Pfingstsonntag. Zum Wave-Gotik-Treffen

  • Veröffentlicht: 01.05.2015 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · Mai 2015

Kuro

Pfingstsonntag. Zum Wave-Gotik-Treffen

Varieté obskur:
Zirkus bizarr
Maskenhaft gar
unter schwarzem Trauerflor
schaut zaghaft ein Gesicht empor

Eine Puppe: Porzellan
weiß und lieblich
bleich, vergänglich
sieh nicht hin
schau sie an!

Die Marionetten:
die adretten in ihren Korsetten
flanieren, stolzieren
selbst. inszenieren, kokettieren
mit ihren – Spitzenschirmen
Hütchen auf
Hut ab! vor den Künstlern

Laut oder leise
erklingt ihre Weise
Erfüllt die Nacht –
Tage der Einsamen
Seelen verwandt, so fern

Sie erfüllen den Traum
Sie odmen den Staub
Sie erfinden die Zeit
Eine eigene Welt.

Drehen sich im Schattenreigen
Schwelgen gar in Nostalgie
Füllen sanft sich ihre Herzen
Schleier fallen, Nebel steigen
Verwandeln die Stadt
schwarzmalerisch
Immerda, Jahr um Jahr


© Kuro

Quelle: Poesiealbum neu, 1/2015 „O Freude. Leipzig im Gedicht“

PASSAGEN

  • Veröffentlicht: 01.04.2015 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · April 2015

Fritz Rudolf Fries

PASSAGEN

Leipzig, April 1945

Der Ami vor Torgau, der Iwan vor den Seelower
Höhen.
Wir ziehen uns in den Keller zurück,
zu Stangenbohnen in der Weinflasche,
Hühnerbrüste im Einmachglas,
genieße den Krieg, denn der Frieden wird
furchtbar.
Meine Großmutter verliert den Appetit,
als sie die Nachrichten aus Stalingrad liest.
Eine verirrte Fliegerbombe drückt uns das Hausdach
auf die Ohren.
Der Luftschutzwart, früher Kellermeister,
bei Veuve Cliquot,
schiebt uns durch den Spalt
kopulierender Häuser ins Licht
der Mädlerpassage.

 

Leipzig, Mai 2014

Erdbeeren mit Schlagsahne,
durch die Gänge
der Passagen flimmert grau der Krieg der alten Männer.
Genieße den Krieg, denn der Frieden ist
grausam.
Eine Schar von Drohnen,
kleine weiße Friedenstaube,
hält uns die Feinde,
deren Kinder und Kindeskinder vom Leib.
Nie wieder Sozialismus, wir haben
die Wahl zwischen Mallorca und Hindukusch.
der Krieg im Näherrücken
eine Drohgebärde von gestern
in den verramschten Schulbüchern.

 

Leipzig, Oktober 2089

Wir waren das Volk.
Jahresausstellung
bei freiem Eintritt.


© Erben von Fritz Rudolf Fries

Quelle: Poesiealbum neu, 1/2015, „O Freude. Leipzig im Gedicht“

Leipzig im März

  • Veröffentlicht: 01.03.2015 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · März 2015

Tanja Dückers

Leipzig im März

Am Buchmessesonntag die Straßen
still und nebelverhangen
Vor mir zwei Verschwommene
Punkte
Ich komme näher   meine Stiefel
schlagen auf das Pflaster
Versuch im Nebel
sich wenigstens zu hören
Vor mir spazieren zwei Frauen
Zwillinge   vielleicht
siebzig Jahre alt
die bis in das kleinste Detail hinein
die gleiche Kleidung tragen
Sie laufen dicht beieinander
ihre grünen Krokodilledertaschen
schaukeln rhythmisch   ihre knallorangenen
Kappen wippen mit ihren Schritten
lila schillern ihre Schühchen
klein sind die beiden
Im Nebel laufe ich
einfach nur ihnen hinterher
ziellos hefte ich mich an
das unhörbare Klackklack der vier
Puppenschuhe
Dann biegen die Doppelten
in eine andere Straße
verschwimmen im weichen Schatten
einer Toreinfahrt tauchen
unter ins Dunkle
Ich laufe weiter
durch Watte
hinter den Anderen Einsamen
die durch den weißen stillen Sonntag treiben
auf der Suche oder Flucht wie auch
immer


© Tanja Dückers

Quelle: Poesiealbum neu, 1/2015 „O Freude. Leipzig im Gedicht“

Regen

  • Veröffentlicht: 01.02.2015 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · Februar 2015

Jan Skácel

Regen

Mit hauchdünner peitsche hieb der frühlingsregen,
er fiel auf die stadt wie der schiefe turm
im niegesehenen Pisa.

In den fluren alter häuser,
wo’s nach blut riecht,
wo sie vor dem morgengrauen eine taube töteten,
versteckten sich pärchen.
Sie sind jung, voller anmut, über die feuchten zäune der wimpern
pflücken sie einander in den augen äpfel
und glauben nicht,

glauben nicht den stiefmütterchen und stadtgärtnern,
nicht dem vielen gerede, dem fast nutzlosen,
nicht den wortwüsten, nicht der klinke an der tür,
nicht stadt noch welt,
sie glauben nicht,
alles ist erfunden und erlogen.

Nur der regen ist kalt und naß
und fällt von oben wie ein schöner turm.


Übertragen aus dem Tschechischen von Reiner Kunze

© MERLIN Verlag

Quelle: „Gedichte von Welt. Leipzigs Partnerstädte“ Poesiealbum neu Sonderausgabe

Gräbertouristin

  • Veröffentlicht: 01.01.2015 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016

Gedicht des Monats · Januar 2015

Halina Birenbaum

Gräbertouristin

Was sage ich von Lublin und Krakau
Über das alte Wieliczka oder über die Theater in Warschau
Wenn das Herz in dem von Felsen gepflasterten Treblinka blutet,
In dem, in schrecklicher Stille verzauberten Majdanek
Der zum Himmel schreienden Baracken.
In Auschwitz, dessen Name mir meine Seele
Im Leib gefrieren lässt.

Welchen Sinn hat es von den guten Eindrücken zu sprechen,
Wenn auf mir diese verdammte Masse lastet?
Ich bin doch eine Touristin der Gräber, sogar
der nicht existierenden.
Ich bin eine Touristin
Der Orte und Seelen, die von der Erdoberfläche ausradiert sind.


Übertragen aus dem Polnischen von Fela Shop

© Halina Birenbaum

Quelle: „Gedichte von Welt. Leipzigs Partnerstädte“, Poesiealbum neu-Sonderausgabe

Förderer und Partner

Förderer


Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Space-Web
Leipzig
Leipziger
Städtische Bibliotheken
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.