„Gedichte können Brücken sein“: Zum posthum erschienenen Band Fremdes wird nah von Sigrid Lichtenberger

  • Veröffentlicht: 01.07.2018 · Zuletzt aktualisiert: 08.07.2018

Sigrid Lichtenberger, Fremdes wird nah, Pendragon 2018

Empfehlung des Monats · Juli 2018
von Franziska Röchter

Als die gebürtige Leipzigerin und Wahl-Bielefelderin Sigrid Lichtenberger im Jahr 2016 jäh vom literarischen Parkett gerufen wurde, befand sie sich mitten in der Arbeit an einem weiteren Lyrikband. Rund eineinhalb Jahre später erscheint nun posthum – dank der intensiven Zusammenarbeit ihrer Tochter Karin Lichtenberger-Eberling mit Günter Butkus (Pendragon-Verlag) ihr Lyrikband Fremdes wird nah mit vielen unveröffentlichten Gedichten aus dem Nachlass. Ein Vermächtnis weitsichtiger Gedanken an eine Welt im Umbruch …

Die Gedichte des 184 Seiten starken Bandes – in praktischer Klappenbroschur und Hochglanz – wurden in neun Kapitel unterteilt. Am Rande des Seins, Fremdes wird nah, Erinnern, Hin- und Wegsehen lauten einige Kapitelüberschriften. Wir möchten ergründen, was Sigrid Lichtenberger im letzten Teil ihres von Entwurzelung durch die Kriegsjahre geprägten Lebens besonders wichtig war. Das sind zum einen immer wieder die Begegnungen mit anderen Menschen, die „wie das Aufspritzen einer Woge“ so „wundermächtig“ ihre Wirkung entfalten. Es ist der fehlende Glaube an etwas jenseits von Gewohnheit, Bequemlichkeit, Besitztum, den Sigrid Lichtenberger anmerkt (in: Was uns fehlt). Es ist das zutiefst Menschliche jenseits von erworbenem Ansehen, die Hilfsbereitschaft und Güte jenseits von erworbenem Wissen und Können, die Herzensbildung, die der Autorin Inspiration für ihre Texte sind.

Die Erkenntnis, dass wir als Teil der Natur dieser ausgeliefert sind, dass die Furchen, die Risse, die das Leben in uns hinterlässt, irreversibel sind und uns für immer begleiten. Zeit haben, Trost spenden, Geduld haben, einander zuhören: All diese essentiellen Eigenschaften gehen im Wettlauf um  Ruhm und Sieg schnell verloren.

Gegen den Sog

Ich möchte nicht im Sog der
Medien der Ideologien
der Raucher Trinker
Politiker nicht im Sog der
Gleichgültigkeit ich möchte in gar
keinem einzigen Sog untergehen
[ …]


wenn mir nichts anderes
einfällt
setz ich dagegen
Gedichte

(aus: Gegen den Sog)

Sigrid Lichtenberger verarbeitet eigene Gefühle von Verletzlichkeit und Unvollkommenheit, schreibt an gegen Unterdrückung und Einengung der Rede- und Meinungsfreiheit (Der Fall) und über die Konsequenzen von Unangepasstheit („man lässt dich links liegen“).  Sie schreibt an gegen das „Meer des Vergessens“, gegen stumpfe Gewohnheit und Enge („Fliehe den Ort / an dem du lebst / sie rücken dir auf den Leib / immer enger kreisen ihre Augen / um dich / dein Atem wird kurz / sodass du nur tun kannst / was sie auch tun“, aus: Fliehe den Ort).

Im Kapitel Fremdes wird nah überwindet die Autorin ansozialisierte Grenzen zwischen Du und Ich und plädiert für eine Auslöschung des „Fremden“ („Die Welten teilen sich / Wir fügen sie zusammen / Aus fremd plus fremd / Kann ein Vertrautes werden“, aus: Teilung).

Welt

Alles was über mich hinausgeht
zu dir und über uns hinausgeht
in die Welt

alles was nicht an uns klebt
als Blick und Wort
muss Fremdheit wagen

wir beide
müssen Fremdheit
wagen

das heißt ganz einfach:
einander gelten lassen

Insgesamt wäre es sicher interessant, bei einzelnen Gedichten das Entstehungsdatum zu wissen, andere Texte wiederum sind diesbezüglich aussagekräftig genug:

[ … ]

als ich das Land wechselte
argwöhnisch nur aufgenommen
genauestens befragt

als wäre ich verdächtig
weil ich drüben gelebt
jenseits der Grenze

als ich endlich die Papiere
in der Hand hielt fürs
Bleiben

[ … ]
(aus: Das Land wechseln)

Sigrid Lichtenberger schreibt über das Fortgehen – und Wiederkommen, über die Heimkehr, über ihre Verwurzelung in Leipzig („lasst mich hier bleiben / wo mir alles vertraut ist …“, aus: Heimkehren), über ihre Rückkehr nach der Wende, über Kriegs- und Kindheitserinnerungen und Ängste in Bombennächten (Leipzig – eine Herbstreise), über erste Liebe und späteres Glück.

Ausweg

Was mir die Gegenwart nicht schenkt
hole ich mir aus der Erinnerung
gespickt mit Traurigkeiten
die aus Sehnsucht gewebt sind

Sie schreibt über den Trost der Worte, über Gedichte, die „Brücken sein“ können (Poesie ist Schöpfung).

Dieser womöglich letzte Gedichtband von Sigrid Lichtenberger ist eine Brücke zwischen unseren Erinnerungen an eine sehr liebenswerte und äußerst produktive Autorin und dem uns alle erwartenden Unvermeidlichen, eine Brücke zwischen verschiedenen Abschnitten jüngster deutscher Geschichte, eine Brücke zwischen verschiedenen Teilen Deutschlands, vor allem aber eine Brücke zwischen dem Du und dem Ich.


Sigrid Lichtenberger, Fremdes wird nah
Lyrik, Klappenbroschur, 184 Seiten
Pendragon Verlag
ISBN: 978-3-86532-615-7
Auch als eBook erhältlich.

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