„Worthaft. Texte politischer Gefangener“ erschienen

  • Veröffentlicht: 10.08.2018 · Zuletzt aktualisiert: 19.09.2018

Nach „Immer schneller. Schülergedichte“ (2012) und „Gedichte von Welt. Leipzigs Partnerstädte“ (2014) erscheint mit „Worthaft. Texte politischer Gefangener“ die 3. Sonderausgabe der Zeitschrift „Poesiealbum neu„.

Sie vereint Lyrik, Liedtexte, Prosa, Publizistik sowie umfangreiche Informationen zu den 50 Autorinnen und Autoren dieser von Ralph Grüneberger ausgewählten und zusammengestellten Ausgabe.

Der Dank gilt Siegmar Faust und Lutz Rathenow für ihre vielfältigen Vorschläge und Hinweise.

Gegenstand dieser Texte sind nicht allein die Haftbedingungen und -anlässe in der Sowjetisch besetzten Zone (SBZ) bzw. der späteren DDR. Mit den Rubriken „Der Gast“ und „Klassik“ kommen auch im Deutschen Kaiserreich  und während des Nationalsozialismus verfolgte Autoren zu Wort, ebenso ein zeitgenössischer Dichter aus der Türkei.

Mit großer Trauer gedenken wir unseres am 16. September 2018 gestorbenen Mitgliedes Ulrich Schacht und ehren ihn mit der Hervorhebung seines Gedichtes aus dieser Sonderausgabe:

Ulrich Schacht (1951-2018)

 

Ein Mensch zog aus

die Wirklichkeit zu finden.

so lange –

bis er sie fand: dunkel

war sie. Fast

Nacht.

Doch die Leute lachten

und meinten,

er sähe zu schwarz!

 

Die Herrschenden aber,

die durch Spitzel

über diesen Menschen

informiert wurden,

ließen ihn verhaften.

den,

der die Wirklichkeit

gefunden hatte.

 

Als die Leute das hörten,

flüsterten sie:

Das hat dieser Narr nun davon!

Warum musste er auch so

übertreiben.

 

Gefördert wurde diese Sonderausgabe (s. ausführliche Rezension Leipziger Internetzeitung 27.08.2018) vom Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Die Autorinnen und Autoren der Sonderausgabe:


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Zu Dir

  • Veröffentlicht: 01.08.2018 · Zuletzt aktualisiert: 09.08.2018

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Sie sprangen aus rasender Eisenbahn
Und haben sich gar nicht weh getan.

Sie wanderten über die Gleise
Und wenn der Zug sie überfuhr,
Dann knirschte nichts. Sie lachten nur.
Und weiter ging die Reise.

Sie schritten durch eine steinerne Wand,
Durch Stacheldrähte und Wüstenbrand,
Durch Grenzverbote und Schranken
Und durch ein vorgehaltnes Gewehr,
Durchzogen viele Meilen Meer. –

Meine Gedanken. –

Ihr Kurs ging durch, ging nie vorbei.
Und als sie dich erreichten,
Da zitterten sie und erbleichten
Und fühlten sich doch unsagbar frei.

Quelle: Wassertropfen & Seifenblase. Ausgewählte Gedichte,
Die besondere Edition Nr. 2

Sonderausgabe der Zeitschrift Poesiealbum neu,
Leipzig 2018

Veranstaltungshinweis:
Sommerabend 1 mit Ringelnatz: »Das Herz sitzt über dem Popo. Eine audiovisuelle Revue« mit Michael Augustin und Walter Weber von Radio Bremen

Sommerabend 2 mit Ringelnatz: Sommerabend mit Ringelnatz: »Ich bin so knallvergnügt erwacht« mit Tina-Nicole Kaiser und Jürgen Wegscheider

Belauscht in der Thomaskirche

  • Veröffentlicht: 08.07.2018 · Zuletzt aktualisiert: 08.07.2018

Salean A. Maiwald (1948)

Der Geist Johann-Sebastian Bachs schwebt vom Sarkophag zum Mosaikporträt Felix Mendelssohn-Bartholdys im Kirchenfenster: „Bravourös, dass Sie als Zwanzigjähriger meine Matthäuspassion wiederaufführten! Achtzig Jahre war ich fast vergessen.“  Mendelssohn-Bartholdys Geist pustet Staubkörner vom Mosaikporträt: „Der Beschenkte bin ich.“ Bach fährt fort: „Sie treuer Schüler, folgten mir auf meinen Spuren nach Leipzig.“ „Jahrzehnte komponierten Sie hier.“ Geisterhaft dirigieren  Mendelssohn-Bartholdys Hände. „Viel  zu schnell mussten Sie mir auch hierhin folgen, konnten nicht einmal mehr Ihren Elias in Leipzig aufführen.“ Bachs Geist lauscht ins Blau um Mendelssohn-Bartholdys Porträt. Tiefblau wie himmel-lebendiges Wasser. Ganz Musik.

Quelle: Poesiealbum neu, Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen, Leipzig 2015

Poesiealbum neu – O Freude.
Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen, Ausgabe 1/2015
Doppelheft 120 S. / Preis 6,00 EUR
Doppelheft mit CD „HörBildStadt – Sounds of Leipzig“ / Preis 9,95 EUR (limitierte Auflage)
jeweils zzgl. 2 Euro Versand

 

Vielleicht …

  • Veröffentlicht: 01.06.2018 · Zuletzt aktualisiert: 31.05.2018

Helle Trede (*1938)

Vielleicht
mag man
an Engel
nicht glauben

In Bethlehem
brennt das Kloster
neben der Geburtskirche
Als ein Palästinenser
löschen will
wird er erschossen

Vielleicht
mag man
an Engel
nicht glauben

jetzt

Quelle: Poesiealbum neu: Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle, Leipzig 2013

„Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013, 60 S., Preis 6,- EUR (zzgl. Versand).

Marx, unsere Note

  • Veröffentlicht: 01.05.2018 · Zuletzt aktualisiert: 29.04.2018

Hundert Mark, DDR 1975

Ralph Grüneberger
Marx, unsere Note

Der da, der Hundertmarkmarx
Dieser Geldkopf, dieser Kopf des Geldes, dieser
Mach ihn nicht klein: Was
Sind 5₤ aus Manchester. Die Hose
Ein Loch wie die Mäuler. Ebbe
In Karls Bad. Immer
Und immer wieder. Die Gläubiger
Glauben nicht an gute Worte
Die einer sich selber bezahlt. Die Schriften
Aufsässige Sätze. Die Absätze
Schief, so sonntags Old Nick in Familie
Auf englischem Rasen ein Spiel. Darunter
Der Kinder dreie, die Frau dann und
Er. Du kennst ihn, wohl
Placiert und -genährt und so
Mächtig. Die Bilder im Schulhaus und hier
Auf dem Blauen. Du weißt doch, wer
Ihn verfälscht oder nachmacht oder …

1978

aus: Ralph Grüneberger/Walter Thomas Heyn,
Leipziger Liederbuch,
Edition kunst & dichtung, Leipzig 2017

Leipziger Liederbuch

Ralph Grüneberger/Walter Thomas Heyn, Leipziger Liederbuch,
Edition kunst & dichtung, Leipzig 2017

 

Der andere Ort

  • Veröffentlicht: 02.04.2018 · Zuletzt aktualisiert: 02.04.2018

Gisela Hemau (*1938)
Der andere Ort

Gott war die hohe
Stimme meines Vaters
vermischt mit
dem Rauschen
des Baums
an dem ich
hing
halb tot halb lebendig

Jetzt fahre ich und fahre
Vorbei an einem wolken-
verwischten Ortsschild
auf dem Ann Arbor steht
Meine Mutter heißt Ann
Die Straße verliert sich
Neben mir sitzt mein
Vater

Quelle: Poesiealbum neu „In Familie“, edition kunst & dichtung, Leipzig 2013

Poesiealbum neu
„In Familie. Gedichte“, edition kunst & dichtung, Leipzig 2013
Ausgabe 2/2013

Selbstbildnis

  • Veröffentlicht: 01.03.2018 · Zuletzt aktualisiert: 27.02.2018

Wolf Wiechert (*1938)
Selbstbildnis

Lange
hielt der Priester
seinen Riemenschneider
einbruchsicher
in der Sakristei
gefangen.

Kürzlich
stellte sich heraus
das im Tresor
die Luft
nicht richtig
zirkulierte.

Seither
will er nun riskieren
den Christen wieder
beim Altar zu installieren
selbstverständlich mit
Alarmanlage.

Quelle: Poesiealbum neu „Bild und Bildner“, Leipzig 2010

Poesiealbum neu „Bild und Bildner“, Leipzig 2010

 

 

 

 

Meine Großmutter

  • Veröffentlicht: 01.02.2018 · Zuletzt aktualisiert: 31.01.2018

Katharina Düwel (*1948)
Meine Großmutter

„Höll Hitler“ oder „Litler“ hat sie gesagt.
Das fiel nicht auf.
Gebetet hat sie um das Spuk-Ende
und für den gefallenen Sohn.
Gegen die Kälte hatte sie Worte
und altes Schuppenholz,
ihr Eingemachtes
brachte Verwandte
durch Hunger und Not.

Deutsch zu lehren –
dieser Wunsch blieb ihr Traum.
Sie herrschte, vereinnahmte, verwöhnte
wickelte Wunderknäule
redete gern, mochte Gedichte, kochte gut
und laut war sie auch.

Doch niemand hat
ihr Menorah-Versteck geahnt,
die Synagoge war zerstört.
Im Frieden gab sie den Leuchter zurück.
An wen.

Quelle: Poesiealbum neu „In Familie“, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013

Poesiealbum neu: „Vom Glück. Gedichte“ – die Jubiläumsausgabe

  • Veröffentlicht: 28.01.2018 · Zuletzt aktualisiert: 23.03.2018

In unserer Frühjahrausgabe 2018, die den 12. Jahrgang unserer Zeitschrift „Poesiealbum neu“ eröffnet, veröffentlichen wir von 78 Autorinnen und Autoren Gedichte zum Thema Glück.

Präsentiert wird die 25. reguläre Ausgabe während der Finissage der Ausstellung „FÜNFZIG/FÜNFUNDZWANZIG“ am 1. März in der Leipziger Stadtbibliothek, Beginn 19 Uhr, von Steffi Böttger und dem Herausgeber Ralph Grüneberger, sowie wenige Tage später am 17. März um 18 Uhr im Gohliser Schlösschen im Rahmen der Leipziger Buchmesse von 10 Mitgliedern der Lyrikgesellschaft.

Der Eintritt zu beiden Veranstaltungen ist frei. Lieferbar ist die Jubiläumsausgabe nach der Leipziger Buchmesse und kann direkt bei der GZL kontakt@lyrikgesellschaft.de oder über den Buchhandel bestellt werden.

66 S., Preis 6,50 €

L-IZ_Rezi_Vom_Glueck_170318.pdf

– als Abonnent/in erhalten Sie 2 Ausgaben im Inland für 12 € p.a. frei Haus (Auslandspreis  auf Anfrage)

Die Gedicht-Autorinnen und -Autoren der Ausgabe „Vom Glück“  sind:


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Wegwarte

  • Veröffentlicht: 01.01.2018 · Zuletzt aktualisiert: 31.12.2017

Johannes Bobrowski (1917-1965)
Wegwarte

Wegwarte, mädchenschmale,
ich seh dich immer stehn,
wo mir die Wege alle
der Welt zuende gehn.

Dort kommt hell vor dem Walde
der Fluß die Felder her.
Dort warte an der Halde,
bis daß ich wiederkehr.

Quelle: Poesiealbum neu „Steinbrech. Gedichte zu Pflanzen“, Ausgabe 2/2017, hrsg. von Ralph Grüneberger,
Edition kunst & dichtung, Leipzig 2017
Das Gedicht ist der Sammlung: Johannes Bobrowski, Gesammelte Gedichte, hrsg. von Eberhard Haufe, DVA, Stuttgart 2017, entnommen.

Förderer und Partner

Förderer


Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik e.V.
ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
Gesellschaften und
Gedenkstätten e.V.