Rückblick der alten Simonetta auf ferne Kindertage

  • Veröffentlicht: 01.05.2017 · Zuletzt aktualisiert: 30.04.2017

Loma Eppendorf (*1919-2016)

Rückblick der alten Simonetta auf ferne Kindertage

Ich hatte nur ein kleines Stimmchen
Sang gar manche Töne falsch
Doch sang ich gern und meist im Chor,
ihr habt mir zugehört und es ertragen,
die Soli – Abenteuer des Gleichgewichts.
Auch wenn ich das Harmonium angriff
Und spielte, ohne Noten, nur dem Klang
nachhorchend, die Register zog, gewalt’ge Töne
Durch Haus und Garten dröhnten,
wahrlich keine himmlische Musik.
Ihr ließet mich gewähren, nahmt meinem
Unverstand die Freude nicht am Spiel.
Vom Lied, das ich im Kopfe hörte,
weiß ich den Reim noch heute,
singe die Melodie bei ungewisser Trauer
vor mich hin. Meine Stimme ist fester geworden,
ich höre ihr ohne Schauern zu und danke euch
für eure Liebe und Geduld – erst heute.

Quelle: Poesiealbum neu, Heft 2/2013: „In Familie“, (Doppelheft)

Dieses Gedicht veröffentlichen wir im Gedenken an unser langjähriges Mitglied Ilse Eberhardt, welches unter dem Pseudonym Loma Eppendorf veröffentlicht hat. Im Alter von 96 Jahren ist Ilse Eberhardt 2016 verstorben.

Die Leguane

  • Veröffentlicht: 01.04.2017 · Zuletzt aktualisiert: 01.04.2017

Volker Braun (*1939)

Die Leguane

 Sie liegen lässig in den grauen Trümmern
Der Tempelreste, welche sie nicht kümmern.
Während nur ab und an ein Auge klappt!
Steingrau der Leib und kantig wie die Steine
So stemmt sich das auf seine flinken Beine
Zu dem Geschäft, das nach den Mücken schnappt.

Wir Leguane, kommende Geschlechter
Gelagert in den mürben Kassenhallen
Wir sehn die Banken stumm zusammenfallen.
Nicht einmal Zorn, nicht einmal ein Gelächter.
Was ist die Zeit, die Macht? sie ist vermodert
Während des neuen Tages Sonne lodert.

Quelle: Poesiealbum neu, Heft 2/2011: „Konsum & Kommerz“

Eissport auf der Elster

  • Veröffentlicht: 01.03.2017 · Zuletzt aktualisiert: 27.02.2017

Dieter Mucke (1936-2016)

Eissport auf der Elster

Der Wintermond hypnotisiert
Den Fluß, der langsam zugefriert.
Da liegt er nun in seinem Bett
Scheintot und steif wie so ein Brett.

Ich sag dem Monde Dankeschön
Jetzt kann ich Schlittschulaufen gehen.
Ich ziehe lächelnd Kreis um Kreise
Und lobe mir den Winter leise.

Der fühlt sich nicht recht ernst genommen
Und will mir noch ganz anders kommen.
Hat eben nicht der Fluß geknurrt
Oder der Wintermond gemurrt?

Knirsch mit dem Eisgebiß nochmal
Ich fahr dir übers Maul mit Stahl.


Quelle: Poesiealbum neu, Heft 1/2015: „O Freude. Leipzig im Gedicht“ (Doppelheft)

Dieses Gedicht veröffentlichen wir im Jahresgedenken an unser langjähriges Mitglied Dieter Mucke. Wenige Wochen nach seinem 80. Geburtstag ist er am 12. März 2016 verstorben

Familie später

  • Veröffentlicht: 01.02.2017 · Zuletzt aktualisiert: 01.02.2017

Sigrid Lichtenberger (1923-2016)

Familie später

Das Familienhaus fast leer
noch stehen Betten und Schränke
und ein paar verlassene Kinderbücher
noch liegen Fotos in prallgefüllten
Fächern
und im Bodenraum
das Babykörbchen vollgestopft
mit alten Kissen

das Familienhaus dehnt die Stille
der Briefkasten spreizt gierig
sein Maul
Vater und Mutter sitzen
am zu großen Tisch
reden mit
zu lauter Stimme
denken zu viel
es war einmal


Quelle: Poesiealbum neu, Heft 2/2013: „In Familie“ (Doppelheft)

Wir trauern um unser langjähriges Mitglied Sigrid Lichtenberger. Im Alter von 93 Jahren ist Sigrid Lichtenberger am 22. November 2016 verstorben.

In Leipzigs Apothekergärtchen

  • Veröffentlicht: 01.01.2017 · Zuletzt aktualisiert: 25.01.2017

Gedicht des Monats · Januar 2017

Christel Hartinger (1941-2016)

In Leipzigs Apothekergärtchen

Nigella sativa
Lilium candidum
Sium sisarum
Mentha spicata

Laurus nobilis
Lupinus luteus
Dianthus barbatus
Melissa officinalis

Iris germanica
Adonis vernalis
Pulsatilla vulgaris
Et Malva verticillata.


Quelle: Poesiealbum neu, Heft 1/2015: „O Freude. Leipzig im Gedicht“ (Doppelheft)

Wir trauern um unser langjähriges Vorstandsmitglied Dr. Christel Hartinger. Wenige Tage nach ihrem 75. Geburtstag ist Christel Hartinger am 20.12.2016 nach langer Krankheit, gegen die sie immer wieder aufbegehrte, verstorben.

Weiße Raben

  • Veröffentlicht: 01.12.2016 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2016

Gedicht des Monats · Dezember 2016

Ingo Cesaro (*1941)

Weiße  Raben

weiße Raben
sind ständig in der Luft

du könntest den Flügelschlag
verspüren
die Augen im Sonnenlicht
aufblitzen sehen
und den Schalk
aus ihren Schreien
heraushören

nur Sonntagskinder
haben wenig Chancen
nur einen einzigen
weißen Raben zu sehen

nur ihre Schatten
schwarze Rabenvögel
sind leicht
zu erkennen.


Quelle: Poesiealbum neu „Weißglut. Gedichte zu Farben“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2014

Die spätere farbe

  • Veröffentlicht: 01.11.2016 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2016

Gedicht des Monats · November 2016

Andreas Reimann (*1946)

Die spätere farbe

September, september, und schwarzviolett
fruchtet der herbe holunder,
wuchern die muscheln an schrundigen buhnen,
dunkeln die trauben und pflaumen.

Und hörst du, das herbstliche heidekraut
knistert lila, und sicherlich
wiederholt die clematis
ihr schmetterlingsbrüten.

In gleicher farb‘
drängt aus dem boden der ritterling sich,
tuscht die bäuche der schwangeren wolken
im gedämmer das schwindende licht.

Schau, es haben die wasser
sanft aubergin sich versammelt zum see
in einer druse aus amethyst.

Und herbstzeitlose sind ausgestreut,
die alternden frauen, in allen parks.


Quelle: Poesiealbum neu „Weißglut. Gedichte zu Farben“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2014

Herbstsommer

  • Veröffentlicht: 01.10.2016 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2016

Gedicht des Monats · Oktober 2016

Adel Karasholi (*1936)

Herbstsommer

Alle Vulkane sind erloschen
Alle Blumen verwelkt
Alle unsre Vögel verließen das Fenster
und flogen hin zu ihren neuen Nestern

Leg deinen Kopf Frau noch eine Weile
an meine Schulter
Deck mich zu mit deiner Zärtlichkeit
Zwei Kinder sind wir jetzt
auf einer Milchstraße
Stern faßt Stern bei der Hand
Gestade neigt sich sachte dem Meer
Veilchen saugt verlangend Veilchens Lippe
Unsere Leiber erblühen in Lebens Neige
noch einmal der Welt
wie Neugeborene

Dieses Lebens Herbst
sei uns ein milder Sommer


Quelle: Poesiealbum neu „In Familie. Gedichte“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013

Kriegskind gewesen

  • Veröffentlicht: 01.09.2016 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2016

Gedicht des Monats · September 2016

Johanna Anderka (*1933)

Kriegskind gewesen
vieles erfahren
nur manches gelernt
zu wenig vermittelt

Schlupfwinkel gesucht
Schlafliedern vertraut
Vergessen gefunden
im Wohlergehen

Kriegsgreis geworden
unversehrt
vom Gestern erreicht
dem alten Schatten


Quelle: Poesiealbum neu „Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013

STEIN

  • Veröffentlicht: 01.08.2016 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2016

Gedicht des Monats · August 2016

Fred Kahl (*1951)

STEIN

der stein
auf dem kalten grund
des sees
erinnert sich
oder träumt
dass die ungeübte hand des knaben
ihn über den wasserspiegel
zu katapultieren suchte

dann das versinken
wie sonst
käme er hierher

die bruderschaft
der sonnendurchwärmten kiesel am ufer
weiß nicht mehr von ihm

seit aber im sprung
alles steinerne von ihm ab
fiel
kennt er
eine art von anmut
die den anderen verborgen bleibt

das ist ihm genug


Quelle: Poesiealbum neu „Alles fließt. Gedichte zur Bewegung“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2015

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