Empfehlung des Monats Januar 2026 von Ralph Grüneberger:
Wolfgang Schiffer & Dinçer Güçyeter: Die Backstage eines Buches: Wege und Irrwege literarischen Arbeitens

Dieses Buch zu empfehlen, bedeutet im Sinne der Herausgeber Dinçer Güçyeter und Wolfgang Schiffer gleichsam 22 Werke zu empfehlen. Denn die beiden Herausgeber haben gezielt Autorinnen und Autoren für dieses Projekt angesprochen, von denen ihnen ein spezielles literarisches Werk im Bewusstsein war. Ein Buch, das ihnen zusagte. Und jeweils auch eben diese Veröffentlichung wollten sie mit der Aufgabe, die sie den 21 Autorinnen und Autoren gestellt haben, konkret verbunden wissen. Im Mittelpunkt stehen dabei hauptsächlich Romane, wobei auch ein Lyrikband, wie der von Monika Rinck („Honigprotokolle“), oder ein Band mit Tagebuchtexten wie der von Jayne-Ann Igel („Fahrwasser“) gleichfalls Aufnahme in diese Sammlung an Selbstbetrachtungen gefunden haben.
Worum geht es? Es geht ums Schreiben, und das nicht ganz allgemein, sondern im Besonderen. Wie fühlt man sich nach dem Abschluss eines Manuskriptes? Was geht dem Anfang und dem Ende voraus? Wie kam das Buch überhaupt zustande? Welchen Zuspruch, welche Support gab es? Was passierte sozusagen hinter der Bühne?
Den Auftakt der Selbstbetrachtungen vor dem Hintergrund des eigenen Buches bildet Anna Rabe. Und mitten in deren Text finden sich diese Zeilen, die sich für mich wie das Motto des gesamten Buches lesen: „So selbstverständlich wie einem der Textraum erscheint, wenn er einem in Form eines Buches vorliegt, so ungeklärt ist dieser Raum am Anfang des Schreibens.“ Denn darum geht es in dieser Ansammlung an Erfahrungsberichten, um eben diesen Status der im Grunde hausgemachten Verunsicherung. Freilich ist es nicht unerheblich, ob man bereits als renommierte Autorin, renommierter Autor gilt und nach dem Manuskriptabschluss lediglich eine Atempause zwischen zwei Titeln oder gar vor dem nächsten Erfolg nimmt. Anders sieht es hingegen aus, wenn es sich gar um ein Debüt handelt, den ersten Auftritt auf der Literaturbühne, wobei auch die Covid-Pandemie so manche Buchpremiere zu beeinträchtigen vermochte. Und eben diese Verschiedenartigkeit der Voraussetzungen und Situationen macht den Reiz dieser Anthologie aus. Allerdings sind es überwiegend die Herren der Schöpfung, die nicht einfach nur über sich und ihren Zustand sprechen, sondern ihre Aussage (nicht selten etwas verquer) künstlerisch zu gestalten trachten. Und das auch formell – wie Ralph Tharayil. Der weibliche Teil dieser Autorenbilanzen ist, wenn auch nicht selbstlos (was niemand erwartet), so doch überwiegend in einer Art gehalten, die bei sich bleibt und das Erlebte und Empfundene in eher direkter Weise widerspiegelt und in Sätzen wie diesen mündet: „Ich stelle mir vor dem Schreiben Fragen, die ich mir früher nie gestellt habe. [… Es sind] in gewisser Weise schon Formfragen, nur loten sie mehr mein Gewissen als meinen Sinn für Ästhetik aus“ (Anne Weber).
Alles in allem ist „Die Backstage eines Buches“ – bei zwei Ostdeutschen – eine eher westlastige Sammlung (Switzerland hier mitgezählt), die, das sei ausdrücklich hervorgehoben, das Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt ermöglicht hat. Ein Dankeschön dafür. Ist doch die Arbeitswelt von Schriftstellern (m/w) oft ein eher intimes Terrain.
Wolfgang Schiffer & Dinçer Güçyeter:
Die Backstage eines Buches: Wege und Irrwege literarischen Arbeitens
Gebunden, 204 S., 24,00 €
ISBN 978-3946989905
elifverlag, Berlin 2025
