Gibt es denn etwas Wichtigeres? „Dichter an die Natur“ – DAS GEDICHT 27

Dichter an die Natur, DAS GEDICHT 27

Empfehlung des Monats · Januar 2020
von Franziska Röchter


Wir alle entstammen ihr. Größtenteils jedenfalls. Zumindest ursprünglich – nach diversen medizinischen Eingriffen, Wiederherstellungs- oder Optimierungsversuchen oder ästhetischen Modifizierungen vielleicht nicht mehr zu 100 Prozent. Und möglicherweise bis wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht nicht einmal mehr zur Hälfte. Aktuell aber ist es noch so, dass die „Natur“, die ursprüngliche Umgebung auf unserem Planeten, die schon vor uns und ohne menschliche Eingriffe einfach „da war“ und die notwendigen molekularischen Konstellationen zur Entwicklung pflanzlichen, tierischen und menschlichen Lebens bereit hielt und zur Verfügung stellte, dass also diese Natur unverzichtbar ist. Versuche, menschlichem Forschergeist entsprungen, die in der Natur vorfindbaren Parameter einfach nachzubauen und somit Natur zu kopieren, lassen Überlegungen entstehen, ob das dann überhaupt noch „Natur“ ist. Wo hört Natur auf, wo fängt Künstlichkeit an?

Zweifelsohne lässt sich festhalten: Wir brauchen sie, und zwar stärker als sie uns. Denn Natur existiert auch ohne die Spezies Mensch. Wir benötigen Luft zum Atmen, Wasser zum Überleben, zur Produktion von Nahrung, die Sonne wird ebenso benötigt wie nährstoffhaltiger Grund und Boden. Und das Schöne in der Natur inspiriert unseren Geist, unsere Seele. Man stelle sich ein dauerhaftes Leben ausschließlich zwischen Betonmauern vor, ohne Tageslicht, ohne Pflanzen und Bäume, mit künstlicher Ernährung in Form von Tabletten, die sämtliche benötigten Nährstoffe enthalten … Umso unverständlicher, dass gerade das „Animal rationale“ seine eigenen Lebensgrundlagen bei vollem Bewusstsein und wissentlich zerstört und ruiniert und vielen Dingen (z.B. materiellem Profit) höheren Stellenwert einzuräumen scheint als dem Erhalt der eigentlichen Lebensgrundlagen. Mir ist keine andere Art bekannt, die Gleiches tut. Wie würden Außerirdische dieses Verhalten beurteilen?

Da dem Themenkomplex „Natur“ die dringlichsten Fragen unserer Zeit zuzuordnen sind, wird eine aktuelle Anthologie über die Natur und unser extrem widersprüchliches Verhältnis zur selbigen inhaltlich zwangsläufig anders aufgestellt sein als beispielsweise noch vor rund 20 Jahren. Mit dem Besingen einer schönen Mondnacht, der freudigen Begrüßung des Frühlings, dem Festhalten eines außergewöhnliche schönen Sonnenuntergangs ist es einfach nicht mehr getan – zu brüchig, zu angeschlagen ist die Natur mittlerweile aufgrund drastischer menschlicher Missachtung ihrer Bedürfnisse. 

Die neue Ausgabe von DAS GEDICHT, herausgegeben von Christoph Leisten und Anton G. Leitner, verdeutlicht bereits anhand des plakativen schwarz-pinken Covers, welches ein comic-haftes, mit wenigen Strichen gezeichnetes Chamäleon zeigt, wie weit wir uns von der einstigen, ursprünglichen Natur entfernt haben. Und natürlich sollen auch Kinder und Jugendliche angesprochen werden, an die eine bedeutende Auswahl an Gedichten, sorgfältig von Uwe-Michael Gutzschhahn herausgefiltert, adressiert sind. Insgesamt ist diese Ausgabe so umfangreich wie nie zuvor: 177 Dichterinnen und Dichter haben für 5 Kapitel über die belebte und unbelebte Natur sowie zur Kinderlyrik beigetragen.

Jeder wird seine Vorlieben in dieser Anthologie finden. In ausgewogener Weise dominieren vielen schönen Beschreibungen naturhafter Phänomene zum Trotz gerade solche Texte, die mit besonders aktueller Relevanz eine Vielzahl an Störelementen innerhalb des Naturgefüges aufzeigen und verdeutlichen: der achtlos liegengelassene Abfall im Wald, der sich offenbar nicht selbst kompostiert, die Anhäufung von Atommüll im Meer, die Überlebenskämpfe der so wichtigen Bienen, das Ausbringen giftiger Düngemittel, der Artenschutz, die dramatische Dezimierung der Artenvielfalt durch Vernichtung von Lebensräumen, der existierende enorme Widerspruch, ja die Schizophrenie  im Hinblick auf Fleischproduktion und -gewinnung, die mangelnde Handlungsbereitschaft in der Politik unter dem Damoklesschwert der wankenden eigenen Vorteile, die mangelnde Empathie mit anderen Lebewesen … und … und … und …

Wolfgang Oppler bringt mit seinem Gedicht Erlebnisverdichtung am Berg auf den Punkt, wie durch „industrialisierten Massentourismus“  „Generatorbetriebene Sommerbeschneiungsanlagen / für gaudi-optimierte Erlebniswelten / bei 30 Grad im Schatten“ sorgen, „Fördergelder von EU, Staaten, Bundesländern“ inklusive. Wie gut, dass Frantz Wittkamp im Kinderlyrik-Teil den Kindern mit seinem Gedicht Am Waldrand ganz unmissverständlich vermittelt, dass es wirklich noch Gegenden gibt, in denen unbeschwerter Naturgenuss und echte Erlebniswelten bei freiem Eintritt und zum Nulltarif zu haben sind – denn wer weiß schon, wie lange noch?


DAS GEDICHT 27
Das Gedicht. Zeitschrift /Jahrbuch für Lyrik, Essay und Kritik / Dichter an die Natur
Herausgegeben von Christoph Leisten und Anton G. LeitnerTaschenbuch: 192 Seiten
Anton G. Leitner Verlag, Weßling, November 2019
Deutsch, ISBN-13: 978-3929433852, 15,00 €




Ein viel zu kleines Potpourri interessanter Titel, die es zu entdecken gilt

Empfehlungen des Monats · Dezember 2019

Zeit und Platz sind begrenzt, die Fülle der Bücher, die eine Empfehlung verdient hätten, eine besondere Begutachtung, mehr Leser, scheint nahezu unerschöpflich. Deshalb können wir auch dieses Jahr zu Weihnachten nur einen winzigen Ausschnitt bringen und möchten die Hoffnung nähren: Alles, was nicht ist, kann noch werden. Ein belesenes Fest zum Jahresende!

Von Rolf Birkholz

Gefiederte Flieger faszinieren viele. Für Henning Ziebritzki ist das gebänderte „Wunderwerk von Schrift“ auf der Brust eines aus dem Blätterwald gleitenden Habichts gar „un­fassbar wie ein Evangelium.“ Aber in seinem Gedichtband „Vogelwerk“ schwärmt er nicht oberflächlich. In, mit einer Ausnahme, je elf Versen, aber unterschiedlichen Tonlagen nimmt er Eigenarten von Vögeln in den poetischen Blick und spiegelt in der Betrachtung auch menschliche Verhält­nisse.  Einmal vermaß und bündelte ihm das rote Sensor-Auge eines Plastikerpels seinen Schmerz, „dass es wieder nicht gelungen war, ein anderer zu sein.“ Rolf Birkholz

Henning Ziebritzki, Vogelwerk
Gedichte
64 S.,  Wallstein, Göttingen 2019
ISBN 978-3-8353-3554-7,  € 18


Von Franziska Röchter

Andreas Reimann, „bedeutendster Lyriker der ‚sächsischen Schule‘“ (Literaturkritiker Carl Corino) und einer der wichtigsten deutschen Dichter der Gegenwart sowie Zeitzeuge der (Literatur)geschichte der DDR, hat soeben in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung einen neuen Gedichtband veröffentlicht, der sich auch optisch in die Reihe einiger seiner vorigen Veröffentlichungen in diesem Verlagshaus einfügt. Für Liebhaber von Sonetten jeglicher Ausprägung, für geschichtsbewusste Leser, die um Reimanns erfahrene Repressalien als aufbegehrender, obrigkeitsablehnender Dichter (sein erster für 1966 geplanter Gedichtband konnte aus politischen Gründen zunächst nicht erscheinen und erst 50 Jahre später wiederentdeckt als  „Kontradiktionen“ debütieren) ist dieses Buch, Band 5 der Andreas-Reimann-Werkausgabe, dem vor 25 Jahren „Das Sonettarium“ vorausging,  eine wahre Fundgrube, die es noch umfassender als in 3 bis 5 Sätzen zu ergründen gilt. Es kann aber nahezu blind anempfohlen werden. Wen würde es nicht interessieren, was ein Dichter zu sagen hat, der aus zwei so unterschiedlichen Welten kommt und solche gravierenden Einschnitte in seinem Leben schon als junger und sehr junger Mensch (Verlust beider Elternteile mit 5 bzw. 7 Jahren, Zwangsexmatrikulation am Leipziger Literaturinstitut, Inhaftierung etc.) erfahren hat?  Franziska Röchter

Andreas Reimann, Das Große Sonettarium
Gedichte (1975 – 2019)
Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Oktober 2019
Gebundene Ausgabe, 184 Seiten
ISBN 978-3937799-93-3, € 22,00  


Von Ralph Grüneberger

Zu den Büchern, die nachgerade für die Lektüre an den nun kürzeren Tagen, aber längeren Abenden geschrieben wurden, gehört für mich der 2018 im Gmeiner Verlag erschienene Roman von Cornelia Naumann „Der Abend kommt so schnell“. Sie gestaltet darin nicht nur ein überaus lesenswertes Porträt der Münchner Revolutionärin Sonja Lerch (1992-1918), sondern schafft auch ein Colorit jener Zeit vor 100 Jahren, als Deutschland, mit dem Zentrum in München, eine weniger friedliche Revolution als 70 Jahre später im Osten erlebte.
Die Autorin Cornelia Naumann, geboren und aufgewachsen in Marburg an der Lahn, studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und Romanistik in Köln. Seit 1999 lebt sie als freie Autorin von Romanen, Theaterstücken, Bühnenbearbeitungen und Übersetzungen in München.  Ralph Grüneberger

Cornelia Naumann, Der Abend kommt so schnell
Roman, 409 S. / 13 x 21 cm / Klappenbroschur Premium
Gmeiner Verlag, Februar 2018
ISBN 978-3-8392-2199-0, € 16,00


Von Ralph Grüneberger

Ein wenig nach Geschenkpapier schaut er aus, der Umschlag des Ratgebers Die-tägliche-Musik-gib-uns-heute. Aufschlagen sollte man das Buch somit vom 1. Januar bis zum 31. Dezember und sich von der Radio- und Fernsehmoderatorin Burton-Hill musikalisch in den Tag führen lassen. Die Autorin, die bei BBC Radio 3 die Klassiksendungen moderiert, bietet dem Leser/Hörer eine Vielzahl von Werken bis dato (sicherlich) unbekannter Komponistinnen und Komponisten an, die, wenn sie Gehör finden, neue Klassiker werden könnten. Im Gegensatz zum Konzertabend, bei dem man meist noch an der Garderobe ansteht, während es im Foyer eine Werkeinführung gibt, kann man sich hier in Ruhe einlesen. Der Ton des Textes kommt freilich eher salopp daher und erfordert kein Nachschlagewerk. Dass es zum Buch bei Apple Music ein Abonnement mit der entsprechenden Playlist gibt, verwundert natürlich keinen halbwegs kaufmännisch Denkenden. Na dann, frohes (Hör-)Fest! Apropos, man kann das Buch auch überlisten und muss nicht bis zum Jahresanfang warten. Für den 1. Dezember wird keine „unadventliche Musik“ empfohlen, sondern Morten Lauridsens Vertonungen weihnachtlicher Verse, wie passend „O Magnum Mysterium“. Ralph Grüneberger

Clemency Burton-Hill, Ein Jahr voller Wunder
Klassische Musik für jeden Tag
Aus dem Englischen von Barbara Neeb, Ulrike Schimming und Katharina Schmidt
464 Seiten, Diogenes Verlag, Zürich 2019
ISBN 978-3-257-60972-1 
€ (D) 25,00 gebundenes  Buch, 21,99 Kindle / sFr 28,00* / € (A) 21,99
 

Von Ralf Burnicki

Die Prosagedichte von Knut Schaflinger spielen mit linearen Erwartungen, etliche Sätze sind Abbruchstellen, kein Satz geht so weiter, wie man es erwartet, jederzeit gibt es Überraschungen, Wendungen, einen Hang zu surrealistischer Gedankenbildung. Und dennoch ergibt sich ein Ganzes. Knut Schaflinger ist für mich einer der großen Poeten der Gegenwart, seine Texte sind bildhaft und unberechenbar zugleich. Jeder seiner Bände, z.B. „Die Ungewissheit der Quadrate“ lässt mich erfrischend beunruhigt zurück, schildert Vorgänge, die keine sind, und gerade deshalb hat man es womöglich mit einer Vision zu tun: dem Traum von einem poetischen Leben: „In einer fremden Sprache schreibt sich das schöne Wort Occasion mir ins Gedächtnis. Kann sein es schmilzt wenn es bei späterer Gelegenheit erst ausgeatmet ist“ (aus dem Gedicht: „Schriftzug in der Langen Reihe. Eine Häuserzeile“). Unbedingt empfehlenswert. Ralf Burnicki

Knut Schaflinger, Die Ungewissheit der Quadrate
Gedichte, Hardcover, 73 Seiten
Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2017, € 20,00


Von Franziska Röchter

„POESIE 21 präsentiert bemerkenswerte zeitgenössische Gedichtbände und lyrische Debüts in deutscher Sprache.“ So ist auf den Waschzetteln zu dieser mittlerweile 101 Ausgaben umfassenden Lyrikreihe zu lesen. Ein solches Debüt ist auch Guido Lufts Band mit seinem sprachwitzigen Titel. Das Ausloten von Beziehungen, von Nähe und Ferne, das Etablieren wichtiger Grenzen und das Überschreiten derselben inklusive anschließender Narbenbildung, alltägliche und besondere Katastrophen wie vollgelaufenen Keller oder Fallen im Internet, das getriebene, rastlose Ich, das sein „Kreuz schultern“ muss, das „Leben, einen Schritt vor dem Abgrund“:  Guido Lufts Parforceritt durch Schattenseiten und Lichtmomente menschlicher und alltäglicher Existenz gibt einen guten Einblick in diese längst etablierte Poesie 21-Reihe, die übrigens nicht selten auch mit fröhlich-monochromen Umschlägen ins Auge fällt. Franziska Röchter

Guido Luft, zum Tee ein Kataströpfchen
Gedichte
Poesie 21 im Verlag Steinmeier, Juli 2019
70 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-943599-66-4, € 12,80 (D)


Von Franziska Röchter

Allzu viele Anthologien mit Kindergedichten neuzeitlicher Dichter, die teilweise,  wie z. B. Paul Maar oder Franz Wittkamp, einen Namen als Kinderlyriker haben, dürfte es nicht geben. Wenn überhaupt. 100 frische, verrückte, unverbrauchte Gedichte für Kinder (und, wie Pressestimmen zu entnehmen ist, durchaus auch für Erwachsene), gereimt oder ungereimt, ausgewählt und herausgegeben von Uwe-Michael Gutzschhahn, sollen Kinder für Poesie begeistern oder auch zum Selberdichten anregen. Ein gutes Kindergedicht ist immer auch ein gutes Erwachsenengedicht, hat einmal Erich Jooß († 2017) gesagt. Bei dieser Fülle moderner Lyrik dürfte für jeden etwas dabei sein. Es gilt herauszufinden, auf welche Texte kleinere (ab 5) oder etwas ältere Kinder – je nach Deklamationsfähigkeit des Vortragenden – oder Selbstlesende anspringen und welche Gedichte wem den größten Spaß bereiten. Da Kinderbücher sehr wesentlich auch von Illustrationen leben, ist dieser Spaß durch die bunten und vielseitigen Illustrationen von Sabine Kranz schon gesichert. Franziska Röchter

Sabine Kranz/Uwe-Michael Gutzschhahn, Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht
Hundert neue Kindergedichte
dtv Junior, Originalausgabe
176 Seiten, ab 5
9. März 2018
ISBN 978-3-423-76201-4
EUR 16,95 € [D],  EUR 17,50 € [A]


Von Michel Ackermann

Im Wallstein-Verlag erschien 2018 der achte Gedichtband der Amerikanerin Jo Mary Bang. Die beiläufige Wucht von Bangs Zeilen entspringt einer abgründig-innigen Tonalität, die von Tod und Trauer um den verstorbenen Sohn singt. Die diesbezüglich “gefährlich-typischen“ Floskeln oder Klischees bleiben (auf wundersame Weise …) aus. Vielmehr schreit das blühende Leben an sich, seine vielfarbige Dringlichkeit, in unsere allzu-menschliche Wahrnehmung hinein. Der Wundverband der Worte ist entfernt, denn die Worte und ihre unzugehörigen Umstände sind selbst die Wunden.
Michel Ackermann

Mary Jo Bang, Elegie
Gedichte
172 Seiten, Verlag: Wallstein; Auflage: 1 (5. März 2018)
ISBN 978-3835332423, € 20,00


Von Michel Ackermann

Vielleicht ist der 2006 verstorbene Jurist Christian Saalberg so etwas wie ein bekannter Unbekannter in der deutschen Lyriklandschaft. Die ausgewählten Gedichte (aufwendig und wertschätzend verlegt von Schöffling & Co) bieten eine Fundgrube voll prosaisch-tiefgründiger Poesie. Der Dichter Saalberg, deutscher “Transzendentalist“ und einzelgängerisch-verbundener Weltengänger, beschreitet lyrische Pfade zwischen Natur, Liebe und pantheistisch inspirierter Philosophie. Sie sind für Lyrik-Liebende ein unbedingt glaubwürdiges Abenteuer. Michel Ackermann

Christian Saalberg, In der dritten Minute der Morgenröte
392 Seiten, Schöffling; Auflage: 1 (27. August 2019)
ISBN978-3895610165, € 32,00


Von Wolfgang Braune-Steininger

Günter Kunert, der  2019 im Alter von 90 Jahren starb, gehört zu den großen alten Männern der deutschsprachigen Nachkriegslyrik. Auch in seinem letzten Gedichtband beeindruckt er durch souveräne Handhabung lyrischer Formen und Techniken. So gewinnt er dem Endreim immer wieder neue originelle Bedeutungsvarianten ab. Inhaltlich dominiert inmitten der Vielfalt an Themen die für Kunert typische Melancholie, die aufgrund ihrer stabilen und aussagekräftigen sprachlichen Umsetzung schon wieder ein – paradoxes – Moment der Sicherheit mit sich führt.                                                                   
Kunert erweist sich als Meister des Lyrischen, der in  seinen Gedichten auch Dichtergrößen anderer Epochen adressiert und porträtiert. Nicht zum ersten Mal in seinem Oeuvre steht Brecht im Mittelpunkt von Personengedichten. Bemerkenswert dagegen ist das Schlussgedicht J.W.V.G., das sich kritisch-ironisch mit Goethe auseinandersetzt.
Wolfgang Braune-Steininger

Günter Kunert, Zu Gast im Labyrinth
Neue Gedichte
Herausgegeben von Wolfram Benda, München, Carl Hanser Verlag 2019 ISBN 978-3-446-26463-2, €19,00











 

Zwischenruf des Vorsitzenden bzw. Wir können nicht keinem Geld noch welches nachwerfen!

  • Veröffentlicht: 04.02.2019 · Zuletzt aktualisiert: 28.09.2019

EIN OFFENER BRIEF an die Abteilungsleiterin Kulturförderung Antje Brodhun und den Fachbeirat Literatur

Sehr geehrte Frau Brodhun, sehr geehrte Fachbeiräte Literatur Maria Hummitzsch, Regine Möbius, Dr. Sibille Tröml, Claudius Nießen, Ulrich Kiehl und Jan Wenzel!

Gestern hatten wir für dieses Kalenderjahr die letzte öffentliche Veranstaltung der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig, die wiederum von den Leipzigern (und ihren Gästen) begeistert aufgenommen wurde. Sie gehört zum Programmangebot der Leipziger Interkulturellen Wochen und gleichzeitig zu den 12 Veranstaltungen in diesem Jahr, für die uns die im September 2018 beantragte Förderung des Kulturamtes Leipzig versagt wurde.

Gemeinsam mit der dankenswerterweise (singulär) vom Kulturamt geförderten Veranstaltung zu Ehren unseres Schirmherrn Karl Krolow im Literaturhaus Leipzig am 27.8.19 und den anderen nichtgeförderten Kulturangeboten, dem Ringelnatz-Abend im Botanischen Garten der Universität Leipzig (13.9.19) sowie der Vorstellung der „Musikgedichte“ im Leipziger Schillerhaus am Tage darauf, haben wir mit dem gestrigen New-York-Abend im Café Eigler im Capa-Haus in den vergangenen 4 Wochen das Kulturangebot am Sitz der internationalen Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik spürbar bereichert.

Realität geworden ist dies durch die Spendenbereitschaft vieler unserer Mitglieder und weiterer Gönner, die unser diesjähriges Veranstaltungsangebot „allein auf dem Papier“ bereits wertschätzten und es mit ihrer Spende unterstützt und ermöglicht haben.

Allerdings war zu keiner der genannten jüngeren Veranstaltungen ein/e Vertreter/in des städtischen Kulturamtes bzw. des Fachbeirates Literatur zugegen. Lediglich ein Mitglied des Fachbeirates Literatur hat sich im März d.J. über die Vernissage „Worthaft – Bildhaft. Kunst politischer Gefangener“ in der Leipziger Galerie Süd informiert; eine Veranstaltung, dem das Kulturamt – nach Maßgabe des Fachbeirates und mit Zustimmung des Kulturausschusses – ebenfalls die Priorität einer Förderung abgesprochen hat.

Wenn Sie das als Abteilungsleiterin Kulturförderung im Kulturamt der Stadt Leipzig ganz objektiv einschätzen, müssten Sie sich fragen: Woher nehmen die Fachbeiräte das Beurteilungsvermögen, um das Veranstaltungsangebot der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. für Leipzig als nicht förderungswürdig zu erachten?

Haben Sie eine Antwort darauf?

Mit freundlichen Grüßen

Ralph Grüneberger

Vorsitzender und Initiator der aufgeführten Veranstaltungen

Leipzig, am 28. September 2019

—————————————————————————————–
Wir sind der einzige (und zudem mitgliederstärkste) Literaturverein in Leipzig, der seit 1997 alljährlich Lyrikveranstaltungen anbietet.
 
Im Februar 2019 wurde unser im September 2018 eingereichter Projektantrag, der 12 Veranstalungen – mit ganz unterschiedlichen Beteiligten und ebenso unterschiedlichen Formaten an verschiedenen Orten enthielt – als nicht förderungswürdig erachtet. Zu den 12 Veranstaltungen zählten die Lesung mit dem Leipziger Buchpreis- und Erich-Loest-Preisträger Guntram Vesper, die Vernissage der Ausstellung „Worthaft – Bildhaft. Kunst politischer Gefangener“, die Präsentation der aktuellen Poesiealbum neu– Ausgabe „Größe spüren. Musikgedichte“ im Schillerhaus Leipzig und der New-York-Abend mit Film, Fotografie, Lyrik, Prosa und Musik im Capa-Haus.
Gegen den Ablehnungsbescheid haben wir fristgemäß Widerspruch eingelegt; das Widerspruchsverfahren ist noch nicht abgeschlossen. Im Juli hat uns das Kulturamt eine Anhörung eingeräumt.
 
Der im Februar 2019 gestartete Spendenaufruf hat uns in die Lage versetzt, einen Teil der geplanten Veranstaltungen dennoch zu realisieren.
 
Fast allen Spender/innen habe ich ab einer Spende von 12 € ein signiertes Exemplar meiner Gedichtausgabe „Ich habe die Schönheit gesehen. Liebesgedichte in vier Sprachen“ zusenden können. Weitere Versendungen folgen.
 
 
Übersetzer der Gedichte sind Ron Horwege (engl.), Rüdiger Fischer (franz.) und Alexander Schmidt (russ.). Gestaltet hat die limitierte Ausgabe Torsten Hanke.
 
In der Hoffnung auf weitere Spenden verbleibt die Bankverbindung auf der Webseite:
 
Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.

Vereins- und Spendenkonto

IBAN: DE63 8605 5592 11 00 8010 53
SWIFT-BIC: WELADE8LXXX
Sparkasse Leipzig

Senden Sie bitte nach der Überweisung eine Mail an kontakt@lyrikgesellschaft.de mit der Angabe Ihrer Adresse und Sie erhalten das signierte Exemplar zugesandt.

————————————————————————————

ERGÄNZUNG

Wir können nicht keinem Geld noch welches nachwerfen!

Mit Datum 29.7.19 hat der Vorstand der GZL nach der Anhörung am 12. Juli den Widerspruch zurückgezogen, um finanziellen Schaden von der Lyrikgesellschaft abzuwenden. Der Beschluss des Vorstandes wurde mit einfacher Mehrheit gefasst, zwei Vorstandsmitglieder enthielten sich der Stimme.

Bei der Anhörung wurden uns folgende „Fördereckpunkte“ verdeutlich: Neues bieten, neue Kooperationen bilden, neue Akteure einbeziehen, neue Formate schaffen, neue Zielgruppen finden.

Schaut man sich daraufhin nochmals unseren Antrag vom September 2018 an, wird deutlich, dass wir bei der Antragstellung auf Vielfalt geachtet haben, verschiedene Zielgruppen angesprochen haben, ohne jedoch das, was sich bewährt hat (Lesung im Gohliser Schlösschen seit 2007 bzw. erfolgreiche Kooperation mit dem Botanischen Garten seit 2017) in diesem Jahr vernachlässigen zu wollen.

Im Plan für 2019 gibt es ganz neue Veranstaltungsorte: Café Eigler im Capa-Haus, Galerie Süd, Bührnheims Literatursalon und Schillerhaus.

Darüber hinaus wurden für 2019 neue Mitwirkende avisiert: Die Sax’n, Carsten Pfeiffer, Frederic Böhle, Blanche Kommerell, Jutta Rosenkranz.

Ebenso wurden ganz neue Formate angeboten: Foto, Film, Lyrik und Musik an einem Abend, ebenso einer Vernissage mit Kunst von politischen Gefangenen und einen Abend zu Mascha Kaleko.

Dass all das nicht als förderungswürdig erachtet wird, ist im Grunde unvorstellbar und eine Schande für diese Stadt. Desgleichen gilt für ein Widerspruchs“verfahren“, das den, der der Entscheidung widerspricht, praktisch handlungsunfähig macht, indem ihm erklärt wird, es gäbe – selbst wenn es ihm gelänge, einen Fehler im bürokratischen Ablauf zu finden – ohnehin keine Korrektur, denn einer inhaltliche Fehlbewertung kann nicht widersprochen werden.

Die besondere Edition Nr. 1

Die besondere Edition Nr. 1 – Peter Gosse zum Achtzigsten

Empfehlung des Monats · November 2018
von Franziska Röchter

Kein geringeres Ereignis als das 80-jährige Jubiläum des Leipziger Wortkünstlers, Dozenten, „Daidalos“ (Thomas Böhme) der Poesie und „Satyr aus Sachsen“ (Leipziger Internetzeitung*), Peter Gosse, diente als Anlass für die Veröffentlichung eines neuen literarischen Produktes der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. unter der Herausgabe Ralph Grünebergers: Die besondere Edition. In ihrer Nr. 1 kommen Wegbegleiter, Schüler, Künstlerfreunde, Verehrer und Zeitgenossen eines Dichters zu Wort, der wie kein anderer als „Lobender“ der literarischen Leistungen anderer das Können seiner poetischen Zeitgenossen und Schüler würdigt und den Ruf eines lebenslust- und leidenschafts-vollen Dichters und Wohltäters (Helfried Strauß) innehat.
Weiterlesen

Heute mal 8 – mit Symbolkraft

Heute mal 8 – mit Symbolkraft

Empfehlung des Monats · Dezember 2017
von Franziska Röchter

Es ist Jahresende und die Zeit wird knapp. Zu knapp, um all den
Menschen da draußen für die Zeit des Schenkens und für das Fest
der Liebe nur ein einziges Buch zu empfehlen. Deshalb finden Sie
heute an dieser Stelle keine ausführliche Besprechung oder
detaillierte Begründung für eine Lese- oder Kaufempfehlung,
sondern einigegenau genommen 8 sehr unterschiedliche
Titel, die aus verschiedenen Gründen Neugier wecken und zum
Lesen oder Schenken verführen können …

Weiterlesen

Das Leipziger Liederbuch in Neufassung: Zeitzeugnis subversiver Literaturgeschichte

  • Veröffentlicht: 01.11.2017 · Zuletzt aktualisiert: 05.11.2017

Empfehlung des Monats · November 2017

Franziska Röchter

von Franziska Röchter

 

 

 

 

„Das Leipziger Liederbuch, auf dessen vielfache Aufführung wir aus sind, ist kein getöntes Leipzig-Bild. Als Stadtführer wird es nicht zu gebrauchen sein …“, so schrieben die Text- und Ton-Autoren des Liederbuches, Ralph Grüneberger und Walter Thomas Heyn, bei der Ankündigung der Erstfassung 1987 und verwiesen auf ein „Leipzig am Rand“ und „dicke Luft“, die Gegenstand der Texte, ab 1985 entstanden, seien. Seinerzeit fiel der fromme Wunsch der beiden Autoren noch der Zensur zum Opfer, eineinhalb nicht-öffentliche Aufführungen (ja, eines war nur eine Teilaufführung) vor ausgewählten geladenen Gästen, eine im Gewandhaus zu Leipzig, die gestutzte Version in der Alten Handelsbörse, zeugen von nur einigen Konsequenzen, die Produzenten kritischer oder vermeintlich kritischer Texte damals in Kauf nehmen mussten.
Nun wird genau 30 Jahre später unter anderen Vorzeichen eine Wiederbelebung des Leipziger Liederbuches in einer Neufassung mit zusätzlichen aktuellen, zeitbezogenen Texten gewagt.
Grund genug, einen Blick in dieses Zeugnis Leipziger Zeit- und Literaturgeschichte zu werfen …

Weiterlesen

Förderer und Partner

Förderer


Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.