„Literaturverschwisterung“: „Hallzig / Leipzle“ – oda

  • Veröffentlicht: 01.02.2017 · Zuletzt aktualisiert: 04.02.2017
oda - Umschlag, unter Verwendung eines Gemäldes von Frank Hauptvogel

oda - Umschlag, unter Verwendung eines
Gemäldes von Frank Hauptvogel

Empfehlung des Monats · Februar 2017

oda – „Ort der Augen“, die „Blätter für Literatur aus Sachsen-Anhalt“, erscheint seit mehr als 20 Jahren viermal jährlich und wird vom Friedrich-Bödecker-Kreis in Sachsen-Anhalt herausgegeben. Es handelt sich um eine der wenigen Literaturzeitschriften, die dank einer festen Leserschaft einen vergleichsweise langen Zeitraum überdauert haben. Neben dem regionalen hat die Zeitschrift mittlerweile auch einen internationalen Anspruch.
Ein allein schon optisch ganz besonderes Exemplar stellt die erste Ausgabe aus 2016 dar. Während ein imposantes Gemälde von Frank Hauptvogel das Cover ziert, lässt der thematische Schwerpunkt dieser im Vorwort als „Literaturverschwisterung“ bezeichneten Nahezu-Sonderausgabe erahnen: Leipziger Autoren (Andreas Reimann, Peter Gosse, Helmut Richter, Jutta Pillat u. v. m.) schreiben über Halle (Kapitel Hallzig) und Hallenser Schriftsteller (u. a. André Schinkel, Wilhelm Bartsch, Klaus Pankow) nehmen sich der „Nachbarstadt“ (Leipzle) an.

Die im Band eingestreuten phantasiereichen Gemälde des Leipziger Malers und Grafikers Frank Hauptvogel werden vom Künstler selbst mit dem Begriff „conscious surrealism“ umrissen. Ihre Bildgewaltigkeit und ihr erzählerischer Reichtum von der beängstigenden Bühne Leben und von versehrten Menschen als gefangenen Schauspielern muten apokalyptisch und teilweise bedrohlich an in ihrer realistischen Malweise. Zugegebenermaßen fesseln die Bilder den Leser und laden zu einem wiederholten und längeren Betrachten sowie interpretatorischen Versuchen ein. Auf der Website des Malers findet man z. B. den Tod dargestellt im Harlekinkostüm. Und auch sonst geht es reichlich unorthodox in den Bildern zu. Das für den Titel des Heftes 1 /2016 verwendete Gemälde „Hochland“ lässt wieder und wieder darüber sinnieren, was genau der Protagonist rechts im Bild neben der phantastisch überdimensionierten, möglicherweise sterbenden Riesenkrähe wohl auf seinem mit weißen (Einweg-?)Handschuhen gehaltenen Teller servieren möchte (mir selbst drängt sich zwangsläufig ein rotes, noch pulsierendes Herz auf). Dass die Bilder Frank Hauptvogels Ende 2016 in Halle ausgestellt waren, bringt uns zum Thema der Ausgabe, das da heißt: Gemengelage* Leipzig – Halle.

Nichts kommt literarisch diesem Begriff in dem Band näher als die Geschichte „Hallenser werden“ von Ralph Grüneberger, in der ein zugelassener Sachverständiger für Grundstücks- und Gebäudebewertung die Patt-Situation durch diverse eingetragene Vorkaufsrechte im Rahmen einer Erbengemeinschaft erlebt und sich nur haarscharf vor dem Versuch der eigenen Vorteilnahme aus dieser Situation bewahren kann. Und auch die vorausgegangene, verschmähte Gelegenheit zu einer „Hallziger“ Erbgutvermischung von künstlerischen mit naturwissenschaftlichen Genen zum Zwecke einer abgesicherten Existenz in der nur 30 Kilometer von Leipzig entfernten Halbgroßstadt sorgt dafür, dass ein echter Leipziger doch eben lieber Leipziger bleibt.

Etwas anders geartet sind die Hallenser Verbindungen von Peter Gosse und weiteren Autoren. Während der Leipziger aufgrund schriftstellerischer Verbandelungen und historischer Reminiszenzen von „Mein Halle“ spricht und sein Beitrag mit einem „Anhauch behaglicher Zukunft“ endet und bei Roland Erb von der „rätselhaft lockende Stadt“, die mit einer „vagen Verheißung“ in Verbindung gebracht wird, die Rede ist, beschwört Andreas Reimann Erinnerungen an die Sechzigerjahre im Kreis aufmüpfiger Dichter (wie u. a. Sarah und Rainer Kirsch) herauf, die als Opfer von Zensur entweder exmatrikuliert oder sogar inhaftiert wurden.

Für Christine Hoba, die sich im Zusammenhang mit Halle an Tango-Klänge erinnert, scheint diese Stadt gar eine Offenbarung (Epiphanie) zu sein. Neben mahnenden Gedichten – z. B. die „Hallenser Eselei“ von Grit Kurth – gibt es auch in angerissenem Stakkato tagebuchähnliche Aufzeichnungen von Roman Israel als witzige Soundcollage zu seinem Versuch, die Distanz zwischen Leipzig und Halle per pedes zu verkleinern. Historische Erinnerungen, z. B. von Manfred Jendryschik in „Ein Haus, ein zweites“, erinnern ebenfalls an Zeiten, in denen freie Meinungsäußerung und gelebter Widerstand gegen die Staatsgewalt sanktioniert wurden und für Staatsbesuche ganze Straßenzüge übergetüncht wurden. Dieter Mucke beschwört Zeiten herauf, in denen Lehrer im Dienste des Staates Schüler als Wanzenträger missbrauchten:

„Dann holten unvergleichlich eindimensionale
‚Lehrer‘, nichtsdestotrotz schon wieder tätig
Im Schuldienst, konspirativ den Schlüssel aus
Dem Schulranzen meiner Töchter, damit die
Wohnung nach allen Regeln der Kunst heimlich
Verwanzt werden konnte.

aus: Dieter Mucke, Kurze aber nachhaltig wirkende Begegnung mit Georg Maurer am Leipziger Literaturinstitut 1965/1966, im Zeitraffer
protokolliert 1968

Auch der Schwenk auf Leipzig („Leipzle“) ist bestimmt von historischen Blicken und dem „leid von einst“ (Margarete Wein, Waldstraßenviertel, endet mit „er ist wieder da“). Allerdings kommen hier auch verstärkt Humor und Leichtigkeit zum Einsatz, z. B. bei Christian Kreis (Lützschena, Dieskau-Saunett, Leipzig-Gohlis), oder auch Sarkasmus (gespräch mit schwiegermutter, Juliane Blech), und etliche geografische Angelpunkte (Rosental, André Schinkel, Nikolaistraße – Gewandhaus – Moritzbastei, Zoo Leipzig, Jürgen Jankowsky) werden thematisiert.

Es gibt einiges zu entdecken in dieser „Gemengelage“, auch werden einige sich mit Leipzig beschäftigende Publikationen im Teil „Kritik“ vorgestellt. Alles in allem eine sehr lohnende Ausgabe von oda – Ort der Augen, die ja möglicherweise dem einen oder anderen Leser auch aus ganz anderen Teilen Deutschlands die Entscheidung für ein Jahresabo dieser hochwertigen Publikation erleichtert.

*
Diversen Definitionen zufolge steht eine Gemengelage z. B in der Landwirtschaft für die Zerstreuung einzelner Ackergrundstücke eines Besitzers über die gesamte Feldmark. Das Wort wird auch sonst allgemein für eine unübersichtliche Situation verwendet, insbesondere im Hinblick auf Interessen und Absichten der Handelnden. Ein weiterer Sinngehalt findet sich im Zusammenhang mit baurechtlichen Belangen: In der Bauleitplanung werden als Gemengelage auch solche Gebiete bezeichnet, in denen verschiedene grundsätzlich unterschiedliche Nutzungen, also störanfällige Nutzungen wie Wohngebiete und störintensive Nutzungen wie Industriegebiete, durchmischt sind. Letztendlich kann eine Gemengelage zur allgemeinen Handlungsunfähigkeit führen, wenn sich diverse Bestrebungen und Absichten gegenseitig behindern.

© Franziska Röchter

oda
Ort der Augen 1/2016
Gemengelage Leipzig – Halle
Isbn 978-3-86289-124-5, 96 Seiten, dr. ziethen verlag, Euro 4,90

 

CHRISTINE HOBA, Hallegedichte

stadtgottesacker
nichts als ein kirsch
gärtlein mitten
in der stadt ein
erdiges herz
würmer, diese
pochenden
akademikerfresser
schlagen sich
dem rippenbogen zu
wie österliche
ausflügler
durchs dürre holz

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