Therapeutische Gebrauchslyrik für vermeintlich Verlorene

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Bernhard Winter: Im Garten war Nacht. Vierzig Schutzgedichte und ein gutes Wort für den armen Paul. Mit einem Geleitwort von Anselm Grün.

Lyrik-Empfehlung des Monats · November 2016

Im „Garten war Nacht“ ist der dritte Gedichtband von Bernhard Winter im Verlag Sankt Michaelsbund seit 2011. Nach „warum der fuchs der apfelbaum?“ in 2011 und „Trau nur dem Löwen“ (2013) legt der Psychotherapeut, Lyriker und ehemalige Bürgermeister, der 2015 im Auftrag von Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz für sein Wirken auf kulturellem Gebiet verliehen bekam (siehe Dialogreihe „Schwabener Sonntagsbegegnungen“ mit prominenten Gesprächspartnern aus Politik, Wirtschaft, Kirche, Wissenschaft und Kultur)  einen Band mit 40 Schutzgedichten vor, die sich als Anregung für Ärzte, Psychotherapeuten, Seelsorger, Lehrer und für alle, die in Heil- und Erziehungsberufen tätig sind, verstehen.

In „Eins zu Eins. Der Talk“ auf Radio Bayern 2* stand Bernhard Winter im Januar 2016 Rede und Antwort zu seinem neuen Lyrikband und verdeutlichte, wer alles für ihn der „arme Paul“ ist, für den er stellvertretend die Gedichte verfasst hat: nämlich ein jeder Mensch, der leidet und dem es nicht so gut geht, der unglücklich ist, ebenso die „geschundene Kreatur“, also Tiere, aber auch Kinder, Jugendliche, berufstätige Menschen, die ausgebrannt sind, u. v. m. Mit seinen Gedichten will der Lyriker Mut machen, sie sollen Trost spenden und Stärke in den Menschen freisetzen.

Dass man mit jedem Tag von vorn sein Schicksal wenden kann, dass „Neues Spiel, neues Glück“ keine hohle Floskel ist und dass die Annahme, „jetzt“ sei es zu spät, etwas zu ändern, nicht stimmt, soll bereits der Vierzeiler auf dem Buchrücken verdeutlichen:

und wenn alles verloren ist,
alles, wirklich alles, so ist
doch in Wirklichkeit nichts
verloren, überhaupt nichts

Der Band, in Schwarz gehalten, das aber, wie auf einigen ansprechenden Innenillustrationen (von Wieland Grommes, München) immer wieder von kräftigem, strahlendem Rot aufgemuntert wird („Ich schreibe Gedichte, um mit Farbtupfern das Grau zu erschrecken.“, Bernhard Winter), führt uns laut Angabe im Klappentext gewissermaßen durch drei wesentliche Phasen einer Psychotherapie: „Wach werden, Ressourcen aufspüren, in Bewegung kommen“. Die Widmung für alle „Ausgesetzten und Verlorenen“ müsste eigentlich lauten: „Für alle vermeintlich Ausgesetzten und Verlorenen“, denn „nichts“ ist ja „verloren, überhaupt nichts“. Die Gedichte Bernhard Winters verdeutlichen die kathartische Wirkung, die von der Beschäftigung mit Poesie, sowohl als Rezipient wie auch als Verfasser, ausgehen kann. So schreibt Anselm Grün in seinem Geleitwort „Sprache als Therapie“ von der Tradition der großen griechischen Philosophen, die bereits die heilende Kraft von Worten und Sprache zu nutzen wussten. Etliche Gedichte in dem Band – nicht nur der Vierzeiler auf dem Buchrücken, sondern besonders auch jene in Kapitel 3: Und mein Ohr wurde Schritt – lassen sich durchaus als Mantra nutzen und können ihre Kraft beim wiederholten sich Vorsagen oder Vorsagen lassen entfalten, wie z. B. die Verse „Das Schiff“ oder „gestern in sparta“, die von Aufbruch und Neuanfang handeln:

gestern in sparta
als ich dem blauen wellensittich
in seiner sprache
ehrliche antwort geben wollte
wurde mir auf einmal klar

ich hatte das pfeifen verlernt

und nahm dies zum anlass
mein leben neu zu beginnen

Am Ende der 40 Gedichte finden wir ein kurzes prosaisches Stück mit dem Titel „Zerleckt“, in dem es u. a. um die heute übliche Überbehütung von Kindern und die extreme Fokussierung auf ihre von Erwachsenen gewünschte und gelenkte Entwicklung geht, ein psychischer Missbrauch, der bestimmt ist von mangelndem Freiraum zur eigenen Entfaltung nach individuellem Tempo.

Ein Glossar am Ende des Buches ordnet in alphabetischer Reihenfolge Begriffe aus der Psychotherapie und Psychologie wie z. B. Narzissmus, Selbstvertrauen, Trauma u. v. m. einzelnen Texten zu, ist somit einerseits Interpretationshilfe, aber auch Hilfestellung für die „Verwendung“ von Gedichten. Ein Anliegen Bernhard Winters ist es, „Revolution gegen Unrecht“ zu setzen. Dieses hat er bereits 2015 mit seinem Vorwort „Revolution! Lyrik als Stachel der Politik“ zu „Fassadenflucht“, Politische Dichtung der Gegenwart II (chiliverlag) sehr deutlich gemacht.

Bernhard Winter, Im Garten war Nacht. Vierzig Schutzgedichte und ein gutes Wort für den armen Paul. Mit einem Geleitwort von Anselm Grün.
Verlag Sankt Michaelsbund (2015)
78 Seiten, ISBN 978-3943135657, EUR 16,90

*http://www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/ausstrahlung-558002.html

Homepage des Autors: www.winternetz.net/

© Franziska Röchter

 

Anstelle eines doppelbändigen Kom-
pendiums der Elementar-Pädagogik

Schau mich an
hör mir zu
sei da
und

ich
wachse
aus Wurzeln
zu Blüte und Frucht

© Bernhard Winter

Definition Gebrauchslyrik

Als Gebrauchslyrik werden Gedichte bezeichnet, die zu einem bestimmten Zweck oder aufgrund eines gegebenen Anlasses verfasst wurden. Gebrauchslyrik sind somit Gedichte, die für den Leser von Nutzen sind, die er also „gebrauchen“ kann. Oftmals befassen sie sich mit Problemen ihrer Zeit, auf die sie den Leser deutlich aufmerksam machen wollen.
Gefunden auf http://de.wikipedia.org/wiki/Gebrauchslyrik