Der „Soli“ für die Kultur

  • Veröffentlicht: 11.04.2020 · Zuletzt aktualisiert: 11.05.2020

Einzelne Mitglieder der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. unterstützen dankenswerterweise die Initiative des Leipziger Kulturbüros Grote & Thomas, die den „Leipziger Kulturfallschirm“ aufgespannt haben und noch bis zum 20. April 2020 um Spenden bitten: https://www.startnext.com/leipziger-kulturfallschirm

in finanzieller Weise und die Lyrikgesellschaft selbst mit einer Sachspende, die als „Dankeschöns“ an Spender/innen gehen wird. Außerdem unterstützt eine Reihe prominenter Schriftsteller aus Leipzig bzw. Autoren, die sich mit Leipzig verbunden fühlen, den „Kulturfallschirm“ mit signierten Büchern, um die Spender zum Format „Das gute Buch“ einzuladen, was erfreulicherweise viel Widerhall gefunden hat.

Alles in allem wird somit gewiss ein Tausender in den Spendentopf kommen – und wer sich hier noch finanziell beteiligen möchte, ist herzlich eingeladen und ermuntert. Jeder 5-Euro-Schein hilft, und für 10 Euro wird einem eine „virtuelle Umarmung“ zuteil.

Helfen kann die Politik in Kommune, Land und Bund zudem SOFORT, ohne dass es einen Cent kostet, indem sie bereits für das Jahr 2020 bewilligte Projektfördergelder nicht wie üblich an das laufende Geschäftsjahr bindet, sondern prinzipiell auch nach dem 31. Dezember weiter zur Verfügung stellt – mindestens bis Mitte 2021. Den etwa 50 Mitwirkende an unseren bislang 12 abgesagten Veranstaltungen käme das unmittelbar zugute und würde gleichermaßen auch eine Wertschätzung bedeuten.

Mein Vorschlag ist der: Den „Soli“, sprich Solidaritätszuschlag auf die Einkommenssteuer, den die Politik demnächst für einen Großteil der Steuerzahler abschaffen will, beizubehalten und fortan in einen Pool fließen lassen, aus dem jenen Freiberuflern und Selbständigen, die von der Corona-Krise betroffen sind, ein monatliches Grundeinkommen von 1.200 € bezahlt wird, das einzig an die Bedingung geknüpft sein sollte, ihre kreative Arbeit/Mitarbeit der Gesellschaft weiterhin anzubieten.

Kommen wir jetzt erst einmal gemeinsam über Ostern und sammeln neuen Mut.

Viel Gesundheit Ihnen allesamt, und rücken wir symbolisch zusammen, dass wir es für die Zeit DANACH nicht verlernt haben.

11. April 2020

Ralph Grüneberger

Wegmarken eines Großmeisters. Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1950 – 2020

  • Veröffentlicht: 01.04.2020 · Zuletzt aktualisiert: 29.03.2020

Empfehlung des Monats · April 2020
von Wolfgang Braune-Steininger

Hans Magnus Enzensberger (*1929) ist nach dem Tod von Günter Kunert der letzte verbliebene Großmeister deutschsprachiger Nachkriegslyrik. Seitdem er 1957 mit dem Gedichtband Verteidigung der Wölfe debütierte, bekam er auch schon  von Literaturwissenschaft und Kritik gleichermaßen einen Spitzenplatz unter  den zeitgenössischen Poeten zugewiesen, der seither auch nie in Frage gestellt wurde.   

Mit dem aktionspolitischen Impetus von Bertolt Brecht und der poetischen Variabilität von Gottfried Benn schuf  er Gedichte, deren Wortefundus aus den teilweise verschiedensten Sprachbereichen stammen. Besonders originell sind seine Entlehnungen aus dem Medien- und Kommunikationsbereich. So ist ein Gedicht mit  An alle Fernsprechteilnehmer überschrieben, ein anderes  wiederum mit Kein Anschluß unter dieser Nummer.  

Was Enzensberger seit seinem ersten Auftreten mit Bestimmtheit in die Lyrikgeschichte einziehen ließ, war seine souverän-virtuose textinterne Verwendung und Auseinandersetzung mit der Literaturgeschichte verschiedener Länder und Epochen. Auf kaum einen Literaten wie ihn trifft die Kennzeichnung Poeta doctus – gelehrter Dichter – zu. So ist etwa das aus dem Mittelhochdeutschen kommende zweite Tagelied von Wolfram von Eschenbach die intertextuelle Bezugsgröße zum Eröffnungsgedicht des Bandes: Utopia.

Außerdem hatte Enzensberger schon früh die Position eines öffentlichen Intellektuellen inne, der sich über seine literarische Produktion hinaus noch  zu tagespolitischen Fragen äußert. So erregten seine kritischen Essays über den Spiegel (1957), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (1962)  und die transnationale Migration – Die große Wanderung (1992) – großes Aufsehen.       

Essayistische Züge tragen auch viele von Enzensbergers Gedichten, in denen nahezu jedes lyrische Genre vertreten ist. Besondere Verdienste erwarb er sich um das Personengedicht. Der 1975  erschienene Lyrikband Mausoleum. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts enthält ausschließlich personenzentrierte Gedichte. Für den vorliegenden Band wählte Enzensberger u.a. die lyrischen Personenstudien über Machiavelli, Bakunin und  Che Guevara aus, wobei über letzteren gesagt wird, dass er „Ein zarter Versager, Fraß für Geheimdienste“ (S. 88) gewesen sei. Ein lyrisches Porträt beschließt auch Enzensbergers  Gedichtauswahl aus siebzig Jahren, nämlich das mit Der Triumph war seine Sache nicht  überschriebene biografische Bildnis von Joseph Haydn.

Besonders aussageintensiv ist  die porträtlyrische Skizze von Eichendorff, die auch ein nachhaltiges Statement zur ‚Haltbarkeit‘ romantischer Poesie in Zeiten des kulturellen und politischen Wandels ist (S. 182):




Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1950 – 2020
Suhrkamp Verlag Berlin 2019 (suhrkamp taschenbuch 5015) 
ISBN: 978-3-518-47013-8       
238 Seiten, 14 Euro

Gedicht des Monats April 2020

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 31.03.2020

Dieter Höss (1935-2020)

Alles drin

Fragt nach Fehlern nicht,
fragt nach Tugenden –
und alles wird gut:

Aus Sturheit
wird Standhaftigkeit.

Aus Grobheit
wird Aufrichtigkeit.

Und aus Unverschämtheit
wird Mut.

Quelle: Poesiealbum neu „Tugenden & Sünden“, Leipzig 2016
Tugenden & Sünden

Am 11. März 2020 ist unser langjähriges Mitglied verstorben. Wir hätten ihm so gern noch am „(Nach-)Welttag der Poesie 2020“ in Köln eine Bühne geboten und werden ihn und seine Lyrik in Erinnerung behalten.

Förderer und Partner

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Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.