Empfehlungen des Monats März 2026

Veröffentlicht in: Allgemein, Empfehlung des Monats | 0

Helmut Blepp: „Erinnerungen im Kartenhaus

Helmut Blepp: „Erinnerungen im Kartenhaus

Hier legt ein Lyriker ein Resümee vor, das man nicht vorschnell etikettieren möchte – und doch schwingt es mit: Es ist ein Alterswerk. Schon der Titel des Gedichtbandes, „Erinnerungen“, deutet es an. Diese Erinnerungen sind keine festen Monumente. Sie sind brüchig, sie kippen, sie fallen leicht in sich zusammen. Sie gleichen einem „Kartenhaus“, das bei der kleinsten Bewegung ins Wanken gerät. Und durch die Ritzen dieses Kartenhauses kriecht unaufhörlich der Tod.

Wir haben uns Biotope erschaffen
in denen es sich besser überleben lässt
denn Tod ist erst übermorgen
und da will keiner hin

Es sind Sätze, die nicht pathetisch werden, sondern beiläufig wirken, fast nüchtern. Zum Überleben dient hier die Poesie, das Schreiben, das Festhalten. Aber auch die Körperlichkeit gehört dazu, direkt, unverstellt, bisweilen vulgär – mit einer luziden Klarheit, wie sie vielleicht erst möglich wird, wenn Scham und das Urteil der anderen keine Rolle mehr spielen.

Wie haben wir doch geliebt ein Leben lang
in Münder und Schöße gesabbert
hatten Reiberein im Schatten von Turnhallen
lautlose Exzesse in dunklen Kinos

Das Frauenbild dieses Bandes, der in seiner Sprache und Haltung durchaus schillert, würde einer #metoo-Probe womöglich nicht standhalten. Und doch ist dieses Buch das Zeugnis einer Zeit, eines Ortes, einer Gesellschaftsschicht. Vielleicht ist diese Welt nicht vergangen, auch wenn man es in manchen Diskursen gerne glauben möchte. Vielleicht kommt sie heute nur zu selten zur Sprache.

Frust liest man bei Blepp nicht. Was man liest, ist der Wille, alles zu sagen. Den Alltag festzuhalten. Seinen Alltag. Dazu gehört auch das Urteil über einen, der stets guten Willen zeigte, der spendete, der helfen wollte, der das Richtige tat – und am Ende doch verschwindet.

Er hatte einen Dauerauftrag
zur Unterstützung der Kindernothilfe

Ärzte ohne Grenzen bedachte er
an Weihnachten immer mit einem nennenswerten Betrag …

Jetzt hat er gar nichts mehr
und keiner kennt ihn noch

Jetzt muss er herausfinden
was ihm fehlt

Blepp blickt aus der Perspektive des Gealterten und Gereiften auf die Welt. Er schreibt nicht von den großen Umbrüchen, sondern vom Alltag – und gerade darin liegt vielleicht das Geheimnis eines guten Lebens. Dass es dabei zuweilen sexuell explizit, vulgär, alkohol- und zigarettensatt zugeht und zu wenig achtsam für den Geschmack mancher Dreißig- oder Vierzigjährigen, gehört zu dieser Haltung. Es ist die Stimme einer anderen Generation, die hier spricht.

Man kann an diesem Band Anstoß nehmen. Man kann ihn als Zeitdokument lesen. Man kann sich an seiner Direktheit reiben. Vor allem aber sollte man ihn lesen. Als Erinnerung daran, dass Literatur nicht gefällig sein muss, um wahr zu sein – und dass ein Kartenhaus manchmal mehr über ein Leben erzählt als jedes Denkmal.

Helmut Blepp:
Erinnerungen im Kartenhaus. Gedichte.

Broschur, 84 S., 15,00 €
Schönebeck, Moloko Print, 2025

ISBN: 978-3-911820-02-8