Die Entdeckung Gershom Scholems als bedeutender Lyriker – Zu dem Band Poetica

Gershom Scholem, Poetica

  • Veröffentlicht: 01.11.2019 · Zuletzt aktualisiert: 09.10.2019

Empfehlung des Monats · November 2019
von Wolfgang Braune-Steininger

„Gershom Scholem (1897-1982) begründete mit seinen Werken einen neuen Forschungszweig: die wissenschaftliche Erforschung der jüdischen Mystik, die ein neues Verständnis des Judentums und der jüdischen Geschichte eröffnet hat.“ – Mit diesen Worten, die auf der Innenseite des Rückumschlags des Buches stehen, wird die geistesgeschichtliche Bedeutung  Scholems konzise benannt. Weniger bekannt  ist seine Wirkung als Homme de Lettres im literarischen Diskurs, die nun mit dem vorliegenden Band einprägsam belegt wird. So äußert sich Scholem vielfältig und nachhaltig über das lyrische Genre des Klagelieds, bedenkt  Sprach- und Übersetzungstheoretisches, etwa Über das Hohe Lied und Wenn die Sprache ein relativistisches Werkzeug der Erkenntnis wäre, bespricht  Hauptwerke des literarischen Kanons, z.B. Mörikes Künstlerroman Maler Nolten und Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, und erinnert an die Schicksale der literaturhistorisch eher verborgenen Dichter Alfred Margul-Sperber und Lea Goldberg.                                                         

Das unter den Aspekten von Lyrik besondere Verdienst des Bandes liegt in der Edition von 52 des insgesamt 140 Gedichte umfassenden lyrischen Werkes von Scholem. Dabei sind die Gedichte, wie das Herausgeberteam in seinen einleitenden Worten durchaus zutreffend meint, „auch als biographisch gefärbte Parerga und Paralipomena  zu seinem wissenschaftlichen Schaffen zu lesen“ (S.648). Besonders auffallend sind die personenbezogenen Gedichte.  So schreibt  Scholem  exaltierte Verse An Theodor Herzl!, äußert sich in Martin Buber kritisch-distanzierend über den bedeutenden Religionsphilosophen und setzt seinem Freund Walter Benjamin mit dem Sonett W.B. ein poetisches Denkmal.                                                                                       
Scholem und Benjamin lebten zeitweilig in Muri, einem Ort in der Nähe von Bern, wo sie, wie die Herausgeber (S. 724) vermerken, 1918 die „imaginäre ‚Haupt- und Staatsuniversität  Muri‘“ gründeten. Aus dieser Zeit stammt ein originelles Widmungsgedicht: Amtliches Lehrgedicht der Philosophischen Fakultät der Haupt- und Staats-Universität Muri. Scholem, der höchstselbst in die Rolle des lyrischen Sprechers als „Pedell des religionsphilosophischen Seminars“ schlüpft, dediziert die Zweite, umgearbeitete und den letzten approbierten Errungenschaften der Philosophie entsprechende Ausgabe seinem verehrten Freund (S.718):

Seiner
Magnifizenz
WALTER BENJAMIN
Rektor der Universität Muri                                                                          
damals wie heute gewidmet                                                                         
zum 5. Dezember 1927                                                                        
vom Verfasser

Scholem schreibt zu jedem Buchstaben des Alphabets einen originellen Vierzeiler, der voller Witz und Bildungsreichtum sprüht. Dabei sei folgendes Beispielzitat  (S. 719) gegeben:

F
Für Freud und Fichte fechten heute                                                                  
Nur allzuviele faule Leute.
Man weiß von mancher falschen Fee  
Mehr als von Michael Faradey.


Hätte das Personengedicht in der Literaturwissenschaft die ihm gebührende Wertschätzung, müsste Scholem zu den prägenden deutschsprachigen Lyrikern im 20. Jahrhundert gezählt werden.


Gershom Scholem, Poetica. Schriften zur Literatur, Übersetzungen und Gedichte. Herausgegeben und kommentiert  von Herbert Kopp-Oberstebrink, Hannah Markus, Martin Treml und Sigrid Weigel  unter Mitarbeit von Theresia Heuer, 
Berlin:  Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag 2019.
ISBN 978-3-633-54292-5. 780 Seiten. 58€

Förderer und Partner

Förderer


Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.