Wegmarken eines Großmeisters. Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1950 – 2020

  • Veröffentlicht: 01.04.2020 · Zuletzt aktualisiert: 29.03.2020

Empfehlung des Monats · April 2020
von Wolfgang Braune-Steininger

Hans Magnus Enzensberger (*1929) ist nach dem Tod von Günter Kunert der letzte verbliebene Großmeister deutschsprachiger Nachkriegslyrik. Seitdem er 1957 mit dem Gedichtband Verteidigung der Wölfe debütierte, bekam er auch schon  von Literaturwissenschaft und Kritik gleichermaßen einen Spitzenplatz unter  den zeitgenössischen Poeten zugewiesen, der seither auch nie in Frage gestellt wurde.   

Mit dem aktionspolitischen Impetus von Bertolt Brecht und der poetischen Variabilität von Gottfried Benn schuf  er Gedichte, deren Wortefundus aus den teilweise verschiedensten Sprachbereichen stammen. Besonders originell sind seine Entlehnungen aus dem Medien- und Kommunikationsbereich. So ist ein Gedicht mit  An alle Fernsprechteilnehmer überschrieben, ein anderes  wiederum mit Kein Anschluß unter dieser Nummer.  

Was Enzensberger seit seinem ersten Auftreten mit Bestimmtheit in die Lyrikgeschichte einziehen ließ, war seine souverän-virtuose textinterne Verwendung und Auseinandersetzung mit der Literaturgeschichte verschiedener Länder und Epochen. Auf kaum einen Literaten wie ihn trifft die Kennzeichnung Poeta doctus – gelehrter Dichter – zu. So ist etwa das aus dem Mittelhochdeutschen kommende zweite Tagelied von Wolfram von Eschenbach die intertextuelle Bezugsgröße zum Eröffnungsgedicht des Bandes: Utopia.

Außerdem hatte Enzensberger schon früh die Position eines öffentlichen Intellektuellen inne, der sich über seine literarische Produktion hinaus noch  zu tagespolitischen Fragen äußert. So erregten seine kritischen Essays über den Spiegel (1957), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (1962)  und die transnationale Migration – Die große Wanderung (1992) – großes Aufsehen.       

Essayistische Züge tragen auch viele von Enzensbergers Gedichten, in denen nahezu jedes lyrische Genre vertreten ist. Besondere Verdienste erwarb er sich um das Personengedicht. Der 1975  erschienene Lyrikband Mausoleum. Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts enthält ausschließlich personenzentrierte Gedichte. Für den vorliegenden Band wählte Enzensberger u.a. die lyrischen Personenstudien über Machiavelli, Bakunin und  Che Guevara aus, wobei über letzteren gesagt wird, dass er „Ein zarter Versager, Fraß für Geheimdienste“ (S. 88) gewesen sei. Ein lyrisches Porträt beschließt auch Enzensbergers  Gedichtauswahl aus siebzig Jahren, nämlich das mit Der Triumph war seine Sache nicht  überschriebene biografische Bildnis von Joseph Haydn.

Besonders aussageintensiv ist  die porträtlyrische Skizze von Eichendorff, die auch ein nachhaltiges Statement zur ‚Haltbarkeit‘ romantischer Poesie in Zeiten des kulturellen und politischen Wandels ist (S. 182):




Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1950 – 2020
Suhrkamp Verlag Berlin 2019 (suhrkamp taschenbuch 5015) 
ISBN: 978-3-518-47013-8       
238 Seiten, 14 Euro

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