Und dann ist das Kaninchen gestorben / Der Sound von OWL

  • Veröffentlicht: 02.12.2016 · Zuletzt aktualisiert: 02.12.2016
Und dann ist das Kaninchen gestorben

Und dann ist das Kaninchen gestorben

Lyrik-Empfehlung des Monats · Dezember 2016

Und dann ist das Kaninchen gestorben

Kurzweilige und tiefsinnige Geschichten und Gedichte von Harzer Autoren

Dass eine bestimmte Region Deutschlands sich autorenmäßig zusammentut, um eine Anthologie mit Gedichten und Geschichten zu erstellen, passt gut in die Thematik von Heimat und Herkunft, die gerade in diesem Jahr wohl deshalb so stark in den Vordergrund trat, weil viele Menschen aus anderen Ländern und Kontinenten zu uns kamen. Das gab Anlass, über die eigenen Wurzeln und natürlich die von anderen nachzudenken, auch darüber, was eigentlich in uns ein Gefühl von Heimat auslöst und was Weitgereiste (das überstrapazierte Wort Flüchtling mag man nicht mehr gern nutzen) nun vermissen.

In dem Band von Harzer Autoren, der ausgewiesenermaßen als Buch für Harzer und Harzliebhaber gedacht ist, geht es, dem Klappentext nach zu urteilen, zunächst weniger um regionale Besonderheiten als um verrückte, lustige, tiefsinnige als auch melancholisch bis düstere Begebenheiten im alltäglichen Leben, es geht um Umbrüche und Veränderungen. Dennoch lässt bereits das der Anthologie vorangestellte Gedicht „Harzheimat“ der Herausgeberin Renate Maria Riehemann erahnen: Die Herkunft, die Umgebung, in der man aufgewachsen ist, begleitet einen, egal, wohin man geht.

Eine Flüchtlingsgeschichte ist auch enthalten. Die Kapitelüberschriften muten stellenweise durchaus „heimat“lastig an: „Das Hemd ohne Taschen“ (Kapitel 3) oder „Heimathimmel ist noch denkbar“ (Kapitel 5), und im letzten Kapitel 6 geht es dann um das, was Viele mit dem Harz verbinden: Harzer Wälder, Hexennächte und Ravensberg, Brocken und Walpurgis. Kurzgeschichten wechseln sich mit Gedichten ab, der Anthologie voraus ging eine Ausschreibung zum 1. Literaturpreis Harzkind, der in Zusammenarbeit der Herausgeberin und dem Geest-Verlag in Vechta ausgerichtet wurde.

Daniel Wrede beschreibt in seinem Gedicht „Oberstübchen“ die Macht der Gedanken und wie sie angefleht werden, zugunsten des Schlafes Ruhe zu geben. In Nico Feidens Gedicht „Rückkehr“ ist „vom schicksalhaften Schleier der Heimat“ die Rede. Eine Kurzgeschichte von Elke Werner – „Damals, am Prinzenteich“ – beschäftigt sich mit Erinnerungen aus einer Kindheit in den Vierzigerjahren und der Frage, ob Mütter einen prägen. Gesine Skoerat wiederum lässt durch ihre hippe Coiffeur-Comedy durchblicken, dass Identität nicht nur mit dem Heimatgefühl zusammenhängt, sondern auch die Folge einer passenden Frisur sein kann. Weihnachtsanekdoten, Jana Stolbergs poetische Frage, wer denn bestimme, was Lametta sei, das Sterben der eigenen Eltern, ein „Robin Hood im Harz“, „Harzgeborene“ oder „Back to the roots“: Dieses  Buch bietet eine Fülle an „Heimat“-Entdeckungen und Erinnerungen, und zwar nicht nur für Menschen, die in der Gegend um den Harz wohnen. Es ist geeignet für urgemütliche Schmökerstunden am knisternden Kamin, es ist ein regionales „Heimatbuch“, aber nicht nur für Harzer.

Und dann ist das Kaninchen gestorben – Kurzweilige und tiefsinnige Geschichten und Gedichte von Harzer Autoren
304 Seiten, Geest-Verlag (August 2016)
Deutsch, ISBN-13: 978-3866855779, 12,90 EURO

Die Herausgeberin
Renate Maria Riehemann, Jahrgang 1955, lebt in Osterode am Harz. Sie schreibt Sachbücher, Prosa und Lyrik, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde.

 

Susanne Voigt
Winter im Harz

Im Wald
Alles Dunkle ist heute wie
weiß gewaschen, Erden,
Gebüsch, meine Gedanken,
ein Holzhaus lässt sich mit Flocken zudecken,
hält Winterschlaf,
Knacken, Knarren unter Schuhsohlen,
gepuderte Äste winken mir zu
ein Wald erzählt sein Wintermärchen,
ich lausche.

 

Der Sound von OWL*

Ein weiterer Text mit heimatlichem Schwerpunkt stellt „Der Sound von OWL“ (Bielefeld, 2016) von Ralf Burnicki (Text) und Günter Specht (Grafiken) dar. Er ist ein Poem zu Westfalen, der Inhalt könnte sich aber ebenso in anderen Teilen der Republik abspielen. Er ist ein poetisch-ironischer Blick auf das, was man üblicherweise „Heimat“ nennt, will sagen, jene kleinen Punkte auf der Landkarte, die uns das Gefühl vermitteln, alle Antworten zu kennen.

Der Sound von OWL

Der Sound von OWL

Die Publikation und der Vertrieb dieses Textes, der ein Produkt der alternativen unkommerziellen Literaturszene ist, findet auf anderen als den üblichen Schienen statt. Der Band ist in einem seit 1994 existierenden anarchistischen Verlagsprojekt, der Edition Blackbox in Bielefeld, erschienen, deren Motto lautet: (möglichst) alles für alle und zwar umsonst. Ausgelegt und kostenlos verteilt wird er als Broschüre ohne ISBN-Nummer bei Lesungen, vormals auch in lokalen Buchhandlungen wie MONDO Buchhandlung und Galerie, Bielefeld. Er ist kostenlos downloadbar über die Verlagshomepage, (auf der man sich das Magazin conaction ebenfalls kostenlos herunterladen kann): https://conaction.noblogs.org/edition-blackbox/ oder auf Günter Spechts (Erfinder des Gütersloh-Tagebuchs) multiplikatorischem Kulturblog www.spechtart.de, der seit Jahrzehnten allen Interessierten Kunst und Kultur im Raum OWL zugänglich macht: http://www.spechtart.de/spechtartprojects.data/Komponenten/2a%20autoren/ralf/Burnicki_Specht_Sound_von_OWL.pdf

Der Autor
Der in Herford lebende Autor Ralf Burnicki promovierte in politischer Philosophie, erhielt diverse literarische Auszeichnungen (2001 Auslobung zum „Erben Orwells“ / Neue Gesellschaft für Literatur Berlin; u.a.) und ist Mitherausgeber des OWL-Literaturmagazins „Tentakel“.

Der Grafiker
Günter Specht
, Gütersloh seit 1993 initiator des spechtartprojekts www.sprechtart.de

*OWL = Ostwestfalen-Lippe

© Franziska Röchter, 11/2016

 

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