Zwischenruf des Vorsitzenden vom 30.10.17

  • Veröffentlicht: 30.10.2017 · Zuletzt aktualisiert: 30.10.2017

„Bildhauer, Maler, Musiker, Dichter lebten, wenn sie keinem anderen Beruf nachgingen, von der Bewunderung ihrer Freunde und Mitbürger, die ihre Werke kauften, ihre Konzerte und Lesungen besuchten. Man empfand es als Pflicht, Künstler und Dichter zu unterstützen und zu fördern. Man schätzte nicht nur, was durch Verlage bekannt gemacht, durch hohe Auflagen berühmt geworden war: Es war der ernste Respekt vor dem Schaffenden und seinen Werken, noch ehe sie veröffentlich wurden.“ So schildert die 1901 als Rosalie Scherzer in Czernowitz geborene Rose Ausländer ihre Erinnerungen an die Vielvölkerstadt in der Bukowina.

Gegenwärtig gibt es Bestrebungen, das bestehende Lohn“niveau“ für freiberufliche Autorinnen und Autoren zu verbessern. Wir als Lyrikgesellschaft haben die Misere bereits 2011 in Form der Veranstaltung „Der arme Poet – mit dem Laptop unterm wärmegedämmten Dach“ thematisiert und dazu Fragebögen zu den Einkommensverhältnissen von Dichterinnen und Dichtern erarbeitet, versendet und ausgewertet. Als langjähriges Mitglied des Dachverbandes Arbeitgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten haben wir auch diesen einbezogen. Im Podium unserer Veranstaltung saßen eine Vertreterin des Präsidiums des Deutschen Kulturrates und ein führender Angestellter der Künstlersozialkasse. Als Mitveranstalter konnten wir den Verband deutscher Schriftsteller in Leipzig gewinnen.

Leider sprang uns in der Folge niemand bei und unternahm den Versuch, sowohl unser Anliegen, als auch die bisherigen Ergebnisse in einen größeren Rahmen zu setzen. Hinzu kam, dass – aufgrund fehlender Landesförderung – des Format „Poetisches Podium“ nach vier Jahren eingestellt werden musste und uns als Verein ab April 2012 keine vom Arbeitsamt geförderte Personalstelle mehr zur Verfügung stand.

Sechs Jahre nach unserem „Poetischen Podium“, d.h. im Mai dieses Jahres, hat sich eine Berliner Institution (so kann man das „Haus für Poesie“ mit zahlreichen Festangestellten und einem Finanzhaushalt von mehr als einer halben Million Euro zurecht nennen) gleichfalls dem Thema angenommen und mit finanzieller Unterstützung des Bundes eine Tagung und Befragung zum sozialen Status von Lyriker/innen in Deutschland ausgerichtet. Zu unserem Bedauern wurden wir, als größte in Deutschland ansässige Vereinigung von Lyrikerinnen und Lyrikern, weder im Vorfeld davon in Kenntnis gesetzt, noch Vertreter unseres Vereins in die Konferenz einbezogen. Selbstverständlich hätten wir unsere Ergebnisse zur Verfügung gestellt und insbesondere auch jenen unserer Mitgliedern den Fragebogen übermittelt, die eine freiberufliche Autorenexistenz leben und deren Antworten zu einer stärkeren Gewichtung und Gültigkeit hätten führen können.

Inzwischen wurde das Ergebnis der Befragung vom „Haus für Poesie“ veröffentlicht, doch kann es mit einer beschränkten Anzahl an „Probanden“ nicht als repräsentativ gelten. Der Bund der Steuerzahler sollte fragen, warum Dr. Thomas Wohlfahrt, Leiter des „Haus[es] für Poesie“ und Verantwortlicher für diese Aktion, so kurz denkt und beschränkt handelt.

Ende November nun findet erneut ein Zusammentreffen der Beteiligten vom Mai 2017 statt. Im Interesse unserer Mitglieder haben wir nicht nur Herrn Dr. Wohlfahrt im August kontaktiert und freundlich zu unserer Jahresversammlung am 4. November eingeladen, um seinen Standpunkt darzulegen, sondern dem „Haus für Poesie“ im September auch unsere Mitwirkung ungefragt angeboten, um einen größeren Querschnitt bei diesem Thema zu erlangen. Zu unseren kooperativen Mitgliedern zählt mit Anton G. Leitner, dem langjährigen Herausgeber von „DAS GEDICHT“, ein Kenner der Lyrik-Szene im deutschsprachigen Raum wie kaum ein zweiter. Ihn könnte des „Haus für Poesie“ desgleichen als Multiplikator gewinnen, um die wichtige Fragestellung zu den Einkommensverhältnissen von Lyriker/innen in Deutschland so umfassend wie möglich für die Entscheidungsträger/innen in Bund, den Ländern, Landkreisen bzw. Kulturräumen und Kommunen aufzubereiten. Leider müssen wir resümieren: Es gab auch nach 8 Wochen keine Antwort vom festangestellten Leiter dieser Einrichtung und selbstredend bislang auch keine Einladung der Lyrikgesellschaft zur Mitarbeit. Die Ausgrenzung hat also System.

Wie wichtig jedoch eine konzertierte Bewusstmachung der prekären Lebenslage bei den politischen Entscheidern ist, lässt sich exemplarisch darstellen: Da gibt es auf der einen Seite die Förderrichtlinie der Kulturstiftung des Bundes, die besagt, dass ein Verein erst dann einen Antrag auf Projektförderung stellen kann, wenn der Haushalt des Vorhabens mindestens 50.000 € beträgt (bei 15% Eigenmitteln, die wohl eine Institution, aber kein ehrenamtlich geführter Verein aufbringen kann). Und da gibt es auf der anderen Seite die Praxis einer Hochschule für Technik, Wissenschaft und Kultur (!) in Sachsen, die für eine Lesung vor Studierenden eine Bezahlung in „Höhe“ von 17 €/h (brutto) anbietet. Nimmt man nur die beiden Pole, kann die Schere nicht größer sein.

Besserung kann wohl zunächst nur das „Czernowitzer Modell“ bringen. Längerfristig bleibt die Hoffnung, dass die Nutzung von Kompetenzressourcen und Erfahrungswerten außerhalb eines engen Zirkels doch noch Realität wird.

Förderer und Partner

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der Stadt Leipzig

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Leipzig
Leipziger
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Die Gesellschaft für
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ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.