Der andere Ort

  • Veröffentlicht: 02.04.2018 · Zuletzt aktualisiert: 02.04.2018

Gisela Hemau (*1938)
Der andere Ort

Gott war die hohe
Stimme meines Vaters
vermischt mit
dem Rauschen
des Baums
an dem ich
hing
halb tot halb lebendig

Jetzt fahre ich und fahre
Vorbei an einem wolken-
verwischten Ortsschild
auf dem Ann Arbor steht
Meine Mutter heißt Ann
Die Straße verliert sich
Neben mir sitzt mein
Vater

Quelle: Poesiealbum neu „In Familie“, edition kunst & dichtung, Leipzig 2013

Poesiealbum neu
„In Familie. Gedichte“, edition kunst & dichtung, Leipzig 2013
Ausgabe 2/2013

Selbstbildnis

  • Veröffentlicht: 01.03.2018 · Zuletzt aktualisiert: 27.02.2018

Wolf Wiechert (*1938)
Selbstbildnis

Lange
hielt der Priester
seinen Riemenschneider
einbruchsicher
in der Sakristei
gefangen.

Kürzlich
stellte sich heraus
das im Tresor
die Luft
nicht richtig
zirkulierte.

Seither
will er nun riskieren
den Christen wieder
beim Altar zu installieren
selbstverständlich mit
Alarmanlage.

Quelle: Poesiealbum neu „Bild und Bildner“, Leipzig 2010

Poesiealbum neu „Bild und Bildner“, Leipzig 2010

 

 

 

 

Meine Großmutter

  • Veröffentlicht: 01.02.2018 · Zuletzt aktualisiert: 31.01.2018

Katharina Düwel (*1948)
Meine Großmutter

„Höll Hitler“ oder „Litler“ hat sie gesagt.
Das fiel nicht auf.
Gebetet hat sie um das Spuk-Ende
und für den gefallenen Sohn.
Gegen die Kälte hatte sie Worte
und altes Schuppenholz,
ihr Eingemachtes
brachte Verwandte
durch Hunger und Not.

Deutsch zu lehren –
dieser Wunsch blieb ihr Traum.
Sie herrschte, vereinnahmte, verwöhnte
wickelte Wunderknäule
redete gern, mochte Gedichte, kochte gut
und laut war sie auch.

Doch niemand hat
ihr Menorah-Versteck geahnt,
die Synagoge war zerstört.
Im Frieden gab sie den Leuchter zurück.
An wen.

Quelle: Poesiealbum neu „In Familie“, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013

Wegwarte

  • Veröffentlicht: 01.01.2018 · Zuletzt aktualisiert: 31.12.2017

Johannes Bobrowski (1917-1965)
Wegwarte

Wegwarte, mädchenschmale,
ich seh dich immer stehn,
wo mir die Wege alle
der Welt zuende gehn.

Dort kommt hell vor dem Walde
der Fluß die Felder her.
Dort warte an der Halde,
bis daß ich wiederkehr.

Quelle: Poesiealbum neu „Steinbrech. Gedichte zu Pflanzen“, Ausgabe 2/2017, hrsg. von Ralph Grüneberger,
Edition kunst & dichtung, Leipzig 2017
Das Gedicht ist der Sammlung: Johannes Bobrowski, Gesammelte Gedichte, hrsg. von Eberhard Haufe, DVA, Stuttgart 2017, entnommen.

Ein Zahlkellner

  • Veröffentlicht: 01.12.2017 · Zuletzt aktualisiert: 31.08.2017

Thomas Böhme (*1955)

EIN ZAHLKELLNER hat sich in der Tür geirrt.
Er befindet sich in einem Klassenzimmer
wo Hebräisch für Auswanderer gelehrt wird.
Seine Augen begegnen dem umschatteten Blick
der kleinen Jüdin, die vor mehr als einem halben Jahrhundert
mit ihrem Vater das Café betrat.
Der Mittelsmann, den sie dort treffen sollten
mit den getürkten Pässen und einer Schiffspassage
nach Palästina, war nicht gekommen
oder hatte sie schon an die Gestapo verraten.
Er ist erleichtert, sie am Leben zu sehen
und gibt ihr das verabredete Zeichen:
Das Wechselgeld auf dem Teller in Sternenform angeordnet.
Endlich kann er es ihr erstatten.

 

Quelle:
„Konsum & Kommerz“. Gedichte;
„Poesiealbum neu“ der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2011

Die Lage der Dinge

  • Veröffentlicht: 01.11.2017 · Zuletzt aktualisiert: 31.08.2017

Peter Bornhöft (*1936)

Die Lage der Dinge

Ein Augenblick der Erstarrung
eine Verhärtung der Eingeweide
eine traurige Gleichgültigkeit
als wäre das Licht
für immer erloschen

Am Morgen schon
ist das Hochbild vom Menschen
zu einer Lachnummer geworden

Ein weißer Pierrot
tut seine Arbeit
an den Gefolterten
er hat vergessen
dass es Gefolterte sind
er hört dass sie lachen
sie haben bezahlt
er muss leben
muss kaufen verkaufen
er lacht kein einziges Mal
er kann nicht lachen

Der Tod verkauft sich nicht

Aber geliftete Frauen
auch Babies per Katalog
niedliche Drogen zum Kinder
Geburtstag ein paar Pistolen
zur Konfirmation die Massaker
der Weihnachtsmänner
auf einem Computerspiel
zum Jahresende
ein paar Genozide –

und ein paar Menschen

 

Quelle:
„Konsum & Kommerz“. Gedichte;
„Poesiealbum neu“ der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2011

Gelobtes Land

  • Veröffentlicht: 01.10.2017 · Zuletzt aktualisiert: 31.08.2017

Franziska Beyer-Lallauret (*1977)

Gelobtes Land

Wir leben hier
Unter den Einflugschneisen
Der Wildgänse

Wenn’s donnert
Wähnen wir Flügelschläge
Vom Vogelgott

Nicht weit von hier
Ragen muntere Reiher aus Gras
Narben zwischen den Schachbrett

Blumen im Frühjahr
Wenn der ungebändigte Fluss
Aus den Wiesen läuft

Angstlos watscheln hier
Die Grünköpfigen
Über den Parkplatz die Straße

Schwimmen ungestraft
Auf dem unnatürlich blauen
Poolspiegel der Nachbarn

 

Quelle:
„Tugenden & Sünden. Gedichte“
„Poesiealbum neu“ der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2016

Erstickte Zeit

  • Veröffentlicht: 01.09.2017 · Zuletzt aktualisiert: 31.08.2017

Evelyn von Wietersheim (*1923)

Erstickte Zeit
            (meinem Vater)

Da ist nichts, was dich halten kann.
Die Wärme flieht
In Luft gerinnt ein Fremdes
Greift sich dein Gesicht
Verteidigt Augen, Nase, deinen Mund
Erstickt die Zeit
Kalkweiß.

Stoßweiser Atem gibt dein Leben her –
Ein Fingerzucken
Blinzeln, Schweiß
Die Blume, dir aufs Bett gelegt
Kein Zeichen
Daß du sie noch kennst
Und mich.

 

Quelle:
„Tugenden & Sünden. Gedichte“
„Poesiealbum neu der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2016

Fremdlinge aus den Anden

  • Veröffentlicht: 01.08.2017 · Zuletzt aktualisiert: 01.08.2017

Elisabeth Hackel (1924-2014)

Fremdlinge aus den Anden

Die Sonnenblumen neigen sich
Immer tiefer in den Herbst –
Die Fremden aus den Anden
Spiegelten mir Licht
und meinem Inkatraum
einen Sommer lang –

Weite Reise
Von Erdteil zu Erdteil
vom Kondor über den Bergen
zu den Krähen in meiner Stadt.

Vielleicht kam der erste Kern
zufällig über das Meer
im Lehm an der Schuhsohle
eines Matrosen.

Die Sonnenblume neigt sich
Immer tiefer in den Herbst
Vogelfrei
Auf meinem Balkon.

Quelle:
„Texte gegen Intoleranz“
„Poesiealbum neu der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2008

alles fürs glück

  • Veröffentlicht: 06.07.2017 · Zuletzt aktualisiert: 06.07.2017

Jutta Pillat (*1943)

alles fürs glück

viel hat er erreicht, der rechtsanwalt Dr. jur.
ein erstes einwohnerverzeichnis,
die armenordnung und stadtbeleuchtung,
das mittelalterliche taxi der sänftenträger-company.

gut eingeheiratet hat er
der Kurfürstlich Sächsische Appellationsrat.
die mitgift 30.000 goldmark.
acht kinder. alles fürs glück.

das palais am Brühl verschlingt viel.
für feste, kunst und pracht
macht er schulden.

1705 war alles aus für Franz Conrad Romanus.
August der Starke lässt ihn
gefangen nehmen

wegen renommiersucht, steuerhinterziehung
und fälschung.
einundvierzig Jahre verblieb er
auf der festung Königstein.

 

Quelle:
„Konsum & Kommerz“. Gedichte;
„Poesiealbum neu der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2011

Förderer und Partner

Förderer


Kulturamt
der Stadt Leipzig

Kuratorium Haus des Buches e.V.

Partner

Bührnheims
Literatursalon
Die Gesellschaft für
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ist seit 1995 Mitglied in der
1986 gegründeten
Arbeitsgemeinschaft
literarischer
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