
Empfehlung des Monats Dezember 2025 von Prof. Dr. Benno Heussen:
Ralph Grüneberger:
„Über sieben Brücken. Helmut Richter. Schriftsteller, Lyriker, Liedautor“
Einen biografischen Text gilt es zu empfehlen, den bisher ersten über Helmut Richter, Dichter und zuletzt Direktor des Leipziger Literaturinstituts „Johannes R. Becher“. Richter (1933-2019) hatte es nicht einfach im Leben. Geboren als uneheliches Kind eines Schneidermeisters im einstigen Schlesien, dem heutigen Bruntál in Tschechien, wurde er nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Sachsen-Anhalt vertrieben. Schon früh musste er als Landarbeiter, Traktorist und Gemeindesekretär seinen Unterhalt verdienen. Er gehörte zu den Heimatlosen, den Vertriebenen, für die ab 1948 in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren Deutschen Demokratischen Republik bald schon das Wort „Umsiedler“ gefunden wurde. Ihre Zahl belief sich auf mehrere Millionen Menschen (die Geschichtsschreibung nennt die Zahl 15 Millionen Vertriebenen). Heiner Müller hat diese Probleme in seinem Theaterstück „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“ (1961) kritisch behandelt und wurde daraufhin aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Auch Ralph Grüneberger, der Autor des Buches über Helmut Richter, gestaltete 1979 mit Gedichten und Liedtexten für die Songgruppe das Thema Vertreibung – bei ihm in Bezug auf die Erschließung von Tagebauen. Das Liedprogramm „Umzüge“, geschrieben für die Songgruppe Leipzig, hat ihm und dem Ensemble viel Kritik eingetragen, in deren Folge „Umzüge“ nach der Premiere keine weitere Aufführung erlebte.
Die spätere politische Haltung Richters, als Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei (SED) Teil des staatlichen Systems zu werden, es andererseits aber immer wieder als unvollkommen zu kritisieren, ist aber nur zu verstehen, wenn man die Anfänge kennt, aus denen sie entstanden ist.
Helmut Richter hatte nach den schwierigen Anfangsjahren Glück. Der Staat hat ihn gefördert: Nach der Lehre als Maschinenschlosser konnte er Physik studieren und wurde Prüfingenieur beim Amt für Messwesen. Gewiss hat er die Idee, der Staat solle den Arbeitern und Bauern gehören, früh als richtig erkannt, denn er selbst gehörte zu ihnen, wollte aber weiterkommen. Richter fing schon als Student an zu schreiben, am Anfang Gedichte, später journalistische und literarische Texte. Er ging den »Bitterfelder Weg«, der es den Werktätigen ab 1959 ermöglichte, ihre beruflichen und persönlichen Erfahrungen mit anderen zu teilen. Drei Jahre später, mit 28 Jahren wechselte er von der einen auf die andere Seite und studierte in Leipzig am Johannes R. Becher-Institut, das er 1964 nach drei Jahren abschloss. Er kehrte nicht mehr in die Welt der Maschinen zurück, wurde 1969 in den Schriftstellerverband der DDR aufgenommen und hatte sich mit den bis dahin erschienenen fünf Büchern und zahllosen Artikeln auch eine ökonomische Basis für die weiteren Jahre erkämpft. Danach erscheint fast jedes Jahr ein neues Werk. Helmut Richter ist fleißig: Jahrelang arbeitet er als Dozent am Literaturinstitut, schreibt Hörspiele und Drehbücher, gründet die noch heute erfolgreiche Halbjahreszeitschrift „Leipziger Blätter“ und initiiert in den Städtischen Bibliotheken das Leipziger Literaturarchiv. Fast nebenbei gelingt ihm 1978 ein Welterfolg: Sein Gedicht „Über sieben Brücken musst du gehn“ wird von der Band Karat und später gecovert von Peter Maffay international bekannt. https://www.youtube.com/watch?v=28MMYPoG8ag&list=RD28MMYPoG8ag&start_radio=1.
Von 1990-1992 wird er Direktor des Leipziger Literaturinstituts und kann noch dafür sorgen, dass es nicht vollkommen abgewickelt, sondern der Universität Leipzig als Neugründung Deutsches Literaturinstitut Leipzig (DLL) angegliedert wird. Danach tritt er wieder mit einer Reihe literarischer Werke hervor, die vor allem im Verlag Faber & Faber Leipzig erscheinen.
Biograf Ralph Grüneberger (*1951), Lyriker, Schriftsteller, 25 Jahre Vorsitzender der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik und einige Zeit Mitglied des Vorstands von PEN Deutschland, war zu Zeiten Richters Student sowie später auch Teilnehmer eines Sonderkurses am Literaturinstitut Leipzig und bezieht aus der Lehre dort auch eigene Erfahrung. Die Beziehungen Richters zum Staat und zur Partei behandelt Grüneberger kritisch abwägend, aber zurückhaltend. Wer die biografischen Details mit Aufmerksamkeit liest, kann aus ihnen die – häufig nur angedeuteten – inneren Konflikte nachvollziehen: 1963 hätte Richter das Verdikt der Universitäts-Professorin Hedwig Voegt fast das Studium gekostet („morbid, der Wirklichkeit entrückt, abstrakt und antirealistisch“ sei seine Lyrik), aber im gleichen Jahr ließ man ihn in die SED eintreten. Später, nach großen Erfolgen, haben parteinahe Kritiker Helmut Richters Texte dennoch 1987 als „pessimistisch und schädlich für den Aufbau des Sozialismus“ bezeichnet. Geschadet hat es ihm nicht.
Am Freitag, dem 23. Januar 2026, wird um 14 Uhr an Helmut Richters letzter Wohnstätte in der Leipziger Schorlemmerstraße 4 ihm zu Ehren eine Gedenktafel eingeweiht. Die Initiative dazu geht vom Verein Künstlerspur Leipzig aus.
Ralph Grüneberger:
Über sieben Brücken. Helmut Richter. Schriftsteller, Lyriker, Liedautor
Broschur, 168 S., Farb- und s/w-Abb., 20,00 €
ISBN 978-3-96311-978-1
Halle, Mitteldeutscher Verlag 2025
