Gedicht des Monats Juni

  • Veröffentlicht: 01.06.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.06.2019

Karl Krolow (1915-1999)

Hinreichend

Alles ist hinreichend beschrieben –

wie es anfängt und weitergeht,

übrig bleibt

die verbrauchte Landschaft,

Einverständnis, Empfindungen,

guter Rat, zu teuer

für den, der ihn ausführt.

Alles bleibt genügend bekannt.

Ein gesundes Bild

ergibt sich nicht, das man

aus Papier schneidet

und an die Wand heftet.

Die Mängel sieht man ein

als sonderbare Vorzüge.

Phantasiegold

liegt auf der Straße.

Die Liebe ist

zum Greifen nah,

die Gegend ohne Hintergrund.

Behutsam steigt man

durch ein Gelände,

abgesteckt von denen,

die alles rechtzeitig

in Besitz nehmen.

Im Juni vor zwanzig Jahren vertarb in Darmstadt der Gründungs-Schirmherr der von Gerhard Oberlin 1992 ins Leben gerufenen Lyrikgesellschaft. Dieses Gedicht ist eines von zwanzig, die in „Der feine Gesang. Karl Krolow zu Ehren“ als besondere Edition im Sommer dieses Jahres erscheinen werden.

Gedicht des Monats Mai

  • Veröffentlicht: 01.05.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.05.2019

Volker Braun (*1939)

STEINBRECH

Wovon nährt sich dieses demütige Kraut. Welches karge

Mehl aus Tau malmt es beharrlich. Aus beinahe nichts

sintert es sein festes Grün. Es kost den Felsen und über-

wächst ihn mit hartem Fleisch. Stetig, strotzend dürf-

tig kämpft es ums Leben und darbt wie Hoffnung, und

dorrt. Und öffnet den Stein.

Quelle: Poesiealbum neu. „Steinbrech. Gedichte zu Pflanzen“, Leipzig 2017

Wir gratulieren unserem Mitglied Volker Braun auf diesem Wege herzlich zum 80. Geburtstag.

DER DUFT

  • Veröffentlicht: 01.01.2019 · Zuletzt aktualisiert: 01.01.2019

Erika Kronabitter (*1959)

 

DER DUFT

 

ein geruch nach

nach jahren ein molekül

aufgefangen verfangen im

gehirn aufgeplatztes partikel

erinnerungsduft

und jetzt auf der suche nach

deutung

tief unten verschüttet ein

bild die verschüttete milch

der frühe meine sehnsucht vernetzt

sich mit damals

das kätzchen im puppenwagen

spielen wir mutter und vater

die kindheit die trauer der duft

 

 

Unser Mitglied, die österreichische Schriftstellerin und Künstlerin,

ist in Hartberg (Steiermark) geboren und lebt in Begrenz.

 

Quelle: Poesiealbum neu „In Familie“

Poesiealbum neu
„In Familie. Gedichte“, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013
Ausgabe 2/2013

Titelbild unter Verwendung eines Gemäldes von Norbert Wagenbrett

Über sieben Brücken musst du gehen

  • Veröffentlicht: 01.12.2018 · Zuletzt aktualisiert: 04.12.2018

Helmut Richter (*1933)


Über sieben Brücken musst du gehen

Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick,
manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück.
Manchmal bin ich ohne Rast und Ruh,
manchmal schließ ich alle Türen nach mir zu.

Manchmal ist mir kalt und manchmal heiß,
manchmal weiß ich nicht mehr was ich weiß.
Manchmal bin ich schon am Morgen müd,
und dann such ich Trost in einem Lied.

Über sieben Brücken musst du gehn,
sieben dunkle Jahre überstehn,
siebenmal wirst du die Asche sein,
aber einmal auch der helle Schein.

Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn,
manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehn.
Manchmal ist man wie von Fernweh krank,
manchmal sitzt man still auf einer Bank.

Manchmal greift man nach der ganzen Welt,
manchmal meint man, dass der Glücksstern fällt.
Manchmal nimmt man, wo man lieber gibt,
manchmal hasst man das, was man doch liebt.

Über sieben Brücken musst du gehen …

1978

Wir gratulieren unserem Mitglied Helmut Richter herzlich zum 85. Geburtstag.
Interview mit Helmut Richter https://www.mdr.de/kultur/radio/audio1024462.html

Leipzig, Zweimal Frühstück

  • Veröffentlicht: 01.11.2018 · Zuletzt aktualisiert: 31.10.2018

Klaus Nührig (*1958)
Leipzig,  Zweimal Frühstück

Der Hausherr kam am Morgen
Bis zur Wende ein Installateur
daher die Schätze an seinen Wänden
Gemälde vergangener Jahrhunderte
riesengroß
Auf Dachböden geborgen

In das eine verliebten wir uns
Wohl achtzehntes Jahrhundert
Italien
Die Menschen auf dem Meer
ganz klein

Von seiner Wohnung bis zum
Clara-Zetkin-Park
eine Minute

Wir aßen und lachten

18. Mai 2014

Quelle: Poesiealbum neu: „Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen“,
Leipzig 2015

Sündenphall

  • Veröffentlicht: 01.10.2018 · Zuletzt aktualisiert: 26.09.2018

Peter Gosse (*1938)
Sündenphall

Wir aßen. – Was?
Einander. – Solch ein Hassen?
Du Dummerchen so kindesblass
Wir genasen.

Was war, war Wüste.
Nun, im lohen Glücksal Ungewussten
wir nahmen Land vor Lebens engbegrenzter Küste:
gestüm Willfährige des Ur-Gemussten.

Verging mein Mund, entstand, aufs zärtlichste zahnlos,
und zahm die Zunge, sonst so muskulöse,
betete weich die Weichheit Deiner Öse.
Im Meucheln schrille brach der Wahn los.

Das Jüngste nicht, das Höchste der Gerichte –
So speisten wir: verzückt verzögernd Dünen,
aus Drangsal Saft in Saft, und Welt helllichte.

Der Alltag lässt sich nur durch Sünde sühnen.

Quelle: „Tugenden & Sünden. Gedichte“, Herbstausgabe 2016 der Zeitschrift „Poesiealbum neu
 – wir gratulieren dem Jubilar !

Tugenden & Sünden

Poesiealbum neu: Tugenden & Sünden, Titelbild: Rosa Loy / © VG Bild-Kunst

 

wollen

  • Veröffentlicht: 01.09.2018 · Zuletzt aktualisiert: 29.08.2018

Verena Blecher (*1958)

im warmen sitzen
im gleißenden
lüsterlicht
niemals wunschlos
glücklich einer
schenkt uns noch
immer einen wunsch und
noch einen und mehr
und mehr und
wenn schon
auf der andern
seite der kugel
das licht
ausging

Quelle: Poesiealbum neu „Tugenden & Sünden“, Leipzig 2016

Tugenden & Sünden

Poesiealbum neu: Tugenden & Sünden
Titelbild: Rosa Loy / © VG Bild-Kunst

Das Gedicht gehört auch zu jenen von den Filmemachern ausgewählten und somite einem Gedichtfilm im 3. Wettbewerb zugrunde lagen. Neu erschienen: „Tugenden & Sünden“. Alle Filme“ (DVD), Leipzig 2018,

Preis 25 €; zu bestellen bei der GZL kontakt@lyrikgesellschaft.de

Zu Dir

  • Veröffentlicht: 01.08.2018 · Zuletzt aktualisiert: 09.08.2018

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Sie sprangen aus rasender Eisenbahn
Und haben sich gar nicht weh getan.

Sie wanderten über die Gleise
Und wenn der Zug sie überfuhr,
Dann knirschte nichts. Sie lachten nur.
Und weiter ging die Reise.

Sie schritten durch eine steinerne Wand,
Durch Stacheldrähte und Wüstenbrand,
Durch Grenzverbote und Schranken
Und durch ein vorgehaltnes Gewehr,
Durchzogen viele Meilen Meer. –

Meine Gedanken. –

Ihr Kurs ging durch, ging nie vorbei.
Und als sie dich erreichten,
Da zitterten sie und erbleichten
Und fühlten sich doch unsagbar frei.

Quelle: Wassertropfen & Seifenblase. Ausgewählte Gedichte,
Die besondere Edition Nr. 2

Sonderausgabe der Zeitschrift Poesiealbum neu,
Leipzig 2018

Veranstaltungshinweis:
Sommerabend 1 mit Ringelnatz: »Das Herz sitzt über dem Popo. Eine audiovisuelle Revue« mit Michael Augustin und Walter Weber von Radio Bremen

Sommerabend 2 mit Ringelnatz: Sommerabend mit Ringelnatz: »Ich bin so knallvergnügt erwacht« mit Tina-Nicole Kaiser und Jürgen Wegscheider

Belauscht in der Thomaskirche

  • Veröffentlicht: 08.07.2018 · Zuletzt aktualisiert: 08.07.2018

Salean A. Maiwald (1948)

Der Geist Johann-Sebastian Bachs schwebt vom Sarkophag zum Mosaikporträt Felix Mendelssohn-Bartholdys im Kirchenfenster: „Bravourös, dass Sie als Zwanzigjähriger meine Matthäuspassion wiederaufführten! Achtzig Jahre war ich fast vergessen.“  Mendelssohn-Bartholdys Geist pustet Staubkörner vom Mosaikporträt: „Der Beschenkte bin ich.“ Bach fährt fort: „Sie treuer Schüler, folgten mir auf meinen Spuren nach Leipzig.“ „Jahrzehnte komponierten Sie hier.“ Geisterhaft dirigieren  Mendelssohn-Bartholdys Hände. „Viel  zu schnell mussten Sie mir auch hierhin folgen, konnten nicht einmal mehr Ihren Elias in Leipzig aufführen.“ Bachs Geist lauscht ins Blau um Mendelssohn-Bartholdys Porträt. Tiefblau wie himmel-lebendiges Wasser. Ganz Musik.

Quelle: Poesiealbum neu, Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen, Leipzig 2015

Poesiealbum neu – O Freude.
Leipzig im Gedicht. Lyrik & Prosaminiaturen, Ausgabe 1/2015
Doppelheft 120 S. / Preis 6,00 EUR
Doppelheft mit CD „HörBildStadt – Sounds of Leipzig“ / Preis 9,95 EUR (limitierte Auflage)
jeweils zzgl. 2 Euro Versand

 

Vielleicht …

  • Veröffentlicht: 01.06.2018 · Zuletzt aktualisiert: 31.05.2018

Helle Trede (*1938)

Vielleicht
mag man
an Engel
nicht glauben

In Bethlehem
brennt das Kloster
neben der Geburtskirche
Als ein Palästinenser
löschen will
wird er erschossen

Vielleicht
mag man
an Engel
nicht glauben

jetzt

Quelle: Poesiealbum neu: Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle, Leipzig 2013

„Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“, Edition kunst & dichtung, Leipzig 2013, 60 S., Preis 6,- EUR (zzgl. Versand).

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