Jörg Neugebauer: Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit

  • Veröffentlicht: 01.09.2019 · Zuletzt aktualisiert: 30.08.2019

Jörg Neugebauer: Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit

Empfehlung des Monats · September 2019
von Franziska Röchter

Wie kam es zu diesem außergewöhnlichen Buchtitel, was steckt dahinter? Diese Frage hat sich sicher schon der eine oder andere Gedichtleser gestellt, der Jörg Neugebauers Buch in die Hand bekam. Der Autor, Lyriker, Performer und Radiomoderator (www.freefm.de/sendung/klassisch-modern) sagt, dass der Buchtitel gleichzeitig auch der Titel eines enthaltenen Gedichtes ist und dass Udo Degener, (Anm. des Verf.: Verleger dieses feinen, mit hellgrünem Schutzumschlag und dunkelgrünem Lesebändchen versehenen Hardcoverbandes) die Idee dazu hatte (nachzulesen auf dasgedichtblog). Aus dem Buchtitel ergab sich dann der Titel für ein Performanceprogramm des Autors Jörg Neugebauer zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Gitarristen Uli Dumschat. Ein schönes Video zu diesem Gedicht findet man unter gleichnamigem Titel auf dem Videoportal YouTube.
Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit
https://www.youtube.com/watch?v=9w5ykTPIWZk

Ein weiteres Performanceprogramm des Autors heißt Mein langsamer Ferrari und beinhaltet zum Beispiel lyrische Gute-Laune-Mantras wie „Ich bin heut gut drauf“, was man Jörg Neugebauer beim Anblick seines lakonisch-gelassenen bis heiter-zufriedenen Gesichtsausdruckes absolut abnimmt. https://www.youtube.com/watch?v=YiYce0n5fWs

Die Gedichte im vorliegenden Lyrikband mit dem interessanten, zunächst geheimnisvollen Titel sind in 3 Kapitel aufgeteilt: beim überqueren der straße, spät springen die schatten, so groß sind heut die katzen.
Suchen wir das Kafkaeske in den Texten, das Musikalische? Eine Symbiose von beidem? Nicht selten ist von Dunkelheit die Rede, von Stille und Schweigen, von Todesahnungen, vom Fortgehen, vom Weitblick, von Existentiellem. Dann wieder gehen klanglich und rhythmisch die Pferde durch, „ins blaue hinein“, und wir haben es mit Spoken Word-Lyrics vom Feinsten zu tun, hören schon Jörg Neugebauers markante Radiostimme Texte wie „ich sag nix“ oder „do my ding“ rezitieren.
Etwas vollkommen Abgeklärtes, Souveränes  liegt in seinen Texten, in seinem Vortrag, etwas nicht selten ins Schelmisch-Parodistische bis Persiflierende Hineinreichende (z.B. in Feinheiten, in zur KONTROLLE war ich nicht erschienen).
Jörg Neugebauer selbst legt – betrachtet man seine lyrisch-musikalischen Performances – den Verdacht nahe, dass er gern für den mündlichen Vortrag schreibt und seine schauspielerischen und rezitatorischen Fähigkeiten gar nicht unter den Teppich kehren kann und will. Ebenso wenig seinen Hang zu Hintergründigkeiten, Anspielungen, Konnotationen (ref. Friedrich Hölderlin, Schmidt-Rottluff, Rainer Maria Rilke, Gertrude Stein, Jimi Hendrix, Bertolt Brecht, Pablo Picasso usw.), seine humordurchtränkten kleinen Dramen, seine Polarität von Einfachheit und hermeneutischer Ratlosigkeit, Experimentellem und Theatralischem.

Feinheiten

Das Nachthemd hab ich an dir noch niemals gesehen
ich hab dich noch niemals im Nachthemd gesehen
aber es steht dir gut
fast möchte ich gar nicht dass du es ausziehst
es betont so schön deine Schultern
und auch deine Arme betont es
außerdem hat es den Vorteil dass es
mir die Empfindung gibt dir unters Kleid zu fassen
so wie es dir ermöglicht dir unters Kleid fassen zu lassen
obgleich es gar kein Kleid ist
sondern ein Hemd
doch wer wird jetzt auf solche Feinheiten achten

Dieser Band lädt zum Erkunden ein, zum Eintauchen in die zumindest lyrische Welt Jörg Neugebauers, und in jedem Fall auch – trotz manch vordergründiger Lakonie – zum Erfassen klandestiner Feinheiten.


Jörg Neugebauer, Jimi Hendrix traf Kafka und fragte ihn nach der Uhrzeit: Gedichte
Gebundenes Buch
Verlag Udo Degener, März 2015
ISBN 978-3-95497-700-0
84 Seiten, 14,90

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