Worthaft. Eine Anthologie mit Texten politischer Gefangener

Worthaft. Texte politischer Gefangener. Sonderheft 2018 Poesiealbum neu

  • Veröffentlicht: 01.10.2018 · Zuletzt aktualisiert: 05.10.2018

Empfehlung des Monats · Oktober 2018
von Ralf Burnicki

 

 

 

 

„Ich halte den Band für bedeutsam.“

Im Westen Deutschlands aufgewachsen war mir die DDR fremd und als Herrschaftssystem nicht geheuer. Vielleicht fuhr ich damals gerade deshalb mehrfach nach Ostberlin und suchte auf dem Alexanderplatz einen Buchladen auf, um den Hauch einer Innensicht zu erhalten. Dort galt mein Interesse neben marxistischen Theoriebändchen unter anderem der Lyrik der DDR, und im Laufe der Jahre hatte ich mir einen kleinen Stapel Lyrikbände zusammengestellt. Warum griff ich zur Lyrik? Weil ich der Meinung war, dass man in Gedichten und zwischen den Zeilen die Hoffnungen der Menschen besser ablesen konnte als in den Verlautbarungen der staatlich zensierten Presse. 
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„Worthaft. Texte politischer Gefangener“ erschienen

  • Veröffentlicht: 10.08.2018 · Zuletzt aktualisiert: 19.09.2018

Nach „Immer schneller. Schülergedichte“ (2012) und „Gedichte von Welt. Leipzigs Partnerstädte“ (2014) erscheint mit „Worthaft. Texte politischer Gefangener“ die 3. Sonderausgabe der Zeitschrift „Poesiealbum neu„.

Sie vereint Lyrik, Liedtexte, Prosa, Publizistik sowie umfangreiche Informationen zu den 50 Autorinnen und Autoren dieser von Ralph Grüneberger ausgewählten und zusammengestellten Ausgabe.

Der Dank gilt Siegmar Faust und Lutz Rathenow für ihre vielfältigen Vorschläge und Hinweise.

Gegenstand dieser Texte sind nicht allein die Haftbedingungen und -anlässe in der Sowjetisch besetzten Zone (SBZ) bzw. der späteren DDR. Mit den Rubriken „Der Gast“ und „Klassik“ kommen auch im Deutschen Kaiserreich  und während des Nationalsozialismus verfolgte Autoren zu Wort, ebenso ein zeitgenössischer Dichter aus der Türkei.

Mit großer Trauer gedenken wir unseres am 16. September 2018 gestorbenen Mitgliedes Ulrich Schacht und ehren ihn mit der Hervorhebung seines Gedichtes aus dieser Sonderausgabe:

Ulrich Schacht (1951-2018)

 

Ein Mensch zog aus

die Wirklichkeit zu finden.

so lange –

bis er sie fand: dunkel

war sie. Fast

Nacht.

Doch die Leute lachten

und meinten,

er sähe zu schwarz!

 

Die Herrschenden aber,

die durch Spitzel

über diesen Menschen

informiert wurden,

ließen ihn verhaften.

den,

der die Wirklichkeit

gefunden hatte.

 

Als die Leute das hörten,

flüsterten sie:

Das hat dieser Narr nun davon!

Warum musste er auch so

übertreiben.

 

Gefördert wurde diese Sonderausgabe (s. ausführliche Rezension Leipziger Internetzeitung 27.08.2018) vom Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Die Autorinnen und Autoren der Sonderausgabe:


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Das Leipziger Liederbuch in Neufassung: Zeitzeugnis subversiver Literaturgeschichte

  • Veröffentlicht: 01.11.2017 · Zuletzt aktualisiert: 05.11.2017

Empfehlung des Monats · November 2017

Franziska Röchter

von Franziska Röchter

 

 

 

 

„Das Leipziger Liederbuch, auf dessen vielfache Aufführung wir aus sind, ist kein getöntes Leipzig-Bild. Als Stadtführer wird es nicht zu gebrauchen sein …“, so schrieben die Text- und Ton-Autoren des Liederbuches, Ralph Grüneberger und Walter Thomas Heyn, bei der Ankündigung der Erstfassung 1987 und verwiesen auf ein „Leipzig am Rand“ und „dicke Luft“, die Gegenstand der Texte, ab 1985 entstanden, seien. Seinerzeit fiel der fromme Wunsch der beiden Autoren noch der Zensur zum Opfer, eineinhalb nicht-öffentliche Aufführungen (ja, eines war nur eine Teilaufführung) vor ausgewählten geladenen Gästen, eine im Gewandhaus zu Leipzig, die gestutzte Version in der Alten Handelsbörse, zeugen von nur einigen Konsequenzen, die Produzenten kritischer oder vermeintlich kritischer Texte damals in Kauf nehmen mussten.
Nun wird genau 30 Jahre später unter anderen Vorzeichen eine Wiederbelebung des Leipziger Liederbuches in einer Neufassung mit zusätzlichen aktuellen, zeitbezogenen Texten gewagt.
Grund genug, einen Blick in dieses Zeugnis Leipziger Zeit- und Literaturgeschichte zu werfen …

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Zwischenruf des Vorstands

Vor etwa 65 Jahren schrieb Eugen Gomringer das Gedicht „avenidas„, seit 2011 ziert der Text die Südfassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule. Studierende dieser Einrichtung beklagen in diesem Jahr, das Gedicht sei sexistisch, und fordern die Entfernung der Bemalung.
Als Lyrikgesellschaft kann es uns freuen, wenn Gedichtinterpretationen zu Schlagzeilenthemen werden, zeigt es doch, dass eine maximal verknappte Aussage durch ihre Unschärfe oder ihre verdichtete Komplexität den besten Nährboden für einen gesellschaftlichen Diskurs liefern kann. Derartige Anstöße zur Auseinandersetzung lieferten in diesem Jahr nur politische Tweets. Im Gedicht kommt aber die besondere Rolle der Offenheit des Wortes zum Tragen, die Unverschämtheit seines Gebrauchs und die wertvolle Deutungsspannbreite. Die Diskussion über den somit – in vielerlei Hinsicht möglichen – Inhalt eines Gedichts ist das Beste, was Poeten erzielen können, also das Streiten der Leser über Sinn, Unsinn und Hintersinn, über viele Antworten auf eine selbst nur eventuell gestellte Frage.
Mit ihrer Forderung nach Übermalung brechen die Petenten die Diskussion jedoch ab, sie bringen das Reden über das Schreiben zum Schweigen. Sie legimitieren die Unterdrückung von Aussagen, die nicht notwendigerweise eine bestimmte Meinung transportieren, sondern allenfalls eine bestimmte Deutung zulassen, von der man sich verletzt fühlen könnte. Das Ausblenden, das Übertünchen einer in sich vielfältigen, interpretationsoffenen Poesie wäre ein schlechtes Signal für unsere offene, streitbare Kultur.
Eugen Gomringer, den wir 2015 als Ehrengast zu unseren „Tagen der Poesie in Sachsen“ in Zwickau begrüßen durften, hat in „avenidas“ keine Festlegung getroffen, welches Geschlecht als Akteur oder als passives Motiv fungiert. Er lässt offen, wie viel Ehrung in Bewunderung und wie viel Kalkül in Schönheit liegen kann. Diese Offenheit ist der Schatz unserer Gesellschaft und der unschätzbare Wert der Poesie.

Förderer und Partner

Förderer


Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.