Gibt es denn etwas Wichtigeres? „Dichter an die Natur“ – DAS GEDICHT 27

Dichter an die Natur, DAS GEDICHT 27

Empfehlung des Monats · Januar 2020
von Franziska Röchter


Wir alle entstammen ihr. Größtenteils jedenfalls. Zumindest ursprünglich – nach diversen medizinischen Eingriffen, Wiederherstellungs- oder Optimierungsversuchen oder ästhetischen Modifizierungen vielleicht nicht mehr zu 100 Prozent. Und möglicherweise bis wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht nicht einmal mehr zur Hälfte. Aktuell aber ist es noch so, dass die „Natur“, die ursprüngliche Umgebung auf unserem Planeten, die schon vor uns und ohne menschliche Eingriffe einfach „da war“ und die notwendigen molekularischen Konstellationen zur Entwicklung pflanzlichen, tierischen und menschlichen Lebens bereit hielt und zur Verfügung stellte, dass also diese Natur unverzichtbar ist. Versuche, menschlichem Forschergeist entsprungen, die in der Natur vorfindbaren Parameter einfach nachzubauen und somit Natur zu kopieren, lassen Überlegungen entstehen, ob das dann überhaupt noch „Natur“ ist. Wo hört Natur auf, wo fängt Künstlichkeit an?

Zweifelsohne lässt sich festhalten: Wir brauchen sie, und zwar stärker als sie uns. Denn Natur existiert auch ohne die Spezies Mensch. Wir benötigen Luft zum Atmen, Wasser zum Überleben, zur Produktion von Nahrung, die Sonne wird ebenso benötigt wie nährstoffhaltiger Grund und Boden. Und das Schöne in der Natur inspiriert unseren Geist, unsere Seele. Man stelle sich ein dauerhaftes Leben ausschließlich zwischen Betonmauern vor, ohne Tageslicht, ohne Pflanzen und Bäume, mit künstlicher Ernährung in Form von Tabletten, die sämtliche benötigten Nährstoffe enthalten … Umso unverständlicher, dass gerade das „Animal rationale“ seine eigenen Lebensgrundlagen bei vollem Bewusstsein und wissentlich zerstört und ruiniert und vielen Dingen (z.B. materiellem Profit) höheren Stellenwert einzuräumen scheint als dem Erhalt der eigentlichen Lebensgrundlagen. Mir ist keine andere Art bekannt, die Gleiches tut. Wie würden Außerirdische dieses Verhalten beurteilen?

Da dem Themenkomplex „Natur“ die dringlichsten Fragen unserer Zeit zuzuordnen sind, wird eine aktuelle Anthologie über die Natur und unser extrem widersprüchliches Verhältnis zur selbigen inhaltlich zwangsläufig anders aufgestellt sein als beispielsweise noch vor rund 20 Jahren. Mit dem Besingen einer schönen Mondnacht, der freudigen Begrüßung des Frühlings, dem Festhalten eines außergewöhnliche schönen Sonnenuntergangs ist es einfach nicht mehr getan – zu brüchig, zu angeschlagen ist die Natur mittlerweile aufgrund drastischer menschlicher Missachtung ihrer Bedürfnisse. 

Die neue Ausgabe von DAS GEDICHT, herausgegeben von Christoph Leisten und Anton G. Leitner, verdeutlicht bereits anhand des plakativen schwarz-pinken Covers, welches ein comic-haftes, mit wenigen Strichen gezeichnetes Chamäleon zeigt, wie weit wir uns von der einstigen, ursprünglichen Natur entfernt haben. Und natürlich sollen auch Kinder und Jugendliche angesprochen werden, an die eine bedeutende Auswahl an Gedichten, sorgfältig von Uwe-Michael Gutzschhahn herausgefiltert, adressiert sind. Insgesamt ist diese Ausgabe so umfangreich wie nie zuvor: 177 Dichterinnen und Dichter haben für 5 Kapitel über die belebte und unbelebte Natur sowie zur Kinderlyrik beigetragen.

Jeder wird seine Vorlieben in dieser Anthologie finden. In ausgewogener Weise dominieren vielen schönen Beschreibungen naturhafter Phänomene zum Trotz gerade solche Texte, die mit besonders aktueller Relevanz eine Vielzahl an Störelementen innerhalb des Naturgefüges aufzeigen und verdeutlichen: der achtlos liegengelassene Abfall im Wald, der sich offenbar nicht selbst kompostiert, die Anhäufung von Atommüll im Meer, die Überlebenskämpfe der so wichtigen Bienen, das Ausbringen giftiger Düngemittel, der Artenschutz, die dramatische Dezimierung der Artenvielfalt durch Vernichtung von Lebensräumen, der existierende enorme Widerspruch, ja die Schizophrenie  im Hinblick auf Fleischproduktion und -gewinnung, die mangelnde Handlungsbereitschaft in der Politik unter dem Damoklesschwert der wankenden eigenen Vorteile, die mangelnde Empathie mit anderen Lebewesen … und … und … und …

Wolfgang Oppler bringt mit seinem Gedicht Erlebnisverdichtung am Berg auf den Punkt, wie durch „industrialisierten Massentourismus“  „Generatorbetriebene Sommerbeschneiungsanlagen / für gaudi-optimierte Erlebniswelten / bei 30 Grad im Schatten“ sorgen, „Fördergelder von EU, Staaten, Bundesländern“ inklusive. Wie gut, dass Frantz Wittkamp im Kinderlyrik-Teil den Kindern mit seinem Gedicht Am Waldrand ganz unmissverständlich vermittelt, dass es wirklich noch Gegenden gibt, in denen unbeschwerter Naturgenuss und echte Erlebniswelten bei freiem Eintritt und zum Nulltarif zu haben sind – denn wer weiß schon, wie lange noch?


DAS GEDICHT 27
Das Gedicht. Zeitschrift /Jahrbuch für Lyrik, Essay und Kritik / Dichter an die Natur
Herausgegeben von Christoph Leisten und Anton G. LeitnerTaschenbuch: 192 Seiten
Anton G. Leitner Verlag, Weßling, November 2019
Deutsch, ISBN-13: 978-3929433852, 15,00 €




Jörg Neugebauer: Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit

Jörg Neugebauer: Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit

  • Veröffentlicht: 01.09.2019 · Zuletzt aktualisiert: 30.08.2019

Empfehlung des Monats · September 2019
von Franziska Röchter

Wie kam es zu diesem außergewöhnlichen Buchtitel, was steckt dahinter? Diese Frage hat sich sicher schon der eine oder andere Gedichtleser gestellt, der Jörg Neugebauers Buch in die Hand bekam. Der Autor, Lyriker, Performer und Radiomoderator (www.freefm.de/sendung/klassisch-modern) sagt, dass der Buchtitel gleichzeitig auch der Titel eines enthaltenen Gedichtes ist und dass Udo Degener, (Anm. des Verf.: Verleger dieses feinen, mit hellgrünem Schutzumschlag und dunkelgrünem Lesebändchen versehenen Hardcoverbandes) die Idee dazu hatte (nachzulesen auf dasgedichtblog). Aus dem Buchtitel ergab sich dann der Titel für ein Performanceprogramm des Autors Jörg Neugebauer zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Gitarristen Uli Dumschat. Ein schönes Video zu diesem Gedicht findet man unter gleichnamigem Titel auf dem Videoportal YouTube.
Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit
https://www.youtube.com/watch?v=9w5ykTPIWZk

Ein weiteres Performanceprogramm des Autors heißt Mein langsamer Ferrari und beinhaltet zum Beispiel lyrische Gute-Laune-Mantras wie „Ich bin heut gut drauf“, was man Jörg Neugebauer beim Anblick seines lakonisch-gelassenen bis heiter-zufriedenen Gesichtsausdruckes absolut abnimmt. https://www.youtube.com/watch?v=YiYce0n5fWs

Die Gedichte im vorliegenden Lyrikband mit dem interessanten, zunächst geheimnisvollen Titel sind in 3 Kapitel aufgeteilt: beim überqueren der straße, spät springen die schatten, so groß sind heut die katzen.
Suchen wir das Kafkaeske in den Texten, das Musikalische? Eine Symbiose von beidem? Nicht selten ist von Dunkelheit die Rede, von Stille und Schweigen, von Todesahnungen, vom Fortgehen, vom Weitblick, von Existentiellem. Dann wieder gehen klanglich und rhythmisch die Pferde durch, „ins blaue hinein“, und wir haben es mit Spoken Word-Lyrics vom Feinsten zu tun, hören schon Jörg Neugebauers markante Radiostimme Texte wie „ich sag nix“ oder „do my ding“ rezitieren.
Etwas vollkommen Abgeklärtes, Souveränes  liegt in seinen Texten, in seinem Vortrag, etwas nicht selten ins Schelmisch-Parodistische bis Persiflierende Hineinreichende (z.B. in Feinheiten, in zur KONTROLLE war ich nicht erschienen).
Jörg Neugebauer selbst legt – betrachtet man seine lyrisch-musikalischen Performances – den Verdacht nahe, dass er gern für den mündlichen Vortrag schreibt und seine schauspielerischen und rezitatorischen Fähigkeiten gar nicht unter den Teppich kehren kann und will. Ebenso wenig seinen Hang zu Hintergründigkeiten, Anspielungen, Konnotationen (ref. Friedrich Hölderlin, Schmidt-Rottluff, Rainer Maria Rilke, Gertrude Stein, Jimi Hendrix, Bertolt Brecht, Pablo Picasso usw.), seine humordurchtränkten kleinen Dramen, seine Polarität von Einfachheit und hermeneutischer Ratlosigkeit, Experimentellem und Theatralischem.

Feinheiten

Das Nachthemd hab ich an dir noch niemals gesehen
ich hab dich noch niemals im Nachthemd gesehen
aber es steht dir gut
fast möchte ich gar nicht dass du es ausziehst
es betont so schön deine Schultern
und auch deine Arme betont es
außerdem hat es den Vorteil dass es
mir die Empfindung gibt dir unters Kleid zu fassen
so wie es dir ermöglicht dir unters Kleid fassen zu lassen
obgleich es gar kein Kleid ist
sondern ein Hemd
doch wer wird jetzt auf solche Feinheiten achten

Dieser Band lädt zum Erkunden ein, zum Eintauchen in die zumindest lyrische Welt Jörg Neugebauers, und in jedem Fall auch – trotz manch vordergründiger Lakonie – zum Erfassen klandestiner Feinheiten.


Jörg Neugebauer, Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit: Gedichte
Gebundenes Buch
Verlag Udo Degener, März 2015
ISBN 978-3-95497-700-0
84 Seiten, 14,90

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