Ein Welttag der Poesie in Berlin

  • Veröffentlicht: 01.04.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.04.2019

Das war ein gelungener Abend am Donnerstag in der Turell-Kapelle! Leider darf man nicht fotografieren, so dass es keine Fotos gibt. Die Kapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof war voll bis auf den allerletzten Platz, die Stimmung wunderbar. Vor dem offiziellen Beginn gab es eine Einführung über Absicht des Künstlers. Diese Lichtstimmungen sind einfach sehr beeindruckend, wirkten trotzdem ruhig und haben den Vortrag der Gedichte und die Musik von Robert Würz in angenehmer Weise unterstützt. Das Spendenkörbchen für die Kapelle war auch gut gefüllt, wir Lesenden haben uns alle sehr gefreut über die gelungene Präsentation der GZL-Mitglieder in Berlin.  Ingrid Gorr 

Zusatz: Gelesen wurde gewissermaßen „Berliner Lyrik“, denn zu Gehör brachten die Mitwirkenden auch Gedichte anderer Hauptstädter aus der Poesiealbum neu-Ausgabe „Weißblut. Gedichte zu Farben“. Und dass Stefan Kabisch, der Organisator des Ganzen, als kleine Präsente für die Lesenden eigens Lyrikbände unserer Mitglieder zu verschenken hatte, ist im doppelten Sinne ein Dankeschön gewesen – eines für die Mitwirkung, eines für die Spenden.

Ralph Grüneberger

Gedicht des Monats April

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 31.03.2019

Natalie Hannah (*1969)

 

SICILIA

Entlang

dieses Weges

siehst du ein Grün

wie du es

nie wieder sehen

wirst

ein Grün das

still ist so

still

dass du dein

Blut

in den

Adern fließen

hörst.

Quelle: Poesiealbum neu, Ohne Gepäck, Reise Gedichte, Leipzig 2012

Gedicht des Monats März

  • Veröffentlicht: 01.03.2019 · Zuletzt aktualisiert: 03.03.2019

Eckhard Erxleben   (*1944)

orientalische farben

erregt fiebert

die nacht

violett erhitzt

vibrierend unter

den lidern wie

tausend und eine nacht

fliegende teppiche

züngeln vorbei

verlockend mondblass

erst dann safrangelb

vor türkis bebendem

himmel schimmern

opal die leiber

der frauen von nuakno

und tulpepah

schmiegsam im federflaum

sich biegend und wiegend

wie von chagall gemalt

bis endlich dann

mein sternblauer teppich

kommt dass auch ich

aufsteige und fliege

zu dir meine eine

und tausendnacht

Quelle: Poesiealbum neu, „Weißglut. Gedichte zu Farben“, Leipzig 2014

Poesiealbum neu - Weißglut. Gedichte zu Farben
Poesiealbum neu – Weißglut.
Gedichte zu Farben

Geboren ist Eckhard Erxleben in Stendal/Altmark. Er lebt in Osterburg, Lyriker, Prosa- und Kinderbuchautor, Haiku-Dichter, Diplompädagoge, Deutschlehrer, Forstwirt am Silberberg, aktives Mitglied der GZL und der IGdA.

Wir gratulieren ihm herzlich zu seinem 75. Geburtstag und wünschen vor allem Gesundheit und viele kreative Stunden.

Gedicht des Monats Februar

  • Veröffentlicht: 01.02.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.02.2019

Helmut Hannig (*1939)

 

zölibatär

 

… da sagte einer –

schnüret die Gürtel

damit eure Hüften

aufstöhnen

und alles darunter Liegende

würgen möge

zum Verdruss eurer Seelen

immerdar

und sie folgten seinem Ruf

da Gehorsam nunmehr

ihre Lenden erstarren ließ

und wenn ein Funke

Begierde aufsteigt

so wende dich an die Schatten

damit du dich verleugnest

und kein Licht dich erkenne

unter deinesgleichen

unter jeder Kutte

die glühende Abgeschiedenheit

fragmentarischer Euthanasie

an der lebenden Substanz

dich richte

zweifelsfrei

die unbiblische Doktrin

die sich wider die Natur

des Menschen stellt

den heimischen Alkoven plündert

Worte durch Nähe verstummen lässt –

des Menschen Geheimnis

unabänderlicher Resonanz

des Urbildes Einmaligkeit

sie gleicht einem Stern

der nur unter Sternen

den kosmischen Code bewirkt

 

und dennoch

der Welt das Kreuz kündet

zuseiten des Lebens zu wandeln

ohne sein erdhaftes Odeur

fiebernd auf den Lippen zu spüren

die Hände ins Erdreich tauchen

aus dem wir entstanden sind

ohne jene Krumen

ergreifen zu dürfen

die das eigene formt

 

um dem ewigen Zauber

unserer Daseinswege

teilhaftig zu werden

 

 

Quelle:

„Stichworte / Galerie des abc …“

8 Broschüren, 24 x 33 cm, je 12 Seiten mit 21 Original Holz- und Linoldrucken, Fadenheftung im Schuber, signiert und nummeriert, limitierte Auflage.

ISBN 978-3-929551-85-3

 

Wir gratulieren unserem Mitglied herzlich zum 80. Geburtstag.

DER DUFT

  • Veröffentlicht: 01.01.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.01.2019

Erika Kronabitter (*1959)

 

DER DUFT

 

ein geruch nach

nach jahren ein molekül

aufgefangen verfangen im

gehirn aufgeplatztes partikel

erinnerungsduft

und jetzt auf der suche nach

deutung

tief unten verschüttet ein

bild die verschüttete milch

der frühe meine sehnsucht vernetzt

sich mit damals

das kätzchen im puppenwagen

spielen wir mutter und vater

die kindheit die trauer der duft

 

 

Unser Mitglied, die österreichische Schriftstellerin und Künstlerin,

ist in Hartberg (Steiermark) geboren und lebt in Begrenz.

 

Quelle: Poesiealbum neu „In Familie“

Poesiealbum neu
„In Familie. Gedichte“, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013
Ausgabe 2/2013

Titelbild unter Verwendung eines Gemäldes von Norbert Wagenbrett

Über sieben Brücken musst du gehen

  • Veröffentlicht: 01.12.2018 · Zuletzt aktualisiert: 04.12.2018

Helmut Richter (*1933)


Über sieben Brücken musst du gehen

Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick,
manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück.
Manchmal bin ich ohne Rast und Ruh,
manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu.

Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß,
manchmal weiß ich nicht mehr was ich weiß.
Manchmal bin ich schon am Morgen müd,
und dann such ich Trost in einem Lied.

Über sieben Brücken musst du gehn,
sieben dunkle Jahre überstehn,
siebenmal wirst du die Asche sein,
aber einmal auch der helle Schein.

Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn,
manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehn.
Manchmal ist man wie von Fernweh krank,
manchmal sitzt man still auf einer Bank.

Manchmal greift man nach der ganzen Welt,
manchmal meint man, dass der Glücksstern fällt.
Manchmal nimmt man, wo man lieber gibt,
manchmal hasst man das, was man doch liebt.

Über sieben Brücken musst du gehen …

1978

Wir gratulieren unserem Mitglied Helmut Richter herzlich zum 85. Geburtstag.
Interview mit Helmut Richter https://www.mdr.de/kultur/radio/audio1024462.html

Leipzig, Zweimal Frühstück

  • Veröffentlicht: 01.11.2018 · Zuletzt aktualisiert: 31.10.2018

Klaus Nührig (*1958)
Leipzig,  Zweimal Frühstück

Der Hausherr kam am Morgen
Bis zur Wende ein Installateur
daher die Schätze an seinen Wänden
Gemälde vergangener Jahrhunderte
riesengroß
Auf Dachböden geborgen

In das eine verliebten wir uns
Wohl achtzehntes Jahrhundert
Italien
Die Menschen auf dem Meer
ganz klein

Von seiner Wohnung bis zum
Clara-Zetkin-Park
eine Minute

Wir aßen und lachten

18. Mai 2014

Quelle: Poesiealbum neu: „Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen“,
Leipzig 2015

Sündenphall

  • Veröffentlicht: 01.10.2018 · Zuletzt aktualisiert: 26.09.2018

Peter Gosse (*1938)
Sündenphall

Wir aßen. – Was?
Einander. – Solch ein Hassen?
Du Dummerchen so kindesblass
Wir genasen.

Was war, war Wüste.
Nun, im lohen Glücksal Ungewussten
wir nahmen Land vor Lebens engbegrenzter Küste:
gestüm Willfährige des Ur-Gemussten.

Verging mein Mund, entstand, aufs zärtlichste zahnlos,
und zahm die Zunge, sonst so muskulöse,
betete weich die Weichheit Deiner Öse.
Im Meucheln schrille brach der Wahn los.

Das Jüngste nicht, das Höchste der Gerichte –
So speisten wir: verzückt verzögernd Dünen,
aus Drangsal Saft in Saft, und Welt helllichte.

Der Alltag lässt sich nur durch Sünde sühnen.

Quelle: „Tugenden & Sünden. Gedichte“, Herbstausgabe 2016 der Zeitschrift „Poesiealbum neu
 – wir gratulieren dem Jubilar !

Tugenden & Sünden

Poesiealbum neu: Tugenden & Sünden, Titelbild: Rosa Loy / © VG Bild-Kunst

 

wollen

  • Veröffentlicht: 01.09.2018 · Zuletzt aktualisiert: 29.08.2018

Verena Blecher (*1958)

im warmen sitzen
im gleißenden
lüsterlicht
niemals wunschlos
glücklich einer
schenkt uns noch
immer einen wunsch und
noch einen und mehr
und mehr und
wenn schon
auf der andern
seite der kugel
das licht
ausging

Quelle: Poesiealbum neu „Tugenden & Sünden“, Leipzig 2016

Tugenden & Sünden

Poesiealbum neu: Tugenden & Sünden
Titelbild: Rosa Loy / © VG Bild-Kunst

Das Gedicht gehört auch zu jenen von den Filmemachern ausgewählten und somite einem Gedichtfilm im 3. Wettbewerb zugrunde lagen. Neu erschienen: „Tugenden & Sünden“. Alle Filme“ (DVD), Leipzig 2018,

Preis 25 €; zu bestellen bei der GZL kontakt@lyrikgesellschaft.de

„Worthaft. Texte politischer Gefangener“ erschienen

  • Veröffentlicht: 10.08.2018 · Zuletzt aktualisiert: 19.09.2018

Nach „Immer schneller. Schülergedichte“ (2012) und „Gedichte von Welt. Leipzigs Partnerstädte“ (2014) erscheint mit „Worthaft. Texte politischer Gefangener“ die 3. Sonderausgabe der Zeitschrift „Poesiealbum neu„.

Sie vereint Lyrik, Liedtexte, Prosa, Publizistik sowie umfangreiche Informationen zu den 50 Autorinnen und Autoren dieser von Ralph Grüneberger ausgewählten und zusammengestellten Ausgabe.

Der Dank gilt Siegmar Faust und Lutz Rathenow für ihre vielfältigen Vorschläge und Hinweise.

Gegenstand dieser Texte sind nicht allein die Haftbedingungen und -anlässe in der Sowjetisch besetzten Zone (SBZ) bzw. der späteren DDR. Mit den Rubriken „Der Gast“ und „Klassik“ kommen auch im Deutschen Kaiserreich  und während des Nationalsozialismus verfolgte Autoren zu Wort, ebenso ein zeitgenössischer Dichter aus der Türkei.

Mit großer Trauer gedenken wir unseres am 16. September 2018 gestorbenen Mitgliedes Ulrich Schacht und ehren ihn mit der Hervorhebung seines Gedichtes aus dieser Sonderausgabe:

Ulrich Schacht (1951-2018)

 

Ein Mensch zog aus

die Wirklichkeit zu finden.

so lange –

bis er sie fand: dunkel

war sie. Fast

Nacht.

Doch die Leute lachten

und meinten,

er sähe zu schwarz!

 

Die Herrschenden aber,

die durch Spitzel

über diesen Menschen

informiert wurden,

ließen ihn verhaften.

den,

der die Wirklichkeit

gefunden hatte.

 

Als die Leute das hörten,

flüsterten sie:

Das hat dieser Narr nun davon!

Warum musste er auch so

übertreiben.

 

Gefördert wurde diese Sonderausgabe (s. ausführliche Rezension Leipziger Internetzeitung 27.08.2018) vom Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Die Autorinnen und Autoren der Sonderausgabe:


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Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

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Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
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