„Aus Wollgewölk gewoben“ – Zu Rolf Birkholz neuem Lyrikband „Das Fell der Welt“

Rolf Birkholz, Das Fell der Welt. Gedichte, chiliverlag 2019

  • Veröffentlicht: 01.10.2019 · Zuletzt aktualisiert: 28.09.2019

Empfehlung des Monats · Oktober 2019
von Monika Littau

Ursprünglich brachte ich den Namen Rolf Birkholz ausschließlich mit Lyrikbesprechungen in Verbindung. Dann aber entdeckte ich fast im Jahrestakt die Lyrikbände des lebenslangen Ostwestfalen: „EIN SATZ MIT ROT“, „Ein leicht gekreuztes Nicken“ und nun „Das Fell der Welt“, soeben im chili-Verlag erschienen. Rolf Birkholz, der im Alltag journalistische Texte verfasst, schreibt und veröffentlicht in den letzten Jahren kontinuierlich Gedichte, ringt um Stoffe, ringt um Formen, sucht Zeichen und Wege. –

Und so heißen die Kapitel, in denen er seine Gedichte im neuen Band bündelt: Signale, Wege, Stoffe, Formen.

Gerade im ersten Kapitel (Signale) scheint er nah an seiner Biografie zu sein, wenn von einem Lyrischen Ich/einem Kind die Rede ist, das sich „niederschweigt“, wenn die Mutter an der Ampel steht: „Ihr Gesicht, mildehell, zeigt dir Grün“. Auch die Erinnerung an die Musik der jungen Jahre mit Gerry Rafferty, Manfred Mann, Les Paul, „verrückte Diamenten, sternenwärts“ scheint einer biografischen Spur zu folgen. Signale kommen auch von Frauen, so heißt es im Gedicht „Insalata“, sie „spricht mit den Füßen“.

Der Dichter ist ständig auf „Augenfang“ und findet nicht nur bunte Glasscherben auf seinem Weg. Er richtet vielmehr seine Aufmerksamkeit auf aktuelle Themen: auf die „Seelenwölfchen“, d.h. die triebverirrten Hirten, vor denen „die letzten Frommen schaudern wie Lämmer“;  auf das Massaker in Florida und die Debatte über frei zugängliche Schnellfeuerwaffen; auf die Windräder, die „Strom aus Stürmen“ machen, „wackre Ritter“, die, wenn sie stillstehen „von trauriger Gestalt“ sind.

Die Wege und westfälischen Pättchen im zweiten Kapitel führen „übers Grüne … und sei es ins Blaue“, führen nach Norden zur Insel Hiddensee und zum Hauptmannhaus, führen nach Wuppertal und nach Haus Nottbeck, dem Westfälischen Literaturmuseum, und werden gelegentlich zu schnell befahren. Diesem Ereignis widmet der Autor die augenzwinkernde „Blitzbubenballade“, die den Rahmen der übrigen oft 6-9-zeiligen Gedichte mit seinem 11 Strophen geradezu sprengt.

Kapitel drei will Stoffe versammeln, bspw. „Mohn“, „Lebertran“, „Botenstoffe“,  aber auch das „schwarzbraune Aroma aus Handverb und Rauch“. Damit führt Rolf Birkholz nahe an sein Kernthema: die Formen (letztes Kapitel).

Formfragen an der Ems

Der Dichter im Anzug,
Pulloverpoeten
ade, doch kein Tröpfchen
soll nässen die Verse
beim Fototermin
an der Ems, dann schon lieber
den anderen Stoff,
der nicht ganz so wie diese
im Maß, in der Form
angegossen, begossen
der Anzug ist dichter.

Rhythmik, Sprachspiel und Witz machen das Lesen zur Freude. 

Ernsthafter geht es dagegen im Text „Workshoppoeten“ zu:

Im Fenster die Stadt die Momente
zum Glück, dort erschließen sich Dichter
die inneren Räume, sie bremsen
die Zeit in den Zeilen, sie schmelzen
den Wortstein mit Salzgeist zu Versen,
festflüssig, Gedichte sind Fenster.

Auch hier bewegt sich der Text vom „Fenster zur Stadt“  in einer  Spiralbewegung auf eine neue Ebene, weist von außen nach innen und eröffnet von diesem Ort einen neuen Ausblick, denn „Gedichte sind Fenster“.

Neben diesen feinen semantischen Bearbeitungen und Verschiebungen in äußerster Verknappung, der bereits genannten Rhythmik, prägen Stab- und Endreime (vorwiegend Schweifreime), seine Texte, die Rolf Birkholz ganz gegen den gegenwärtigen Lyriktrend verwendet:

Verspottung des Herrn

Als süßes Seelenwölfchen heulte
In Herden triebverirrter Hirt:
Lasset die Kindlein zu mir kommen.

Nun schaudern selbst die letzten Frommen,
den Lämmern gleich, ein jeder spürt:
So läuft des Herrn Verspottung heute.

Rolf Birkholz, der studierte Philosoph und Theologe, hat sich für die Arbeit an der  Transzendenz des Wortes entschieden. Denn „auch das Wort hat ein Sein“. Die theologische Bilderwelt ist ihm jedoch in seiner „unheiligen Schrift“, seiner „nichttheologischen Gedichtpredigt“ geblieben. Und da ist es das Bild des Lamms, das immer wieder eine Rolle spielt:

„Das Lamm, das geschlachtet wurde“, ebenso wie die „Lämmer“, die dem Hirten folgen. „Das Fell der Welt“, so der Titel des Lyrikbandes, ist das Fell eines Lamms, festlich angezogen zur „Erbarmendämmerung“. Rolf Birkholz erinnert sowohl an die „Götter“- als auch an die „Menschheitsdämmerung“. Letztere scheint mit dem Aufruf zu „Sturz und Schrei“, zur „Erweckung des Herzens“, zu „Aufruhr und Empörung“ und „Liebe den Menschen“, so die Kapitelüberschriften in Kurth Pinthus Werk von 1919, dem Anliegen des Lyrikers nahe zu kommen.

Wieder hält sich der Autor an die Dichter, an die vergehende Welt, in der sich trotzdem Frieden finden lässt. Er hält sich an die Transzendenz des Wortes.  

Das Lamm

So festweiß angezogen
Erbarmendämmerung,
es trägt das dicke Fell
der Welt, Vergehen, großen
kleinen, deinen Frieden,
aus Wollgewölk gewoben.


Rolf Birkholz, Das Fell der Welt. Gedichte
76 Seiten, chiliverlag 2019
Softcover ISBN 978-3943292817, Euro 9,90
Hardcover ISBN 978-3943292800, Euro 16,90

Förderer und Partner

Förderer


Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.