Empfehlungen des Monats Juli 2026

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Empfehlung des Monats Juli 2026 von Michael Eschmann: Diana Jahr: „in der stille | werden wir durstig sein“ – Lyrische Betrachtungen.

Diana Jahr: „in der stille | werden wir durstig sein“

Wir wachsen am Rand der Welt

Ein aktueller Gedichtband im Spiegel unserer Zeit

Für die Lyrikerin Diana Jahr (*1970 Dortmund) liegt die Welt im Klimakterium, in der ökologischen und philosophischen Existenzkrise. Niemand weiß, wohin es gehen wird. Und gleich am Anfang des Buches, das im Übrigen auf Inhaltsverzeichnis, Interpunktion und Seitenzahlen bewusst verzichtet, erfährt der Leser, was für ein Wunder es ist, dass wir alle überhaupt (noch) existieren können, aber auch wie seltsam das biologische Wechselspiel von Leben und Tod immer bleiben wird, da in jedem von uns eine Uhr ohne Zeiger tickt.

sind wir staubkörner

ich gehe barfuß

über trockenes licht

fällt ein schleier

regen ist ein schöner name

für fruchtbarkeit

wir wachsen am rand der Welt

oder wurzeln in der einsamkeit

einer frau eines mannes

eines meeres

irgendwo in der mitte der nacht

sehen wir uns an

wie klein wir sind

und wie groß

das staunen

Dennoch bleibt eine Bewunderung für die Großartigkeit der Natur. Es bleibt aber auch eine diffuse Angst übrig, verbunden mit der Frage, ob dies nicht alles bald verloren sein wird. Denn die Klimaveränderungen sind da, die Erde ist in einer gefährlichen Situation. Und wir alle wissen, dies bedeutet nichts Gutes, wenn Gletscher dahin schmelzen und Täler donnernd überflutet werden. Oder wenn die Polkappen schmelzen und Eisbären um ihr Überleben kämpfen müssen.

weinst du eisbär

oder ist es schmelzwasser

das dir aus den augen rinnt

die eisscholle hält

nicht mehr lange

und du mutierst

zum fischer

ich hoffe

es bleibt kalt genug

für dich

zum überleben

außerhalb eines gedichts

Die Gedichte lesen sich leicht, dank der klaren Sprache und trotz der manchmal bedrohlichen Thematik. Was ganz wichtig ist, die Gedichte machen nicht traurig. Und gerade dies zeichnet das Buch aus: Es klagt nicht an, es deutet aber auf so vieles hin. Es ist noch nicht einmal melancholisch, jedoch sehr nachdenklich. Die Stimmung der Texte ist weder optimistisch noch gar pessimistisch, aber sehr realistisch. Denn die menschliche Hilflosigkeit bei allen Problemen, die auch die Autorin spürt, kreist um die Existenzfrage der Menschheit: Gibt es vielleicht noch eine Rettung für diesen Planeten? Aber trotz aller Gefahren (Überbevölkerung, Klima, Kriege und Seuchen) bleiben die Texte ruhig und sachlich, jedoch niemals kühl. Sie kennen keine Wut, keine Verzweiflung, noch nicht einmal Protest, vielleicht nur fragende Skepsis, warum konnte es überhaupt so weit kommen?

woher wohin

mir liegen keine frühlings-

lieder auf den lippen

eine dürre

sonne

bricht sich bahn

durchleuchtet jeden winkel

auf sand geh ich

einem grün entgegen.

Ein Gedicht muss weder Trost noch Hoffnung bieten, denn Lyrik ist keine Kirchenpredigt.

Aber was gute Lyrik wirklich leisten sollte, ist eine Brücke zwischen dem Text und der Leserschaft zu finden. Hier ist es gelungen. Die Autorin nennt die eigenen Texte „lyrische betrachtungen“ und das trifft es sehr gut. Es sind Gedichte, poetische Gedankensplitter, verbunden mit einer Natur, die entweder Rückzugsort oder immer wieder neue Inspirationsquelle für das künstlerische Ich wird.

Und bei Diana Jahr ist Poesie das kreative Licht gegen die Schatten dieser Welt. Das Wort Stille hat hier große Bedeutung. Denn aus ihr entspringt der Anfang allen Seins. Und daraus erfolgt wiederum das Staunen. Und erst jetzt, also viel später, entsteht das (geschriebene) Wort.

vom wind habe ich die stille gelernt

und all die anderen zeichen

stehen offen für den ersten monat

eines neuen jahres

welche wahrheit ist wirklich

deine oder meine oder

gibt es nur uns

ein aufatmen

im winter sammle ich bilder

aus sand aus schnee ein paar

schneisen im land gewinnen wir

und gründeln im grunde

der erde gehört der puls

zum leben zum beispiel

eine eiszeitliebe

Auch in schwierigen Zeiten sollte es zur Überlebensstrategie des Menschen gehören, das Leben zu genießen: Trotz alledem. Denn wir leben nur einmal. Das vorletzte Gedicht im Buch darf deshalb als poetische Lebenshilfe verstanden werden.

am ende des tages

auf der terrasse

mit einem glas wein

und einer gauloise

an dich denken:

glück

später mit einem gedicht

das klima ausblenden

und in die nacht segeln

zu noch vorhandenen

ufern

Zuletzt: Das Buch besitzt eine außergewöhnliche Buchgestaltung. Es ist recht klein: 8,5 x 15 cm. Das erinnert an die mittelalterlichen Breviere, die die Mönche mit sich trugen, um schnell das katholische Stundengebet vollziehen zu können. Sollte dies die Absicht der Autorin gewesen sein, wäre es im vorliegenden Fall mehr als geistreich und originell gewesen: Lyrik als poetischer Verbandskasten gegen jegliche Form von leichten Alltagsverletzungen. Die Papierart: Gmund passt ideal zu den Texten. Die offene Fadenheftung des Einbandes hingegen irritiert. Jedes Mal, wenn ich zu dem Bändchen in meinem Regal blicke, denke ich, es muss zum Buchbinder gebracht werden.

Diana Jahr
in der stille | werden wir durstig sein. Lyrische Betrachtungen.
Broschur, 108 S., 14,00 €
ISBN 978-3-944716-33-6
Schillo Verlag, München, 2025