Poesiehäppchen, Gedankensplitter, Geistesblitz – Michael Augustin, Meister der Miniatur

Michael Augustin, Der stärkste Mann der Welt

  • Veröffentlicht: 01.03.2019 · Zuletzt aktualisiert: 28.02.2019
Empfehlung des Monats · März 2019
von Franziska Röchter

Eigentlich müsste man schon wieder einen ganz anderen Band von Michael Augustin empfehlen, ist der Liebhaber von Miniaturen und poetischen Kurzformen im Ausmaß und Umfang seiner Produktivität doch so ganz und gar nicht minimalistisch. Der stärkste Mann der Welt, der beim Einschlafen so gar nicht auf sein Kuscheltier verzichten kann, will jedoch erforscht werden und drängt aufgrund seines lausbubenhaften Titelcharmes in literaturkritischer Hinsicht möglicherweise extensivere Arbeiten wie „Duet of Hopes Nozomi no Nijuso (Japanese Edition, zusammen mit Maki Starfield und Sujata Bhatt, Übersetzer) zunächst in den Hintergrund.

Das titelgebende Gedicht erinnert an Pippi Langstrumpf, an das stärkste Mädchen der Welt, das ganze Pferde tragen kann und zwischen Kirchturmspitzen den Dorfplatz in luftiger Höhe per Seiltanz überquert, es auch mit Verbrechern aufnimmt und in die Südsee sticht, aber nachts allein am Fenster zum Himmel spricht: „Liebe kleine Krummelus, niemals will ich werden gruß.“

Michael Augustins mit „spitzer Feder“ geschriebenen Gedichte, Aphorismen, Gedankensplitter und Minaturen (Verlagsbeschreibung) werden mit 12 ironischen Collagen des Autors illustriert. (Hat nicht Pippi Langstrumpf auch alles selbst gemacht: vom Eierpfannkuchen zur Haarmaske mit rohem Ei bis zu den selbstgebastelten Schrubberschuhen für die Dielenreinigung fiel ihr ständig etwas Neues ein …) Michael Augustin kombiniert die – möglicherweise per Holzstich geschaffenen honorigen Köpfe überaus ordensdekorierter, meist (schnauz)bärtiger und ernst dreinblickender Personen, zumeist Männer, mit Insekten und Meeresgetier als Kopfschmuck – oder Hirnräuber –, was recht albern aussieht, wenn zum Beispiel ein Tintenfisch die Sicht verhindert oder die filigranen Flügel einer überdimensionierten Stubenfliege die Glatze verdecken.

Worüber aber schreibt der Autor, der stellenweise Rätsel aufgibt – so zum Beispiel über die gewichtsrelevanten Schnittmengen zwischen Vergangenheit und Zukunft – und über das Ich und die Anderen sinniert oder über die Analogie zwischen Liebe und einer fleischfressenden Pflanze? Ganz ohne das runde Leder (Strafstoß, Unser Torwart, Was der Ball sagt) geht es bei ihm nicht. Im Kapitel Klamottengedichte wird alles unter die Lupe genommen, was den Menschen zieren und als Attribut dienen kann: von den Socken bis zur Fernsichtbrille, vom Handy bis zum Ohrenstöpsel gibt es fast nichts, das nicht Michael Augustins Spaß an Bedeutungsübertragungen, sprachlichen Spielereien und interessanten Betrachtungen hervorruft.

Aber es gibt auch Gedichte, bei denen das Schmunzeln abgewürgt wird: Vor dem Gewandhaus ist so eines, das uns daran erinnert, dass bei aller Situationskomik oder auch Tragikomik die Vergangenheit, hier Leipzigs, eben auch überschattet wurde. Doch Michael Augustin weiß auch hier mit seinem grotesk-absurden Humor die Dramatik  mit einer spielerischen Leichtigkeit zu entschärfen.

Für wen sind diese Bände – es gibt schon einige dieser Art von Michael Augustin in der Edition Temmen (z. B. Denkmal für Baby Schiller) besonders geeignet? Nun, für Vielreisende, für Zeitarme, für Nachtleser, für Multitasker, für Gestresste, für Witzbolde, für Humorvolle, vor allem aber für Fans von Michael Augustin (u. a. Festival Director von Poetry on the Road, Literatur-Festivalbereicherer all-over-the-world, jahrelanger Lyrik-feature-Readakteur bei Radio Bremen).

Michael Augustin, Der stärkste Mann der Welt
Michael Augustin, Foto Jenny Augustin


Michael Augustin, Der stärkste Mann der Welt
Miniaturen und Gedichte
Edition Temmen, September 2018
ISBN 978-3837870480, 148 Seiten
9,90 €



Last Minute Weihnachtsempfehlung: DAS GEDICHT 26 – Ewigkeitswährung Lyrik

Doppelcover Der poetische Dreh / Wendepunkte, DAS GEDICHT 26

Empfehlung des Monats · Dezember 2018
Weihnachtsempfehlung von Jule Weinrot

Jedes Jahr wieder fragt sich die Gemeinschaft der DAS GEDICHT-Anhänger aufs Neue, womit Anton G. Leitner wohl diesmal überraschen wird. Hat er sich doch mit Melanie Arzenheimer, erste weibliche Spitze in der Präsidiumsliga der legendären Literatenvereinigung Münchner Turmschreiber und 2009 allererste Preisträgerin des mittlerweile zum Lyrikstier umbenannten publikumsträchtigen Spoken-Word-Lyrikwettbewerbs Hochstadter Stier, erstmalig eine Frau als Mitherausgeberin an Bord geholt,


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Pressemitteilung – Start des großen Joachim-Ringelnatz-Projekts

Ringelnatz-Abend im Botanischen Garten Leipzig am 25.08.2018, Foto: @GZL (es kann im Zusammenhang mit der PM kostenfrei abgedruckt werden)

Auftakt begeisterte 220 Ringelnatz-Freunde

Ende August eröffnete die in Leipzig ansässige Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. (GZL) ihr bislang größtes und langfristigstes Projekt: die Joachim-Ringelnatz-Jahre. Dem am 7. August 1883 in Wurzen geborenen Dichter soll dabei von seinem 135. Geburtstag bis zu seinem 85. Todestag (17. November 2019) durch Lesungen, Publikationen, Schülerbegegnungen und einen Gedichtfilmwettbewerb vielfältige Würdigung zukommen.

Ein äußerst erfolgreicher Auftakt gelang dem Leipziger Poesieverein mit einem Vortrag von Texten von und zu Joachim Ringelnatz in der Leipziger Stadtbibliothek. Über 130 Zuhörer lauschten den Bremer Radioredakteuren Michael Augustin und Walter Weber bei ihrer audiovisuellen Reise durch das Ringelnatz-Universum. Neben Texten aus der spitzen Feder des sächsischen Poeten kamen Originaltonaufnahmen von Ringelnatz zu Gehör, ergänzt um Widmungen und Interpretationen von Zeitgenossen und Nachgeborenen.

Am Abend darauf  …

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Zu Dir

  • Veröffentlicht: 01.08.2018 · Zuletzt aktualisiert: 09.08.2018

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Sie sprangen aus rasender Eisenbahn
Und haben sich gar nicht weh getan.

Sie wanderten über die Gleise
Und wenn der Zug sie überfuhr,
Dann knirschte nichts. Sie lachten nur.
Und weiter ging die Reise.

Sie schritten durch eine steinerne Wand,
Durch Stacheldrähte und Wüstenbrand,
Durch Grenzverbote und Schranken
Und durch ein vorgehaltnes Gewehr,
Durchzogen viele Meilen Meer. –

Meine Gedanken. –

Ihr Kurs ging durch, ging nie vorbei.
Und als sie dich erreichten,
Da zitterten sie und erbleichten
Und fühlten sich doch unsagbar frei.

Quelle: Wassertropfen & Seifenblase. Ausgewählte Gedichte,
Die besondere Edition Nr. 2

Sonderausgabe der Zeitschrift Poesiealbum neu,
Leipzig 2018

Veranstaltungshinweis:
Sommerabend 1 mit Ringelnatz: »Das Herz sitzt über dem Popo. Eine audiovisuelle Revue« mit Michael Augustin und Walter Weber von Radio Bremen

Sommerabend 2 mit Ringelnatz: Sommerabend mit Ringelnatz: »Ich bin so knallvergnügt erwacht« mit Tina-Nicole Kaiser und Jürgen Wegscheider

Über Ulrich Becks Lyrikband komm & geh zeiten: Cowboy oder Ritter auf modernen Kriegsschauplätzen

Ulrich Beck, komm & geh zeiten, edition DAS GEDICHT, 2018

Empfehlung des Monats · April 2018
von Franziska Röchter

Wenn ein Lyriker die „Härte der modernen Arbeitswelt mit ihren Athleten des Managements“ (Waschzettelbeschreibung) thematisiert und selbst ein nicht geringer Teil genau dieser bedichteten Arbeitswelt ist, also in zwei vielleicht nur auf den allerersten Blick extrem gegensätzlichen Parallelwelten zuhause ist, dann wird man neugierig und fragt sich, wie er das macht. Wenn man aus Ostwestfalen kommt und gleich im ersten Gedicht auf der Innenseite des Schutzumschlages dieses qualitativ hochwertigen Hardcoverbandes mit Lesebändchen Bielefelds Existenz mit der Unsichtbarkeit von Briefkasten- oder Scheinfirmen  verglichen wird,  dann muss man sich Ulrich Becks Gedichte einfach einmal genauer anschauen …

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