Fassadenflucht: Politische Dichtung der Gegenwart II

  • Veröffentlicht: 01.03.2016 · Zuletzt aktualisiert: 15.04.2016
Fassadenflucht: Politische Dichtung der Gegenwart II - Cover

Fassadenflucht: Politische Dichtung der Gegenwart II,
chiliverlag

Fassadenflucht: Politische Dichtung der Gegenwart II
Lyrik-Empfehlung des Monats · März 2016

Der chiliverlag ist ein Verlag für eine Literatur, die sich mit dem Mainstream nicht so recht abfinden will. Da ist es kein Wunder, dass in diesem Verlag eine der wenigen Anthologien politischer Lyrik erscheint, die in der Bundesrepublik herausgegeben werden (z.B. neben den „Schlafenden Hunden“, die Herausgeber Thomas Bachmann aus Leipzig lobenswerterweise aufweckt, oder der „Poesiealbum-neu-Ausgabe „Texte gegen Intoleranz“ von 2008). In solchen Anthologien sammeln sich AutorInnen, die über soziale Schieflagen nachdenken. Dem ersten Politlyrik-Band „Strohblumenstörung“ folgte nun „Fassadenflucht – Politische Dichtung II“, und hier sind es immerhin 87 AutorInnen, die die Tradition gesellschaftskritischer Dichtung beleben, weil sie beispielsweise der Meinung sind, dass politisches Bewusstsein nicht dazu da ist, an die Macht zu kommen, sondern vielmehr dazu, Machtansprüche in die Schranken zu weisen.

Zwar seien, so schreibt Bernhard Winter im Vorwort, „die Verlockungen und Annehmlichkeiten des saturierten politischen Unterkriechens groß“, doch auch ein kleines Gedicht könne „den Spiegel vorhalten“ und „Stachel sein“ im sesshaften Hinterteil des Duckmäusertums, es geht konkret „gegen menschenverachtende Weltverödung“. Poesie steht auf gegen die Einfallslosigkeit der Politik, verlangt nach einem poetischen Leben, Gedichte gehen demonstrieren, beispielsweise gegen Rechtsextremismus und die Verharmlosung von Kriegen. Da mahnt Fritz Deppert in seinem Gedicht „Feuergeburt“: „Ich kam aus dem Feuer / brennender Städte / … / Nun bete ich als Tag- und Nachtgebet / an die, die nach mir zur Welt kamen: / Haltet Ausschau nach Brandstiftern, / seht hin und nicht weg, meint nicht / leichtgläubig, die schlimmen Zeiten / wären vorbei und nur noch / anderswo möglich. Ich / kam aus dem Feuer und weiß / wie schnell es wieder brennt.“

Nicht nur die Gefahr von rechts ist Thema, sondern auch die Gewohnheitsmüdigkeit, die den kritischen Verstand einlullt. Manfred Pricha sieht uns schon freudestrahlend durch die Drehtür der Zukunft in eine 80-stündige Arbeitswoche wanken. Sven Klöpping moniert an anderer Stelle das Ausbleiben echter Wahlmöglichkeiten zur Zukunftsgestaltung. In elitärer Politik erscheinen sogar Friedensverhandlungen als Widerspruch in sich, weil, so Theresia Schmucker-Roth, „Positionen“ um „Flexibilität kämpfen“. Barbara Zeizinger zeigt in ihrem Gedicht „Talk Show“ jedoch, dass das Leben trotz aller Vorhersagbarkeit vor Überraschungen nicht gefeit ist. Und immerhin vermeldet Karsten Pauls „Wetterbericht Brüssel“ angesichts eines „Durchführungsbestimmungsgestöbers“ einen „starken Kommentarniederschlag“. Ein Kommentarniederschlag ist letztlich auch der Band „Fassadenflucht“, und zwar im guten Sinne: Hier begegnen sich Gedichte, doch es spricht der Mensch.

– Ralf Burnicki –

Barbara Zeizinger
Talk Show

Es stimmt, hier ist kein Platz
für die Suche nach Atlantis.
Die Moderatorin legt Wegmarken
aus: von rechts nach links, erst du,
dann du und: bitte keine Utopien
Lächeln in Kamera fünf
Worte tänzeln im Raum.
Manchmal verspüre ich so etwas
wie Sehnsucht, sagt der Minister
in die erschrockene Runde.

Fassadenflucht: Politische Dichtung der Gegenwart II, chiliverlag, Verl 2015, TB, 208 Seiten, 9,90 Euro,
ISBN-10: 3943292320, ISBN-13: 978-3943292329)

Leipziger Buchmesse 2016

Fassadenflucht + Stimmwirbel – Politik + Hoffnung
20. März 2016 | 15:30 – 16:00 Uhr
Leseinsel Junge Verlage Halle 5, Stand G200

Mitwirkende: Esther Ackermann, Michel Ackermann, Bernd M. Gonner, Eva Masthoff, Kathrin Niemela, Franziska Röchter

Veranstalter: chiliverlag

Art der Veranstaltung: Lesung mit Musik

Beschreibung: Lyrik zum Anfassen. Gedichte, in passenden Situationen eingesetzt, können immense Wirkungen entfalten.


Seit Februar 2014 stellen (vornehmlich) Mitglieder der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik monatlich einen Titel vor, der eine besondere Empfehlung verdient. Diese Titel können dem aktuellen Programm der Verlage entnommen sein oder deren Backlist oder auch Wiederauflagen früherer Titel betreffen. Wichtig ist vor allem, dass das empfohlene Buch (oder Hörbuch) eine Neuerwerbung für die LEIPZIGER LYRIKBIBLIOTHEK darstellt und die Empfehlung stets individuell bleibt.

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