Klára Hůrkovás Licht in der Manteltasche: ein Lichtblick

Licht in der Manteltasche. Gedichte

  • Veröffentlicht: 01.07.2020 · Zuletzt aktualisiert: 30.06.2020

Empfehlung des Monats · Juli 2020
von Jule Weinrot

Der neue Gedichtband von Klára Hůrková – soeben erschienen im chiliverlag – ist das erste Hardcover der Prosa- und Lyrikautorin. Während die tschechisch-deutsche Autorin sonst gerne ihren Gedichten tschechische Übersetzungen gegenüberstellt, verweilt sie diesmal ausschließlich im Deutschen.
Klára Hůrková, die neben der Übersetzung von Gegenwartslyrik gern Bilder malt und Englisch und Kunst unterrichtet, wurde 1962 in Prag geboren:
„Meine Generation ist in einem totalitären Regime aufgewachsen, und aus diesem Grund ist der Wunsch nach Freiheit und Demokratie in uns sehr stark. Wir wollen glauben, dass wir eine Wahl haben … Und viele von uns glauben auch, dass das Wort, die Literatur, eine wirksame Kraft ist, diese Werte zu verteidigen.“  –  so die Autorin in einem Interview auf dem Blog der editionfaust mit Eric Giebel, dessen eigener Gedichtband Quecksilber in Manteltaschen (Pop Verlag 2015) möglicherweise für die Autorin eine Inspiration für ihre eigene Titelgebung war.

„In 4 Kapiteln nimmt uns die Dichterin mit auf eine Reise zu verschiedenen Stationen ihres Lebens. Ankünfte, Metropolen, persönliche Begegnungen, Zwiegespräche mit Kunst und Natur, Introspektionen, Erinnerungen, Jahreszeiten, Träume – Hůrkovás Gedichte sind ein Kaleidoskop menschlicher Erfahrungen am Saum verschiedener Welten, in denen die Bedeutung des Wortes überdauert.“ – so die Verlagsbeschreibung. Hůrkovás Band entstand im ersten Quartal dieses Jahres – mitten in einer Zeit, die davon geprägt war (und immer noch ist), weltweit, europaweit, deutschlandweit aufgrund einer Virusbedrohung die Freiheiten der Bürger massiv einzuschränken. So trägt das erste Kapitel – nach dem Prolog stiftenden Gedicht „Heimkehr“ – stimmigerweise den Titel Als wir noch reisten und beginnt mit dem Jahr 1989, mit der Ankunft in Brüssel und der Abgabe von Fingerabdrücken „für das wertvollste Stück Papier“.  Es folgen das erste Treffen von „Halbschwestern“, Reisen nach New York, Schweden, Besuche in München und  Frankfurt am Main.

Im 2. Kapitel, Zwischen den Häuserzeilen, geht es um das Sesshaftwerden, um Erinnerungen, um die Stadt, Fenster, Zimmer, um das „Land / wo jeder leben will“. In Kapitel 3, Launen der Inseln, begibt sich die Dichterin wieder auf Reisen, diesmal ans Meer. „Jetzt rollt das Meer zurück / flüstert Einschlafmärchen / Seehunden und Walen ins Ohr“; Leuchttürme und Wellen, Damm und Strand, Insel und Hafen, Dünen und Nacht sowie Funde wie Das tote Tier am Strand oder Krähenfeder prägen die Bilder der Gedichte.

Krähenfeder

Ich fand eine Krähenfeder auf der Wiese
Drei weiße Pferde weideten hinterm Zaun
Dein Rücken strahlte nackt in der Sonne
wir gingen am glühenden Weizenfeld entlang

Ich hob die Feder auf

Zu Hause wollte ich damit
ein Gedicht schreiben über die Sonne
die Pferde, deinen Rücken und das Gold im Feld

Aber die Feder wehrte sich
kein Bild entstand

nur farblose Zeichen

Kapitel 4, Jahreszeiten mit Fragezeichen, wirft Fragen auf, nein, stellt Fragen in den Raum, Fragen nach der Endlichkeit, dem unaufhaltsamen Altern („Ich würde gehen / in Richtung Winter“ aus Herbst-Intermezzo; „Und ich frage, wann wir endlich / nach Hause zurückkehren“ aus Winterblau).

Unwucht (Auszug)



Im Inneren der Sterne
explodieren Wasserstoffbomben

während ich hier sitze
mit verspanntem Rücken
darüber nachdenke, wie viele Gedichte
ich meinem Alltag entreißen kann
und immer noch
die Welt verstehen möchte

Das Gedicht Mondsuchung beginnt folgendermaßen: „Wenn alle schreiben, nur du nicht …“ Klára Hůrková sagte kürzlich in einem Interview anlässlich ihrer Buchneuerscheinung der Dichterin Safiye Can: „Es macht mich glücklich, andere Menschen glücklich zu sehen, aber manchmal, wenn auch nicht oft, bin ich neidisch und eifersüchtig. Ob die Eitelkeit und Torheit irgendwann im Alter aufhören werden? Das wüsste ich gerne.“  Diese Frage beantwortet sich die Dichterin in ihrem Gedicht Zwischen Herz und Hirn quasi selbst: „Zwischen Herz und Hirn / müssen die Arterien durchlässig sein / da muss das Blut pulsieren / pünktlich wie eine U-Bahn“. Eine solche Ausgewogenheit in der „Blutversorgung“ ist oftmals ein Privileg geglückten Alterns, bei dem die Impulse des Herzens in der Kopfstube und die Vernunft des Geistes im Herz auch ankommen und Gehör finden. Den Mut aufzubringen, diesen Impulsen zu folgen, beschreibt Klára Hůrková in ihrem Gedicht Traum II, das als Wunschbild der Autorin mehr Mut im eigenen Leben herbeitsehnt und das Lyrische Ich als Löwendompteurin im Zirkus auftreten lässt:

Etwas war entfesselt
Mein eigener Mut
Kaum auszuhalten
(Auszug)

Fazit: Dieser besonders schön gestaltete Hardcoverband ist auf jeden Fall eine nähere Betrachtung wert, wenn man sowohl Autorin als auch Verlag näher kennenlernen möchte.


Klára Hůrková, Licht in der Manteltasche
Gedichte, 76 Seiten
ISBN 978-3-943292-86-2
chiliverlag 06.2020, 16,90 EUR
















Gedicht des Monats Juli 2020

  • Veröffentlicht: · Zuletzt aktualisiert: 30.06.2020

Hartmut Brie (*1943)

Zwischenmenschliches

Ein Wort gibt das andere bei Intoleranz in mieslichen Lebenslagen,
die Streitkultur der Demokratie ist ein strapaziöser Weg,
das tägliche Einerlei bietet keinen Raum für Freundschaftsdienste,
die digitale Welt ergreift Besitz vom Menschen als einem Ganzen,
das Zwischenmenschliche bleibt auf der Strecke ohne Widerspruch,
der Zeitgeist außer Gefecht in zugestellten Dunkelkammern.
Manchmal Sätze auf dem Sprung zu einem Mosaik aus Wortfeldern,
die Menschenrechte als Endprodukt noch immer in Klammern,
die Würde des Menschen ein kostbares Gut auf politischen Stelzen,
die Konflikte auf der ganzen Erde nichts als traurige Bilanzen
einer Fehlinterpretation von unmissverständlichen Regeln im Klartext,
wir streiten öffentlich um Kultur als höchstes Bildungsprivileg.

Quelle: LyrikZeit, deine zeitschrift für lyrik

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