Mein Herz auf deiner Zunge

  • Veröffentlicht: 03.05.2019 · Zuletzt aktualisiert: 03.05.2019

Fritz Deppert, Rückrufe. Gedichte

Empfehlung des Monats · Mai 2019
von Rolf Birkholz

Foto: M. Gans

Sie kommen einander ganz nahe. Und doch bleibt natürlich diese gewisse Distanz zwischen Liebenden. „Bist du es noch / oder ist es schon die Nacht, die sich, / den Platz mit dir tauschend, / zu mir gelegt hat?“ So fragt das lyrische Ich in „Nachtinventar“, einem Gedicht in Fritz Depperts neuem Band „Rückrufe“. Ein Abstand bleibt, sonst wäre es keine Liebe, allenfalls Selbstliebe. Diesen immer wieder neu zu vermessen, zu erfassen, ihn für Momente emotional zu überwinden, gehört zum Beziehungsleben.

   Sich damit zu beschäftigen, zählt wiederum zu den Schreibanreizen des Dichters. 1932 geboren, hat der Darmstädter die Liebe zu seiner Frau über die Jahre häufig in Versen beschrieben. Eine Auswahl dieser zwischen 1967 und 2016 unter anderem in den Bänden „Mit Haut und Haar“, „Gegengewichte“, „Regenbögen zum Hausgebrauch“ oder „Das Schweigen der Blätter“ erschienenen Gedichte bildet den ersten Teil der „Rückrufe“.

   Hier, „Mit Haut und Haar“ betitelt, nähert sich der ehemalige Lektor und Juror des „Literarischen März“ in seinen oft einstrophigen, ungereimten, auf Wortgeklingel verzichtenden Gedichten, deren äußere Nüchternheit in Spannung steht zur inhaltlichen Gefühlsaufladung, dem Verhältnis zu seinem poetischen Objekt unter immer neuen Aspekten. Mal sieht er es märchenhaft verspielt, mal, räumlich getrennt, bei Entzugserscheinungen: „Regen fällt vergeblich, / wenn ich dir nicht sage, / es regnet“.

   „Meine Jacke hängt / an deinem Kleiderhaken“, steht genauso für vertraute Zweisamkeit wie die nächtliche Beobachtung „mein Schatten hat / die Umrisse deiner Gestalt“. Wenn sie ihn auffordert, ein Gedicht zu verfassen, schreibt er auch schon mal eines „aus der Hüfte“ wie Westernhelden schießen. Wiederholt liegt den beiden das Herz auf der Zunge. Doch anders als in der Redensart führt hier jeder das des anderen im Mund.

   „Mein Herz nahmst du mit“, heißt es deshalb im zweiten, „Klagelieder“ betitelten Teil des Buches. Bei so viel Nähe muss der Verlust groß sein, wenn die Partnerin stirbt. Das bezeugen diese seit 2017 entstandenen Gedichte. So wie einst die Nacht und ihre Nähe verschwimmen konnten ist sie nun des Nachts im Geist ganz da. Das gemeinsame Jahreszeitenzählen muss jetzt entfallen: „Ich bereite mich darauf vor, / ins Exil zu gehen hinter / Rollläden und Vorhängen / und zu warten auf / den nächsten Winter.“

   Nach einem schmerzlichen Jahr, „die Tränenkrüge sind randvoll“, hat der Autor beim Blick in den Garten auch erfahren: „Trauer bleibt / beim Anblick der Blüten / wird sie zärtlicher.“ Er begibt sich auf Spurensuche an gemeinsam bereiste Orte. Er würde sogar wie der sagenhafte Orpheus seine Eurydike aus dem Hades holen, aber „Mit den Göttern Griechenlands / hat Hades sich aufgelöst, / Unterweltflüsse / sind ausgetrocknet.“ Schließlich: „Trauer wird Melancholie.“ Nie weinerlich schreibt Fritz Deppert so über den Ernstfall der Liebe, dass der Leser teilnimmt und sich angesprochen fühlt.      Rolf Birkholz

Fritz Deppert
Fritz Deppert, Rückrufe. Gedichte

♦Fritz Deppert: Rückrufe. Gedichte. 100 Seiten. chiliverlag, Verl 2019. € 10,90.

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