Esther Ackermann: Die Hand hinein – ortelyrik

  • Veröffentlicht: 30.09.2017 · Zuletzt aktualisiert: 01.10.2017

Esther Ackermann, Die Hand hinein, ortelyrik, 2016

Empfehlung des Monats · Oktober 2017
von Franziska Röchter

Franziska Röchter

 

 

 

 

 

Wahrheitssuche & Wahrhaftigkeit mittels Lyrik
Esther Ackermanns Debüt im orte Verlag

Der Name Bocca della Verità wurde erstmals 1485 urkundlich erwähnt. Es handelt sich bei diesem „Mund der Wahrheit“ um ein scheibenförmiges Relief, das an der linken Schmalseite in der Säulenvorhalle der römischen Kirche Santa Maria in Cosmedin angebracht ist. Verschiedene Abbildungen dieses Reliefs wirken auf mich, um ehrlich zu sein, etwas gruselig.

So ist auch der legendenträchtige Hintergrund zu diesem etwa 2000 Jahre alten antiken Stein, der sich seit 1632 in der Vorhalle der Kirche befindet und von Esther Ackermann für ihren ersten Lyrikband als Coverillustration gewählt wurde, alles andere als humorig. Verschiedenen Theorien zufolge könnte es sich einst um einen Kanal- oder Brunnendeckel gehandelt haben. Einer mittelalterlichen Legende nach wurde jedem Lügner, der die Hand in das offene Mundloch steckte und nicht die Wahrheit sagte, dieselbe „abgebissen“ oder von einem sich hinter der Scheibe versteckt haltenden Scharfrichter abgehackt.
So kann man annehmen, dass es Esther Ackermann in ihren sämtlichen Gedichten um Inhalte geht, die entweder ihren ureigenen Überzeugungen entspringen oder aber denen nichts frei Erfundenes dazugedichtet wurde. Genauso wie in ihren Gedichten notiert, war es, wird es gewesen sein, die Wahrnehmung, die Geschehnisse, das Erleben.

Die Gedichte sind in sieben Kapiteln untergebracht. Viele davon haben explizit mit Händen zu tun. Ob es darum geht, einen Ballon am Handgelenk festzubinden (in: Anfang und Ende der Meditation), um geflochtene Hände (Alleiniger Gärtner), um das Reichen der Hostie (Bevorzugter Dienst), um das Abtupfen des Mundes mit einer Serviette (Stafette), in Kapitel III (In die Hand getaucht nach Liebe) um das Füttern mit den Händen – immer sind Tätigkeiten involviert, die den Einsatz der Hände benötigen. Drei auf den ersten Blick relativ unzusammenhängende Schwarz-Weiß-Illustrationen unterschiedlicher Quellen sind auf den 96 Seiten verteilt – jedoch haben ein gefächerter Papierapfel, eine Malerei und eine pappähnliche Häuserskulptur durchaus auch etwas mit den Händen, die sie erschaffen haben, gemein.

Esther Ackermanns Gedichte sind Wahrnehmungen, Wahrheitsproben,  die unter Beigabe mythologischer, biblischer und märchenhafter „Bilder“ letztendlich in eine Wahrheit münden, die wohl am ehesten mit Wahrhaftigkeit gleichgesetzt werden kann.

Am stärksten kommt für mich die Handsymbolik  im letzten Kapitel „Nadelöhr“ zum Tragen, wo es um „letzte Wahrheiten“, wo es um die Hand der Mutter – ich denke, es geht hier wirklich um die Mutter der Autorin – geht. Es geht ums Brotbacken, worin trotz Brotbackmaschine immer Hände involviert sind, es geht in „Letztes Kämmen“ um „lang und länger“ werdende „Sonnenfinger“, „Bis die Nacht sie einkrallt / Zur Faust / Die nicht mehr aufgeht“,  es geht um einen „Briefsegen“, „Der Umschlag war verschlossen / Mutter nahm ihn zwischen den / Handflächen ins Gebet“, es geht im letzten Gedicht um die „Hand in der Hand“ (Am dritten Tag), um das Vergehen eines Menschen, einer Mutter, die so sehr wie niemand anderes mit Händen, mit gütigen, mit arbeitenden, mit gebenden Händen assoziiert wird, es geht um eine Auferstehung oder Ewiges Leben mittels Lyrik.

So ist eines meiner Lieblingsgedichte in Esther Ackermanns Debütband auch „Letztes Kämmen“, das bereits 2015 wie einige andere Gedichte aus diesem Buch auch in dem Trauer-, Trost- und Hoffnungsband „Herzschlaf“ (chiliverlag) Eingang fanden:

Letztes Kämmen

Lang und länger kämmen die Finger
Deinen Schatten
Lang und länger die Sonnenfinger

Bis die Nacht sie einkrallt
Zur Faust
Die nicht mehr aufgeht

Kühl und kühler
Dein Schatten
Das eingekämmte Gold

Trotz aller Trauer  und Trostlosigkeit in den Zeilen schimmert gleichzeitig Hoffnung hindurch, auch Wärme, denn es ist von Sonnenfingern und eingekämmtem Gold die Rede.

In „Die Kunst im Weg zu stehen“ tritt die verstorbene Mutter aus dem Schrank, sie ist gegenwärtig, das „Nadelöhr zwischen / Du bist tot / Du bist nicht tot“ kann mit einem Wollrest gestopft werden (ein Nadelöhr kann mit Händen eingefädelt werden),  vielleicht um die letzte Wahrheit, die Realität des Todes,  entweder außen vor bleiben oder doch hindurch zu lassen, je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet.

Esther Ackermanns Gedichte bestechen durch Vielseitigkeit in Form und Inhalt.
Der für Nora Gomringer geschriebene Text „Apologie des anderen Apples“ verdeutlicht z.B. – dabei die bekannte Bachmannpreisträgerin zitierend – wie wichtig es sein kann, einen Motivator, etwas Inspirierendes, jemanden, der einen auch beim Schreiben anspornt, hinter sich zu wissen.

Der stolze Preis von 28,- Euro wird nicht gerade low-budget-Käufer zum Erwerb inspirieren, mag aber damit zu tun haben, dass der orte Verlag in der Schweiz ansässig ist, und wer jemals Päckchen oder Pakete in die Schweiz schickte, weiß, was das bedeutet. Wer aber wirklich etwas für Lyrik übrig hat und Esther Ackermann mittels ihrer Verse näher kennenlernen möchte, wird sich davon nicht abhalten lassen …

(c) Franziska Röchter

Esther Ackermann, Die Hand hinein
ortelyrik, orte Verlag,  März 2016
Taschenbuch, 96 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN 978-3858302007
28,- Euro

 

Esther Ackermann, Schweiz

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