Verdichtung als Stilprinzip

Ralph Grüneberger: Enthält Kunstplatzierung! Gedichte & Miniaturen zur bildenden Kunst

Empfehlung des Monats · Februar 2021
von Marianne Beese

In seinem jüngsten Lyrikband setzt sich der Verfasser in Beziehung zu Leben und Werk diverser bildender Künstler bzw. tritt mit ihnen in einen meist poetischen, doch vereinzelt auch erzählerischen oder essayistischen Dialog. Er sucht Einzelheiten der Biographie ebenso gerecht zu werden wie der Eigentümlichkeit des künstlerischen Schaffens. Die ‚großen Namen‘ der Moderne erscheinen und es wird auf Ereignisse Bezug genommen, die sich biographisch-episodisch mit ihnen verbinden. Es rücken aber auch heutige, noch lebende Maler und Grafiker in den Fokus, und hier dominieren Künstler des sächsischen Umfelds. Bei ihnen spielt die meist enge Bindung an ihren Heimatort – etwa die Stadt Leipzig – eine Rolle und verleiht ihren Werken, wie im Falle von Gerald Müller-Simon, typische Akzente.

Sucht man die im Band versammelten Maler bestimmten Malstilen zuzuordnen, so reicht die Spannbreite von symbolistisch und surrealistisch über expressionistisch bis zu impressionistisch, von figürlich bis zu abstrakt-geometrisch; von kubistisch bis zu veristisch.

In Abbreviaturen wird somit ein Streifzug durch die Geschichte der modernen bildenden Kunst unternommen, an deren Anfang man den Renaissancemaler Hans Baldung Grien setzen könnte. Der damalige Standort und Blickwinkel wird mit dem heutigen zusammengeführt; Zeit- und Kulturgeschichte scheint gleichsam auf in zweifacher Brechung: durch die Perspektive des Malers und des diesen anverwandelnden Dichters. In einer knappen, verdichteten Sprache werden existenzielle Grundkonstellationen skizziert oder Lebenszyklen abgebildet, schöpft der Poet ebenso wie seinerzeit die Maler aus dem Repertoire des Mythologischen, Historischen oder der Gegenwärtigkeit und Alltagswelt. Immer wieder rückt die Mann-Frau-Beziehung in den Blick, kommt Erotisches zur Geltung, so in den Gemälden Griens, oder den Zeichnungen des späteren Picasso; zeigt sich neben der emotional-verbindenden bisweilen auch die zerstörerische Seite der Liebe.

Ist ‚Liebe‘ ein zentrales Thema der betrachteten Bilder, so auch das des Todes, wo alle Lebensalter sich an einem Tisch versammeln, der „aus Sargholz“ ist. Weiteres, was analog zu den Bildern oder den Biografien ihrer Schöpfer in die dichterischen Texte Eingang findet, sind Aspekte des künstlerischen Prozesses bzw., wie im Falle Turners, der Zusammenhang von äußerem Ereignis und Schaffensimpuls, aber auch Momente der Rezeption oder des Nachruhms. Der Antagonismus von ‚Kunst‘ und ‚Leben‘ tritt gelegentlich, und besonders einprägsam bei dem Maler van Gogh, zutage, was in starken Sprach-Bildern wiedergegeben ist, etwa wenn es heißt: „Die Gitter vorm Fenster / Sind Rippen des Schnitters“.

Überhaupt kommt sprachliche Verdichtung immer wieder dadurch zustande, dass Einzelworte mit Bedeutung ‚aufgeladen‘ erscheinen; dass sie in dieser Bedeutungsballung über sich hinausweisen, zu Symbolen werden – oder dass die Mehrfachbedeutung von Wörtern oder Wendungen genutzt wird bzw. die Möglichkeit ihrer Verwendung im wörtlichen, aber auch im übertragenen Sinne. Karg und zugleich inhaltsschwer erscheinen Zusammenhänge; werden Dinge und Menschen zueinander in Beziehung gesetzt und so Lebens-Ab- und Einschnitte veranschaulicht, die oft Tragik bergen; individuelle, wie das Nachlassen der Schöpferkraft nach dem Verlust der Gefährtin bei Dali, oder gesellschaftliche, wie das tendenzielle Überflüssigwerden des Menschen in der gewandelten Arbeitswelt. In dem Gedicht „Die alte Singer“ etwa werden durch sprachliche Kürzel, die sich um Tradition, Handwerk, Zukunft ohne menschliche Arbeit, drehen, sowie durch Wortneuschöpfungen wie „Mutterfaden“, ganze Vorstellungswelten heraufbeschworen.

Anderswo wird auf Traditions-bzw. Kulturzerstörung während der DDR-Zeit verwiesen, so in „Umgestaltung des Karl-Marx-Platzes“ mit der wiederkehrenden, an Kinderreime erinnernden Zeile „Die Kirche ist umgefallen“. Das wohl dunkelste Kapitel deutscher Geschichte ruft ein Text ins Gedächtnis, der von der jüdischen Malerin Friedl Dicker Brandeis handelt, oder auch der „Brief nach Auschwitz“, wobei der gesetzte Kontrast hier der zwischen ahnungslos-naivem Schreibduktus und dem mit unheilvollster Bedeutung beladenen Wort „Auschwitz“ ist.

Gelegentlich nimmt der Stil des lyrischen Subjekts auch eine charakteristische lakonisch-ironische Färbung an, so in dem zu einem Mattheuer-Bild geschriebenen Gedicht „Hinter den sieben Bergen“, wo eine Zusammenschau verschiedener Motive bzw. Kontamination von Wörtern unterschiedlicher Zugehörigkeit und Bedeutung stattfindet.

Die Eigenheit und Innovation bestimmter Stil-Entwicklungen – so spielen etwa bei dem Maler und Grafiker Vasarely Muster, Strukturen, Formen und Farben, doch auch Schwarz-Weiß-Arrangements, eine besondere Rolle – wird lyrisch nachvollzogen, und der Künstler wird gleichsam gefeiert mit dem wunderschönen Begriff „Augenbelohner“.

In „Rock around the clock“ korrespondieren nicht weniger als drei Künste miteinander; neben der bildenden Kunst und der Poesie ist es auch die Musik, die mitspricht und ihre Ekstase-auslösende Wirkung zu erkennen gibt. Lyrisches, Erzählerisches und Bildkünstlerisches finden in der Miniatur „Untitled“ rund um den Maler Mark Rothko, doch etwa auch um den Schriftsteller Joost Zwagermann, zusammen.

Die „Malweise Wagenbretts“ in dem gleichnamigen Gedicht wird durch Bezugnahme auf Theaterkunst verständlich gemacht, wobei im Zentrum der Darstellung des dem Verismus zuzuordnenden Malers das menschliche Gesicht, das einem „Drama“ gleicht, steht.

Das Kunstwerk als Ort zusammengeführter Spannungen bzw. Kontraste – so ließe sich das Gedicht „Der Sucher“, das wiederum auf ein Bild des Leipziger Malers Neo Rauch Bezug nimmt, interpretieren. Erkenntnissuche erscheint als sinnlicher wie geistiger Vorgang; eher Beiläufiges; Heimatlich-Idyllisches, Märchenhaftes und Welthaltig-Bedrohliches sind darin widersprüchlich geeint.

Zum Politikum wurde die – berichtend wiedergegebene – Auseinandersetzung zwischen dem Künstler Rauch und dem Kunsthistoriker Ullrich, zu welcher der Autor Stellung bezieht und bei dieser Gelegenheit auch auf Praktiken der Kunstvermarktung zu sprechen kommt. So sind in dem schmalen Lyrikband zahlreiche Facetten rund um die Themen ‚Kunst‘ und ‚Künstlertum‘ versammelt, doch überwiegt, bei unterschiedlicher Art der Erschließung, das lyrische, d. h. Kunst in Kunst verwandelnde Moment. Wie seine Heranführung an bildende Kunst erfolgte und auf welche Weise diese ihm ständige Wegbegleiterin wurde, hat der Autor u. a. in den Vorbemerkungen dargelegt. In diesem Sinne sind die versammelten Texte auch eine Danksagung an Künstlerinnen und Künstler, die in dem Vermittlungsprozess eine Rolle spielten, sowie an Kunst- und Literatur-Lehrende. Entstanden ist mit der „Kunstplatzierung“ ein bekenntnishaftes, Dichtkunst im besten Sinne als Kunst der Verdichtung präsentierendes, höchst anspruchsvolles und lesenswertes Werk. (Eine ausführliche Rezension erschien in der Leipziger Internetzeitung vom 02. Februar 2021).

Rock Around The Clock – not possible
Nach dem Holzstich „Cry Baby!“ von Tobias Gellscheid

Mädchen, die eigentlich im Kino sind
Der grandma beim Hausputz helfen
Oder mit der Freundin den Hund ausführen.

Sie alle, Highschool-Schülerinnen, junge
Verkäuferinnen aus den Stores, Telephonistinnen
Mädchen der Upper und der Middle Class

Sie alle vergessen die gute Erziehung
Der Woche am Sonntag, werden
Verwechselbar in der Ekstase

Haltlos schweben sie
Von den Sitzen, schlingen
Sich um den Gitarristen

Wie Lianen, beben mit
Den Bassboxen, tanzen
Aus der Reihe, ehe

Sie wieder am Rocksaum ziehen
Die Fönfrisur ordnen
Sie wieder uneins sind.


Ralph Grüneberger, Enthält Kunstplatzierung!
Gedichte & Miniaturen
Format (geschlossen) 14 x 24 cm
36 Seiten, Privatdruck, Auflage je 70 Exemplare
erscheint im Januar 2021
Preis der Vorzugsausgabe: 130,70 €
Preis der Normalausgabe (ohne Grafikbeigabe): 16,02 €

Dank privater Förderer kann die Vorzugsausgabe bis
zur geplanten Buchpremiere am 30. Mai 2021 zu einem
Subskriptionspreis von 100,70 € angeboten werden.

Verbindliche Bestellungen sind ab sofort an
kunstplatzierung@web.de erbeten.

Förderer und Partner

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der Stadt Leipzig

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