Fremdlinge aus den Anden

  • Veröffentlicht: 01.08.2017 · Zuletzt aktualisiert: 01.08.2017

Elisabeth Hackel (1924-2014)

Fremdlinge aus den Anden

Die Sonnenblumen neigen sich
Immer tiefer in den Herbst –
Die Fremden aus den Anden
Spiegelten mir Licht
und meinem Inkatraum
einen Sommer lang –

Weite Reise
Von Erdteil zu Erdteil
vom Kondor über den Bergen
zu den Krähen in meiner Stadt.

Vielleicht kam der erste Kern
zufällig über das Meer
im Lehm an der Schuhsohle
eines Matrosen.

Die Sonnenblume neigt sich
Immer tiefer in den Herbst
Vogelfrei
Auf meinem Balkon.

Quelle:
„Texte gegen Intoleranz“
„Poesiealbum neu der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2008

alles fürs glück

  • Veröffentlicht: 06.07.2017 · Zuletzt aktualisiert: 06.07.2017

Jutta Pillat (*1943)

alles fürs glück

viel hat er erreicht, der rechtsanwalt Dr. jur.
ein erstes einwohnerverzeichnis,
die armenordnung und stadtbeleuchtung,
das mittelalterliche taxi der sänftenträger-company.

gut eingeheiratet hat er
der Kurfürstlich Sächsische Appellationsrat.
die mitgift 30.000 goldmark.
acht kinder. alles fürs glück.

das palais am Brühl verschlingt viel.
für feste, kunst und pracht
macht er schulden.

1705 war alles aus für Franz Conrad Romanus.
August der Starke lässt ihn
gefangen nehmen

wegen renommiersucht, steuerhinterziehung
und fälschung.
einundvierzig Jahre verblieb er
auf der festung Königstein.

 

Quelle:
„Konsum & Kommerz“. Gedichte;
„Poesiealbum neu der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.,
ausgewählt u. herausgegeben von Ralph Grüneberger, Leipzig 2011

Schwabing

  • Veröffentlicht: 01.06.2017 · Zuletzt aktualisiert: 31.05.2017

Margarete Hannsmann (1921-2007)

Schwabing

Nichts als Flanieren
weißlackierte Stühlchen
Espresso
auf den Windstoß warten
der eine weitere Bewegung
in das Bewegte bringt
vergessen ist das Kirchenschiff
die gelben Schlösser
wie die Isar fließt
weil man für einen Augenblick die Welt
in den Gesichtern
der Vorüberwehenden genießt

Quelle: Poesiealbum neu, Heft 2/2011: „Konsum & Kommerz“

Rückblick der alten Simonetta auf ferne Kindertage

  • Veröffentlicht: 01.05.2017 · Zuletzt aktualisiert: 30.04.2017

Loma Eppendorf (*1919-2016)

Rückblick der alten Simonetta auf ferne Kindertage

Ich hatte nur ein kleines Stimmchen
Sang gar manche Töne falsch
Doch sang ich gern und meist im Chor,
ihr habt mir zugehört und es ertragen,
die Soli – Abenteuer des Gleichgewichts.
Auch wenn ich das Harmonium angriff
Und spielte, ohne Noten, nur dem Klang
nachhorchend, die Register zog, gewalt’ge Töne
Durch Haus und Garten dröhnten,
wahrlich keine himmlische Musik.
Ihr ließet mich gewähren, nahmt meinem
Unverstand die Freude nicht am Spiel.
Vom Lied, das ich im Kopfe hörte,
weiß ich den Reim noch heute,
singe die Melodie bei ungewisser Trauer
vor mich hin. Meine Stimme ist fester geworden,
ich höre ihr ohne Schauern zu und danke euch
für eure Liebe und Geduld – erst heute.

Quelle: Poesiealbum neu, Heft 2/2013: „In Familie“, (Doppelheft)

Dieses Gedicht veröffentlichen wir im Gedenken an unser langjähriges Mitglied Ilse Eberhardt, welches unter dem Pseudonym Loma Eppendorf veröffentlicht hat. Im Alter von 96 Jahren ist Ilse Eberhardt 2016 verstorben.

Die Leguane

  • Veröffentlicht: 01.04.2017 · Zuletzt aktualisiert: 01.04.2017

Volker Braun (*1939)

Die Leguane

 Sie liegen lässig in den grauen Trümmern
Der Tempelreste, welche sie nicht kümmern.
Während nur ab und an ein Auge klappt!
Steingrau der Leib und kantig wie die Steine
So stemmt sich das auf seine flinken Beine
Zu dem Geschäft, das nach den Mücken schnappt.

Wir Leguane, kommende Geschlechter
Gelagert in den mürben Kassenhallen
Wir sehn die Banken stumm zusammenfallen.
Nicht einmal Zorn, nicht einmal ein Gelächter.
Was ist die Zeit, die Macht? sie ist vermodert
Während des neuen Tages Sonne lodert.

Quelle: Poesiealbum neu, Heft 2/2011: „Konsum & Kommerz“

Eissport auf der Elster

  • Veröffentlicht: 01.03.2017 · Zuletzt aktualisiert: 27.02.2017

Dieter Mucke (1936-2016)

Eissport auf der Elster

Der Wintermond hypnotisiert
Den Fluß, der langsam zugefriert.
Da liegt er nun in seinem Bett
Scheintot und steif wie so ein Brett.

Ich sag dem Monde Dankeschön
Jetzt kann ich Schlittschulaufen gehen.
Ich ziehe lächelnd Kreis um Kreise
Und lobe mir den Winter leise.

Der fühlt sich nicht recht ernst genommen
Und will mir noch ganz anders kommen.
Hat eben nicht der Fluß geknurrt
Oder der Wintermond gemurrt?

Knirsch mit dem Eisgebiß nochmal
Ich fahr dir übers Maul mit Stahl.


Quelle: Poesiealbum neu, Heft 1/2015: „O Freude. Leipzig im Gedicht“ (Doppelheft)

Dieses Gedicht veröffentlichen wir im Jahresgedenken an unser langjähriges Mitglied Dieter Mucke. Wenige Wochen nach seinem 80. Geburtstag ist er am 12. März 2016 verstorben

Familie später

  • Veröffentlicht: 01.02.2017 · Zuletzt aktualisiert: 01.02.2017

Sigrid Lichtenberger (1923-2016)

Familie später

Das Familienhaus fast leer
noch stehen Betten und Schränke
und ein paar verlassene Kinderbücher
noch liegen Fotos in prallgefüllten
Fächern
und im Bodenraum
das Babykörbchen vollgestopft
mit alten Kissen

das Familienhaus dehnt die Stille
der Briefkasten spreizt gierig
sein Maul
Vater und Mutter sitzen
am zu großen Tisch
reden mit
zu lauter Stimme
denken zu viel
es war einmal


Quelle: Poesiealbum neu, Heft 2/2013: „In Familie“ (Doppelheft)

Wir trauern um unser langjähriges Mitglied Sigrid Lichtenberger. Im Alter von 93 Jahren ist Sigrid Lichtenberger am 22. November 2016 verstorben.

In Leipzigs Apothekergärtchen

  • Veröffentlicht: 01.01.2017 · Zuletzt aktualisiert: 25.01.2017

Gedicht des Monats · Januar 2017

Christel Hartinger (1941-2016)

In Leipzigs Apothekergärtchen

Nigella sativa
Lilium candidum
Sium sisarum
Mentha spicata

Laurus nobilis
Lupinus luteus
Dianthus barbatus
Melissa officinalis

Iris germanica
Adonis vernalis
Pulsatilla vulgaris
Et Malva verticillata.


Quelle: Poesiealbum neu, Heft 1/2015: „O Freude. Leipzig im Gedicht“ (Doppelheft)

Wir trauern um unser langjähriges Vorstandsmitglied Dr. Christel Hartinger. Wenige Tage nach ihrem 75. Geburtstag ist Christel Hartinger am 20.12.2016 nach langer Krankheit, gegen die sie immer wieder aufbegehrte, verstorben.

Weiße Raben

  • Veröffentlicht: 01.12.2016 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2016

Gedicht des Monats · Dezember 2016

Ingo Cesaro (*1941)

Weiße  Raben

weiße Raben
sind ständig in der Luft

du könntest den Flügelschlag
verspüren
die Augen im Sonnenlicht
aufblitzen sehen
und den Schalk
aus ihren Schreien
heraushören

nur Sonntagskinder
haben wenig Chancen
nur einen einzigen
weißen Raben zu sehen

nur ihre Schatten
schwarze Rabenvögel
sind leicht
zu erkennen.


Quelle: Poesiealbum neu „Weißglut. Gedichte zu Farben“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2014

Die spätere farbe

  • Veröffentlicht: 01.11.2016 · Zuletzt aktualisiert: 01.07.2016

Gedicht des Monats · November 2016

Andreas Reimann (*1946)

Die spätere farbe

September, september, und schwarzviolett
fruchtet der herbe holunder,
wuchern die muscheln an schrundigen buhnen,
dunkeln die trauben und pflaumen.

Und hörst du, das herbstliche heidekraut
knistert lila, und sicherlich
wiederholt die clematis
ihr schmetterlingsbrüten.

In gleicher farb‘
drängt aus dem boden der ritterling sich,
tuscht die bäuche der schwangeren wolken
im gedämmer das schwindende licht.

Schau, es haben die wasser
sanft aubergin sich versammelt zum see
in einer druse aus amethyst.

Und herbstzeitlose sind ausgestreut,
die alternden frauen, in allen parks.


Quelle: Poesiealbum neu „Weißglut. Gedichte zu Farben“, herausgegeben von Ralph Grüneberger, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2014

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