Gedicht des Monats Oktober 2020

  • Veröffentlicht: 01.10.2020 · Zuletzt aktualisiert: 28.09.2020

Therese Chromik (*1943)
Helgoland

Ich war wo ich mich fand
und wo mich niemand suchte
auf der Insel der Dichter
wo der Himmel voller Violinen hängt
und die See nach frischgebackenem Kuchen riecht
wo es im Winter in Deutschland am wärmsten ist
wo das Lied
vom Männlein im Walde
gedichtet wurde
wo ich unglückliche Lieben auskurieren kann
wo die See wütend brüllt
wie um zu prüfen
ob ich es aushalte seeumspült
Fels in der Brandung zu sein
dann werde ich begrüßt von den Lummen
die sich an die zerklüfteten Felsen klammern
wie die Menschen an die Insel
und zeigen wie sie bleiben können
oder davonfliegen und den Ort zurücklassen
schimmernd golden

aus: „Blau ist mein Hut“, Verlag Vorwerk 8, Berlin, 2019

Wir gratulieren unserem Mitglied Therese Chromik herzlich zum 77. Geburtstag, den sie in diesem Monat begeht und wünschen viel Kreativität und Gesundheit.

Gedicht des Monats September 2020

  • Veröffentlicht: 01.09.2020 · Zuletzt aktualisiert: 31.08.2020

Eva Lübbe (*1950)
Schneeglöckchen

Zarte Spitzen
treibst Du aus frostigem Boden hervor.

Willst Du Dein Weiß
am Weiß des Schnees messen?

Erste Sonnenstrahlen helfen Dir.
Wie einen winzigen Schirm
spannst Du Dein Glöckchen auf

und läutest im Chor Deiner Schwestern
leise den Frühling ein.


Wir gratulieren unserem Mitglied auf diesem Wege herzlich zum
runden Geburtstag und wünschen Dr. Eva Lübbe noch viele Frühlinge.

Quelle: Poesiealbum neu
Steinbrech. Gedichte zu Pflanzen
Leipzig 2017

Gedicht des Monats August

  • Veröffentlicht: 01.08.2020 · Zuletzt aktualisiert: 01.08.2020

Renate Maria Riehemann

Die Welt steht nicht still

Ein Leben auf die Schnelle

Mit Wünschen übervoll  

Das Schiff am Bug der Welle  

Die Welt umsegeln soll

Du gehst an Bord

Mal hier mal dort

Hast Zeit und Geld

Reist um die Welt

Was hält dich auf?

Du bist verwundbar  

Bauer nur im Spiel  

Und wirfst deine Münzen

Ins immer gleiche Ziel

Kopf oder Zahl

Es ist egal

Das Goldstück fiel

Nur in den Brunnen

Über den der Himmel lacht

Gesichter hinter Masken

Die Uhren stehen still

Gefangen hinter Mauern

Es gilt nicht, was man will

Wir sind versteckt

Der Mund bedeckt

Die Angst regiert

Es ist passiert

Die Welt steht still

Wir sind verwundbar  

Bauern nur im Spiel

Wir alle werfen Münzen

Ins immer gleiche Ziel

Kopf oder Zahl

Es ist egal

Ein Goldstück fiel

Nur in den Brunnen

Über den der Himmel lacht

https://www.youtube.com/watch?v=z-G00IYrJnA

  Musik und Produktion: Wolfgang Kahl

  Vocal: Heike Langner

  Chor: Heike Langner, Rainer Seidel, Harald Sindram

  Schlagzeug: Niklas Kahl

Gedicht des Monats Juli 2020

  • Veröffentlicht: 01.07.2020 · Zuletzt aktualisiert: 30.06.2020

Hartmut Brie (*1943)

Zwischenmenschliches

Ein Wort gibt das andere bei Intoleranz in mieslichen Lebenslagen,
die Streitkultur der Demokratie ist ein strapaziöser Weg,
das tägliche Einerlei bietet keinen Raum für Freundschaftsdienste,
die digitale Welt ergreift Besitz vom Menschen als einem Ganzen,
das Zwischenmenschliche bleibt auf der Strecke ohne Widerspruch,
der Zeitgeist außer Gefecht in zugestellten Dunkelkammern.
Manchmal Sätze auf dem Sprung zu einem Mosaik aus Wortfeldern,
die Menschenrechte als Endprodukt noch immer in Klammern,
die Würde des Menschen ein kostbares Gut auf politischen Stelzen,
die Konflikte auf der ganzen Erde nichts als traurige Bilanzen
einer Fehlinterpretation von unmissverständlichen Regeln im Klartext,
wir streiten öffentlich um Kultur als höchstes Bildungsprivileg.

Quelle: LyrikZeit, deine zeitschrift für lyrik

Gedicht des Monats Juni 2020

  • Veröffentlicht: 01.06.2020 · Zuletzt aktualisiert: 01.06.2020

Fitzgerald Kusz (*1944)

des

des gibds ned
des glabbsd ned
des derf ned woä saa
des gäihd ned in mein kubf nei
des lässd mä kann rouh
des houi kummä säing
des hammä edz dävoo
des kummd aff uns zou
des kammä ned aufhaldn
des kummd unvähoffd
des bläihd uns
des is aff amall dou


Quelle: Fitzgerald Kusz, zwedschgä, gedichte
ars vivendi Verlag 2012

Gedicht des Monats Mai 2020

  • Veröffentlicht: 01.05.2020 · Zuletzt aktualisiert: 01.05.2020

Gustav Lüder (1930-2020)

Angst

Jeden Abend,
wenn die Nacht
hereinbrach,
schlossen sie
mit großer Sorgfalt
alle Türen, alle Fenster,
und Angst
machte sich breit
unter ihnen,
jeden Abend
aufs neue.
Sie vertrauten dem
lieben Gott,
aber ihr relativ schlechtes
Gewissen ließ
sie daran zweifeln,
notfalls auf seine Hilfe
rechnen zu können.


Geboren wurde Gustav Lüder in Binder, lebte seit Jahrzehnten in Hildesheim und ist dort am 28. März 2020 verstorben. Als erfolgreicher Unternehmer hat er immer Zeit gefunden für die Literatur und besonders für die Lyrik. Im Laufe der Jahre beteiligte er sich an vielen Anthologien und hat die Arbeit der Lyrikgesellschaft immer wieder finanziell unterstützt. In späteren Jahren ist er daran gegangen, seine verstreut erschienenen Gedichte zu ordnen und zwei Romane zu veröffentlichen. 2015 ist sein Gedichtband Unzählige Fische im Engelsdorfer Verlag erschienen. Wie gern hätten wir Gustav Lüder zu seinem 90. Geburtstag gratuliert. Wir werden unser langjähriges Mitglied stets in ehrendem Gedenken behalten.

Gedicht des Monats April 2020

  • Veröffentlicht: 01.04.2020 · Zuletzt aktualisiert: 31.03.2020

Dieter Höss (1935-2020)

Alles drin

Fragt nach Fehlern nicht,
fragt nach Tugenden –
und alles wird gut:

Aus Sturheit
wird Standhaftigkeit.

Aus Grobheit
wird Aufrichtigkeit.

Und aus Unverschämtheit
wird Mut.

Quelle: Poesiealbum neu „Tugenden & Sünden“, Leipzig 2016
Tugenden & Sünden

Am 11. März 2020 ist unser langjähriges Mitglied verstorben. Wir hätten ihm so gern noch am „(Nach-)Welttag der Poesie 2020“ in Köln eine Bühne geboten und werden ihn und seine Lyrik in Erinnerung behalten.

Gedicht des Monats März 2020

  • Veröffentlicht: 01.03.2020 · Zuletzt aktualisiert: 31.03.2020

Christine Kappe (*1970)
NY

Mir fallen die Zähne aus und sie asphaltieren meinen Mund.
Wir stecken das Haus unserer Eltern in Brand und bezichtigen
unsere Freunde.
Die Hauptschlagader von NY liegt unterirdisch.
Dort verkaufen sie Karten für Kinos und schlechte Diskotheken,
fliehen ins Unbeständige, um müde zu werden.
Mir fallen die Zähne aus und sie bezichtigen meine Mutter.
Wir fliehen in das Haus unserer Eltern, um müde zu werden.
Dort verkaufen sie Kino- und Speisekarten.
Wir aber verkaufen unsere Freunde.
Die Hauptschlagader meiner Mutter liegt unterirdisch;
deswegen verlaufen wir uns.
Sie stecken NY in Brand und suchen das Beständige.
Mir fällt in der U-Bahn der Kaffee aus der Hand und hinterlässt
ein Muster; deswegen versaufe ich alles.
Wir bezichtigen NY, das Licht angelassen zu haben.
Unsere Eltern berichtigen uns.

Christine Kappe (*1970)

aus: „Hauptstadt der Sehnsucht. New York-Gedichte“
Poesiealbum neu, Ausgabe 2/2019
Edition kunst & dichtung, Leipzig 2019

Unserem Mitglied Christine Kappe nachträglich herzlichen Glückwunsch
zum halben Jahrhundert.

Gedicht des Monats Februar 2020

  • Veröffentlicht: 01.02.2020 · Zuletzt aktualisiert: 01.02.2020

Ursula Jetter (*1940)


angelangt
auf der höheren
Stufe des scheiterns

tragik
das wohlfeile alibi
unlängst begraben

chaos
fetisch der möglichkeiten
am gürtel


Geboren in Bruchsal, lebt in Möglingen; Studium der Pädagogik und Psychologie, leitende Tätig­keit in der Psychiatrie; Dozentin und Autorin, Mitglied in der GZL, im VS, der Gedok, der Künstlergilde und im Internationalen PEN; Herausgeberin der Literaturzeitschrift „exempla.

Quelle: Poesiealbum neu: „Texte gegen Intoleranz“, Leipzig 2008

Wir gratulieren herzlich zum 80. Geburtstag und wünschen Gesundheit, Wohlergehen und weiterhin Freude am literarischen Schaffen

Gedicht des Monats Januar 2020

  • Veröffentlicht: 01.01.2020 · Zuletzt aktualisiert: 27.12.2019

Friedrich Hölderlin (1770-1843)

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.


Im Herbst 2020, wenn wir zu Ehren Hölderlins die „Poesiealbum neu“-Ausgabe 2/2020 „Poesie & Narrheit“ in Leipzig und Tübingen vorstellen werden, passt dieses großartige Gedicht natürlich sehr viel besser zur aktuellen Jahreszeit. Aber darauf wollen wir nicht warten. Das Hölderlinjahr beginnt jetzt.

Förderer und Partner

Förderer


Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.