Das Leipziger Liederbuch in Neufassung: Zeitzeugnis subversiver Literaturgeschichte

  • Veröffentlicht: 01.11.2017 · Zuletzt aktualisiert: 05.11.2017

Empfehlung des Monats · November 2017

Franziska Röchter

von Franziska Röchter

 

 

 

 

„Das Leipziger Liederbuch, auf dessen vielfache Aufführung wir aus sind, ist kein getöntes Leipzig-Bild. Als Stadtführer wird es nicht zu gebrauchen sein …“, so schrieben die Text- und Ton-Autoren des Liederbuches, Ralph Grüneberger und Walter Thomas Heyn, bei der Ankündigung der Erstfassung 1987 und verwiesen auf ein „Leipzig am Rand“ und „dicke Luft“, die Gegenstand der Texte, ab 1985 entstanden, seien. Seinerzeit fiel der fromme Wunsch der beiden Autoren noch der Zensur zum Opfer, eineinhalb nicht-öffentliche Aufführungen (ja, eines war nur eine Teilaufführung) vor ausgewählten geladenen Gästen, eine im Gewandhaus zu Leipzig, die gestutzte Version in der Alten Handelsbörse, zeugen von nur einigen Konsequenzen, die Produzenten kritischer oder vermeintlich kritischer Texte damals in Kauf nehmen mussten.
Nun wird genau 30 Jahre später unter anderen Vorzeichen eine Wiederbelebung des Leipziger Liederbuches in einer Neufassung mit zusätzlichen aktuellen, zeitbezogenen Texten gewagt.
Grund genug, einen Blick in dieses Zeugnis Leipziger Zeit- und Literaturgeschichte zu werfen …

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Zwischenruf des Vorstands

Vor etwa 65 Jahren schrieb Eugen Gomringer das Gedicht „avenidas„, seit 2011 ziert der Text die Südfassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule. Studierende dieser Einrichtung beklagen in diesem Jahr, das Gedicht sei sexistisch, und fordern die Entfernung der Bemalung.
Als Lyrikgesellschaft kann es uns freuen, wenn Gedichtinterpretationen zu Schlagzeilenthemen werden, zeigt es doch, dass eine maximal verknappte Aussage durch ihre Unschärfe oder ihre verdichtete Komplexität den besten Nährboden für einen gesellschaftlichen Diskurs liefern kann. Derartige Anstöße zur Auseinandersetzung lieferten in diesem Jahr nur politische Tweets. Im Gedicht kommt aber die besondere Rolle der Offenheit des Wortes zum Tragen, die Unverschämtheit seines Gebrauchs und die wertvolle Deutungsspannbreite. Die Diskussion über den somit – in vielerlei Hinsicht möglichen – Inhalt eines Gedichts ist das Beste, was Poeten erzielen können, also das Streiten der Leser über Sinn, Unsinn und Hintersinn, über viele Antworten auf eine selbst nur eventuell gestellte Frage.
Mit ihrer Forderung nach Übermalung brechen die Petenten die Diskussion jedoch ab, sie bringen das Reden über das Schreiben zum Schweigen. Sie legimitieren die Unterdrückung von Aussagen, die nicht notwendigerweise eine bestimmte Meinung transportieren, sondern allenfalls eine bestimmte Deutung zulassen, von der man sich verletzt fühlen könnte. Das Ausblenden, das Übertünchen einer in sich vielfältigen, interpretationsoffenen Poesie wäre ein schlechtes Signal für unsere offene, streitbare Kultur.
Eugen Gomringer, den wir 2015 als Ehrengast zu unseren „Tagen der Poesie in Sachsen“ in Zwickau begrüßen durften, hat in „avenidas“ keine Festlegung getroffen, welches Geschlecht als Akteur oder als passives Motiv fungiert. Er lässt offen, wie viel Ehrung in Bewunderung und wie viel Kalkül in Schönheit liegen kann. Diese Offenheit ist der Schatz unserer Gesellschaft und der unschätzbare Wert der Poesie.

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