Ein Zahlkellner

  • Veröffentlicht: 01.12.2017 · Zuletzt aktualisiert: 31.08.2017

Thomas Böhme (*1955)

EIN ZAHLKELLNER hat sich in der Tür geirrt.
Er befindet sich in einem Klassenzimmer
wo Hebräisch für Auswanderer gelehrt wird.
Seine Augen begegnen dem umschatteten Blick
der kleinen Jüdin, die vor mehr als einem halben Jahrhundert
mit ihrem Vater das Café betrat.
Der Mittelsmann, den sie dort treffen sollten
mit den getürkten Pässen und einer Schiffspassage
nach Palästina, war nicht gekommen
oder hatte sie schon an die Gestapo verraten.
Er ist erleichtert, sie am Leben zu sehen
und gibt ihr das verabredete Zeichen:
Das Wechselgeld auf dem Teller in Sternenform angeordnet.
Endlich kann er es ihr erstatten.

 

Quelle:
„Konsum & Kommerz“. Gedichte;
„Poesiealbum neu“ der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2011

Die Lage der Dinge

  • Veröffentlicht: 01.11.2017 · Zuletzt aktualisiert: 31.08.2017

Peter Bornhöft (*1936)

Die Lage der Dinge

Ein Augenblick der Erstarrung
eine Verhärtung der Eingeweide
eine traurige Gleichgültigkeit
als wäre das Licht
für immer erloschen

Am Morgen schon
ist das Hochbild vom Menschen
zu einer Lachnummer geworden

Ein weißer Pierrot
tut seine Arbeit
an den Gefolterten
er hat vergessen
dass es Gefolterte sind
er hört dass sie lachen
sie haben bezahlt
er muss leben
muss kaufen verkaufen
er lacht kein einziges Mal
er kann nicht lachen

Der Tod verkauft sich nicht

Aber geliftete Frauen
auch Babies per Katalog
niedliche Drogen zum Kinder
Geburtstag ein paar Pistolen
zur Konfirmation die Massaker
der Weihnachtsmänner
auf einem Computerspiel
zum Jahresende
ein paar Genozide –

und ein paar Menschen

 

Quelle:
„Konsum & Kommerz“. Gedichte;
„Poesiealbum neu“ der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2011

Gelobtes Land

  • Veröffentlicht: 01.10.2017 · Zuletzt aktualisiert: 31.08.2017

Franziska Beyer-Lallauret (*1977)

Gelobtes Land

Wir leben hier
Unter den Einflugschneisen
Der Wildgänse

Wenn’s donnert
Wähnen wir Flügelschläge
Vom Vogelgott

Nicht weit von hier
Ragen muntere Reiher aus Gras
Narben zwischen den Schachbrett

Blumen im Frühjahr
Wenn der ungebändigte Fluss
Aus den Wiesen läuft

Angstlos watscheln hier
Die Grünköpfigen
Über den Parkplatz die Straße

Schwimmen ungestraft
Auf dem unnatürlich blauen
Poolspiegel der Nachbarn

 

Quelle:
„Tugenden & Sünden. Gedichte“
„Poesiealbum neu“ der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2016

Erstickte Zeit

  • Veröffentlicht: 01.09.2017 · Zuletzt aktualisiert: 31.08.2017

Evelyn von Wietersheim (*1923)

Erstickte Zeit
            (meinem Vater)

Da ist nichts, was dich halten kann.
Die Wärme flieht
In Luft gerinnt ein Fremdes
Greift sich dein Gesicht
Verteidigt Augen, Nase, deinen Mund
Erstickt die Zeit
Kalkweiß.

Stoßweiser Atem gibt dein Leben her –
Ein Fingerzucken
Blinzeln, Schweiß
Die Blume, dir aufs Bett gelegt
Kein Zeichen
Daß du sie noch kennst
Und mich.

 

Quelle:
„Tugenden & Sünden. Gedichte“
„Poesiealbum neu der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2016

Fremdlinge aus den Anden

  • Veröffentlicht: 01.08.2017 · Zuletzt aktualisiert: 01.08.2017

Elisabeth Hackel (1924-2014)

Fremdlinge aus den Anden

Die Sonnenblumen neigen sich
Immer tiefer in den Herbst –
Die Fremden aus den Anden
Spiegelten mir Licht
und meinem Inkatraum
einen Sommer lang –

Weite Reise
Von Erdteil zu Erdteil
vom Kondor über den Bergen
zu den Krähen in meiner Stadt.

Vielleicht kam der erste Kern
zufällig über das Meer
im Lehm an der Schuhsohle
eines Matrosen.

Die Sonnenblume neigt sich
Immer tiefer in den Herbst
Vogelfrei
Auf meinem Balkon.

Quelle:
„Texte gegen Intoleranz“
„Poesiealbum neu der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2008

alles fürs glück

  • Veröffentlicht: 06.07.2017 · Zuletzt aktualisiert: 06.07.2017

Jutta Pillat (*1943)

alles fürs glück

viel hat er erreicht, der rechtsanwalt Dr. jur.
ein erstes einwohnerverzeichnis,
die armenordnung und stadtbeleuchtung,
das mittelalterliche taxi der sänftenträger-company.

gut eingeheiratet hat er
der Kurfürstlich Sächsische Appellationsrat.
die mitgift 30.000 goldmark.
acht kinder. alles fürs glück.

das palais am Brühl verschlingt viel.
für feste, kunst und pracht
macht er schulden.

1705 war alles aus für Franz Conrad Romanus.
August der Starke lässt ihn
gefangen nehmen

wegen renommiersucht, steuerhinterziehung
und fälschung.
einundvierzig Jahre verblieb er
auf der festung Königstein.

 

Quelle:
„Konsum & Kommerz“. Gedichte;
„Poesiealbum neu der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2011

Schwabing

  • Veröffentlicht: 01.06.2017 · Zuletzt aktualisiert: 31.05.2017

Margarete Hannsmann (1921-2007)

Schwabing

Nichts als Flanieren
weißlackierte Stühlchen
Espresso
auf den Windstoß warten
der eine weitere Bewegung
in das Bewegte bringt
vergessen ist das Kirchenschiff
die gelben Schlösser
wie die Isar fließt
weil man für einen Augenblick die Welt
in den Gesichtern
der Vorüberwehenden genießt

Quelle: Poesiealbum neu, Heft 2/2011: „Konsum & Kommerz“

Rückblick der alten Simonetta auf ferne Kindertage

  • Veröffentlicht: 01.05.2017 · Zuletzt aktualisiert: 30.04.2017

Loma Eppendorf (*1919-2016)

Rückblick der alten Simonetta auf ferne Kindertage

Ich hatte nur ein kleines Stimmchen
Sang gar manche Töne falsch
Doch sang ich gern und meist im Chor,
ihr habt mir zugehört und es ertragen,
die Soli – Abenteuer des Gleichgewichts.
Auch wenn ich das Harmonium angriff
Und spielte, ohne Noten, nur dem Klang
nachhorchend, die Register zog, gewalt’ge Töne
Durch Haus und Garten dröhnten,
wahrlich keine himmlische Musik.
Ihr ließet mich gewähren, nahmt meinem
Unverstand die Freude nicht am Spiel.
Vom Lied, das ich im Kopfe hörte,
weiß ich den Reim noch heute,
singe die Melodie bei ungewisser Trauer
vor mich hin. Meine Stimme ist fester geworden,
ich höre ihr ohne Schauern zu und danke euch
für eure Liebe und Geduld – erst heute.

Quelle: Poesiealbum neu, Heft 2/2013: „In Familie“, (Doppelheft)

Dieses Gedicht veröffentlichen wir im Gedenken an unser langjähriges Mitglied Ilse Eberhardt, welches unter dem Pseudonym Loma Eppendorf veröffentlicht hat. Im Alter von 96 Jahren ist Ilse Eberhardt 2016 verstorben.

Die Leguane

  • Veröffentlicht: 01.04.2017 · Zuletzt aktualisiert: 01.04.2017

Volker Braun (*1939)

Die Leguane

 Sie liegen lässig in den grauen Trümmern
Der Tempelreste, welche sie nicht kümmern.
Während nur ab und an ein Auge klappt!
Steingrau der Leib und kantig wie die Steine
So stemmt sich das auf seine flinken Beine
Zu dem Geschäft, das nach den Mücken schnappt.

Wir Leguane, kommende Geschlechter
Gelagert in den mürben Kassenhallen
Wir sehn die Banken stumm zusammenfallen.
Nicht einmal Zorn, nicht einmal ein Gelächter.
Was ist die Zeit, die Macht? sie ist vermodert
Während des neuen Tages Sonne lodert.

Quelle: Poesiealbum neu, Heft 2/2011: „Konsum & Kommerz“

Eissport auf der Elster

  • Veröffentlicht: 01.03.2017 · Zuletzt aktualisiert: 27.02.2017

Dieter Mucke (1936-2016)

Eissport auf der Elster

Der Wintermond hypnotisiert
Den Fluß, der langsam zugefriert.
Da liegt er nun in seinem Bett
Scheintot und steif wie so ein Brett.

Ich sag dem Monde Dankeschön
Jetzt kann ich Schlittschulaufen gehen.
Ich ziehe lächelnd Kreis um Kreise
Und lobe mir den Winter leise.

Der fühlt sich nicht recht ernst genommen
Und will mir noch ganz anders kommen.
Hat eben nicht der Fluß geknurrt
Oder der Wintermond gemurrt?

Knirsch mit dem Eisgebiß nochmal
Ich fahr dir übers Maul mit Stahl.


Quelle: Poesiealbum neu, Heft 1/2015: „O Freude. Leipzig im Gedicht“ (Doppelheft)

Dieses Gedicht veröffentlichen wir im Jahresgedenken an unser langjähriges Mitglied Dieter Mucke. Wenige Wochen nach seinem 80. Geburtstag ist er am 12. März 2016 verstorben

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