Rolf Birkholz: Edle Buchdruckkunst mit spirituellem Anspruch / Lutz Rathenow: Kindergedichte für alle

  • Veröffentlicht: 01.05.2018 · Zuletzt aktualisiert: 02.05.2018

Rolf Birkholz und Lutz Rathenow: zwei unterschiedliche Lyriker

Empfehlung des Monats · Mai 2018
von Franziska Röchter

In unseren heutigen Empfehlungen des Monats treffen zwei sehr unterschiedliche Autoren aus zwei unterschiedlichen Regionen Deutschlands, nämlich Rolf Birkholz und Lutz Rathenow, aufeinander, deren Bücher letztendlich das Gleiche wollen: Das Leserinteresse für unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst wecken.

Auf den Berg der Läuterung mit Maß: Ein leicht gekreuztes Nicken

Ein leicht gekreuztes Nicken, San Marco Handpresse

Seit 22 Jahren entstehen in Peter Marggrafs San Marco Handpresse außergewöhnliche Druckerzeugnisse von höchster Qualität und großem künstlerischem Anspruch. Möchte man sich auf einen Band, auf einen „handgedruckten“ Dichter, konzentrieren, ist es zunächst schwer möglich, sich ausschließlich auf die Texte zu fokussieren, …
… immer schwingt die Exklusivität der Veröffentlichung, die Spekulation über den wahren Wert, die Wertigkeit einer solch stark limitierten (lediglich 24 Originale in diesem Fall!) und durchnummerierten Auflage im Hintergrund mit. So sind die handverlesenen, von Hand in Bleisatz und auf einem Handtiegel gedruckten und fadengeheftete Texte zeitgenössischer Autoren wie z.B. Hugo Dittberner, Hans Georg Bulla, Peter Gosse oder Rolf Birkholz in bester Gesellschaft zwischen Rilke, Kafka, Beckett, Büchner und Bachmann angesiedelt.

In Rolf Birkholz‘ Band befindet sich eine Originalgrafik des Bildenden Künstlers, gedruckt auf 300 gr/qm Kupferdruck-Bütten, während die Gedichte auf 150 gr Bütten gedruckt wurden. Einen bildreichen Eindruck zum Vorgang dieses seit der Einführung des Fotosatzes und im digitalen Zeitalter kaum noch existierenden Kunsthandwerks des Buchdrucks auf historischen Maschinen kann man auf den Seite der San Marco Handpresse gewinnen.

Der norddeutsche Bildhauer, Zeichner, Radierer und Büchermacher Peter Marggraf hat offenkundig eine ganz besondere Beziehung zu La Serenissima. Seit 1968 hält er sich regelmäßig jährlich in der Lagunenstadt auf, um ungestört arbeiten zu können, ja, er sucht mittlerweile sogar ein dauerhaftes Atelier dort und für sein Venedigprojekt Förderer, denen im Falle des Erfolgs reizvolle Vergünstigungen in Aussicht stehen.

Man kann sich eben verlieren und finden in dieser im Wasser stehenden melancholischen Stadt, und Marggrafs Faible für Venedig spiegelt sich auch in etlichen Titeln der von ihm gesetzten Prosa- oder Lyrikbände wieder, wie z.B. Venedig hieß es, Gedichte von Anna Maria Carpi, oder Spätherbst in Venedig, Gedichte von Rainer Maria Rilke, Der Traum von Venedig,  Gedichte von Theodor Däubler und Der Tod in Venedig, Roman von Thomas Mann mit eingedruckten Holzschnitten.

Was haben nun Rolf Birkholz‘ Texte möglicherweise mit diesem über der Stadt schwebenden Trauerflor zu tun, worüber schreibt der Lyriker und in Ostwestfalen sehr bekannte Kulturrezensent, der neben Philosophie auch Theologie studiert hat, in seinen 17 Gedichten, die dem Band den Titel Ein leicht gekreuztes Nicken eingebracht haben?

Mit rund 23 x 29 cm hat der Gedichtband ohne ISBN-Nummer ein stolzes Maß, ein Petrolblau für den Schutzumschlag ummantelt ein elegantes Burgunder auf glattem Karton, der haptische Druck der violettfarbenen Titel-Buchstaben fühlt sich authentischer an als jedes 3D-Cover einer modernen Großdruckerei. Violett (oder doch eher Lila?), die Farbe des Geistes und der Spiritualität, eine Synthese aus Rot- und Blautönen, besitzt in der christlichen Kirche eine besondere Bedeutung. Es ist die Farbe der Inspiration und Transformation, eine außergewöhnliche und widersprüchliche  Farbe, die auch mit Frömmigkeit, Buße und Opferbereitschaft in Verbindung gebracht wird. Nicht nur Peter Marggraf hat eine besondere Beziehung zum Kreuz (s. z. B. seine Arbeit crucifige, crucifige eum!  – „Er, so Marggraf, möchte wie viele seiner Generation dem Leidenden eine Stimme geben. Dies versuche er durch seine Plastiken und seine Zeichnungen.“  Aus: Quelle).  Auch Rolf Birkholz bedichtet schon länger Ausdrücke christlicher Symbolik, wie man z. B. der „Schreibwerkstatt“, eine die Arbeit Marggrafs  einmal jährlich begleitende Werkstattzeitschrift San Marco Handpresse, Berichte aus der Werkstatt (hier: Ausgabe 2016) entnehmen kann.  So ist es durchaus schlüssig, dass das Wort Kreuz im Titel enthalten ist.

Ob es sich um den beschämenden Vorgang des Beichtens handelt (Gott ist Rot), um die Ehrerbietung beim Vorbeifahren an „Bildstöcken“ (Griechisch-Römisch, das titelgebende Gedicht), die am Lenkrad oftmals nur ein „leicht gekreuztes Nicken“ statt eines manuellen Kreuzzeichens wird, ob Bestattungsrituale (das Kreuz zum „Hoffnungshorizont“ heben in Über Land) bedichtet werden, die wundervolle Natur im Goldenen Oktober, Karfreitagsfürbitten oder die kirchliche Kollekte eines Kindes (Dreikäsehoch, drei Körbe):  Theologische Betrachtungen stehen im Vordergrund dieser Gedichtauswahl, die einem Rätsel über den Entstehungszeitpunkt der Texte aufgibt, zumal sich Rolf Birkholz hier einer älteren Variante der Orthographie bedient (z. B. kompromißbereit, bewußt, vergißt), was aber durchaus zum Kunsthandwerklichen dieses handgedruckten Buches passt.

Ließ sich Birkholz während seiner Studienjahre noch stark von Paul Celan inspirieren, so widmet er ihm nun eigene Verse:

„Die Amsel, der Antschel,
der Antschelan raschelt
zuerst ein Gedicht …“

(aus: Dein Traum ist zu klein)

Etliche Texte von Rolf Birkholz kommen mit nur 6 oder 8 Zeilen aus, sind hochkomprimierte Momentaufnahmen, die speziell in diesem Band durchaus rhythmisch wirken, hier und da entstehen beiläufig wirkende Reime, die bei genauerem Hinsehen durchkomponiert sind (in Helden tun oder Waldzeit), andere Gedichte wiederum wirken auch als freie Verse ebenso melodisch.

Das letzte der 17 Gedichte im Band, Bergprüfung, Sonntagmorgen, stellt in stark konzentrierter, rasanter Form  („Die Tempofahrt zum Tempel“) einen Schnelldurchlauf durch eines der größten und zeitlosesten Werke der Weltliteratur dar. Der Berg der Tugend, der Läuterungsberg,  kann nur durch allerlei Buße (hier das Schüren des Purgatorio, das Fegen des Feuers, durch die „Trägen“) erklommen werden, den allzu Eiligen (den Maßlosen), werden durch staatliche Ordnungshüter Punkte („Jenseitsmeilen“) aufgedrückt –  lediglich „maßvolles Wägen“ führt zum Ziel, zum Paradies.

Abgerundet wird dieser kunsthandwerkliche Band durch eine Originalradierung Peter Marggrafs, die man mit den Worten Hans Georg Bullas anlässlich seiner Rede zur Eröffnung von Peter Marggrafs Ausstellung „Als Bildhauer zeichnend“ in der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover beschreiben kann:  „Keine perfekten, oberflächlich virtuosen Zeichnungen also, sondern gestisch und spontan; und keine Illustrationen, thesenhafte Bebilderung eines abzuarbeitenden Programms.“, sondern „parallele Angebote in einem anderen Medium.“ Der hier erkennbare, m. E. als schlafend, leidend und unfertig dargestellte Mensch erreicht immerhin ein Stück Aufrichtigkeit seiner Gestalt und kommt so seiner Vervollkommnung ein Stück weit näher.

Rolf Birkholz
ÜBER LAND

Durch traumhaft schönes Land gefahren
zu traurigem Geschehn – da hebt
der Priester überm Grab das Kreuz
zum Hoffnungshorizont, da liegt
der Leib so leicht ins Land gebettet,
die Seele oben schon empfohlen.

Rolf Birkholz, Foto: Matthias Gans

Ein leicht gekreuztes Nicken
Rolf Birkholz Gedichte
Peter MarggrafEine Radierung
San Marco Handpresse,
Herbst 2017
Zu beziehen über San Marco Handpresse Peter Marggraf

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Empfehlung des Monats · Mai 2018
von Ernst Schneider

Wo liegt Mojawe?
Verse und Bilder mit Aha-Effekt. Ein Buch für Kinder, Eltern, Großeltern

L. Rathenow, E. Herfurt, Der Elefant auf dem Trampolin.

 

Schon bevor Lutz Rathenow zweifacher Vater und ein Familienmensch wurde, hat er Gedichte für Kinder und später auch Hörspielszenen geschrieben. Kritische Positionen ließen sich so leichter und direkter und vor allem unzensierter aussprechen. Ein Beispiel, das aus früheren Tagen kommt oder diese zumindest beim erwachsenen (Vor)Leser hervorruft:
Ein Mann wacht.

Wacht vor dem Haus eine Schnecke,
dass diese sich ja gut verstecke,
damit sie keiner jäh entdecke
und mit Sicherheit erschrecke.

Der Mann wacht unermüdlich vor dem Haus,
die Schnecke traut sich nicht mehr raus.

 

Und das Naive, das dem schlichten Kreuz- oder Paarreim nicht selten eigen ist, kommt dem Verseverfassen für Kinder entgegen. Und natürlich auch besonders dem Autor, der sich – das ist unverkennbar – zunächst einmal selbst Spaß bereiten möchte, denn etwas Jungenhaftes hat er sich bis ins Großvateralter bewahren können. Dazu noch ein Beispiel:

Der Popel

Ein großer Popel steckt in meiner Nase.
Rasch rupf ich das Ding heraus.
Und streife es ab, am Rand einer Vase.
Wächst Wochen später ein Riesenpopel draus.

Ich zeige ihn Freunden als Pflanze aus Mojawe,
er sieht knollig und nicht eklig poplig aus.
Alle wollen Ableger für ihr Gartenhaus.

Auf gute alte fabelhafte Weise lässt Rathenow gern auch Tiere sprechen. Da gibt es den „Floh Dickbauch“, den „Eisbär aus Apolda“, ebenso Anleihen an das frühere Kinderbuch „Der Himmel ist heut blau“, und jetzt eben den „Elefant[en] auf dem Trampolin“.  Vor 30 Jahren, gegen Ende der DDR, erschien im Berliner Kinderbuchverlag  das von Peter Bauer illustrierte Bilderbuch „Ein seltsamer Zoo“. Es passt also alles zusammen. Und Kinder mögen es, wenn ein Schriftsteller Dinge anspricht, die den Erwachsenen peinlich sind, und ein bildender Künstler witzige Bilder dazu erfindet. Beim Elefantenbuch ist dies wie schon beim Eisbär- oder Himmelblaubuch wiederum der Leipziger Bildermacher Egbert Herfurth; ein Könner seines Fachs, der sowohl die Kunst der Vignette als auch die der ganzseitigen Abbildung beherrscht. Der Aha-Effekt ist Herfurths Markenzeichen. Da wird das Lese- bzw. Vorlesebuch zum Vorzeigebuch, und das im doppelten Wortsinne.

„Gedichte vom Größerwerden“ nennt Lutz Rathenow (beinahe versteckt) im Untertitel diese neue Sammlung an Versen für Kinder, die ganz unterschiedlich sind. Da findet sich das Rätselgedicht für die Kleinen („Wer singt da“) und das mit der Order zum Zähneputzen („Klärung“) neben eher unkindgemäßen Zeilen („Ein Märchen“ oder „Durchdrehen“).  Wohl deshalb könnte man die Sammlung auch „Gedichte zum Miteinanderreden“ nennen. Wenn beispielsweise der Autor in „Busverkehr“ einen vollgestopften Bus im Berufsverkehr, bei dem sich das Wort vom Fahrgast verbietet, mit dem bekannten Vergleich von den Ölsardinen in der Dose bedenkt und dann unmittelbar anschließt, dass die Mauern hinterm Werkstor die Menschen auf andere Art einzwängen. Da werden Erinnerungen wachgerufen, die der Gegenwart, in der Mutter und/oder Vater das Homeoffice pflegen, meist nicht mehr standhalten. Ein guter Grund, das Wahre und das Wahrgenommene zu vergleichen.

Und für ganz Eilige hält Rathenow noch einen Bonus bereit:

Märchen für alle,
die gar keine Zeit haben

Es war einmal … … aber dann … … sehr
mächtig … … jedoch … … zum Glück aber …
… und wenn sie nicht gestorben sind, so
werden sie noch geboren.

 

Lutz Rathenow, Egbert Herfurt, Der Elefant auf dem Trampolin. Gedichte zum Größerwerden
84 S., geb., ISBN 9-783896-035035
Leipziger Kinderbuchverlag Leiv, Leipzig 2017

Lutz Rathenow wurde 1952 in Jena geboren. Er ist ein deutscher Lyriker und Prosaautor. Seit 2011 ist er Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Er war aktiv in der unabhängigen Friedens- und Bürgerrechtsbewegung. Rathenows spezielle Liebe gilt dem Kinderbuch. Daneben arbeitet er als Rundfunkkolumnist und Essayist.

 

 

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