw. geleistet werden. Sobald der Drucksatz abgeschlossen ist, werden auf der Webseite der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik die Namen der Autorinnen und Autoren veröffentlicht, deren Text in die Ausgabe zum Themenkomplex »Lyrik in Bewegung. Gedichte zur Automobilität« Aufnahme fand. Mit ihrer/seiner Beteiligung an der Ausschreibung stimmt die Einsenderin/der Einsender diesem Verfahren ausdrücklich zu.

Jeder Autorin, jeder Autor des Heftes erhält ein Freiexemplar und nimmt mit ihrem/seinem unveröffentlichten Gedicht an der Auswahl für den »Poesiealbum neu«-Preis 2022 teil, der das beste Gedicht des Jahrgangs 2021 prämiert.

Im 14. Jahr des Erscheinens der Zeitschrift »Poesiealbum neu« verlosen wir unter den ersten 14 Einsendern ein Exemplar von »… und habe ich mir denn ein Auto angeschafft. Schriftsteller und Automobile«, ein Text-Foto-Band von Ulf Geyersbach, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 2006.

»Poesiealbum neu«, gegründet 2006, erscheint seit 2007

Zeitschrift der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. (GZL), erscheint halbjährlich; Preis 16 € p.a. (Inland), inkl. Versand; Preis für Ausland auf Anfrage

Ein Probeabo (2 Ausgaben – ohne Kündigung) kostet im Inland 18 €; Preis für Ausland auf Anfrage

Mitglieder der GZL erhalten eine Ermäßigung, ebenso Öffentliche Bibliotheken und Schulbibliotheken.

Aktion: die ersten 5 Neuabonnenten erhalten die Lieder-CD »Hinterm Mond« von Stellmäcke als Geschenk dazu, allen anderen Neuabonnenten schenken wir ein Exemplare einer früheren Ausgabe des »Poesiealbum neu« mit der 1. Lieferung. Es besteht kein Rechtsanspruch, die Auswahl erfolgt nach Eingang.

Bestellungen richten Sie bitte schriftlich an: Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V., Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig / kontakt@lyrikgesellschaft.de

Heimat & Heimatverlust – ist im März 2020 erschienen und ab sofort lieferbar

  • Veröffentlicht: 05.02.2020 · Zuletzt aktualisiert: 24.03.2020

Nachdem uns mehrere hundert Zuschriften aus 10 Ländern erreichten, die vier pralle Ordner füllten, ist die Auswahl getroffen. Statt des eigentliches Heftes mit 32 Seiten erscheint wiederum ein Doppelheft, das die Gedichte von 83 Autorinnen und Autoren vereint. Im Einklang mit den drei Fundstücken von Max Hermann-Neiße (1886-1941), Mascha Kaléko (1907-1975) und Ernst Schulze (1789-1817) kommen – neben zahlreichen bereits bekannten – auch viele weniger bekannte Autorinnen und Autoren zu Wort. Die Spanne reicht vom Jahrgang 1933 bis zum Jahrgang 1998.

Die Autorinnen und Autoren der Ausgabe 1/2020 des Poesiealbum neu:

Sabine Abt

Manfred Ach

Bettina Ambühl-Honegger

Johanna Anderka

Michael Augustin

Marianne Beese

Eva-Maria Berg

Franziska Beyer-Lallauret

Barbara Biegel

Marlies Blauth

Detlev Block

Rosa Both

Hans Dietrich Bruhn

Oliver Bruskolini

Ingo Cesaro

Tetyana Dagovych

Herta Dietrich

Ulrike Diez

Lina Duppel

Rumiana Ebert

Faten El-Dabbas

Patricia Falkenburg

Barbara Finke-Heinrich

Beate Fischer

Ingrid Gorr

Joachim Gräber

Dora Hauch

Kerstin Hensel

Max Herrmann-Neiße  

Jan-Eike Hornauer

Nikola Huppertz

Regina Jarisch

Mascha Kaléko

Stefanie Kemper

Manfred Klenk

Michael Koch

Stephan Krawczyk

Anton G. Leitner

Eva Lübbe

Hans-Hermann Mahnken

Salean A. Maiwald

Wolfgang Mayer König

Renate Meier

Karola Meling

Manfred Moll

Klaus Nührig

B.S. Orthau  

Tobias Pagel

Ursula Pickener

Claudia Pistilli

Helga Rahn

Lutz Rathenow

Andreas Reimann

Helmut Richter

Marianne Rieger

Wolfgang Rischer

Andreas-W. Rohr

Jan Hendrik Rübel

Sonja Ruf

Jörn Sack

Laura Schiele

André Schinkel

Ulrich Schröder

Christiane Schulz

Marlene Schulz

Helga Schulz Blank

Ernst Schulze

Christiane Schwarze

Thomas Sobczyk

Ju Sobing

Werner Somplatzki

Werner Stangl

Christine Steindorfer

Stellmäcke

Carsten Stephan

Wolfgang Stock

Heidrun Stödtler

Bernd Storz

Rüdiger  Stüwe

Dietmar Thate

Ruth Werfel

Katja Winkler

Waltraud Zechmeister

Preis des Heftes 6,50 EUR, Umfang 76 S.

Titelbild nach einem Gemälde von Titus Schade

© VG Bild-Kunst

Am 24. März 2020 erschien in der Leipziger Internetzeitung diese Rezension: https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2020/03/Heimat-Heimatverlust-Poesiealbum-neu-versammelt-zuweilen-sehr-ironische-Texte-zum-Thema-Lebensort-und-Sehnsuchtsraum-322977

Poesiealbum neu: New York-Gedichte erschienen

  • Veröffentlicht: 22.12.2019 · Zuletzt aktualisiert: 26.02.2020

Als Nummer 2/2019 unserer Zeitschrift „Poesiealbum neu“ haben wir zum Ende des Jahres unter dem Titel „Hauptstadt der Sehnsucht“ Gedichte zur Megametropole auf dem nordamerikanischen Kontinent veröffentlicht. Erstmals wurde in eine Ausgabe des „Poesiealbum neu“ ein Fotozyklus aufgenommen. Der Berliner Fotokünstler Antonius, der Kontakt zur Lyrikgesellschaft seit seinem Gewinn beim Gedichtfilmwettbewerb „Tugenden & Sünden“ hält (hier erhielt er mit der Edelfeder der Waldmann KG den Preis für die besondere Handschrift), ist ein Kenner dieser Weltstadt und bietet dem Betrachter Blickwinkel fern der touristischen Abziehbilder.

„Hauptstadt der Sehnsucht. New York-Gedichte und Fotografien“ umfasst 82 Seiten und kostet 8,70 € und ist ab sofort über die E-Mail-Adresse der GZL kontakt@lyrikgesellschaft.de bestellbar, die Auslieferung erfolgt zu Beginn des neuen Jahres. Eine ausführlich Rezension der Ausgabe findet sich in der Leipziger Internetzeitung vom 26.12.2019. Eine weitere Besprechung erschien auf FIXPOETRY Wir reden über Literatur.

Die Ausgabe 2/2019 enthält Gedichte und einige Übersetzungen ins Amerikanische von

Johanna Anderka

Michael Augustin

Eva-Maria Berg

Heidi Bergmann

Hartmut Brie

Ingo Cesaro

Ulrike Diez

Siegmar Faust

Julietta Fix

Peter Frömmig

Christine Graf

Ralph Grüneberger

Gisela Hemau

Dieter Höss

Ron Horwege

Nikola Huppertz

Yehuda Hyman

Christine Kappe

Paul Alfred Kleinert

Stephan Krawczyk

Gabriele Kromer

Augusta Laar

Joanna Lisiak

Salean A. Maiwald

Wolfgang Mayer König

Walter Neumann

Undine Marion Pelny

Utz Rachowski

Jörg Seifert

Gabriele Stötzer

Daniel Stojek

Monika Taubitz

Holger Teschke

Martin A. Völker

Eine auf 20 Exemplare limitierte Sonderausgabe, die von Ralph Grüneberger und Antonius signiert wurde, enthält eine DVD des gemeinsamen Gedichtfilms „12. September“ sowie einen von Antonius signierten Metall-Fotoprint (Format 20 x 30 cm) und kostet 55,55 €. Die Einnahmen sollen dabei helfen, 2020 eine Präsentation dieser Ausgabe zu finanzieren. Verbindliche Bestellungen bitte ebenfalls an kontakt@lyrikgesellschaft.de richten.

Gedicht des Monats September 2020

  • Veröffentlicht: 01.09.2020 · Zuletzt aktualisiert: 31.08.2020

Eva Lübbe (*1950)
Schneeglöckchen

Zarte Spitzen
treibst Du aus frostigem Boden hervor.

Willst Du Dein Weiß
am Weiß des Schnees messen?

Erste Sonnenstrahlen helfen Dir.
Wie einen winzigen Schirm
spannst Du Dein Glöckchen auf

und läutest im Chor Deiner Schwestern
leise den Frühling ein.


Wir gratulieren unserem Mitglied auf diesem Wege herzlich zum
runden Geburtstag und wünschen Dr. Eva Lübbe noch viele Frühlinge.

Quelle: Poesiealbum neu
Steinbrech. Gedichte zu Pflanzen
Leipzig 2017

Ralph Schüller: Danke. Schade – Gestaltungen als „Fortführung der Poesie im Bildnerischen“

  • Veröffentlicht: 01.08.2020 · Zuletzt aktualisiert: 01.08.2020

Empfehlung des Monats · August 2020
von Franziska Röchter

Das ist auch gewagt, mitten in einer in Dauer und Ausmaß nicht absehbaren pandemischen Krise ein kompaktes Doppelalbum herauszubringen, in Zeiten, wo der Launch cineastischer Pre-Bestseller vorsorglich um mehr als ein halbes Jahr verschoben wird, damit es „sich lohnt“.  In Zeiten, wo es flächendeckend  schlecht steht um (Klein-)Künstler, deren Kunst auch Einnahmequelle sein muss. Das macht den auch in der Realität sehr sympathisch-unprätentiösen Künstler Ralph Schüller, studierter Maler und Grafiker der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (man merkt es seinen selbstgestalteten Musik- und Bucherzeugnissen an),  noch etwas sympathischer, wenn die Kunst ohne Kalkül dann heraus muss, wenn sie reif ist. Es ist – „Danke. Schade“ – die 5. musikalische Produktion dieses vielseitig Schaffenden, die erste Doppel-CD im Digi-Pack, und sie besticht – wie auch ihre Vorgänger – schon rein optisch durch ein hohes Maß an Eigenwilligkeit; ohne es verbal festzuzurren: Das Cover ist einfach klasse und spiegelt im Bildnerischen das Aufeinandertreffen unterschiedlichster Stilmixe und Einflüsse wider. Dass die enorme instrumentelle Bandbreite (Akustik-Gitarre, E-Gitarre, Dobro, Mundharmonika, Akkordeon, Metallophon, Schlagzeug, Percussion, Bass, Trompete, Akkordeon, Wörlitzer Piano, Orgel, Violine, Ukulele, Posaune, Banjo …) beim Release-Konzert am 02.07 in der Leipziger „dieNato“ unter Corona-Bedingungen (nur 25 Zuschauer waren zugelassen, nur jeweils 5 Musiker durften zeitgleich auf die Bühne) live etwas gedämpft und zurückgenommen werden musste, macht es umso notwendiger für jeden Musikliebhaber, sich nicht auf den schnellen YouTube-Mitschnitt zu verlassen, sondern für die klangliche Fülle mit kammerorchesterähnlichem Ausmaß  – und hier ist nicht von aufgepimpten, krass getunten Klangkörpern und nachbearbeiten Sounds und Volumes die Rede, ich glaube, das fände Ralph Schüller viel zu unehrlich – diese Doppel-CD als Gesamtkunstwerk zu erstehen und mit guten Kopfhörern entspannt zurückgelehnt zu genießen und das künstlerisch gestaltete Booklet anzuschauen.

Auf Schüllers Musikerhomepage ist zu lesen, woher seine vielfältigen Einflüsse kommen, da ist u.a.  die Rede „von südamerikanischer Gitarre, Heavy Metal, Udo Jürgens und Schmidtchen Schleicher … Folk und Hip Hop, Dylan, Waits, die Pogues, einfach alles …“. Und stünde es dort nicht, der geneigte Zuhörer käme an dieser oder jener Stelle wahrscheinlich selbst drauf, würde an andere Allround- (oder Welt)musiker erinnert, die mit ihrer musikalischen Vielseitigkeit das lauschende Ohr geprägt haben …

Dass eine Produktion mit dem Titel „Danke“ beginnt, sagt einiges aus über den Künstler, bei dem das Positive an vorderer Stelle zu stehen scheint. Zuviel Meckerer und Miesepeter gibt es schon im Lande, zu viele, die kritisieren, kritisieren, kritisieren, und hier sagt endlich mal jemand, dass es auch Grund genug gibt, dankbar zu sein. Anstatt zu bejammern, dass die Geliebte gehen muss, bittet der Künstler in einer Hookline darum, sich die positiven Momente im Schlaf bewahren zu können: „Danke, danke, danke, bitte weck mich nicht, bevor du gehst“.
Auch der 2. Titel, „Es ist gut“, stellt zunächst das Positive in den Vordergrund:

Es ist gut, dass du dich sorgst  
und den Mund öffnest
und dich regst und dich regst
und dich regst

Es ist gut, dass du Wut hast
und dich im Ton vergreifst
und dich bewegst und dich bewegst
und dich bewegst

Dass all diese Wut und Verbalausbrüche mangels Kreatitivät im Nichts verpuffen, wenn nichts Neues entgegengesetzt wird („Aber wo ist deine Idee?“) und wenn keine Aktivität folgt („Wo warst du, als es schien / etwas Bess’res zu schaffen / Anstatt zu meckern den lieben langen Tag“), dass letztendlich durch Sprache Gewalt entstehen kann in einem „verdammten Niemandsland“, zeigt Ralph Schüller mittels krawallfreier Benutzung sehr unschöner Wörter (im CD Booklet schwarz gefärbt, auf der CD ausgesprochen) und verdeutlicht den teilweise gesellschaftspolitischen Impetus seiner Lieder, die musikalisch so schön daherkommen. Schüllers fundiert handgemachte Lieder erschöpfen sich eben nicht nur in romantischer, selbstreferentieller Beziehungstümelei so mancher gemainstreamter und von der Musikindustrie „gemachter“ Liedermacher, sondern bieten einfach mehr Tiefe, mehr Inhalt, mehr Poesie, mehr Anregung zum Nachdenken. Manche Stücke – wie z. B „Wunschballon“ oder „Trödeln“ – sind einfach nur schön, manchmal schön melancholisch, und laden zum Träumen ein, lassen die Welt vergessen. Stücke wie „Fruchtbar und furchtbar“, blueslastig, schunkelfest, mundharmonikadurchtränkt, laden augenblicklich zum Tanzen ein (Walzer!), bis man einen Drehwurm hat (letztes Wort der Lyrics: „schön“!). Songs wie „Bleib mir auf den Fersen“ lassen durchaus etwas von Hannes Wader anklingen.

„Wohin das führt“ (CD 2) besticht durch Reggae-Klänge und lässt mich an Hubert von Goiserns „Katholisch“ denken, ein Song, der mit rotzfrechem österreichischem Sprachduktus und lautstarker Vehemenz Goiserns Weltlichkeit zu rechtfertigen sucht und viel Witz beinhaltet – eine etwas andere Art von Witz ist auch bei Schüller in seinem etwas ruhigeren Song zu finden … Und in „Gleich“, nur 3 Lieder weiter, nehmen uns Piano-Klänge wieder mit auf eine melancholische Zeitreise, die uns ahnen lässt, dass Musiker manchmal einfach die poetischeren Dichter sind, wenn nicht vielleicht manchmal sogar die besseren.

Die Nacht ist warm und über uns die Sterne
Das wäre Grund genug, den Hut zu ziehn
Wo ich nie war, da sitze ich jetzt gerne
ganz stumm und neu
von Kopf bis zu den Knien

Schade, denkt man da, wenngleich das allerletzte Lied „Schade“ ein bisschen zeitgeistkritisch etwas von „Früher war alles besser“ anklingen lässt, schade, dass die Scheibe schon zu Ende ist … Aber man wird sie noch öfter hören … Und sich vielleicht die Vorgänger besorgen … Denn vielleicht gibt es ja irgendwann diese handwerklichen, musikalischen Allroundtalente nicht mehr, Musiker, die sich selbst ihre eigenen deutschen Texte schreiben, die sich selbst begleiten oder ein ganzes Kammerorchester um sich drapieren können, ohne darin unterzugehen, die an eine Zeit erinnern, als Digitalität noch nicht alles beherrschte und es noch auf handwerkliches Können ohne Konservendose ankam … (jetzt bin ich auch beim „früher war …“ gelandet …). Vielleicht aber gibt Ralph Schüller auch Anlass zur Hoffnung, dass diese immer rarer werdende Spezies am Musikerhimmel wieder neu im Kommen ist … Es wäre zu wünschen.


„Danke. Schade.“ (Doppel-CD)
Doppel-CD „SCHÜLLER – Danke. Schade.“ [2020]
DERMENSCHISTGUTMUSIK 2020
VÖ: 02.07.2020
Digipak, 44-seitiges booklet
Spielzeit: 95 min
20,00 € (inkl. 16 % MwSt.)
Zu beziehen hier:
https://www.ralph-schueller.de/produkt/dankeschade
oder hier (Shop):
https://www.ralph-schueller.de/shop




Gedicht des Monats August

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 01.08.2020

Renate Maria Riehemann

Die Welt steht nicht still

Ein Leben auf die Schnelle

Mit Wünschen übervoll  

Das Schiff am Bug der Welle  

Die Welt umsegeln soll

Du gehst an Bord

Mal hier mal dort

Hast Zeit und Geld

Reist um die Welt

Was hält dich auf?

Du bist verwundbar  

Bauer nur im Spiel  

Und wirfst deine Münzen

Ins immer gleiche Ziel

Kopf oder Zahl

Es ist egal

Das Goldstück fiel

Nur in den Brunnen

Über den der Himmel lacht

Gesichter hinter Masken

Die Uhren stehen still

Gefangen hinter Mauern

Es gilt nicht, was man will

Wir sind versteckt

Der Mund bedeckt

Die Angst regiert

Es ist passiert

Die Welt steht still

Wir sind verwundbar  

Bauern nur im Spiel

Wir alle werfen Münzen

Ins immer gleiche Ziel

Kopf oder Zahl

Es ist egal

Ein Goldstück fiel

Nur in den Brunnen

Über den der Himmel lacht

https://www.youtube.com/watch?v=z-G00IYrJnA

  Musik und Produktion: Wolfgang Kahl

  Vocal: Heike Langner

  Chor: Heike Langner, Rainer Seidel, Harald Sindram

  Schlagzeug: Niklas Kahl

Poesie & Narrheit – Auswahl der Autorinnen und Autoren abgeschlossen

  • Veröffentlicht: 22.07.2020 · Zuletzt aktualisiert: 22.08.2020

Kaum ein Dichter wird in deutschsprachigen Gedichten der Moderne, vor allem in der Zeit nach 1945, so häufig  zitiert, adressiert und porträtiert wie Friedrich Hölderlin.

Anlässlich der 250. Wiederkehr von Hölderlins Geburtstag ist ihm diese Ausgabe gewidmet.

102 Autorinnen und Autoren vereint die Nr. 2/2020 unserer Zeitschrift „Poesiealbum neu“ – die etwa Mitte September vorliegen wird.

Unsere Abonnenten erhalten die Ausgabe Ende September/Anfang Oktober d.J. auf dem Postweg zugesandt.

Verbindliche Bestellungen erbitten wir bereits jetzt per E-Mail kontakt@lyrikgesellschaft.de vorzunehmen. Die Ausgabe umfasst ca. 90 S. und kostet 7,50 €.

Die Autorinnen und Autoren:

Manfred Ach

Esther Ackermann

Johanna Anderka

Michael Augustin

Yvonne Balg

Marianne Beese

Jochen Berendes

Eva-Maria Berg

Franziska Beyer-Lallauret

Hans Gustav Bötticher

Sabine Brandl

Timo Brandt

Wolfgang Braune-Steininger

Hans Dietrich Bruhn

Lars-Arvid Brischke

Daniel Büttrich

Ingo Cesaro

Georg Oswald Cott

Udo Degener

Doris Distelmaier-Haas

Stéphanie Divaret

Jens-Fietje Dwars

Eckhard Erxleben

Leonhard Ehlen

Patricia Falkenburg

Wolfgang Franke

Peter Frömmig

Tuncay Gary

Carlos Gluschak

Peter Gosse

Joachim Gräber

Ralph Grüneberger

Hans-Jürgen Heise (Ps.)

Gisela Hemau

Jörg Hirsch

Sibylle Hoffmann

Johann Christian Friedrich Hölderlin

Dieter Höss

Jan-Eike Hornauer

Roman Israel

Horst Jahns

Johanne Jastram (Ps.)

jottpeh (Ps.)

Stefan Kabisch

Christine Kappe

Karl Kirsch

Eva Kittelmann

Manfred Klenk

Kathrin Knebusch

Katharina Körting

Josef Krug

Grit Kurth

Christine Langer                                            

Anton G. Leitner

Dieter Liewerscheidt

Britta Lübbers

Gustav Lüder

Dietrich Machmer

Helmut Martens

Wolfgang Mayer König

Lisa Elina Memmeler

Eline Menke

Gerd Meyer-Anaya

Sabine Minkwitz

Manfred Moll

Sofie Morin

Andreas Müller

Christoph Müller

Jörg Neugebauer

Walter Neumann

Klaus Nührig

Johann Peter

Jutta Pillat

August von Platen

Nada Pomper

Ariane Hassan Pour-Razavi

Helga Rahn

Anne Rauen

Lutz Rathenow

Andreas Reimann

Andreas-Wolfgang Rohr

Franziska Röchter

Mike Rother

Wolfgang Rischer

Silke Rudl

Bärbel Sanchez

Jürgen Sanders

Ulrich Schacht

Tamara Schinner

André Schinkel

Maren Schönfeld

Ulrich Schröder

Ernst Schulze

Christiane Schulz

Hellmut Seiler

Michael Stahl

Heidrun Stödtler

Ulrich Straeter

Maria Anna Stommel

Bernd Storz

Rüdiger Stüwe

Michael Spyra

Magnus Tautz

Geplant sind zur Präsentation dieser Ausgabe eine Veranstaltung am 26. September 2020 in Leipzig und am 27. Oktober 2020 eine weitere in Tübingen. Nähere Informationen dazu rechtzeitig auf dieser Webseite.

Titelbild nach einem Gemälde von Andreas Weißgeber.

Klára Hůrkovás Licht in der Manteltasche: ein Lichtblick

Licht in der Manteltasche. Gedichte

  • Veröffentlicht: 01.07.2020 · Zuletzt aktualisiert: 30.06.2020

Empfehlung des Monats · Juli 2020
von Jule Weinrot

Der neue Gedichtband von Klára Hůrková – soeben erschienen im chiliverlag – ist das erste Hardcover der Prosa- und Lyrikautorin. Während die tschechisch-deutsche Autorin sonst gerne ihren Gedichten tschechische Übersetzungen gegenüberstellt, verweilt sie diesmal ausschließlich im Deutschen.
Klára Hůrková, die neben der Übersetzung von Gegenwartslyrik gern Bilder malt und Englisch und Kunst unterrichtet, wurde 1962 in Prag geboren:
„Meine Generation ist in einem totalitären Regime aufgewachsen, und aus diesem Grund ist der Wunsch nach Freiheit und Demokratie in uns sehr stark. Wir wollen glauben, dass wir eine Wahl haben … Und viele von uns glauben auch, dass das Wort, die Literatur, eine wirksame Kraft ist, diese Werte zu verteidigen.“  –  so die Autorin in einem Interview auf dem Blog der editionfaust mit Eric Giebel, dessen eigener Gedichtband Quecksilber in Manteltaschen (Pop Verlag 2015) möglicherweise für die Autorin eine Inspiration für ihre eigene Titelgebung war.

„In 4 Kapiteln nimmt uns die Dichterin mit auf eine Reise zu verschiedenen Stationen ihres Lebens. Ankünfte, Metropolen, persönliche Begegnungen, Zwiegespräche mit Kunst und Natur, Introspektionen, Erinnerungen, Jahreszeiten, Träume – Hůrkovás Gedichte sind ein Kaleidoskop menschlicher Erfahrungen am Saum verschiedener Welten, in denen die Bedeutung des Wortes überdauert.“ – so die Verlagsbeschreibung. Hůrkovás Band entstand im ersten Quartal dieses Jahres – mitten in einer Zeit, die davon geprägt war (und immer noch ist), weltweit, europaweit, deutschlandweit aufgrund einer Virusbedrohung die Freiheiten der Bürger massiv einzuschränken. So trägt das erste Kapitel – nach dem Prolog stiftenden Gedicht „Heimkehr“ – stimmigerweise den Titel Als wir noch reisten und beginnt mit dem Jahr 1989, mit der Ankunft in Brüssel und der Abgabe von Fingerabdrücken „für das wertvollste Stück Papier“.  Es folgen das erste Treffen von „Halbschwestern“, Reisen nach New York, Schweden, Besuche in München und  Frankfurt am Main.

Im 2. Kapitel, Zwischen den Häuserzeilen, geht es um das Sesshaftwerden, um Erinnerungen, um die Stadt, Fenster, Zimmer, um das „Land / wo jeder leben will“. In Kapitel 3, Launen der Inseln, begibt sich die Dichterin wieder auf Reisen, diesmal ans Meer. „Jetzt rollt das Meer zurück / flüstert Einschlafmärchen / Seehunden und Walen ins Ohr“; Leuchttürme und Wellen, Damm und Strand, Insel und Hafen, Dünen und Nacht sowie Funde wie Das tote Tier am Strand oder Krähenfeder prägen die Bilder der Gedichte.

Krähenfeder

Ich fand eine Krähenfeder auf der Wiese
Drei weiße Pferde weideten hinterm Zaun
Dein Rücken strahlte nackt in der Sonne
wir gingen am glühenden Weizenfeld entlang

Ich hob die Feder auf

Zu Hause wollte ich damit
ein Gedicht schreiben über die Sonne
die Pferde, deinen Rücken und das Gold im Feld

Aber die Feder wehrte sich
kein Bild entstand

nur farblose Zeichen

Kapitel 4, Jahreszeiten mit Fragezeichen, wirft Fragen auf, nein, stellt Fragen in den Raum, Fragen nach der Endlichkeit, dem unaufhaltsamen Altern („Ich würde gehen / in Richtung Winter“ aus Herbst-Intermezzo; „Und ich frage, wann wir endlich / nach Hause zurückkehren“ aus Winterblau).

Unwucht (Auszug)



Im Inneren der Sterne
explodieren Wasserstoffbomben

während ich hier sitze
mit verspanntem Rücken
darüber nachdenke, wie viele Gedichte
ich meinem Alltag entreißen kann
und immer noch
die Welt verstehen möchte

Das Gedicht Mondsuchung beginnt folgendermaßen: „Wenn alle schreiben, nur du nicht …“ Klára Hůrková sagte kürzlich in einem Interview anlässlich ihrer Buchneuerscheinung der Dichterin Safiye Can: „Es macht mich glücklich, andere Menschen glücklich zu sehen, aber manchmal, wenn auch nicht oft, bin ich neidisch und eifersüchtig. Ob die Eitelkeit und Torheit irgendwann im Alter aufhören werden? Das wüsste ich gerne.“  Diese Frage beantwortet sich die Dichterin in ihrem Gedicht Zwischen Herz und Hirn quasi selbst: „Zwischen Herz und Hirn / müssen die Arterien durchlässig sein / da muss das Blut pulsieren / pünktlich wie eine U-Bahn“. Eine solche Ausgewogenheit in der „Blutversorgung“ ist oftmals ein Privileg geglückten Alterns, bei dem die Impulse des Herzens in der Kopfstube und die Vernunft des Geistes im Herz auch ankommen und Gehör finden. Den Mut aufzubringen, diesen Impulsen zu folgen, beschreibt Klára Hůrková in ihrem Gedicht Traum II, das als Wunschbild der Autorin mehr Mut im eigenen Leben herbeitsehnt und das Lyrische Ich als Löwendompteurin im Zirkus auftreten lässt:

Etwas war entfesselt
Mein eigener Mut
Kaum auszuhalten
(Auszug)

Fazit: Dieser besonders schön gestaltete Hardcoverband ist auf jeden Fall eine nähere Betrachtung wert, wenn man sowohl Autorin als auch Verlag näher kennenlernen möchte.


Klára Hůrková, Licht in der Manteltasche
Gedichte, 76 Seiten
ISBN 978-3-943292-86-2
chiliverlag 06.2020, 16,90 EUR
















Gedicht des Monats Juli 2020

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 30.06.2020

Hartmut Brie (*1943)

Zwischenmenschliches

Ein Wort gibt das andere bei Intoleranz in mieslichen Lebenslagen,
die Streitkultur der Demokratie ist ein strapaziöser Weg,
das tägliche Einerlei bietet keinen Raum für Freundschaftsdienste,
die digitale Welt ergreift Besitz vom Menschen als einem Ganzen,
das Zwischenmenschliche bleibt auf der Strecke ohne Widerspruch,
der Zeitgeist außer Gefecht in zugestellten Dunkelkammern.
Manchmal Sätze auf dem Sprung zu einem Mosaik aus Wortfeldern,
die Menschenrechte als Endprodukt noch immer in Klammern,
die Würde des Menschen ein kostbares Gut auf politischen Stelzen,
die Konflikte auf der ganzen Erde nichts als traurige Bilanzen
einer Fehlinterpretation von unmissverständlichen Regeln im Klartext,
wir streiten öffentlich um Kultur als höchstes Bildungsprivileg.

Quelle: LyrikZeit, deine zeitschrift für lyrik

TENTAKEL Literaturmagazin aus OWL „Spuren und Wege“ – eine „Versammlung“ fantastischer „Schreibspuren“

Tentakel Literatur Magazin Spuren und Wege, 2_2020

Empfehlung des Monats · Juni 2020
von Jule Weinrot

Als die Macher der mittlerweile über die Landesgrenzen hinaus bekannten OWL Literaturzeitschrift Tentakel die thematische Richtung festlegten, ahnten sie möglicherweise noch nicht, wie passend ihr Thema zur Mitte des Jahres im Hinblick auf das Weltgeschehen sein würde. Der ungebrochene Wille, ein Kaleidoskop nennenswerter regionaler Literatur zu sein, diese sichtbar zu machen, immer mehr auch beachtenswertes bildnerisches Gestalten aus Ostwestfalen einzubeziehen sowie auf Neuerungen und Strömungen im literarischen Geschehen der Region hinzuweisen, hat die Herausgeber*innen von ihrer bewährten Gewohnheit einer Live-Redaktionssitzung abgebracht und erstmals eine Ausgabe entstehen lassen, die ausschließlich auf virtuellem Wege zustande gekommen ist.
Dass diese Vorgehensweise dem Ergebnis keinen Abbruch tut und ein zukunftsträchtiges Procedere  ist, beweist die 2. Ausgabe des 3 x jährlich erscheinenden Literaturmagazins mit dem vielseitigen Titel „Spuren und Wege“.

Während über viele Jahre der Bielefelder Lyriker Hellmuth Opitz Teil des Redaktionsteams war, nimmt nun schon länger – neben dem Urvater (seit 1978) der Jugend schreibt-Bewegung Matthias Bronisch, dem libertären postanarchistischen Theoretiker und Lyriker Dr. Ralf Burnicki, dem langjährigen Pädagogen und Lyriker Peter Bornhöft – die Krimipreisträgerin Mechtild Borrmann (Wer das Schweigen bricht, Deutscher Krimi Preis 2012) diese Rolle ein; erweitert wurde das Team des 2007 gegründeten Literaturmagazins um die freie Journalistin und Autorin Antje Doßmann.

Redaktionsteam Tentakel: Peter Bornhöft, Mechtild Borrmann, Matthias Bronisch, Ralf Burnicki, es fehlt: Antje Doßmann
Radierung: Matthias Bronisch

Denn sicher ist: Die Region um Bielefeld und Ostwestfalen sprudelt nur so vor literarischen Talenten. So ist auch die aktuelle Ausgabe der Tentakel – apart ummantelt von 2 Radierungen des auch als bildender Künstler tätigen Schriftstellers Matthias Bronisch – dessen Fossilien ein bildnerisches Synonym für das Wort Spuren sind, seine aufsteigende Treppe auf der Rückseite des Magazins ein visuelles Äquivalent für Wege – wieder ein Stelldichein unterschiedlichster künstlerischer Multitalente, von denen einige im Hinblick auf die Pandemie 2020  bereits literarische Spuren hinterlassen.

Während Rolf Birkholz den Seuchenfrühling, nach Celan und Proust bedichtet, lässt Robin Varcoe Biggs in seinem 2020 (mit Bezug auf Wilfred Owen) das Zukunftsträchtige, das Hoffnung schürende ( „… a fast-forward / Into the future / Where we always hope …“) des „invisible enemy“ durchscheinen; Franziska Röchter schreibt von einem „Fassadenclown“, der die „pseudoallmächtige corona der schöpfung“ regiert, und der wie ein auszufüllendes Formular (ein Antrag auf Kulturförderung in Corona-Zeiten?) wirkende Text Wer bestimmt von Barbara Daiber sorgt allein mit Versatzstücken wie „wer bestimmt_____welche sätze___ wir nur leise denken oder gar nicht denken_____welcher wahrheit wir glauben______wer wichtiger ist____“ für einen mehr als aktuellen Bezug im Hinblick auf systemrelevante und informationspolitische Fragestellungen. Barbara Daiber, ebenfalls Stimme des jungen Künstlerkollektivs „lichtstreu“, ein Lyrikprojekt von Autor*innen aus Melle, Herford und Bielefeld, liefert ebenfalls die bildnerische Grundlage Organschrift für eine vierstimmige Kollektivarbeit zum Thema „Spuren und Wege“, an der neben Ralf Burnicki auch die Lyriker*in Elke Engelhardt und Lothar Flachmann beteiligt sind. Ralf Burnicki, promovierter politischer Philosoph, schreibt u.a. in seinem lyrischen Text Lesen lernen:

Kann ich nur sehen, was ich weiß
oder weiß ich nur, was ich sehe?

[…
…]
Was ist ein Weg, wenn er nicht
begangen wird?

[…
…]
Doch sprichst du vom Nichts,
blättert es neue Seiten auf
zwischen uns.
[…
…]

Neue Seiten blättert auch der Schriftsteller und Rezitator Michael Helm mit seinem verstörenden Prosastück „Die Prozedur“ auf, das bis zum Schluss durch einen stetig ansteigenden Spannungsbogen die Neugier des Lesers wachsen lässt. Nur so viel sei verraten: In Zeiten, in denen wir kontinuierlich angehalten werden, auch unseren „letzten Weg“ im Vorfeld gründlich durchzuorganisieren und bis ins Detail zu planen, ist eine Regulierungsbehörde, ein Amt mit Entscheidungsgewalt über den Zeitpunkt des Endes, nichts Unvorstellbares mehr und passt trefflich ins aktuelle Diskussionsgeschehen rund um das Virushandling. Zum Glück lässt Matthias Helm genug Spielraum für die Fantasie des Einzelnen, wie genau diese Behörde mit ihrer mysteriösen Nummernvergabe (Ziehung eines Loses?) arbeitet. Soll unser „letzter Weg“ Glückssache sein oder haben wir durch eine lückenlose, politisch korrekte Selbstverwaltung hier noch ein Wörtchen mitzureden?

Wie Lebenswege anders hätten verlaufen können, wenn … ja, wenn man sich eben „vor 23 Jahren“ anders entschieden hätte, und welche Spuren die einmal getroffene Wahl beim Individuum hinterlassen kann, beschreibt sehr berührend Katrin Brewitt in ihrem Text HALE-BOPP, der in tagebuchähnlichen Sequenzen auch zu einer Rückschau auf das eigene Leben einlädt und gleichsam eine Brücke schlägt zu Eckart Balz‘ Stillgelegte Gleise (nach dem gleichnamigen Titel seines Buches), die äußerst verdichtet anhand „junger Birken“, die aus „toten Gleisen“ sprießen, den berühmten Neuanfang verdeutlichen, der jedem Ende innewohnt.
Viola Richter-Jürgens‘ surreales Fadenspiel, aus den Zwillingsepisoden beleuchtet mit Elementen aus der Welt des Makaberen das zweischneidige Schwert des vergötterten Einzelkinddaseins in einer durch Krankheit und kindlicher Phantasie verzerrten grotesken Wahrnehmung. Ob die Autorin eine gänzlich andere literarische Intention hatte, tut der dystopischen Lesewirkung keinen Abbruch, ihre an Alice im Wunderland erinnernde langbewimperte Kussmundspinne ist jedenfalls eine der originellsten bildnerischen Spinnendarstellungen seit Langem.


Andrea Köhn, ohne Titel (I. 8/14)
Mischtechnik / Leinwand
100 x 140 cm, 2014


Kurzum: Den Herausgebern ist wieder ein äußerst abwechslungsreiches und interessantes Magazin mit wunderbaren Bildern, u.a. von der Bielefelder Künstlerin Andrea Köhn, mit lyrischen Übersetzungen aus dem Italienischen (u.a. Alfonso Gatto, September in Venedig) von Erica Natale, mit insgesamt 35 Künstlerinnen und Künstlern gelungen, das es zu entdecken gilt; und auch wenn man aufgrund der besonderen Umstände meinen könnte, dieses Jahr habe doch „eben erst“ angefangen, so zeigt Antje Doßmann (u.a. auch Chefredakteurin des jungen Online-Magazins RƎSONANZEN, Kultur in Ostwestfalen-Lippe) in ihrer „Berliner Spätsommerelegie“ Eitler Sonnenschein aufs Trefflichste poetisch, dass man unweigerlich schon an das Ende des Jahres denken muss, es aus verschiedenen Gründen vielleicht sogar herbeisehnt:

Antje Doßmann
Eitler Sonnenschein
(Auszug)


es herrscht Ende
September
in Berlin
Armut
Einwanderung
einundzwanzigstes Jahrhundert.


die Sonne steht tief
der Sommer hat schon
seinen Hut genommen
verweilt aber noch
in der Krone
auf ein Schultheiß oder zwei
und ich denke:
dieses hier ist wirklich
einer der letzten
schönen Tage                      

Um es abschließend mit den Worten Peter Bornhöfts aus seinem Text Versammlung zu sagen: „Ich sammle mich gern in meinen Sammlungen“, aber habe nicht das Gefühl, da „sogleich im schönsten Durcheinander“ zu sein, denn das von Peter Bornhöft beschriebene „fantastische Tohuwabohu“ bezieht sich u.a. auf „ein Wirrwarr unzeitgemäßer Gedanken“, auf „Kofferworte“, die „schon unterwegs“ sind, auf viktorianische Sammeltassen und antiken Trödel; was aber durchaus auch auf die neue Tentakel zutrifft, ist das Atemberaubende, der Enthusiasmus, das Sagenhafte, die Begeisterung über die Literatur und Kunst, die einen „nicht aus den Fängen“ lässt.


Tentakel Literatur Magazin
Spuren und Wege, 2_2020
ISSN  2191-690X
erhältlich im Abo 16 EUR (3 Magazine im Jahr, Porto und Versand  inklusive), Einzelexemplar 3,50 EUR
redaktion_tentakel@yahoo.de
https://www.matthias-bronisch.de/tentakel-literaturmagazin/







Gedicht des Monats Juni 2020

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 01.06.2020

Fitzgerald Kusz (*1944)

des

des gibds ned
des glabbsd ned
des derf ned woä saa
des gäihd ned in mein kubf nei
des lässd mä kann rouh
des houi kummä säing
des hammä edz dävoo
des kummd aff uns zou
des kammä ned aufhaldn
des kummd unvähoffd
des bläihd uns
des is aff amall dou


Quelle: Fitzgerald Kusz, zwedschgä, gedichte
ars vivendi Verlag 2012

Förderer und Partner

Förderer


Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.